Der erste Tauchgang
Ich stand auf der Taucherplattform am Heck des Bootes. Schwer spürte ich die Sauerstoffflasche auf meinem Rücken. Die Schultergurte der Flaschenhalterung drückten sich durch den dünnen Neoprenanzug. Durch das Gewicht konnte ich nicht aufrecht stehen, etwas nach vorne gebeugt versuchte ich Haltung zu bewahren. Die Sonne brannte auf mich herab, Schweißperlen sammelten sich auf der Stirn und liefen als dünner Rinnsal am Glas der Tauchermaske entlang. Ich sprach mir Mut zu - nur ein kleiner Schritt und ich hatte es geschafft. Ich überprüfte noch einmal den Lungenautomaten. Ein sanfter Druck auf das Mundstück und sofort strömte Sauerstoff in meinen Mund. Ich atmete noch einmal kräftig durch. Ein letzter Blick auf den unendlichen Horizont in der Ferne, auf das türkisblaue Wasser, dann machte ich einen Schritt nach vorne - ins Leere.
Ich tauchte ins Wasser ein, um kurz darauf wie ein Korken an die Oberfläche zu poppen. Die halb aufgeblasene Rettungs- und Tarrierweste hatte gute Dienste geleistete und mich schnell wieder zur Oberfläche befördert. Ich wartete auf meinen Partner, der nun ebenfalls neben mir an der Oberfläche auftauchte. Mit geschlossener Faust und dem Daumen nach unten signalisierten wir uns, dass wir bereit zum Abtauchen waren. Ich öffnete das Ventil der Rettungsweste und sah, wie die Luft sprudelnd entwich und ich gleichzeitig langsam nach unten sank. Um mich herum stiegen Blubberblasen auf. Ich fühlte mich wie in einer geschüttelten Wasserflasche, die plötzlich geöffnet wurde. Das Gewicht der Taucherausrüstung, die mir an Bord noch tonnenschwer erschien, war nun federleicht.
Die Sicht auf das unter uns liegende Riff wurde durch Algen und andere Schwebeteilchen getrübt. Wie in Zeitlupe drangen wir in die Neptuns Reich ein. Nur unsere harten, künstlich wirkenden Atemgeräusche durchdrangen die friedliche Stille. Ich fühlte mich schwerelos, vergaß all meine Sorgen und gab mich ganz diesem Augenblick der völligen Zufriedenheit und Entspannung hin.
Wir erreichten das Riff, eine der ältesten und artenreichsten Lebensgemeinschaften der Erde - das Tor zu einer fremden Welt. Die Steilwand, deren Sockel 30 Meter unter uns lag, türmte sich vor uns auf. Eine Hochhauswohnanlage, die Tausenden verschiedener Arten von Riffbewohnern Unterschlupf bot. Mit den zahlreichen kleinen Höhlen und Vertiefungen glich sie stellenweise einem Schweizer Käse. An den Wänden hatten sich vielerlei Korallen in den bizarrsten Formen und Farben gebildet, fanden Schwämme, Seefedern und -anemonen neuen Halt - ein bunter Wandteppich festsitzender Lebensformen. Manchmal glichen sie Finger, die nach mir greifen wollten, an anderer Stelle erinnerten sie mich an ein buntes Blumenmeer, dessen lange Blütenblätter sich leicht in der Strömung wiegten. Ich kam mir wie ein Eindringling vor und glaubte, die Blicke der Meeresbewohner auf mir zu spüren. Die Schönheit ihrer Formen, Farben und Bewegungen faszinierte mich. Hier wuselten Clownfische zwischen den nesselnden Tentakeln der Seeanemone umher, dort lauerten größere Fische zwischen den Korallenstöcken auf Beute. Große Schulen von Papageien- und Doktorfischen schwammen umher. In einer der kleineren Höhlen entdeckte ich eine Putzerstation; Putzerlippfische befreiten dort einen Zackenbarsch von Parasiten. Sie konnten ihm sogar ins Maul schwimmen, um dort Essensreste zu beseitigen und sich davon zu ernähren, ohne von ihm gefressen zu werden. So profitierten beide, Putzerfisch und Zackenbarsch, von dieser einzigartigen Symbiose. Als wir die Steilwand weiter entlang tauchten stießen wir beinahe mit einem aufgepumpten Igelfisch zusammen, der gefährlich nahe als unberührbarer Stachelball an uns vorbeischwamm. Ich sah auch viele mir unbekannte Tiere - grotesk, schön, wie von einem fremden Stern kommend.
Aber nicht nur auf dieser Seite gab es viel zu sehen. Wir wandten dem Riff den Rücken zu und blickten ins tiefblaue, immer dunkler werdende offene Meer. Wenige Meter von uns entfernt patrouillierten umherschweifende, pfeilförmige Räuber - Barrakudas. Dann entdeckten wir einen Silberspitzenriffhai, dessen stromlinienförmige Gestalt metallisch glänzend in zweieinhalb Meter Entfernung an uns vorbeizog. Seine kalten, fast unbeweglichen Augen ließen uns keinen Moment los. Beim Anblick des Räubers der Meere fühlte ich plötzlich ein nervöses Kitzeln in meiner Magengegend. Ich hielt vor Spannung den Atem an. So schnell wie der Hai gekommen war, nahm er auch schon wieder Kurs aufs offene Meer, und kurz darauf verlor ich ihn aus dem Blickfeld.
Mein Sauerstoffvorrat ging langsam zur Neige und ich signalisierte meinem Partner, dass es Zeit für den Aufstieg war. Langsam schwebten wir nach oben. Da entdeckten wir an der Oberfläche eine Meeresschildkröte. Ihr Panzer hatte einen Durchmesser von über einem Meter. Sie schnappte kurz nach Luft und begann dann auch schon wieder abzutauchen. An Land waren ihre Bewegungen langsam und plump, aber hier im Wasser bewegte sie sich graziös und federleicht.
Neben unserem Boot kamen wir an die Oberfläche. In meinem Kopf wirbelten die Eindrücke dieses wunderbaren Tauchgangs nur so umher. Langsam schwamm ich zu der herabgelassenen Leiter. Als ich die erste Sprosse betrat, fühlte ich das Gewicht der jetzt fast leeren Sauerstoffflasche auf meinem Rücken - die Anziehungskraft der Erde hatte mich wieder.




