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Eine Anfängerin auf Segeltörn

In zwei Wochen von Warnemünde über Riga und Tallinn nach Helsinki

Der Regionalexpress nach Rostock fährt pünktlich in den Bahnhof Zoologischer Garten ein und bringt Manfred und mich in zwei¬einhalb Stunden an unser Reiseziel. In Warnemünde schleppen wir unser Gepäck zum Yachthafen. Dort liegt die „Pegasus“ von der Segelschule Hering aus Berlin am Kai: eine Bavaria 44, 13,95 m lang, 4,25 m breit und mit modernen Navigationsgeräten wie GPS und Radar ausgerüstet.


Die „Pegasus“ im Yachthafen von Warnemünde

 
Skipper Jan begrüßt die Crew. Frieder und Reinhard bringen ihr Gepäck an Bord und belegen die Achterkojen, Stephan verstaut seine Taschen in der mittleren, Manfred und ich belegen die Vorschiffkoje. Später unterhalten wir uns im Salon. Werden wir die geplante Route von Warnemünde nach Helsinki in zwei Wochen schaffen? Fünf erfahrene Segler und ich, die Anfängerin? Zum Glück weiß ich noch nicht, was auf mich zukommt. Doch der Reihe nach:

 
Zuerst muss Proviant gebunkert werden. Wer isst Müsli oder Brötchen zum Frühstück? Wer trinkt Kaffee oder Tee? Was kochen wir? Die anstehenden Fragen werden geklärt und mit zwei gemieteten Bollerwagen für den Transport kaufen wir Lebensmittel und Getränke ein. Am nächsten Morgen verlässt die „Pegasus“ den Hafen von Warnemünde. Der Notplan „Für alle Fälle“ (Wer bedient die Feuerlöscher? Wer lässt die Rettungsinsel bei Bedarf zu Wasser?) ist aufgestellt und die Sicherheits­einweisung erfolgt, die Kraftstoff- und Gasanlage und der Wasservorrat überprüft. Mit Motorkraft fahren wir an den zwei auf Molenköpfen stehenden Leuchttürme vorbei und es werden zum ersten Mal die Segel gesetzt. Der Skipper gibt klar und deutlich Anweisungen, die mit Eifer von den Männern ausgeführt werden. Heißt das Großsegel! Rollt die Genua aus! Holt die Backbord­schot dicht! Bei all diesen Begriffen schwirrt mein Kopf.

 
Plötzlich beginnen an Bord heftige Diskussionen. Welchen Hafen laufen wir an? Oder planen wir gleich am ersten Tag  einen Nachtschlag, wie die Segler das ununterbrochene Segeln über Nacht nennen? Der Skipper teilt schließlich die Wachen ein: Stephan und Frieder haben zwei Stunden Dienst und wechseln sich halbstündlich am Ruder ab, dann folgen Manfred und Reinhard, Jan, der erfahrene Skipper, und ich. Hatte ich mir so meinen Urlaub vorgestellt? Nachtwache? Doch dann stehe ich an Deck und der Skipper ist bei meinen ersten Steuerversuchen behilflich. Wir machen 7-8 Knoten Fahrt über die Ostsee bei Windstärke 5-6. Ganz schön heftig. Nach 25 Stunden erreichen wir Allinge auf Bornholm.

 
Am Tag darauf folgt bereits der zweite Nachtschlag. Starker Regen und kräftiger Wind begleitet die Crew nach Visby auf  Gotland in Schweden. Manfred weckt mich zu meiner Wache frühmorgens von 2 – 4 Uhr. Müde stehe ich auf und werde von einer Kojenwand zur anderen geschleudert. Huch, viel Seegang. Ich schlüpfe in den Segelanzug, der noch feucht ist, greife die nassen Handschuhe, die trotzdem ein bisschen den Regen abhalten werden und lege die Rettungsweste an. Jan steht am Ruder, uns peitscht der Regen ins Gesicht. Nach 32 Stunden erreichen wir endlich Visby.

