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Der Tod geht um im Pflegeheim

An einem Dienstag im August, ging bei der Essener Polizei gegen 16:00 Uhr, ein Notruf ein. Arnold Hermann, der Wirt der "Petrusklause", gab an, ein Gast randaliere in seinem Lokal.
Als zehn Minuten später zwei Beamte am Ort des Geschehens eintrafen, bot sich ihnen folgendes Bild: Eine Hand voll Gäste stand zusammen gedrängt in einer Ecke, andere kauerten unter den Tischen. Einige Stühle waren zu Bruch gegangen.
Ein 40-jähriger Mann mit schütterem braunem Haar, grauem Anzug und blau-gelb gestreiftem Hemd tanzte auf der Theke. Dann sprang er auf den Boden, warf einen Aschenbecher quer durch den Raum, und grölte: "Wir lagen vor Madagaskar und..."
" Ist ja gut", meinte einer der Beamten. "Wollen wir nicht wo anders weiter singen?...Wie heißen Sie?"
" Der heißt Hermann Altdorf", meldete sich der Wirt zu Wort. "Er wohnt im Pflegeheim 'Salomon'. Fast jeden Nachmittag sitzt er hier an der Theke und trinkt eine Cola. Bisher war er immer friedlich."
Die Überredungskünste und Überwältigungsversuche der Beamten fruchteten nicht. - Schließlich streckte ihn der Faustschlag, eines zufällig anwesenden Amateurboxers, zu Boden.
Als Altdorf aus seiner Ohnmacht erwachte, befand er sich auf dem Weg ins Krankenhaus.
Dort angekommen, ließ er sich in einen Stuhl fallen. Der Randalierer, mittlerweile friedlich wie ein Lamm, war blass und klagte über Kopfschmerzen. - An den Vorfall in der Kneipe, konnte er sich nicht erinnern. Betroffen, senkte er den Kopf und stammelte eine Entschuldigung.
Nachdem die Beamten gegangen waren, legte sich der 40­Jährige ins Bett.
Als die Nachtschwester zwei Stunden später Altdorfs Zimmer betrat, fand sie seine Leiche.
Die Obduktion ergab keine Klärung der Todesursache.

Am Mittwochnachmittag wurde Magdalena Ölsegel von ihrer Freundin in ihrem Zimmer tot aufgefunden. Auch sie lebte im Pflegheim "Salomon".
Am Mittwochabend, gegen 18:30 Uhr, klingelte bei der Essener Mordkommission das Telefon und brachte Hauptkommissar Hubert Fellbier um den verdienten Feierabend.
" Auf geht's Manni!", rief er seinem Kollegen Manfred Kipper zu. "Wir haben zwei Leichen".
Nach einem hohen Zaum und einem verwilderten Garten suchte man bei "Haus Salomon" vergebens. Das zweistöckige Gebäude, ein ehemaliges Hotel, lag am Ende der Fußgängerzone.
Dr. Elmar Salomon, der Leiter des Pflegeheims, empfing die Polizisten in seinem Büro. In knappen Worten schilderte er die Vorfälle der letzten zwei Tage.
" Bitte berücksichtigen Sie, dass unsere Bewohner äußert sensibel und zum Teil leicht erregbar sind", betonte Dr. Salo-mon und legte seinen Kittel ab.
Der kleine grauhaarige Mann zuckte mit den Mundwinkeln und spielte mit seinem Schlüsselbund.
Fellbier warf einen Blick auf seine Armbanduhr: "Ich schlage vor, dass wir morgen Früh mit der Befragung der Zeugen beginnen."
Dr. Salomon nickte. Dann begleitete er die Beamten hinaus.
Kipper betrachtete die Teppiche und Ölgemälde auf dem Flur. Als er jedoch in einer Ecke einen Wäschesack und einen Teewagen mit schmutzigem Geschirr entdeckte, schmunzelte er.
" Auch bei uns herrscht Personalknappheit", sagte Salomon.
Der 54-jährige Fellbier betrachtete den durchtrainierten Körper seines 32-jährigen Kollegen und zwinkerte mit dem linken Auge. Manfred Kipper zuckte mit den Schultern. Sein blonder Bürstenhaarschnitt stellte sich zu Berge.

