Brudermord an Bord?
Blechern und hohl hallte der Knall durch den winzigen Raum. Jake hatte die Tür der Bordtoilette der Boing 747 gerade zugeworfen. Er musste nicht aufs Klo. Er versuchte ruhig zu atmen, ließ kaltes Wasser über seine Handgelenke laufen.
Dieser verlogene Idiot! Wieso musste auch ausgerechnet sein selbstsüchtiger Bruder Joe den Sitz neben ihm buchen? Der geldgeile Banker.
Als ob es nicht schon Strafe genug war, dass er Weihnachten bei seinen Eltern in Spanien verbringen musste. Mit seinen drei älteren Karriere-Brüdern. Und mittendrin er, der kleine dumme Studiomusiker, den alle hinter seinem Rücken verachteten, weil er es zu nichts gebracht hatte. Das konnte nur der schlimmste Urlaub seines Lebens werden.
Sie waren noch keine halbe Stunde in der Luft, aber Jake hätte Joe schon fast seinen albernen Aktenkoffer ins Gesicht geschlagen. Stattdessen war er hierher gehastet.
„Ich kenn’ da jemanden.“ Jake äffte Joe nach und sah dabei in den Spiegel. Er konnte sich schon vorstellen, worauf das wieder hinauslaufen sollte. Wie damals, als er dem Sohn von irgendeinem reichen Spinner einen Werbesong auf den Leib schreiben ‚durfte’. Um sich in der Branche einen ‚Namen zu machen.’ Laut Joe.
Die Werbung wurde ein Erfolg und Joe konnte dem Daddy einen Haufen Wertpapiere verkaufen. Daraufhin wurde Joe befördert.
Klar, das war auch gut für seine eigene ‚Karriere’ gewesen. Aber Jake hatte sich trotzdem hintergangen gefühlt, als er den wahren Grund für den ‚Freundschaftsdienst’ seines Bruders herausgefunden hatte.
Okay, diesmal war es ein Film. Das war schon was anderes, als dreißig Sekunden langweiliges Werbegedudel. Aber Jake war sich sicher, dass sein Bruder nichts auf seine musikalischen Fähigkeiten gab. Ihm war nur wichtig, dass er einen Kontakt vermittelte. Weiter nichts. Was hatte er gesagt? „Ich kenn’ da jemanden. Der ist gerade dabei, einen Film zu drehen. Der, der für die Musik zuständig war, ist abgesprungen. Und ich dachte, dass du vielleicht...“ Das Geld brauchst, oder was. Idiot. Seit damals hatten sie kaum ein Wort miteinander gesprochen. Und nun das gleiche Spiel? Hatte er sich überhaupt nicht geändert?
Das Angebot an sich war verlockend. Jake hätte gern wieder was Kreatives gemacht. Aber nicht so. Er wollte keine Almosen. Und schon gar nicht von Joe. Ein Tritt ins Gesicht reichte. Er würde jetzt da rausgehen und seinem tollen Bruder die Meinung sagen. Das Recht war auf seiner Seite. Da war er sich sicher.
Jake riss die Tür auf, grinste die erschrockene alte Frau an, die vor der Toilette wartete und eilte mit großen Schritten durch den engen Gang, der Konfrontation entgegen.
„Die Stewardess war hier. Ich habe ’ne Cola für dich genommen.“ Joe lächelte.
Eigentlich hätte Jake schreien wollen, aber er war in einem vollbesetzten Flugzeug, aus dem es kein Entkommen gab. Also setzte er sich doch wieder. Und brachte seine Botschaft mit eisiger Stimme rüber. Er hoffte, Joe würde das Blut in seinem kalten Herzen gefrieren.
