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Hommage an einen Unbekannten

Sie liess es dreimal klingeln, bevor sie durch den lichtlosen Korridor trippelte, um die Tür zu öffnen. Sicher wollte ihr jemand zum Geburtstag gratulieren. Unnötigerweise. Diesmal war es der Hausmeister. Mit seinem weissen Blumenstrauss folgte er vielleicht nur der saisonalen Ton in Ton Mode, doch für empfindsame Gemüter bedeutete Weiss auch Kondolenzbesuch und Grabbschmuck. Jedenfalls war sie nicht überrascht, als er plötzliche flötete: "Sie dürfen mich nicht missverstehen, Fräulein Leonie, aber in Ihrem Alter muss man vorsichtig sein." Sie missverstand ihn ganz und gar nicht: "Wenn Frauen in meinem Alter stürzen, dann brechen sie sich immer gleich die Knochen. Und deshalb.

Er strahlte sie an: "Oberschenkelhalsbruch."

Geschäftig kramte er in seiner Westentasche und hielt ihr eine Broschüre unter die Nase: "Ich hätte da eine Adresse - ein gut geführtes Haus und gar nicht teuer." "Geben Sie her!"

Sie streckte die Hand nach dem Paradies aus, nicht, weil es sie interessierte, sondern weil sie wusste, dass sie den Hausmeister dann los sein würde.

"Ich werde es mir überlegen", sagte sie und leierte brav die Anschrift des Altersasyls herunter.

"Zögern Sie nicht zu lange, Fräulein Leonie, die Plätze sind beschränkt."

Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, warf sie den Prospekt zu Boden und zertrampelte ihn mit einem Trauermarsch. Da Tanzen schon immer ihre Leidenschaft gewesen war, legte sie gleich die passende Musik dazu auf: Einmal Korridor hin, einmal Korridor zurück. Keine Show fürs grosse Publikum, doch eine Darbietung ohne Sturz.

Etwas atemlos und mit geröteten Wangen sah sie sich in ihrer Wohnung um: Auffällig waren nur die Bilder an den Wänden, farbintensiv und harmonisch, Kunstwerke, die er vor langer, langer

Zeit geschaffen und mit Kurt signiert hatte. Sie waren damals verlobt gewesen, und er hatte ihr versprochen: "Sobald ich mein erstes Bild verkaufe, heiraten wir."

Doch dazu war es nicht gekommen, denn er hatte sein erstes Bild nie verkauft. Für den armen Schlucker, der nachts bei der Securitas arbeitete und tagsüber malte, hatte sich nie ein Käufer erwärmt. Und so war Kurt erfroren. In einer eiskalten Januarnacht. Ob aus Unachtsamkeit oder aus Traurigkeit war nicht Gegenstand der Ermittlungen gewesen.

Leonie hatte sein Andenken in all den Jahren heilig gehalten. Doch was würde letztlich aus den Preziosen werden, wenn sie sich auch aus dem Leben stahl? Würde man sie der Müllabfuhr übergeben? Das durfte nicht sein!

Nach ein paar schlaflosen Nächten startete sie ihren Job im Kurt Maus Museum. Sie trug ein Kleid aus blassblauem Leinen, das zu gross für sie wirkte. Souverän ergänzte sie mit diesem Kolorit die Sammlung, füllte Lücken, mauserte sich zum Spiegelbild der Gemälde, die für ihre Blautöne berühmt geworden waren. Manch ein Besucher, der über die Art ihrer Substanz im Zweifel war, berührte die weisshaarige Zerbrechlichkeit, um sogleich erschrocken zusammenzuzucken und sich mit einer vagen Entschuldigung davonzuschleichen, denn er hatte nicht Porzellan, sondern Leben gespürt.

Der hundert Millionen teure Bau des Museums, der sich aussen spektakulär, innen doktrinär gab, war erst vor kurzem eröffnet worden. Zum fünfunddreissigsten Todestag seines Protagonisten. Leonie hätte ihn vermutlich nie betreten, wenn ihr seliger Verlobter nicht zufälligerweise Kurt geheissen hätte. Kurt der Kleine, im Gegensatz zu Kurt Maus, dem Grossen. Dass Kurt Maus in der richtigen Wiege geboren und von Kind auf in seinen künstlerischen Bestrebungen unterstützt, später gesponsert worden war, konnte jeder der wollte, in seiner Biografie nachlesen. Doch solche Dinge interessierten niemanden. Massgebend war nur der Weltruhm, der im einundzwanzigsten Jahrhundert mit Rotrospektive seiner Abstraktionen erneuert und für künftige Generationen erhalten bleiben sollte. Die Aufgabe des Renommiergebäudes bestand aber nicht nur in der Präsentation, sondern auch in der Erschliessung seiner Objekte. Notwendigerweise. Galt es doch, die alles überragende Bedeutung des künstlerischen, pädagogischen und theoretischen Schaffens eines Kurt Maus im gesellschaftlichen Zusammenhang seiner Zeit zu analysieren. Mit ihren wissenschaftlichen Interpretationen dürfte sich die monografische Institution rasch zu einem weltweiten Kompetenzzentrum entwickeln, insbesondere was die Erforschung der Darstellung des Überpflanzlichen und des Untertierischen anbelangt.