Der Heimleiter zögerte einen Augenblick: "Herr Kommissar Kipper, wenn Sie morgen um sieben Uhr in mein Büro kommen, werde ich Sie als Aushilfskraft in den Servicebereich einschleusen. Das ist am unauffälligsten."
Am darauf folgenden Tag betrat Fellbier gegen neun Uhr das Pflegeheim. Dr. Salamon empfing in ihn am Eingang. Er führte den Beamten am Speisaal vorbei, in dem um diese Uhrzeit die Leute vom Reinigungsdienst ihre Arbeit verrichteten.
" Das Haus hat vier Stationen. Herr Altdorf und Frau Ölsegel wohnten auf 'Valencia'", erklärte Dr. Salomon, während sie mit dem Aufzug in die erste Etage fuhren.
Mit den Worten: "Schwester Gabi, das ist Hauptkommissar Fellbier. Der Herr ist von der Mordkommission", schob er den Polizisten ins Schwesternzimmer und verschwand.
Eine korpulente Frau in blauer Schwesterntracht stand vor dem geöffneten Medikamentenschrank.
Fellbier räusperte sich.
" Entschuldigung, darf ich das hier rasch zu Ende bringen?", fragte die Krankenschwester.
Fellbier lief auf und ab. Seine rechte Hüfte schmerzte: die Folgen einer Schussverletzung vor sechs Jahren.
Wenig später verschloss Schwester Gabi den Schrank und setzte sich an den Schreibtisch.
" Ich hatte an beiden Nachmittagen Dienst", begann sie. "Als uns das Krankenhaus am Dienstag erst über Herrn Altdorfs Einlieferung informierte und wenige Stunden später von seinem Ableben berichtete, war ich erschüttert. Vor zwei Monaten wurde bei ihm ein Hirntumor diagnostiziert.


Frau Ölsegel war die Großtante vom Chef. Sie litt an einer Alterpsychose. Körperlich fehlte ihr nichts. Wie jeden Tag, war sie nach dem Mittagessen auf ihr Zimmer gegangen. Zwei Stunden später hämmerte Frau Surges, eine Freundin der Toten, gegen die Tür des Schwesternzimmers und führte mich zu der Leiche."
Fellbier legte seine Hand auf die Türklinke.
" Sie können nicht mit ihr sprechen", rief Schwester Gabi. "Ein Schlaganfall hat ihr Sprachzentrum zerstört. Außerdem steht sie unter Schock und bekommt starke Medikamente."
Die Krankenschwester machte eine einladende Handbewegung und führte den Kommissar zu einem Zimmer am Ende des Korridors: "Das ist Frau Surges. Die Zimmer der beiden Verstorbenen befinden sich hier links neben der Treppe."
Hubert Fellbier schimpfte leise vor sich hin, als er eine halbe Stunde später das Haus verließ. In seinem Fahrzeug angekommen, studierte die Tageszeitung und machte anschließend einen Abstecher ins Präsidium.
Gegen 14:00 Uhr traf er sich mit seinem Kollegen beim Italiener.
" Wie war dein Tag? - Die Angestellten, mit denen ich gesprochen habe, überschlagen sich vor Korrektheit", stöhnte Fellbier und trommelte mit den Fingern auf dem Tisch.
" Gemüse putzen, bei der Essensausgabe mit anpacken und die Getränkewagen auf die Stationen bringen. Als ich am Arztzimmer vorbei kam, hörte ich einen Streit zwischen zwei Männern. Eine Stimme erkannte ich: Sie gehörte Dr. Salomon. Außer den Worten 'fragwürdiger Reichtum' konnte ich nichts verstehen. Ausgerechnet in diesem Augenblick stapfte ein Bewohner auf mich zu und fragte nach der Uhrzeit.
Wenig später konnte ich vom Küchenfenster aus beobachteten, wie Salomon das Haus verließ."
Der Abend verlief ohne besondere Vorkommnisse.


