Sie sind hier:Teilnehmer / Bibliothek / 

Der Meisterdieb

von Melanie Mahnke

 

Ich bin ein Meister meines Faches. Ich war schon immer ein Dieb aus Leidenschaft. Und mittlerweile, das kommt mit den Jahren und der Erfahrung, ein Meisterdieb. Vielleicht hätte ich längst meine Maske an den Nageln hängen sollen. Vielleicht. Aber es fällt schwer, liebgewonnene Gewohnheiten einfach aufzugeben. Mein Name ist James. Das sollte an dieser Stelle genügen. Heute Morgen, am reich gedeckten Frühstückstisch, konnte ich in der Times lesen, dass ein Van Gogh aus einer bedeutenden Privatsammlung hier in London gestohlen worden war. Das war mir nicht neu. Ich hatte ihn gestohlen. Das Gemälde lehnte an meiner Wohnzimmerwand, während, ich den Artikel las. Mein geschulter Blick glitt über das Bild, über die geschwungenen Linien und die satten Farben. Eine alte Freundin hatte mir diesen Auftrag verschafft. Eigentlich wollte ich mich in diesem Jahr, wie jedes Jahr aufs Neue, zur Ruhe setzen, doch ich konnte bei diesem Angebot nicht widerstehen.

                                                         ***

„Da, schau dir das an, Watson!“, wetterte William Jones und warf Edgar Pike die Zeitung auf den Schreibtisch. „Mein Name ist Edgar, Sir“ , widersprach Edgar zaghaft und kaum hörbar. Er warf einen Blick auf die Titelseite, erneut war ein wertvolles Gemälde gestohlen worden. Jones konnte sich nicht beruhigen: „Und wieder hat er zugeschlagen. Der Typ treibt mich in den Wahnsinn. Seit 17 Jahren geht das nun schon so. Es wird Zeit, dass wir ihm endlich auf die Schliche kommen und ihn dingfest machen. Schnapp dir deine Lupe, Watson, auf geht’s!“ „Wohin gehen wir, Sir? Gibt es schon Beweise oder eine heiße Spur?“ Edgar zückte seinen Bleistift, den er stets hinter seinem Ohr mit sich trug. „Sind Sie sicher, Sir, dass es sich um den selben Dieb handelt? Es könnte doch jeder gewesen sein…“ Abrupt blieb Jones stehen. „Doch, er ist es. Er lacht mich aus. Wahrscheinlich sitzt er in diesem Moment mit einem Kaffee in der Hand am Frühstückstisch und lacht mich aus. Ich weiß das. Er ist es. Und diesmal werden wir ihn kriegen.“ Seit einem Jahr war Edgar der Assistent des Polizeiermittlers. Noch nie hatte er seinen Boss so gesehen. Jedenfalls nicht seit dem Diebstahl im letzen Jahr. Damals sind, wie bisher immer, die Spuren im Sande verlaufen. Edgar hatte gründlich recherchiert. Es schien unmöglich, ihn zu fassen.

                                                        ***

„Hallo James, das war mal wieder eine Meisterleistung“, begrüßte mich Kate schon an der Haustür und nahm ihre neuste Errungenschaft entgegen. „Danke, danke. Charmant wie immer, Kate.“ Ihre Erscheinung beeindruckte mich jedes Mal wieder. Die langen dunklen Haare und die bernsteinfarbenen Augen hatten mich schon immer fasziniert. Ihr freundliches und gütiges Wesen tat das Übrige. Wir waren beide zusammen im selben Viertel aufgewachsen und kannten uns eine gefühlte Ewigkeit. Unsere Beziehung lag schon Jahre zurück, und auch wenn diese kläglich gescheitert war, gab es immer noch diese gewisse Spannung zwischen uns. Jeder wusste, was der andere dachte, wir funktionierten wie eine Einheit. Seit einigen Jahren arbeitete ich gelegentlich für Kate. Doch diesmal erschien es mir so, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich hatte ein ungutes Gefühl, als das Bild seinen Besitzer wechselte.                                                                                 