Um das geistig den Kosmos durchdringende Oeuvre jedermann, auch dem einfachen Bürger zugänglich zu machen, wurden auf dem Level der Tiefgarage Kreativstudios eingerichtet. Dort konnten Gestaltungstechniken in Maus Manier erlernt und konsequent umgesetzt werden.

Leute, die keine Aktivität suchten, sich jedoch in angemessener Atmosphäre entspannen wollten, wurden auf die Hauskonzerte hingewiesen. Die Musiker des Kurt Maus Orchesters zeichneten sich durch eine klare Linie in der Programmierung und durch eine unverwechselbare Handschrift aus. Aber auch Theatergruppen, die sich auf den Maler bezogen, bestachen im Auditorium mit ihren Arbeiten.

Für auswärtige Besucher wurden Mausspuren gelegt. Die nach Werktiteln des Künstlers markierten Wege und Strassen führten vom Hauptbahnhof direkt zur Ausstellung. Mit dieser Namensgebung ehrte die Stadt ihre grosse Maus auf eine sehr persönliche Weise.

Wer nach den zahlreichen Würdigungen und Events der Meinung war, man habe des Guten zu viel getan, der täuschte sich, denn noch immer war das Rätsel der berühmten Blautöne nicht gelöst. Weder die chemische Zusammensetzung noch die charakteristische Ausdruckskraft konnten mit irdischen Gesetzen allein erklärt werden. Und so blieben sie weiterhin Gegenstand gewagter Spekulationen. Dass sich in dieses unvollständige Puzzle nun auch noch eine blauäugige Greisin einfügte, erstaunte deshalb niemanden. Die Luftige, die eines Tages hereingeweht kam und stundenlang im Raum schwebte, genoss von Anfang an die Akzeptanz einer Muse.

Vielleicht, weil ihre Durchsichtigkeit verletzte. Ihr blasses Blau setzte dennoch Akzente und belebte jene Bilder, mit denen sie sich gerade assoziierte. Sie schien eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration, eine mystische Figur zu sein. Blau-Nuancen wie Larimar, Nepalmohn oder Husky erhielten erst durch sie ihren tieferen, ihren wahren Sinn. Sie musste den begnadeten Maler gekannt haben, eine Zeitgenossin von ihm gewesen sein. Möglicherweise teilte sie auch sein Geheimnis, das er in die Ewigkeit mitgenommen hatte, sie, die dem Himmel näher stand als der Erde.

Und da sie dem Himmel eines Morgens sehr nahe stand, noch näher als sonst, stürzte sie ab. Ob sie sich dabei den Oberschenkelhalsknochen brach oder nicht, war nicht mehr relevant, denn ihr Herz hörte augenblicklich auf zu schlagen. Vermutlich waren die Anstrengungen der letzten Wochen zu viel für sie gewesen. Der Hausmeister fand die Tote im Korridor ihrer Wohnung. Da sie keine Angehörigen mehr hatte, wurde sie irgendwo beigesetzt. Allerdings dürfte dies nur die halbe Wahrheit sein, weil in jenem Irgendwo alte Gräber aufgehoben wurden; und so wollte es der Zufall, dass sie in dieselbe Erde zu liegen kam, in der zuvor ihr seliger Verlobter gelegen hatte. Doch eine so romantische Geschichte passt nicht in den vorgesehenen Rahmen.

Viel wichtiger ist der Fakt, dass man sie im Maus Museum ver-misste. Sie, die als einzige die abstrakten Formen konkretisierte, war plötzlich nicht mehr da. Man wartete auf sie. Vergeblich. Boulevard-Blätter, die bekanntlich einen Riecher für Verschwundenes haben, fanden schliesslich den Grund für ihre Abwesenheit heraus. In gewohnt vorwitziger Weise titelten sie: "Maus Modell gestorben."

Damit sprachen sie aus, was andere nur dachten; dass nämlich dieses weihrauchblaue Wesen vor nebligen Zeiten die Geliebte eines Kurt Maus gewesen sein musste. Um die Familie des Genannten zu schonen, wurden die Medien angehalten, taktvoll mit dieser Offenbarung umzugehen. Trotzdem gab es ein paar Unentwegte, die

Leonies letzte Ruhestätte mit Blumen schmückten und nach längst verwischten Spuren suchten. Je weniger man über ihre Person wusste, desto mehr fesselte sie.

Als man in ihre Wohnung vordrang und die Preziosen entdeckte, die alle mit Kurt signiert waren, schien die Sensation perfekt zu sein. Die drei K’s - Kunstkenner, Kritiker und Kuratoren - bestätigten deren Echtheit und zeigten sich erfreut, eine neue, sehr intime Facette des brillanten Malers kennen gelernt zu haben.

Dass die Bilder ein hohes künstlerisches Niveau aufwiesen, bestreitete nämlich niemand. Einige hielten sie gar für Meisterwerke. Sie mussten ein Geschenk an die heimliche Geliebte gewesen sein. Davon zeugte das schlichte, aber kräftige Kurt. Dank einer Fügung Fortunas konnte dieses Vermächtnis endlich aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und an seinem rechtmässigen Platz im Maus Museum zur Schau gestellt werden. Die Welt wurde dadurch reicher.

Mit dieser überraschenden Wende dürfte auch die Kontroverse um Blau- und andere Maustöne vom Tisch sein. Sie hatten ihren Ursprung, wie hinlänglich bekannt, im Schoss einer schönen Frau.

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