Fünf Minuten nach Mitternacht wurde Hubert Fellbier aus dem Schlaf gerissen. Am anderen Ende der Leitung war Salomon.
" Herr Doktor, ich komme!", rief der Beamte und sprang aus dem Bett und in die Hose.
Eine halbe Stunde später parkte Fellbier seinen Wagen vor der Eingangtür des Pflegeheimes. Die Fenster waren dunkel, lediglich das Treppenhaus war erleuchtet. Hin und wieder drang ein Stöhnen oder Schreien nach draußen.
Auf sein Läuten hin erschien Dr. Salomon und führte ihn auf die Station "Don Bosco" in der zweiten Etage. Im Eckzimmer wurden sie vom Gerichtsmediziner und den Leuten von der Spurensicherung erwartet.
Schwester Gertrud schüttelte den Kopf: "Ich kapier das nicht! Frau Lehman ging es gut. Laut Übergabebericht meiner Kollegin, war sie gegen 17:00 Uhr mit Herrn Senn in der Cafeteria..."
Fellbier, der gegen seine Müdigkeit ankämpfte, wurde hell wach: "Wer ist dieser Senn?"
" Ein ehrenamtlicher Betreuer."
" Welche Bewohner betreut er?"
Die Nachtschwester zuckte mit den Schultern: "In dieses Haus, mit seinen 80 Bewohnern, kommen ungefähr fünf von diesen Betreuern. Lassen Sie mich bitte weiter erzählen...
Gegen 19:00 Uhr hat Frau Lehman im Beisein meiner Kollegin ihre Medikamente auf ihrem Zimmer eingenommen. Als ich um 20:00 Uhr meinen Dienst antrat, lag sie im Bett und hörte Radio. Drei Stunden später hörte ich immer noch Musik...Dann habe ich sie gefunden..."
" Weshalb lebte so junger Mensch in diesem Haus?", wollte Fellbier wissen.
" Frau Lehman war geistig zurück geblieben und litt an Depressionen."
Es regnete Bindfäden, als Fellbier am nächsten Morgen gegen zehn Uhr "Haus Salomon" einen weiteren Besuch abstattete.

Zunächst sprach er Dr. Salomon auf seinen Kollegen an, mit dem er am Vortag eine die Auseinandersetzung hatte.
" Es ist nicht das, was man vermuten könnte", beteuerte Salomon. "Mein Kollege Müller, der zwei Häuserblocks weiter eine internistische Praxis unterhält, ist in keine dubiosen Geschäfte mit der Pharmaindustrie verwickelt. Er ist Mitin-haber einer Spielhalle. Bei zwei gescheiterten Ehen muss er eine Menge Unterhalt zahlen."
Fellbier strich sich über seine Glatze und fasste sich ans Kinn. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schwieg. Salomon ballte seine Hände und stützte sich auf den Schreibtisch. Sein Gesicht färbte sich krebsrot.
" Ich nehme an, Sie verdächtigen auch mich", sagte er.
Fellbier verzog keine Miene.
Der Arzt trat näher. Er rang um Fassung: "Es stimmt: Die Verstorbenen waren vermögend. Den Altdorfs gehören drei Schuhgeschäfte, Bruno Ölsegel sitzt im Bundestag und Vater Lehman ist Oberstudienrat. - Herr Kommissar, ich kann es Ihnen nicht verübeln. - Sie sehen, wie verwohnt dieses Haus ist. Wir beerben die Bewohner erst, wenn sie sieben Jahre hier gelebt haben. Außer meiner Großtante hätte niemand diese Voraus-setzung erfüllt."
Um 16:00 Uhr betrat Kommissar Fellbier die Cafeteria. Während er zwei Wiener mit Brot verspeiste, setzte ihm sein Kollege eine Tasse Kaffee vor die Nase.
Fellbier stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus: "Seit unserem Telefonat heute Morgen, bin ich keinen Schritt weiter gekommen. Das Labor tappt im Dunkeln."
Die Tür flog auf und Salomon eilte heran. Er raufte sich die Haare. Tränen standen in seinen Augen. "Ich bin ruiniert", stammelte er. "Frau Martini, eine dicke Frau mit einem Gehwagen, ist auf dem Weg zu ihrer Station auf dem Flur zu-sammengebrochen.