„Du kannst dir deine Cola sonstwohin stecken. Und dein Getue auch. Glaubst du, ich merke nicht, was du vorhast? Du willst wieder Karrierepunkte sammeln. Und dich dabei noch als
Samariter aufspielen. Aber weißt du was, ich spiel’ da nicht mit. Es ist mir scheißegal wer von deinen reichen Kunden einen
Amateurfilmemacher kennt. Es ist mir auch egal, ob es um coole Autos oder reiche Frauen oder irgendwelchen anderen Quatsch geht. Ich hab’ keinen Bock mehr. Und tu gefälligst nicht so, als ob dir nicht alles nur ums Geld ginge. Du weißt doch gar nicht, was ein echter Gefallen ist!“ Jake fühlte sich erleichtert. Und schmutzig.
Joe schwieg lange. Man konnte hören, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Oder es waren die Turbinen. Schließlich sagte er leise: „Den Gefallen wollte ich dem tun, der den Film macht.“
Jake verdrehte die Augen. Jetzt bloß nicht wieder die Schleim-Tour. Wieso konnte Joe nicht einfach mit ihm streiten? Loser.
„Ach ja? Wieso? Braucht derjenige noch Anregungen aus dem Proletariat, oder was? Will er wissen, wie man aussieht, wenn man nicht jeden Tag in Champagner badet?“
„Nein, er braucht jemanden, der Gefühle mit Musik ausdrücken kann.“ Joe betrachtete die Eiskristalle im Fenster. Er verstand, dass sein Bruder ihn verachtete. In der Vergangenheit hatte er viele Fehler begangen.
„Nun sag schon. Wer ist es? Ein Freund vom Bürgermeister? Der Cousin von ’nem Börsenspekulanten? Sag es!“ Jake wollte ihn bloßstellen.
„Vergiss es.“ Joe ging in die Defensive. Er sah verwundbar aus.
„Jetzt hast du Skrupel, oder was? Sag doch, dass du wolltest, dass ich Männchen mache. Also, wer dreht den blöden Film?“
Eine Weile lang schwieg Joe. Dann sah er seinen Bruder kurz an. „Es ist mir unangenehm. Ich habe die Situation falsch eingeschätzt.“
„Du dachtest, ich blicke das nicht. Tja. Pech. Aber du sagst mir das jetzt, sonst...“
„Sonst was?“
„Was wäre, wenn ich unserer Familie erzähle, was du für ein egoistischer...“
„Das würdest du bereuen.“ Joe hob den Blick und sah direkt in zwei wütende Augen.
„Ach ja?“ Jake wollte nicht länger über die Abgründe seines Bruders hinwegsehen. Er wollte ihn hineinstoßen.
Sie sahen sich lange an. Jake mit feuerspeienden Augen. Joe kaute auf seiner Unterlippe. Er hatte sich fest vorgenommen, Jake dieses Angebot zu machen. Das war die letzte Chance, dass Verhältnis zu seinem kleinen Bruder aufzubessern. Und das wollte er. Joe beugte sich weiter herüber. Nun waren ihre Augen nur noch eine Atemlänge voneinander entfernt. Er hauchte die Worte, als würde er ein Geheimnis verraten: „Es ist mein bester Kumpel. Er ist Ethik-Lehrer und macht einen Film über eine biblische Geschichte. Kain und Abel. Der Brudermord.“
Es dauerte einen Moment, bis die Bedeutung dieser Botschaft mit voller Wucht in Jakes Kopf einschlug. Joe hatte einen Kumpel. Nicht-Banker. Er wollte ihm helfen. Selbstlos. Und er betrachtete ihn als Musiker. Wirklich. Das war nett. Nett! Wie konnte das sein?
Jake glaubte, die Maschine befände sich in freiem Fall. Er fühlte sich erbärmlich. Jetzt würde Joe ihn hassen. Zu Recht.
Er senkte den Blick, wollte aufstehen, wollte weg. Doch die Anschnallzeichen leuchteten auf. Jake schloss den Gurt und schaute aus den Augenwinkeln zu seinem Bruder rüber.
Joe lächelte ihn an. „Lass uns später noch mal drüber reden, okay?“
Jake nickte.
Der Pilot setzte zur Landung an.
Vielleicht würde dieser Weihnachtsurlaub doch nicht so schlimm werden.




