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Der Weihnachtskarpfen

Es war der 24.Dezember und ich in jenem Alter, in welchem sich Jungs für Mädchen zu interessieren beginnen, aber immer noch soviel Kind sind, dass der Hang zu anderen Dingen noch nicht gänzlich verloren gegangen ist.

Trudchen und ich hatten es uns auf dem Sofa gemütlich gemacht. Wir waren allein zu Hause und wollten die Gunst der Stunde nutzen. Meine Eltern hatten sich in den Endspurt des vorweihnachtlichen Trubels gestürzt, wo sie noch allerletzte Weihnachtseinkäufe erledigten. An diesem Tag kaufte meine Mutter immer den Weihnachtsbraten. Mein Vater machte um diese Zeit meist einem Juwelier seine Aufwartung, der ihm in Zwangslagen gern dienlich war. Dort kaufte er nach der sich alljährlich wiederholenden, stets ergebnislos bleibenden Suche nach einem Geschenk für meine Mutter, noch schnell etwas Glitzerndes mit den Worten: "Ach geben sie mir das da. Es wird ja sowieso umgetauscht."
Trudchen und ich waren uns zufällig in einer Zoohandlung begegnet. Ich war losgezogen, um mir ein Krokodil zu kaufen, aber Krokodile waren schon aus. Ich sah mich um, ob nicht ein anderes Reptil meine Leidenschaft wecken könnte, da hörte ich aus dem Zwitschern der Wellensittiche und Kanarienvögel ein verunglimpfendes Gekrächze. Ein bunt schillernder Ara diffamierte die Kundschaft in einer Weise, die ihn unverkäuflich machte - fast unverkäuflich.
Die verbalen Fähigkeiten dieses rot-gelb-blau gefiederten Prachtexemplars hatten mich bereits so beeindruckt, dass mich der Kaufpreis, für den ich einen kleinen Gebrauchtwagen bekommen hätte, unbeeindruckt ließ. Ich habe diese Entscheidung später nie bereut, denn Trudchen hat mir und meinen Freunden sehr viel Spaß bereitet und ist mir bis zu meiner Verheiratung treu geblieben.
Trudchens erste Begegnung mit meiner Mutter war herausfordernder Art. Als meine Mutter an diesem Tag nach Hause kam, segelte ihr ein Riesenvogel mit einem Meter achtzig Spannweite über den Kopf. Unser sonst stilles Leben geriet in Aufregung.
Meine Mutter stammt aus einem ungarischen Adelsgeschlecht, das im Krieg alles verloren hat und dann in der Schweiz exilierte. Dort hatte sie meinen rheinländischen Vater kennengelernt, und aus dieser gottgegebenen Verbindung rheinländischer Natur und ungarischem Paprikatemperament war ich, Erwin, der einzige Sohn, entstanden.
Meine außergewöhnlichen Erbanlagen brachten mich auf viele außergewöhnliche Ideen, die selbst der Gräfin zuweilen die Contenance raubten. Jetzt bekam sie einen ihrer ungarischen Wutanfälle und schimpfte auf mich los: "Errwin, bist du verrrückt gewoorden. Wie kommt denn dieses Tierr in unserer Wohnung?"
Ich erzählte ihr, woher ich "das Tier" hatte, woraufhin sie sich weigerte, den Vogel im Haus zu behalten. Ich wusste, dass ein Gespräch mit vernünftigen Argumenten keinen Erfolg haben würde, deshalb sagte ich:
"Krokodile gab´s keine mehr."
Die Augen meiner Mutter erstarrten. Sie kapitulierte mit der Erkenntnis, dass ein Weichkoter im Wohnzimmer im Vergleich zu einer allmorgendlichen Begegnung mit einer Riesenechse im Badezimmer das kleinere Übel war.
So saß ich an jenem 24. Dezember auf dem Sofa und erntete die Früchte meines an Trudchen erprobten Sprachunterrichts. Trudchen bekundete mir ihre Zuneigung und sagte ununterbrochen: "Errrwin, Arrrschloch", da klingelte es.
Vor der Tür stand ein kleiner, dicker Mann in einem grauen Kittel und einem braunen Cord-Hut auf dem Kopf.
"Guten Tag. Ist das hier bei Kempkes?" fragte der Mann.
"Ja", sagte ich.
