„Ich liebe es, mich ganz in meine erfundenen Personen hineinzufühlen.“

Christine Fehér (40) lebt mit ihrer Familie und zahlreichen Haustieren in der Nähe von Berlin. Schon von Jugend an träumte sie davon, Bücher zu schreiben. Im Frühjahr 2001 erschien ihr erstes Kinderbuch „Komm mit zum Ballett“ im Verlage Kerle bei Herder. Weitere Buchveröffentlichungen folgten. In einem Interview erzählt sie, wie sie zur Schule des Schreibens und zu ihrem Erfolg gekommen ist.

 

Wie und wann sind Sie eigentlich zum Schreiben gekommen?
Schreiben wollte ich schon seit meiner Jugend, deshalb habe ich auch mit Mitte 20 bei der „Schule des Schreibens“ angefangen. Danach ging es dann eigentlich recht schnell. Ich verfasste ein Manuskript, kassierte zunächst Absagen von mehreren Verlagen, bis zwei schließlich bei mir anriefen und sagten, das Manuskript passe zwar nicht ins Programm, doch sie fänden meinen Stil gut und würden mich gern mit einem Buch beauftragen.

Wie kam es zu Ihrer Entscheidung, den Lehrgang „Belletristik“ an der Schule des Schreibens zu belegen?
Ich habe davon in einer Fernsehzeitschrift gelesen und forderte die Lehrhefte zum Probestudium an. Die gefielen mir gut. Ich merkte gleich, dass wirklich etwas dran sein muss. Dass es nicht nur auf Begeisterung und Talent ankommt, sondern wie in jedem anderen Beruf auch, das Handwerk erlernt werden muss – von der Pike auf. Ich hatte den Eindruck, hier würde mir genau dies ermöglicht werden, auf ganz solide Weise.

Wie gefiel Ihnen das Studium insgesamt?
Gut. Besonders gefallen haben mir die anschaulichen Beispiele und dass sie aus wirklich guter Literatur ausgewählt waren. Luise Rinser, die in vielen Lehrheften vorkam, ist seitdem so etwas wie meine „Meisterin“, ohne dass ich versuche sie zu kopieren.

Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit Ihren Studienleitern?
Mit meiner ersten Studienleiterin lief es phantastisch. Das, was ich in den Lehrheften vermisste, hat sie durch ihre Art, mich zu fördern und zu beurteilen wettgemacht. Ein anderer Studienleiter hat mich mit sanfter, ermutigender Hand zum Abschluss des Lehrgangs geführt.

Haben Sie sich schon während des Studiums auf ein bestimmtes Lieblings-Genre konzentriert?
Nein, da war ich ganz offen. Aber ich las damals alles von Daphne du Maurier und wollte wohl gerne so gut schreiben können wie sie. Zur Jugendliteratur kam ich durch meinen eigenen Lebenslauf.

Im Februar 2001 erschien Ihr erstes Kinderbuch „Luisa – komm mit zum Ballett“ bei KeRLE im Verlag Herder. Wie kam es zu der Veröffentlichung?
KeRLE war einer der beiden Verlage, die mich wegen meines unverlangt eingesendeten Manuskripts anriefen. Man wollte Ballettbücher für Mädchen ab 10 machen und fragte mich, ob ich mir das zutrauen würde. Nach einem ausführlichen Gespräch mit der Lektorin sagte ich zu. Meine Tochter Julia tanzt schon seit ihrem 4. Lebensjahr Ballett (heute ist sie 11) und in ihrer Lehrerin fand ich eine wunderbare Unterstützung in allen Fachfragen. Und Schreiben an sich hatte ich ja gelernt.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie Ihr erstes Werk gedruckt in den Händen hielten?
An dem Tag hatte ich gerade Stress, als der Paketbote klingelte. Erst einmal legte ich das Buch beiseite und schimpfte weiter vor mich hin. Etwas später, als ich mich wieder beruhigt hatte, war ich dann doch sehr stolz. Da man aber vorher schon den fertigen Satz Korrektur lesen muss und auch das Cover zu sehen bekommt, war es natürlich nicht mehr ganz so aufregend wie ich gedacht hatte.

Inzwischen haben Sie viele Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht. Zuletzt „Straßenblues“ beim Sauerländer Verlag. Hier geht es um die 14-jährige Maxi, die von zu Hause abhaut. Woher kam die Idee zu diesem Buch?
Die Geschichte spielt in der Berliner City, wo ich aufgewachsen bin. Man sieht dort einfach unheimlich viele Straßenkids wie Maxi. Ich fragte mich immer, was ist so schlimm, dass sie dieses Leben ihrem Zuhause bei den Eltern vorziehen? Die meisten sind drogenabhängig, aber dem gehen ja andere schlimme Erfahrungen voraus. Und ich dachte: Den Gedanken abzuhauen haben sicher viele Jugendliche manchmal. Aber findet man ausgerechnet auf der Straße und im Drogenmilieu die Liebe und Freiheit, die man sucht?

Ist aus Ihrem einstigen Hobby inzwischen Ihr Hauptberuf geworden?
Die Schriftstellerei steht zumindest gleichwertig neben meinem Beruf als Religionslehrerin, den ich auch nur noch mit halber Stelle ausübe. Die finanzielle Differenz zwischen halber und voller Stelle kann ich inzwischen schon annähernd ausgleichen. Im Grunde würde ich mich gern ganz aufs Schreiben verlegen, traue mich aber – noch - nicht, auf mein geregeltes Einkommen und den festen Arbeitsplatz zu verzichten.

