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Meister Abraham zwischen Webstuhl und Ratsstube

Historischer Roman

Erstes Kapitel

Knarrend mahlten die Räder des Ochsenkarrens durch den Sand des Waldweges. Es war später Nachmittag und die Bäume warfen schon lange Schatten auf den Weg. Die Schatten linderten etwas die Hitze des Spätsommertages. Der Karren war unbeladen. Der Ponsdorfer Bauer befand sich auf dem Rückweg vom Amt in Dobrilugk, wo er Getreide abgeliefert hatte. Als der Weg am Hennersdorfer Berg leicht anstieg, verließ er den Karren. Er war nicht allein. Auf seinem Karren saß ein Fahrgast. Der Bauer wusste nicht so recht, wofür er ihn halten sollte. Es könnte ein wandernder Handwerksbursche sein, aber er war gekleidet wie ein Kaufmann aus der Stadt. Er trug eine dunkle, wadenlange Schlumperhose mit leichtem Überfall unterm Knie, zusammengebunden mit einer roten Schleife. Die Seitennähte waren mit Knöpfen verziert. Das offene Wams besaß Schlitze, darüber trug er eine gefältelte Halskrause. Sein längeres Haar war gelockt und bedeckte die Ohren. Darüber saß ein dunkler Filzhut mit breiter, flacher und geschwungener Krempe, ein Rubenshut, wie er jetzt vor allem in den Niederlanden modern war. Der kurze Knebelbart vervollständigte den Eindruck der Vornehmheit. Der Fremde hatte sich dem Bauern nicht vorgestellt. In Kirchhain hatte er ihn gefragt, ob er nach Finsterwalde mitfahren dürfe. Nach kurzer Musterung hatte dieser ihn mitgenommen. Man musste in dieser Zeit vorsichtig sein. Es war viel Gesindel unterwegs. Aber der junge Mann sah vertrauenerweckend aus. Während der Fahrt war er schweigsam.
Kurz vor dem Waldrand hielt der Bauer die Ochsen an und wandte sich an seinen Fahrgast: „Ich fahr´ jetzt hier links über die Schäferei. Der Weg is’ kürzer. Wenn Ihr grade zu aus´m Wald kommt, is’ es nich’ mehr weit.“