"Ich bring´ den Karpfen. Wollen Sie ihn lebend oder lieber tot?"
Ein Karpfen? Davon hatte mir meine Mutter nichts erzählt, und hätte sie es getan, so hätte ich mich geweigert, mich an der Ermordung eines Karpfens, noch dazu am Weihnachtstag, mitschuldig zu machen.
"Äh, lebend", sagte ich möglichst selbstverständlich.
"Dann bringen Sie mal nen Eimer mit Wasser", sagte der kleine Mann und ging zu seinem Lieferwagen zurück.
Einen Augenblick später kam ich mit einem überschwappenden Putzeimer hinter ihm her.
Der Mann fuhr mit einem Käscher geschickt in einem Becken voller Fische herum und schon plumpste ein mittelgroßer Karpfen in meinen Eimer. Karpfen sind eher ruhige Fische, aber dieses Exemplar gebärdete sich wie ein Piranha bei der Fütterung.
Vorsichtig trug ich ihn ins Badezimmer. Ich ließ die Badewanne voll laufen und schüttete den Karpfen hinein. Er musste verstanden haben, dass er gerade mit dem Leben davongekommen war, denn er beruhigte sich und begann, sein großes Fischmaul ruhig und gleichmäßig auf- und zuzumachen.
Ich streckte meine Hand nach ihm aus und fragte mich, ob man Fische wohl streicheln könnte, da kam meine Mutter nach Hause. Sie begegnete der Situation aristokratisch gefasst und fragte mit ihrem unverwechselbaren Akzent: "Errwin, wärr soll den denn töööten?"
"Können wir ihn nicht behalten?"
"Wie denn? Soll därr etwa in därr Badewanne woohnen?"
Das war nur eines der Probleme, die unser glitschiger Familienzuwachs mit sich brachte. Ich überlegte gerade was Karpfen fressen, da kam mein Vater.
"Wat macht denn dä Fisch da in unserer Badewanne?" fragte er stoisch.
"Dän kannst du glaich schlaachten" antwortete meine Mutter erbarmungslos, "dann können wiirr dän moorrgen essen."
"Isch dachte, wir wollten morjen essen jehen?" sagte mein Vater. "Isch hab´ nen Tisch bestellt."
Meine Mutter verdrehte die Augen und verließ das Badezimmer. Als sie sicher außer Hörweite war, setzte mein Vater mit einem Augenzwinkern hinzu: "Isch bin sischer, dat dat Hennes auch besser jefällt." Erleichtert nickte ich.
Etwas später hörte ich meinen Vater am Telefon. Er sprach ganz leise mit einem Restaurant und bestellte einen Tisch für den nächsten Tag.
Die latente Lebensgefahr war von Hennes abgewendet, aber wenn er am Leben bleiben sollte, brauchte ich Futter. Die Zoohandlungen waren bereits geschlossen und zwei Feiertage standen an.
Ich fragte meine Mutter: "Sag mal, hast du was zu fressen für den Karpfen?"
"Gib ihm altes Brrot", sagte sie trocken.
Ich versuchte, Hennes die Reste unseres Vollkornbrotes schmackhaft zu machen, aber er zeigte kein Interesse. "Ob sie Karpfen wie Gänse mästen?" fragte ich mich. Das würde seine Appetitlosigkeit erklären.
Für den Rest des Tages musste ich Hennes in Ruhe lassen, denn es war Heilig Abend und meine Mutter bestand auf der üblichen Ordnung. Geschenke wurden ausgetauscht, Papier zerrissen und Champagnerkorken knallten.
Ein paar Gläser Champagner später kam mein Vater auf die Idee, Hennes ordentlich zu taufen. Ich hielt das für einen ausgezeichneten Einfall, und wir konnten sogar meine Mutter überreden, uns ins Badezimmer zu folgen. Feierlich stellten wir uns in einer Reihe längs der Badewanne auf und mein Vater fragte: "Wie solle denn heißen?"
Ich hatte mich bereits an Hennes gewöhnt, aber meine Mutter meinte, Franticek sei passender.
"Na jut", sagte mein Vater, "dann krischte eben nen Doppelnamen."
Spach´s und erhob sein Glas mit den würdevollen Worten: "Hiermit taufe isch disch auf den Namen Hennes-Franticek."