                                                          ***

Am Tatort angekommen machte sich Edgar gleich wie ein Spürhund auf die Suche nach Dingen, die die hiesigen Polizisten übersehen haben könnten. Jones steckte sich erst eine Zigarre an und unterhielt sich mit dem letzten diensthabenden Polizisten vor Ort. „Diesmal erwischen wir ihn, Harry, oder?!“ „Aber sicher doch, Jones. Wir tun unser möglichstes. Beweismaterial gibt es allerdings keines. Wir konnten die Einstiegsstelle lokalisieren, mehr aber auch nicht. Das Team von der Spurensicherung sagte, es war ein Profi am Werk“, berichtete Harry. „Nicht irgendein Profi, der Profi schlechthin“, grummelte Jones, „ich krieg ihn noch, und wenn es das Letzte ist was ich vor meiner Pension tue.“ „Na dann musst du dich aber beeilen, Jones. Drei Jahre hast du ja noch Zeit. Allerdings vergeht die Zeit wie im Fluge“, scherzte Harry und machte sich auf in Richtung seines Dienstwagens. Jones ging langsam ins Haus und schaute sich in Ruhe um. Jedes noch so kleine Detail wurde von seinem geübten Auge erfasst und aufgesogen. Raum für Raum, Etage für Etage der Villa durchschritt er in gleichem Tempo. Hin und wieder blieb er stehen, machte sich gedanklich eine Notiz und schritt dann weiter. Im Salon, aus dem auch das Gemälde verschwunden war, fand er Edgar auf den Knien halb hinter einer Couch verschwunden vor. Triumphierend reckte er plötzlich den Arm in die Luft und kam staubbedeckt wieder zum Vorschein. Er hielt eine Halskette umklammert und brachte diese zu Jones wie ein Hündchen seine apportierte Beute. Erfreut ließ Jones das silberne Kettchen durch seine Finger gleiten. „Always yours, K.P.“ war auf einem kleinen Plättchen eingraviert. „Ich hab doch gesagt, diesmal kriegen wir ihn, Watson, hab ich´ s nicht gesagt?!“ Edgar nickte langsam und bedächtig.                                                                              

                                                          ***

Wir wollten unseren Erfolg feiern. Wie in alten Zeiten gingen wir daher erst im teuersten Restaurant der Stadt essen und danach tanzen. Kate und ich haben über die Jahre unsere Tangonummer perfektioniert und beeindruckten damit immer wieder gerne die herumstehenden Leute. Es kam mir komisch vor, dass uns ein Mann in dunklem Smoking beobachtete. Nicht mit dem faszinierten Blick der anderen, die unsere Tanzkünste bestaunten, sondern mit einem Blick der sich in meinen Rücken bohrte. „Wer ist das?“, fragte ich Kate und warf einen Blick in seine Richtung. „Das ist  Silvio Vendosso, einer der einflussreichsten und mächtigsten Männer der Stadt. Der Van Gogh ist für ihn. Er will ihn seiner Frau zum Geburtstag schenken. Wir sollten gleich zu ihm rüber gehen, dann stell ich dich vor. “

Vor Schreck ließ ich Kate fast fallen. „Weiß er, dass ich den Van Gogh gestohlen habe?“ Kate nickte nur stumm. „Kate! Was glaubst du warum ich all die Jahre, ohne gefasst zu werden, davon gekommen bin? Weil nur du weißt, womit ich mein Geld verdiene. Wie konntest du ihm das sagen? Erinnerst du dich nicht mehr an unseren Schwur von damals? Das war nicht einfach nur so daher gesagt, das war Ernst. Meine Existenz, mein Leben hängt davon ab, dass ich unerkannt bleibe.“ Mir wurde heiß und kalt. Kate legte beruhigend die Hand auf meinen Arm. „Bitte, es ging nicht anders, du weißt nicht, wie er einen unter Druck setzen kann.“ Ich drehte mich um. Wollte nichts mehr hören. Einfach nur fliehen. „Er hat Paul!“, rief Kate hinter mir her. Paul! Ihr Sohn. Unser Sohn. Mir wurde schwindelig. „Er sagte, er würde ihn töten, wenn ich ihm das Gemälde nicht besorge. Was hätte ich denn machen sollen?“ Kates Stimme brach ab und sie begann zu schluchzen. Ich nahm ihr Gesicht in meine Hände. „Hör zu, du machst dich frisch im Waschraum und dann wirst du mich ihm vorstellen. Wir müssen möglichst normal bleiben und versuchen rauszufinden, was er will und wie wir unser Kind wiederbekommen. Geh schon!“                                                               

                                                             ***

Edgar klopfte leicht an die angelehnte Tür. „Sir? Kann ich rein kommen, Sir?“ „Na los Watson, schwing deinen Hintern hier rein. Was sagt das Labor? Was rausgefunden?“, blaffte Jones hinter seinem Schreibtisch, umgeben von Schwaden aus Zigarrenqualm. „Sir, die Analyse konnte einen Teilabdruck des Daumens sichern. Meine Nachforschungen bei den Juwelieren der Stadt haben ergeben, dass die Kette aus dem Hause Harrod´s stammt. Dort wird gerade geprüft, von wem der Auftrag erteilt wurde. Ich erhoffe mir hier einen Erfolg…“, ratterte Edgar seinen Bericht runter. „Ha! Gute Arbeit! Ich kann schon die Handschellen knacken hören. Watson, das ist unsere Woche, ich spür´ das!“, triumphierte Jones.                                                               