 
Am 5. Tag geht der Törn nach Farösund, das Sprungbrett über die Ostsee. Wir verbringen einen Tag mit „lächerlichen“ acht Stunden segeln, Spinnaker setzen, Boje über Bord-Manöver üben und leichtem Wellengang. Es folgt ein Nachtschlag nach Roja in Lettland und schließlich erreichen wir Riga. In der Stadt kauft Stephan von der Bordkasse die Eintrittskarten für eine Stadt­führung. Wir bewundern das Schwarzhäupterhaus, das im 2. Weltkrieg abgebrannt war und erst vor einigen Jahren mit Millionenbeträgen wieder aufgebaut wurde, haben von dem Turm der Petrikirche einen wunderbaren Blick über die früher einfluss­reiche Hansestadt, die – bevor sie hinter dem Eisernen Vorhang verschwand – „Paris des Ostens“ genannt wurde, gehen am Dom, dem größten Kirchenbau des Baltikums, vorbei und stehen vor den „Drei Brüdern“, die ältesten Wohnhäuser aus Stein, das erste im 15. Jahrhundert erbaut.


Ausblick von der Petrikirche über Riga

 
Das nächste Ziel ist Pärnu, seit 1838 Kurort und heute offizielle Sommerhauptstadt Estlands. Haapsalu erreichen wir nach einem weiteren Segeltag. Vor dem Yachthafen liegen abgewrackte Schiffe und viel Schrott. Am Ufer steht ein baufälliger Wachturm. Dagegen ist die Grand Holm Marina ein Lichtblick, das Essen ausgezeichnet und der Wein gut temperiert. Hier besichtigen wir die Ruine der Bischofsburg, mit deren Bau in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts begonnen wurde. Während des „Livländischen Krieges“ (1558-1583) erlitt sie schwere Schäden. Bauarbeiten an der Burg werden auch heute noch fortgesetzt.

 
Nach dem 12. Tag auf See erreichen wir bei schönem Wetter Tallinn, die Hauptstadt Estlands. Dort pulsiert das Leben. Wir laufen durch die historische Altstadt, besichtigen die Domkirche, die Alexander-Newski-Kathedrale, ein Bauwerk aus der Zarenzeit mit Zwiebeltürmen, und stehen vor den „Drei Schwestern“. Diese Kaufmannshäuser wurden im 15. Jahrhundert erbaut. Übrigens ist die historische Altstadt – wie in Riga – UNESCO Weltkulturerbe. Und im Hafen erleben wir einen schönen Sonnenuntergang vor dem Emblem der Olympischen Spiele von 1980.

 


Emblem der Olympischen Spiele 1980 in Tallinn

An unserem letzten Tag an Bord der „Pegasus“ verlassen wir früh den Hafen von Tallinn in Richtung Finnland. Die See ist ruhig und die Sonne scheint. Wir setzen Segel. Die Fähren Tallinn – Helsinki überholen uns. Der Hubschrauber über uns fliegt diese Strecke in 20 Minuten, wir sind sieben Stunden unterwegs. Von weitem erkennen wir den markanten Dom von Helsinki und fahren nach Erledigung der Einreiseformalitäten in den Yachthafen der finnischen Hauptstadt ein.

Zum Abschluss des Törns überreicht der Skipper jedem Crewmitglied feierlich eine Bescheinigung. „Wir haben in elf Segeltagen 999 Seemeilen zurückgelegt“, sagt er. „Eine kleine Meisterleistung und für einige das „Tor“ zum Sportseeschifferschein.“ Und schmunzelnd fügt er hinzu: „Für die 1000 hätten wir noch eine Hafenrunde drehen müssen.“ Ich blicke in die strahlenden Gesichter der Männer und halte stolz meine Bestätigung in der Hand. Dann danke ich allen für ihre Unterstützung und Hilfe an Bord während meines ersten Segeltörns. Ich weiß jetzt, was stehendes und laufendes Gut ist, kenne die Schoten und kann die Winsch bedienen. Anschließend bringen wir die „Pegasus“ auf Vordermann. Die Kojen müssen gesäubert, die Pantry geputzt, der Salon gewischt und das Schiff von außen geschrubbt werden. Die Wege der Crew trennen sich von nun an und Skipper Jan erwartet die nächste Besatzung. Tschüss! Wir winken zum Abschied. Der Taxifahrer, ein kleiner „Mika“, bringt uns in rasanter Fahrt zum Flughafen. Unterwegs frage ich Manfred: „Wie viele Seemeilen bringt eigentlich eine Atlantiküberquerung?“

© Copyright für die drei Fotos M. Tschach

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