Sie hat sich übergeben und ist inzwischen auf dem Weg ins Krankenhaus. Zum Glück ist es der Schwester gelungen, den Mageninhalt zu retten."
" Eine Frau mit Gehwagen war vor ungefähr einer Stunde hier", warf Kipper ein. "Sie war in Begleitung eines jungen Mannes. Er war zirka 1,80 m groß und hatte braune Haare: eine halbe Portion mit Nickelbrille und Pferdeschwanz. Ich hielt ihn für einen Krankenpfleger."
" Das war Josef Senn!", rief Dr. Salomon. "Er arbeitet als Sprechstundenhelfer in der internistischen Praxis meines Kol-legen Heuser. Eigentlich ist er Krankenpfleger. Vor zwei Jahren musste ich ihn entlassen, weil er sich über ärztliche Anweisungen hinweg gesetzt hatte. Seit einem Jahren betreut psychisch kranke Menschen ehrenamtlich."
Nachdem Salomon sich aus ihrem Gesichtsfeld entfernt hatte, gingen die Beamten hinaus auf den Flur. Vor der Telefonzelle in der Eingangshalle, stoppte Kipper und lächelte trium-phierend.
" Ich arrangiere ein Treffen mit Senn", erklärte Kipper.
" Glaubst du, dass er..."
Kipper nickte: "Er hat Fr. Martini eine Limonade gebracht. Auf dem Weg zur Kasse hat er einen Süßstoffbehälter aus seiner Tasche gezogen und eine Tablette in ihr Glas getan.
Am Samstag Vormittag, kurz vor zehn, betrat Fellbier die Cafeteria. Wenig später erschien Josef Senn. Auch an diesem Morgen trug er einen weißen Anzug.
Fellbier winkte Senn zu sich heran und orderte zwei Kännchen Kaffee. Während es sich der Mann am Tisch gemütlich machte, gelang es dem Polizisten, einen Blick in Senns Jackentasche zu werfen. Volltreffer, dachte er und massierte seine Hüfte: das Zeichen seinen Kollegen.
Kipper ließ, während er servierte, seinen Kugelschreiber zu Boden fallen. Als Senn sich bückte, gelang es Fellbier, den Süßstoffbehälter auszutauschen.


" Sie haben diese Leute vegiftet. Habe ich Recht?", schloss Fellbier die Befragung.
" Pech gehabt, mich kriegt ihr nicht", quiekte Senn und zog den Süßstoffbehälter aus der Jackentasche.
" Das ist der falsche", versicherte Fellbier.
" Scheiße!", brüllte Senn und versuchte zu fliehen. Doch Kipper warf ihn zu Boden und fesselte ihn. Dann setzte er ihn zurück auf den Stuhl.
Fellbier kochte vor Wut: "Was ist das für ein Gift? Weshalb haben Sie diese Menschen getötet? Das vierte Opfer hat Gott sei Dank überlebt."
In Senns Augen strahlen: "Diese armen kranken Menschen musste doch jemand erlösen." Senn warf den Kopf in den Nacken: "Das Zeug habe ich aus dem Internet. Es heißt 'Euthanatop' und lässt sich im Körper nicht nachweisen." Nach diesen Worten öffnete er einen Spalt weit seine Lippen und schloss die Augen. So verharrte er bis zu seinem Abtransport.
" Hören Sie auf, den Kranken zu spielen! Sie sind ein miserabeler Schauspieler", brüllte ihm Fellbier hinterher.
" Halts Maul, alter Sack!", zischte Senn.
" Gottlob hat er am Schluss sein wahres Gesicht gezeigt", meinte Kipper und stieg in seinen Wagen.
" Wenn ich jetzt zusehe, dass ich das Weite suche, muss ich hier bleiben", meinte Fellbier.
" Hubert, dafür reicht unser Einkommen nicht", lachte Kipper.

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