                                                             ***

Mein Herz klopfte bis zum Hals. Was würde Vendosso verlangen? Bisher hatte ich nichts Gutes über ihn gehört. Seine Kontakte zur Mafia waren unübersehbar, es konnte bisher nur nie belangt werden. Kate kam zurück, sie sah trotz ihres dunklen Teints blass aus. Sie hakte sich bei mir unter, setze ein Lächeln auf und führte mich nach einem tiefen Atemzug rüber in den VIP-Bereich. „Mr .Vendosso, das ist der Mann, von dem ich Ihnen schon so viel Gutes berichtet habe“, stellte Kate mich vor. „Sehr erfreut, Mr. Loddington“, sprach Vendosso und grinste mich an. „Ich habe da auch schon eine neue Aufgabe für Sie. Uns fehlt noch ein ganz bestimmtes Gemälde in meiner Sammlung, damit diese komplett ist. Und Sie sind der Mann, der es mir beschaffen wird.“ Sein italienischer Akzent war unüberhörbar. Seine Ähnlichkeit mit dem „Paten“ bemerkenswert. „Erst wollen wir Paul wieder in unserer Nähe wissen. Vorher mache ich gar nichts für Sie.“ Er lachte. Ein fieses Lachen. Das Lachen eines Mannes, der sich seiner überlegenen Position durchaus bewusst ist. „Sie erhalten Ihre Instruktionen morgen früh. Paul werden Sie danach wiedersehen, sobald ich mein Bild in den Händen halte.“ Eine Träne rann über Kates Wange.                                                               

                                                          ***

„Ihr Name ist Kate Parson. Sie hatte vor Jahren eine Beziehung mit James Loddington. Aus der Verbindung ist ein Sohn namens Paul hervorgegangen. Er lebt bei der Mutter. James und sie haben noch guten Kontakt, seitdem sie sich getrennt haben. Die Kette war ein Geschenk von Kate nach der Geburt des Jungen. Das ist nun sechs Jahre her.“ Edgars Kopf war vor Aufregung gerötet. Seine Augen blutunterlaufen, nachdem er Tag und Nacht recherchiert hatte. Jones war beeindruckt. Er verschränkte anerkennend die Arme vor der Brust. „Wirklich gute Arbeit, Edgar. Hätte ich dir gar nicht zugetraut.“ Edgar lächelte. Diese Worte reichten ihm vollkommen als Lohn für seine Mühe. Die Gegensprechanlage summte. „Mr. Jones, ein Besucher für Sie“ , tönte Jones´s Sekretärin. Im gleichen Moment öffnete sich die Bürotür. „Schönen guten Tag, Mr. Jones. James Loddington mein Name. Ich habe ein Angebot für Sie, das sie wohl nicht ablehnen können.“ Edgar und Jones standen die Münder offen.                                                               

                                                         ***

„Ich möchte Paul sehen. Das Gemälde habe ich dabei.“ Ich zeigte es Silvio Vendosso. Durch einen Fingerzeig seines Bosses brachte ein Gehilfe Paul ins Zimmer. „Erst der Junge! Das Bild stelle ich hierher.“ Paul setze sich durch einen Schubsen von  Vendosso in Bewegung. Ich nahm ihn auf den Arm und verließ wortlos den Raum. Kaum hatten wir die Haustür passiert stürmte die Londoner Polizei das Gebäude. Als die Presse ankam wurde Vendosso gerade in Handschellen abgeführt. „Mafiaboss durch Gemäldediebstahl gefasst“, würde die Schlagzeile lauten.   „Ein guter Deal, Sir, oder?“, fragte Edgar unsicher, der vor der Villa neben einem Streifenwagen stand. „Ein sehr guter, Edgar, ein sehr guter.“ Jones klopfte Edgar auf die Schulter. „Komm, ich lad dich auf ein Bier ein.“   Am Flughafen wartete Kate bereits auf uns. „Oh mein süßer Schatz!“, rief sie, rannte auf uns zu und nahm Paul in die Arme. Ich schwenkte die Flugtickets hin und her. „Dreimal Karibik hätte ich im Angebot. Auf geht’s in ein sorgenfreies Leben!“ Kate hakte sich bei mir unter, nahm Paul bei der Hand und schaute mich glücklich an. „Ja“, sagte sie, „gehen wir.“

Entdecken Sie jetzt
Ihr Schreibtalent
 
  Schreiben lernen mit dem Leitfaden von der Schule des Schreibens Herr Frau
Persönliche Beratung Online anmelden Gratis-Newsletter