Förderpreis-Wettbewerb 2012 – 5. Preis

Denise Mildes

Denise Mildes aus Eichwalde für „Letzter Tag“

„Natürlich spornt der Preis mich an, noch intensiver an meinen Texten zu arbeiten. Mein Ziel ist es, so gut zu werden, dass meine Geschichten eine Chance bei einem Verlag bekommen.“


Letzter Tag

von Denise Mildes

Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden. Zwanzig mal klackte der Sekundenzeiger der übergroßen Bahnhofsuhr, die vom Hallendach herabhing, dann wandte der Mann sich ab. Er steckte die Zigarette in den rechten Mundwinkel und griff nach der Plastiktüte, die an seinem rechten Bein lehnte. Seine Augen wirkten müde. Dunkle Streifen zeichneten sich unter ihnen ab. Sein Gesicht, durchfurcht von tiefen Falten, sah im Neonlicht der Bahnhofsleuchten fad und ausgemergelt aus.

Sein Name war Alfred.

Er ließ seinen Blick durch die langgestreckte Halle schweifen. Die Veränderungen hatten schleichend begonnen. Zuerst hatte man das Backsteindach ausgetauscht. Wo einst ein mächtiges Gewölbe über den Gleisen gethront hatte, erstreckte sich nun ein Kuppeldach aus schlanken Stahlträgern und polierten Glasscheiben. Die bequemen Holzbänke waren gegen Stühle aus Drahtgeflecht ausgetauscht worden. Auch die alten Anzeigetafeln, die ratterten, wenn sie das neue Ziel aufblätterten, waren verschwunden. Das Geräusch hatte Alfred immer daran erinnert, wie Spielkarten klangen, die man zwischen die Speichen eines Fahrrades geklemmt hatte. Jetzt gab es eine Digitalanzeige, die die verbleibende Zeit bis zur Einfahrt des nächsten Zuges wie einen Countdown herunterzählte.

Alfred setzte sich in Bewegung und trottete auf den Südausgang zu. Die Plastiktüte klatschte dabei gleichmäßig gegen sein rechtes Bein. Die Stufen zu erklimmen, fiel Alfred schwer. Die Schmerzen in seinem Knie waren ein Andenken an die zurückliegenden fünfunddreißig Jahre, die er mehrmals täglich diese Treppen hinauf und hinabgestiegen war. Auf dem Absatz, der die Wege zwischen dem Südausgang und der Haupthalle verband, drehte er sich ein letztes Mal um. Er sah auf das gemauerte Kioskhäuschen, das verlassen auf dem Bahnsteig stand. Es war bis heute sein Arbeitsplatz gewesen. Jeden Morgen hatte er um vier Uhr dreißig die Tür mit dem quietschenden Schloss aufgesperrt, hatte das morsche Holzrollo des Ausgabefensters hochgezogen und Tag für Tag die vielen Reisenden mit Kaffee und belegten Brötchen versorgt: Die Schulkinder, die hinter ihren riesigen Ranzen beinah verschwanden; die gehetzten Mütter, die ihre plärrenden Kinder hinter sich herzogen; die Morgenmuffel, die sich hinter den Schlagzeilen der Tageszeitungen verschanzten; die Workaholics, die es kaum erwarten konnten, ins Büro zu kommen, und schon im Morgengrauen aufgeregt in ihre Handys plapperten. Alfred hatte ihnen jeden Morgen nachgesehen. Einige davon kauften regelmäßig bei ihm ihre Dosis Koffein, redeten mit ihm über das Wetter oder erkundigten sich bei ihm, ob sie ihren Zug bereits verpasst hatten. Alfred war eine Institution auf Bahnsteig C. Den gesamten Fahrplan, nebst günstigstem Ticketpreis, gab es bei ihm zum Nulltarif. Natürlich freute er sich, wenn jemand aus Dankbarkeit etwas bei ihm kaufte, aber ums Geld war es Alfred dabei nie gegangen. Er mochte die Menschen einfach.