Seit Herbst 2004 studieren Sie wieder an der Schule des Schreibens – als Teilnehmerin der Kinder- und Jugendliteratur. Was können Sie hier noch lernen?
Ich habe den Kurs belegt, um die Zeit zwischen zwei Manuskripten sinnvoll zu nutzen. Auch erschien mir die Themenübersicht gut. Worauf es beim Schreiben von Kinder- und Jugendliteratur ankommt, wurde im Belletristik-Kurs ja nur angerissen und ich hatte lange auf diesen Lehrgang gewartet. Bisher verließ ich mich immer auf meine Intuition und das Fachwissen meiner Lektorinnen, was ja auch gut klappt. Aber ich kann mich immer noch verbessern und das erhoffe ich mir von dem Kurs.


Irgendwelche Tipps zu Veröffentlichungen, die Sie gern an unsere Teilnehmer weitergeben würden?
Oh ja!! Fallen Sie nicht auf Druckkostenzuschussverlage herein, auch dann nicht, wenn sie in Fachzeitschriften lange Interviews geben! Wer wirklich gut ist, findet eines Tages einen seriösen Verlag. Reich werden vom Schreiben können nur sehr wenige, aber man sollte nicht auch noch dafür zahlen müssen, dass man so hart gearbeitet hat. Wer mehr für sich selbst oder seine Nachkommen schreibt, kann sich auch an eine freiberufliche Lektorin oder einen Lektor wenden, der das Manuskript zu einem fairen Preis korrigiert.

Gibt es Themen außerhalb der Kinder- und Jugendliteratur, die Sie interessieren? Würden Sie gern mal einen Krimi schreiben?
Krimis liegen mir nicht so, aber ich bereite jetzt ein Jugendbuch vor, das schon fast eine Art Psychothriller wird. Ansonsten träume ich von einem großen, schönen Liebesroman mit Niveau. Aber das hat noch Zeit, im Moment läuft alles prima so wie es ist.

Wie sieht Ihr „Schreib-Alltag“ aus? Wo schreiben Sie am liebsten? Schreiben Sie täglich?
Am liebsten schreibe ich in meinem großen, schönen Arbeitszimmer unterm Dach, das ich mir erst letzten Herbst ganz nach meinem Geschmack eingerichtet habe. Am meisten schaffe ich natürlich in den Schulferien, aber auch sonst versuche ich fast täglich, zumindest ein bisschen zu schreiben. Trotzdem gerate ich in den letzten vier Wochen vor den Abgabeterminen immer unter massiven Zeitdruck, weil ich vorher auch immer ziemlich viel am Schreibtisch herumträume. Das brauche ich einfach.

Was macht Ihnen am Schreiben am meisten Spaß?
Eindeutig Dialoge zu schreiben. Wenn ich dabei das Gefühl habe, es ist gelungen, ist das fast wie ein Rausch. Und ich liebe immer meine Figuren, habe sie richtig gern mit all ihren Fehlern und Schwächen. Am Schriftstellerberuf an sich liebe ich aber auch sehr den Kontakt zu den Verlagen, besonders zu meinen Lektorinnen, die wie Freundinnen für mich geworden sind. Und natürlich die Lesungen für Jugendliche, ihre Reaktionen und ihre lieben Mails, die sie mir schreiben.

Wer liest Ihre Geschichten als erstes? Familie – Freunde - Lektoren? Wer ist Ihr strengster Kritiker?
Mein Mann liest meistens schon mit, während das Manuskript noch entsteht. Durch seine harte Kritik habe ich viel gelernt, auch wenn es mir nicht immer gepasst hat. Ich musste akzeptieren: Wenn er eine Stelle nicht nachvollziehbar findet, wird es meiner Lektorin und erst recht den Lesern ebenso ergehen. Heute ist er aber meistens begeistert.

Was tun Sie, wenn Sie beim Schreiben mal nicht so vorwärtskommen wie Sie wollen?
Ich heule und habe schlechte Laune. Aber nicht meinetwegen, sondern weil ich dann denke: So viel Zeit, die vertan ist. Wäre ich doch lieber mit meiner Tochter Schwimmen gegangen, als mich stundenlang wegen nichts und wieder nichts am PC herumzuquälen. Manchmal bin ich aber auch vernünftig und höre rechtzeitig auf, um etwas Vergnügliches zu tun oder andere Erledigungen zu machen.

Gibt es ein besonderes schriftstellerisches Vorbild in Ihrem Leben?
Ich finde viele Autoren toll und die allermeisten besser als mich selbst, aber ich will niemanden kopieren.

Welche Bedeutung kommt Schreiben heute in Ihrem Leben zu?
Mit Mitte 20 habe ich die ersten Schritte gewagt, jetzt bin ich 40 und kann zumindest teilweise davon leben. Das beruhigt mich sehr, da die Situation des Religionsunterrichts in Berlin sehr unsicher geworden ist. Und es ist ein Beruf, den ich noch im hohen Alter werde ausüben können, sofern Augen, Geist und Hände es zulassen. Schriftsteller gehen nicht in Rente. Mein Leben wird also immer einen Sinn haben.

Frau Fehér, wir bedanken uns für das Gespräch.

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