Das goldene Armkettchen
Frederik wohnte mit seinen Eltern in der Stadt. Einen Spielplatz gab es nicht in ihrer Nähe, auch keinen Park, in dem er in seiner freien Zeit so gerne spielen würde.
Die Mutter vertröstete ihn auf die Sommerferien. Die Großeltern hätten ihn wieder zu sich eingeladen.
Seit Ihre Eltern ihre Reiseagentur hatten aufgeben müssen, waren sie aufs Land gezogen. Dort wohnten sie nun schon seit einigen Jahren in einem kleinen Haus mit Garten und nahmen ihren einzigen Enkel während der Ferien zu sich.
In einer Woche würde es so weit sein. Frederik freute sich schon riesig! Er würde wieder mit seinen Freunden aus der Nachbarschaft auf der Wiese neben dem Haus Fußball spielen können, und seine Großmutter wusste interessante Geschichten von früher zu erzählen.
Endlich war es so weit. Die Mutter hatte für Frederik schon ein Köfferchen zusammengepackt. Seinen Rucksack sollte er selbst mit seinen Sport- und Spielsachen füllen. Morgen früh würde es losgehen. Mutter hatte das Auto schon frisch aufgetankt und es gleich draußen gelassen.
Frederik konnte in der letzten Nacht kaum schlafen, so aufgeregt war er. Und dann, gleich nach dem Frühstück machten sie sich auf den Weg. Zwei Stunden auf der Autobahn, das würde er auch noch hinter sich bringen.
Als sie ankamen, standen die Großeltern schon vor dem Haus und freuten sich, Tochter und Enkel wiederzusehen. Es war ein herrlicher Sommertag, und Frederik lief gleich auf die Wiese, wo er seine Freunde schon eifrig Fußball spielen sah. Sie empfingen ihn mit Hallo und ließen ihn gleich mitspielen.
Beim Mittagessen hatten sich die Erwachsenen immer noch viel zu erzählen, weil sie sich schon länger nicht mehr gesehen hatten. Dann aber wollte die Mutter aufbrechen, um noch vor der Dunkelheit zu Hause zu sein. Frederik winkte ihr kurz nach, als sie mit dem Auto davonfuhr und kehrte dann wieder zu seinen Freunden auf die Wiese zurück.
Erst als es zu dämmern anfing, kam Frederik müde, aber glücklich ins Haus. Die Großmutter hatte immer wieder zwischendurch aus dem Fenster nach ihm geschaut und sich insgeheim gefreut, dass er hier so nette Kameraden hatte.
Sie kannte die Nachbarsjungen, und die hatten sie schon lange vor den Ferien nach Frederik gefragt.
Frederik half seiner Großmutter, den Abendbrottisch zu decken. Mutter hatte ihm gesagt, er solle ihr zur Hand gehen, damit sie nicht noch mehr Arbeit durch ihn hätte. Er tat es ja gern. Nach dem Abendessen würde er sie wieder bitten, ihm Geschichten von früher zu erzählen. Am liebsten hörte er zu, wenn sie von ihren Reisen berichtete, die sie und der Großvater nach Fernost unternommen hatten.
Es war gemütlich im Wohnzimmer. Großmutter hatte die Stehlampe angezündet und setzte sich auf das Ledersofa an der Wand. Großvater hatte es sich inzwischen in seinem Sessel bequem gemacht und seine Markensammlung zur Hand genommen. Das war meistens seine Abendbeschäftigung, seit sie hier wohnten. Tagsüber arbeitete er unten im Hobbyraum-Büro an seinem Computer. Er bot seinen Kunden immer noch Fernostreisen an, wie früher, nur jetzt in kleinem Stil.
„Omi“, bat Frederik, „erzähle doch bitte wieder von Deinen Reisen!“
„Ja, was habe ich denn noch nicht zum Besten gegeben?“, fragte Großmutter nachdenklich.
„Ach ja“, meinte sie dann, „Von Kuwait könnte ich dir heute berichten, das weißt du sicher noch nicht.“ Frederik setzte sich neben sie aufs Sofa und kuschelte sich in die weichen Kissen, die Großmutter da immer liegen hatte.
„Als wir noch unsere Reiseagentur besaßen“, begann sie, „da bekamen wir manchmal Einladungen von den Fluggesellschaften der asiatischen Länder, die wir unseren Kunden anbieten sollten. Eines Tages flatterte uns eine Einladung nach Kuwait ins Haus. Frederik – wenn du mir bitte den Atlas vom Regal holst, dann zeige ich dir, wo Kuwait liegt.“
Frederik sprang schnell auf und schleppte den großen Weltatlas herbei. Großmutter hatte die Seite schnell gefunden.
