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Erinnerungen

Der 17. Oktober 1938 sorgte in unserem Hause für ein aufregendes, aber auch freudiges Ereignis. An diesem Tage brachte mich Mama, 44-jährig, zu Hause zur Welt. Papa war sehr stolz, mit 52 Jahren noch einmal Vater geworden zu sein. Lydia sollte ich heißen. Das wünschte sich Mama- und Papa stimmte zu.. Papa ging tags darauf los, um mein Dasein beim Rathaus anzumelden. Er muss auf dem Weg dorthin irgendwo Station gemacht haben; denn als der Beamte ihn fragte, welchen Namen ich tragen sollte, hatte er Lydia vergessen und sagte nur in seinem rheinischen Dialekt: „ Dat Kind heißt – Helja –“. Meine Mama war enttäuscht. Ich auch! Charlotte hätte mir gefallen, Charlotte klingt so harmonisch, so edel. Mich hat ja keiner gefragt. Ich wuchs als Nachkömmling sehr geliebt auf. „Du bist mein letzter Mohikaner“ , so nannte mich Papa immer, sah mich liebevoll an und drückte mich an sich. Dies’ zeigte er aller Welt. Papa kannte ich nur krank. Er hatte schweres Herzasthma, so hörte ich es als Kind immer wieder. „Die Kupferhütte bläst wieder,“ sagte er, wenn wieder einmal der Schornstein dieser Hütte gelblichen Qualm ausstieß und ganz Duisburg verpestete. Papa hustete dann so stark, dass seine Adern am Hals und an den Armen dick wie Telefonkabeln hervorquollen und sein Gesicht sich krebsrot verfärbte. Ich hatte immer Angst, er könnte ersticken. Es war nicht immer leicht, ältere und kranke Eltern zu haben, aber auch sie machten sich große Sorgen um mich. Oft hörte ich sie sagen: „Hoffentlich kriegen wir sie noch groß.“ Sein letzter Mohikaner ist groß geworden und heute siebzig Jahre alt. Vielleicht war ich sein letztes, großes Abenteuer. Lederstrumpf hatte ihn wohl zu meinem Kosenamen animiert. Als Papa 1955 starb, war ich 16 Jahre alt. Ich hätte ihn noch so gebraucht. Nach seiner Beerdigung begegnete mir auf der Einkaufsmeile die Mutter einer Schulfreundin. Sie reichte mir die Hand und sagte: „Herzlichen Glückwunsch.“ Ich konnte es nicht fassen und schon flossen Tränen. Sie hatte ihren Irrtum nicht bemerkt.

Noch heute denke ich manchmal darüber nach, war es nur ein Versprecher oder eine Floskel? Einmal lief vor mir ein Mann, ich sah seine Gestalt, seinen Hinterkopf, seinen Gang und dachte: „ Da läuft Papa.“ Ich musste ihn überholen, drehte mich um und schon füllten sie meine Augen erneut mit Tränen.  In dieser schweren Zeit besuchten Mama und ich, Papas jüngeren Bruder Anton. Ich kannte ihn nur von Bildern. Ähnlichkeit mit Papa konnte ich darauf nicht erkennen. Als ich vor ihm saß, beobachtete ich, wie er seine Hand auf die Sessellehne legte. Es war Papas Hand und seine Geste. Ich stand auf, ging auf ihn zu und sagte zu ihm: „Onkel Anton, darf ich dich umarmen?“ Du erinnerst mich so sehr an Papa!“ Schon weinte ich wieder. Gott sei Dank hatte ich ja noch Mama. Sie war so stark, dass ich immer glaubte, sie sei unsterblich. Hatte ich sie nach Papa ja noch zwanzig Jahre.  

Es kam der erste Muttertag 1955 nach Papas Tod. Mein frischvermählter Bruder kam mit seiner jungen Frau zum Kaffee. Er war zehn Jahre älter als ich und glaubte, er müsse jetzt meine Erziehung übernehmen. „Backfische sind nicht gerade einfach“, sagte er und dachte sicher dabei auch an seine Frau. Martha und ich waren gleichaltrig. Mama deckte den Tisch und legte jedem von uns ein Sahneteilchen auf den Teller. Ich saß meinem Bruder gegenüber. Er neckte mich ununterbrochen, indem er mit seiner Kuchengabel ständig in mein Sahneteilchen stieß. Ich bat ihn aufzuhören; denn mein Teilchen sah schon aus wie ein zerlaufener Camembert. Er grinste und machte weiter wie ein unreifer Schüler. Ich sah rot, nahm das Sahneteilchen in die Hand und warf es ihm mit Wucht ins Gesicht. Leider verfehlte ich das Ziel und es landete auf  seinem teueren Hochzeitshemd. „ Oh’ Gott, was hatte ich getan?“ Mein Bruder wurde purpurrot vor Wut und ich suchte das Weite. Ich versteckte mich hinter einem großen Ohrensessel. Er verfolgte mich. Aber da kannte er Mama schlecht. Sie stellte sich wie eine – Jeanne d’ Arc – zwischen uns und sagte:„Du rührst sie nicht an, du hast Schuld!“ So blieb ich, dank Mama, vor Ohrfeigen verschont. Was so friedlich an Mamas „Ehrentag“ begann, endete im Streit und über mehrere Stunden mit Funkstille, bis Mama lachte und alles wieder ins Lot brachte.                                                                                                                  

Mama achtete sehr darauf, dass ich meine Lehre als Kontoristin auch beendete, trotz manch’ lustloser Zeiten. „Du musst unabhängig von einem Mann sein“, sagte sie. Auch adrett sollte meine Erscheinung sein. So schickte sie mich, wenn es wieder nötig war, zum Friseur. Ich hasste Friseursalons, dieses Gefummel an meinem Kopf und  lange stillhalten waren nicht mein Ding. Der Friseur war ein Nachbar in unserer Straße. Er war von zierlicher Gestalt mit einem Oberlippenbärtchen à la Clark Gable, glattem, mittig gescheiteltem Haar, in Pomade eingelegt. Er komponierte mir einen kurzen Pagenschnitt. Es war seine Art, so zu sprechen. Wenn er seine Komposition beendet hatte, sagte er jedes Mal „Jetzt siehst Du aus wie Asta Nielsen!“ Ich wollte aber nicht aussehen wie Asta Nielsen, seinem Stummfilmidol, sondern wie Helga, meinetwegen auch wie der letzte Mohikaner, nur um Himmelswillen nicht wie Asta Nielsen, aber auch nicht so geleckt wie sein Schädel. Mein Kopf war nach jedem Besuch bei ihm immer kleiner geworden. Mama sagte nur: „Sauber!“ Irgendwann hatte ich dann meinen geliebten Pferdeschwanz, den ich auch heute noch trage. Graumeliert ist er geworden, doch ich liebe ihn.   Da ich dazu einen Pony trage, lasse ich diesen gelegentlich kürzen, aber nicht bei „Clark Gable“. Heute lache ich oft über diese kleinen Erlebnisse und fühle mich pudelwohl in meiner Haut.

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