Jetzt war es vorbei. Die Bahngesellschaft hatte den Mietvertrag für das Häuschen vor einem Monat gekündigt. Alfreds Nachfolge wurde von zwei Snackautomaten angetreten, die letzte Woche installiert worden waren. Auf Hochglanz polierte Blechkästen, mit schwarzen Ausgabefächern aus glänzendem Plastik. Der eine spie eingeschweißte Süßigkeiten aus, der andere spuckte schwarzbraune lauwarme Plärre in einen Pappbecher. Alfred verabscheute diese Maschinen. Und obwohl sie nun schon seit sieben Tagen vor seinem Bahnhofshäuschen standen, hatte er bis zum Schluss nicht daran geglaubt, dass sie auch ihn von seinem Bahnhof vertreiben würden. Natürlich hatte er mitangesehen, wie Trudy, die Fahrkartenverkäuferin aus der Haupthalle, vor drei Monaten durch einen Ticketautomaten ersetzt worden war, und wie Klaus, der Zugabfertiger, vergangenen Dienstag seinen letzten Arbeitstag gehabt hatte. Er war am Ende der Schicht mit gesenktem Kopf vom Bahnsteig gegangen und hatte frustriert die Uniformmütze in den Mülleimer gestopft. Den Gedanken daran, dass auch Alfred bald von hier verschwinden müsste, hatte er lange von sich geschoben.

Um zweiundzwanzig Uhr dreißig hatte Alfred wie jeden Tag das Rollo heruntergelassen, die Tür abgeschlossen und war mit seiner Plastiktüte, in der er den Müll des Kiosks mit sich trug, auf den Ausgang zugeschlurft. Doch statt wie üblich den Heimweg durch den Südausgang anzutreten, war er auf einem der unbequemen Stühle niedergesunken. Er sah den Leuten nach, die ihrem Feierabend entgegenreisten. Nach und nach war es leerer geworden, aber Alfred war nicht imstande gewesen, aufzustehen. Wo sollte er auch hin? Seine Wohnung war ein einsamer Ort, den er eigentlich nur als Schlafstätte benutzte. Sein Leben war hier. Seine ganze Welt drehte sich um diesen Bahnhof und die vielen Menschen, die täglich ihre Fahrten antraten. Alfred glaubte ohnehin nicht, dass er mit achtundfünfzig eine neue Arbeit finden würde. 

Schließlich war der letzte Zug des Tages nach Dresden aufgebrochen. Alfreds Welt war stehen geblieben. Er blickte hinunter auf den einsamen Bahnsteig und spürte, wie die Tränen in ihm aufstiegen. Nein, er würde jetzt nicht heulen, befahl er sich. Er schnippte den Zigarettenstummel übers Geländer und stieg schweren Schrittes die Treppe zum Südausgang hinauf. 

Genau um null Uhr sechsundfünfzig verließ er das Bahnhofsgebäude. Das letzte Auge, das auf ihn gerichtet war, war das der Überwachungskamera. Es hielt sein Bild für einige Sekunden fest, bis es sich in der Dunkelheit auflöste. Vierundzwanzig Stunden später wurde die Aufnahme automatisch gelöscht. Alfred verschwand für immer.

 

Urteil der Jury:

Der Text behandelt das Thema „Arbeitslosigkeit“ in seiner individuellen Tragweite als auch in seiner sozialen Bedeutung. Für Alfred, die Hauptfigur,  ist Arbeit der Sinn- und Identifikationsrahmen seines Lebens. Als er sie verliert, fällt er nicht nur aus diesem Rahmen heraus, sondern verschwindet ins Nichts. In ihrer auktorialen Erzählperspektive gelingt es der Autorin, das Tragische der Hauptfigur atmosphärisch dicht zu beschreiben. Die Art der Situationsdarstellung verdeutlicht über das Einzelschicksal hinaus die brisante gesellschaftliche Bedeutung.