„Siehst du – hier dieser kleine Staat am Persischen Golf, neben dem riesigen Saudi-Arabien, das ist Kuwait, mit der Hauptstadt Al Kuwait. Da sind wir also hingeflogen und wohnten fünf Tage in einem schönen Hotel.
In Kuwait tragen die Männer, auch heute noch, lange weiße Gewänder und ein weißes Tuch auf dem Kopf, das durch eine dicke schwarze Kordel, zusammengehalten wird.
„Sieht das nicht aus, als würden sie im Nachthemd herumlaufen?“ grinste Frederik.
„So Unrecht hast du nicht“, nickte Großmutter und erzählte weiter: „Die Frauen müssen sich in ein weites schwarzes Gewand hüllen. Auch der Kopf ist verdeckt, und nur die Augen dürfen herausschauen.“
„Weil sie ja sonst dauernd stolpern würden!“, kommentierte Frederik. Die Großmutter schmunzelte und fuhr fort:
„Zur Begrüßung wurden wir in einen großen Raum geführt, in dem es keine Möbel gab. Er war ganz mit bunten Orientteppichen ausgelegt, und an den Wänden gab es dicke Polster-Sitzkissen, auf denen schon einige Weißgewandete saßen, die uns freundlich zunickten. Hier war der Versammlungsraum der Männer. Frauen waren nur als Gäste zugelassen. Auf kleinen Tabletts wurde uns ein starker Willkommenstee gereicht.
Unsere Fremdenführer brachten uns am nächsten Tag zu den Asphaltseen.“
„Was ist Asphalt?“ wollte Frederik wissen, „und wofür wird er gebraucht?“
„Also, eins nach dem anderen, Frederik“, sagte Großmutter. „Asphalt kommt in der Natur vor, kann aber auch künstlich aus Erdöl hergestellt werden, so wie Pech. Man verwendet es zum Isolieren beim Hausbau oder beim Straßenbau. Es wird aber auch für die Herstellung von Farben und Lack gebraucht. Was wir in Kuwait gesehen haben, das waren natürliche Asphaltseen. Die Landschaft, durch die wir fuhren, war Wüste, so weit das Auge reichte. Kein einziger Baum war weit und breit zu sehen, nur einige struppige Büsche hier und da. Hohe Strommasten wie es sie auch bei uns gibt, standen in einer schier endlosen Reihe hintereinander, bis in die Ferne.
Und dann sahen wir die Teiche. Man hätte meinen können, das, was sich da so blank in der Sonne spiegelte, wäre Wasser, aber bei genauem Hinsehen konnte man erkennen, dass es eine zähflüssige, schwarze Masse war. Es gab da kleinere und größere Seen.
Später zeigten uns die Männer ihre Kunst im Tontaubenschießen. Auf einem freien Platz hinter dem Hotel schleuderte ein Apparat untertassengroße Tonscheiben in Abständen in die Luft. Einige Männer in den langen Gewändern, hatten sich mit ihren Gewehren schon in Positur gestellt. Sie zielten sehr geschickt auf diese Scheiben, die in tausend kleine Splitter zersprangen, wenn sie getroffen wurden.
Ein andermal wurden wir zu einem Beduinenzelt geführt und sollten da warten, bis die Kamele von der „Weide“ kommen würden. Weide war ja eigentlich übertrieben. Etwas weiter weg gab es eine Stelle mit spärlichen Kräutern, wo die Tiere tagsüber weiden konnten.
Da kamen sie auch schon angetrabt. In der hereinbrechenden Dämmerung sah man nur ihre langen, schwankenden Hälse und die seitlich ausschlagenden Hufe. Es war eine ganze Herde von etwa fünfzehn Tieren. Sie sammelten sich am Zelt. Eine Kamelkuh wurde gemolken, und wir durften die warme Milch probieren. Sie schmeckte nicht schlecht, nur ungewohnt.
Ja, und dann hatten wir natürlich auch freie Zeit für uns. Wir nutzten sie, um den Markt mit seinen zahlreichen Goldständen aufzusuchen. Da gab es Goldschmuck die Fülle: Ringe, Broschen, Ohrgehänge, Ketten und Armbänder. Mir gingen fast die Augen über, so groß war die Auswahl. Dort kaufte Großvater für mich ein wunderhübsches goldenes Armkettchen, das sich weich um mein Handgelenk schmiegte. Es gefiel mir so gut, dass ich es gar nicht mehr ablegen mochte.