Dann goss er den Inhalt seines Champagnerglases in die Badewanne. Ich tat es meinem Vater nach. Meine Mutter nahm noch einen großen Schluck und leerte dann auch ihr Glas in die Wanne.
"Na hoffentlich verrtrrägt ärr daas", sagte meine Mutter. "Ich glaube nicht, das Champagnärr und altes Brrot auf Dauerr die rrichtige Errnäährung fürr ihn sind."
"Es ist ja nur für zwei Tage", sagte ich, "dann besorge ich richtiges Futter."
Die nächsten beiden Tage lebte Hennes-Franticek von Brot. Alkohol gaben wir ihm keinen mehr, denn wir glaubten, Gleichgewichtsstörungen beobachtet zu haben.
Trudchen hatte bemerkt, dass ich dem neuen Gast ungewöhnlich viel Beachtung schenkte. Neugierig kam sie ins Badezimmer gewatschelt. Fliegen konnte sie nicht mehr, denn meine Mutter hatte darauf bestanden, dass Trudchen die Flügel gestutzt wurden. Sie krächzte: "Errrwin, Arrrrschloch." Meine Mutter machte dazu eine Miene, die weder Zustimmung noch Ablehnung zeigte und wahrscheinlich beides bedeutete.
Nach den Weihnachtsfeiertagen wurde Hennes-Franticeks Anwesenheit in unserer Badewanne kritisch. Das Wasser wurde schlammig und entwickelte einen Geruch, gegen den selbst die Elixiere aus den teuren Parfümflakons meiner Mutter wirkungslos blieben. Meine anfängliche Vermutung, Hennes-Franticek würde sich mit all dem Schlamm um ihn herum ein wenig heimischer fühlen, erwies sich als falsch. Er wurde zusehends phlegmatischer und selbst Trudchen konnte ihn nicht aufheitern.
Meine Mutter machte mir klar, dass Hennes-Franticek auf die Dauer in unserer Badewanne nicht glücklich würde und jedes andere Aquarium zu klein für ihn sei. Sie bestand darauf, dass Hennes-Franticek auszog.
Aber wo sollte er hin? Mir fiel der Teich im botanischen Garten ein. Dort wäre er gut versorgt. Aber war das erlaubt? Und wie sollte ich das bewerkstelligen? Tagsüber zogen dort Wärter und Rentner ihre Runden und nachts war der Park geschlossen. Ich besprach die Sache mit meinem Vater.
Der war mit Hennes-Franticeks Umsiedlung in den botanischen Garten gleich einverstanden, denn er vermisste sein regelmäßiges Bad. Eilig stellte er einen Plan auf, wonach er, im Schutz der Dämmerung kurz vor Toresschluss, mit einer großen Plastiktüte, die natürlich vorher auf Dichtigkeit geprüft werden würde, zum Teich laufen wollte, während ich Schmiere stand und möglicherweise auftauchende Wächter oder Passanten mit Fragen nach der Uhrzeit oder dem Wetter ablenken sollte. So wollten wir es am nächsten Tag machen. Aber wie so oft im Leben, kam uns das Schicksal zuvor.
Bevor wir Hennes-Franticek in die freie Wildbahn zurücksetzen konnten, starb er. Mein Vater fand den Leichnam. Hennes-Franticek trieb mit seinem weißen Fischbauch nach oben gekehrt in der Badewanne. Fest entschlossen, mir diesen Anblick zu ersparen, unternahm mein Vater geistesgegenwärtig die unumgänglichen Maßnahmen für Hennes-Franticeks Bestattung. Er ließ das schlammige Wasser aus der Badewanne, zog eine Plastiktüte über den Fisch und warf ihn in die Mülltonne.
Ich habe meinen Vater damals nicht über die Umstände von Hennes-Franticeks Verschwinden befragt, denn ich war sehr niedergeschlagen.
Meine Mutter, die das Töten von Tieren von klein auf gewöhnt war, denn die Familie ging jedes Jahr einmal auf die Jagd, räsonierte: "Jetzt ist ärr sowieso toot, da hätten wiirr ihn auch essen können."
Im nächsten Jahr änderte meine Mutter den weihnachtlichen Speiseplan. Es kam nichts ins Haus, das auch nur im Entferntesten zu einem Haustier hätte werden können. Sie ging auf Nummer sicher und kaufte eine Gans ohne Kopf - tiefgefroren.

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