„Und wo ist es jetzt?“, wollte Frederik wissen. Großmutter warf einen scheuen und schuldbewussten Blick auf Großvater. Der war aber so sehr in seine Arbeit mit den Marken vertieft, dass er gar nicht auf-schaute.
„Ja, weißt du“, sagte Großmutter – „ich habe das Armband Tag und Nacht getragen, weil es so stabil und kräftig aussah, als würde es nie im Leben zerreißen. Zur Gartenarbeit hätte ich es wirklich abnehmen müssen!“ Hier brummte der Großvater irgendetwas Unverständliches und warf seiner Frau einen kurzen Blick zu.
„Ich wollte also eines Tages den Rasen vor dem Haus ausstechen, um da eine Blumenrabatte anzulegen. Mit der Schaufel schlug ich von jedem Stückchen Rasen die Erde ab und warf das Gras
über die Sträucher in die Wiese. Dabei muss mein schönes Goldarmband wohl zerrissen sein, ohne dass ich etwas gemerkt hatte. Weil ich die nächsten Tage so weitergemacht habe, ist es mir leider nicht gleich aufgefallen, dass mein Armband nicht mehr da war. Später habe ich dann gesucht und gesucht,
aber das war aussichtslos, weil das Gras auf der Wiese so dicht und verfilzt war. Ich habe es nicht mehr gefunden, sehr schade!“
„Schade!“ echote Frederik. Er war jetzt zum Umfallen müde und freute sich schon auf sein Bett. Bevor er einschlief murmelte er noch:
„Danke, Jesus, dass ich hier sein kann, bei Oma und Opa und mit meinen Freunden auf der Wiese spielen, und sei auch bei Mama und Papa.“ Und schon war er eingeschlafen.
Der nächste Tag verhieß wieder schön zu werden. Gleich morgens schien die Sonne vom blauen Himmel herab, und die Jungen trafen sich wieder zum Ballspiel auf der Wiese hinter dem Haus. Ein herrlicher Ferientag, und davon sollten noch viele kommen!
Nach dem Abendessen, es war noch nicht dunkel, da wollte Frederik noch ein wenig draußen bleiben, um das Abendrot zu erwarten, das er gestern nur vom Wohnzimmerfenster aus gesehen hatte. Er stellte sich auf die Wiese, gleich neben dem Garten, und schaute nach Westen hinüber, wo die Wolken sich schon orangerot zu färben begannen. Das Orange wurde langsam zu einem glühenden Rot, vor dem die großen Pappeln wie schwarze Scherenschnitte aussahen. Wie gebannt schaute Frederik auf das Naturschauspiel am Himmel.
„Wie wunderschön hast du alles gemacht, Jesus!“ flüsterte er.
Während er da stand, bemerkte er aus dem Augenwinkel, wie sich neben seinem rechten Fuß die Erde zu heben begann. Er wagte kaum zu atmen, denn er wusste, wer da gleich einen Erdhügel aufwerfen würde. Wenn er Glück hatte, würde er jetzt zum erstenmal in seinem Leben einen lebendigen Maulwurf zu sehen bekommen!
Tatsächlich – da schob sich ein kleiner, rosaroter Rüssel aus der dunklen Erde und schnupperte in die warme Abendluft. Und da – jetzt kam eine kleine Grabschaufel zum Vorschein – und schon konnte man den schwarzen Samtpelz erkennen!
Aber - was war denn das? Beinahe hätte Frederik laut aufgeschrieen, denn plötzlich leuchtete und glitzerte etwas im schwarzen Maulwurfspelz vor seinen Augen in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne: eine Kette! Eine funkelnde Goldkette hatte der kleine Erdarbeiter sich umgehängt!
Blitzschnell bückte sich Frederik hinunter und bekam das Geschmeide zu fassen, bevor der Maulwurf noch abtauchen konnte. Der Junge hielt das Fundstück in seiner Hand. Maulwurf und Abendrot waren vergessen. Er stürmte ins Haus und wäre beinahe mit dem Opa zusammengestoßen, der gerade nach seinem Enkel schauen wollte.
„Omi, Omi, dein Armband, dein Armkettchen!“ rief er atemlos. „Ich habe es, hier, ich habe es!“ Triumphierend schwenkte er es durch die Luft.
„Lass mal sehen! Ja, das ist es tatsächlich!“ rief Großmutter freudig überrascht. „Wo hast du es denn gefunden?“
„Du wirst es ja kaum glauben, Omi – ich habe es eben einem Maulwurf abgenommen, der gerade aus der Erde kam!“