Der Fremde nickte. Er sprang vom Karren und dankte dem Bauern. Dann nahm er sein Gepäck und schritt kräftig aus. Er schien es plötzlich eilig zu haben. In der Ferne erkannte er die Stadt. Die Silhouette war ihm vertraut. Der Wanderer war Abraham Koßwig, ein Finsterwalder Tuchmachergeselle, der von der Wanderschaft zurückkehrte. Er hatte die Heimat mehr als fünf Jahre nicht gesehen. Abraham wusste nicht, was ihn zu Hause erwartete. Die Post war lange unterwegs. Den letzten Brief von seinem Vater hatte er im Frühjahr dieses Jahres in Brügge erhalten. Ob seine Eltern gesund waren? Und was machten seine Geschwister? Links des Weges lag der Galgenberg. Hier hatte er als Junge oft mit seinen Freunden gespielt, als Halbwüchsiger sogar einmal um Mitternacht unter dem Blutgerüst, an dem ein Räuber hing. Es war eine Mutprobe. Er erkannte den großen Turm neben dem Rathaus, später dann die Kirche und das Schloss. Auch die sieben Windmühlen nördlich der Stadt drehten wie eh und je ihre Flügel. Nicht weit vom Kuhtor lag der Friedhof, ihm gegenüber das Hospital. Der heimkehrende Wandergeselle kam an das Stadttor. Es war geschlossen. Das kam ihm sehr ungewöhnlich vor. In Friedenszeiten war das Tor früher bis zum Eintritt der Dunkelheit offen gewesen. Er war schon bemerkt worden. Der Kopf eines Wächters erschien am Fenster der Wachstube.
Er musterte den Einlassfordernden streng: „Wer seid Ihr und was führt Euch in die Stadt?“
Diesem kam die Stimme des Stadtwächters bekannt vor. Dann erkannte er ihn. Es war Georg Nitschke, ein junger Klempnermeister aus der kleinen Ringgasse.
„Georg, erkennst du mich nicht?“
Der Wachhabende betrachtete den Ankömmling genauer: „Abraham Koßwig?“
„Der bin ich.“
Der Wächter schloss die schmale Pforte am Tor auf und ließ ihn ein.
„Woher kommst du, Abraham?“
„Aus dem Flandrischen und von der christlichen Seefahrt“, entgegnete der Tuchmachergeselle. „Warum ist denn das Stadttor geschlossen?“
„Die Zeiten sind unruhig. Es gibt viele Gerüchte über marodierende Söldner. Da hat der Rat die Schließung des Tores angeordnet.“
„Weißt du, was meine Familie macht?“, erkundigte sich Abraham.
„Denen geht es gut, soviel ich weiß“, war die Antwort des Wächters.
Abraham war beruhigt. Er verabschiedete sich und strebte dem Kirchplatz zu – dem Haus seines Vaters. Sein Vater, der angesehene Bürger, Tuchmacher- und Bürgermeister, Gallus Koßwig, besaß ein stattliches Fachwerkhaus mit zwei Stockwerken. Die Fensterläden waren wegen der sommerlichen Wärme geschlossen. Es sah aus, als ob niemand zu Hause wäre. Klopfenden Herzens stand Abraham vor seinem Vaterhaus. Bevor er eintrat, öffnete sich die Haustür. Seine Mutter Sabina kam aus dem Haus. Sie bemerkte ihn nicht gleich. Abraham konnte sie in Ruhe betrachten. Sie war in den Jahren seiner Abwesenheit gealtert. Die Falten im Gesicht waren tiefer geworden, das Haar grau und der Rücken gebeugt. Sie trug die übliche Kleidung der älteren Frauen: eine dunkle Bluse mit einem bunten Tuch um den Hals und einen langen Rock, darunter selbstgestrickte Wollstrümpfe. Jetzt bemerkte sie Abraham, erkannte aber ihren Sohn nicht gleich. Die Sonne blendete sie.
Abraham ging auf sie zu und gab sich zu erkennen: „Mutter! Ich bin es.“
Mutter und Sohn umarmten sich.
„Bub, bist du endlich da?“, stammelte sie.
Die Wiedersehensfreude übermannte seine Mutter. Beide hatten feuchte Augen. Sie gingen ins Haus. Im Hausflur begrüßten ihn verlegen seine jüngeren Geschwister. Er war für sie ein Fremder.

Sein Vater war nicht zu Hause. Er kam erst am Abend und erfuhr schon von seinen Nachbarn, dass sein Sohn zurückgekehrt war. Er schloss Abraham in seine Arme und betrachtete ihn aufmerksam: „Gut siehst du aus. Wie ein Herr. Dir werden alle Mädchen der Stadt nachlaufen.“
Dann besann er sich: „Aber, was rede ich. Frau, hole den Schnaps. Wir wollen auf Abrahams Heimkehr anstoßen. Dann soll er erzählen.“
„Ich will erst die Geschenke auspacken“, schlug Abraham vor.
„Gut, deine Geschwister sind bestimmt schon neugierig.“
Abraham packte aus. Seinem Vater schenkte er eine Taschenuhr – ein Nürnberger Ei. Der freute sich sehr, gab es in Finsterwalde doch noch keinen Bürger mit einer Taschenuhr. Dazu bekam er eine Kiste kubanische Zigarren. Seiner Mutter brachte er zu ihrer großen Freude einen schwarzen Schleier aus geklöppelten Brüsseler Spitzen mit, wie ihn keine Frau in ihrer Bekanntschaft besaß. Seine Brüder erhielten solide geschmiedete Messer und seine Schwestern Ketten, Ringe und anderen Schmuck. Am Naschwerk erfreute sich die ganze Familie.
Sein Vater war schon neugierig und wurde ungeduldig: „Erzähl’ doch endlich.“
Abraham begann: „Ich wanderte im ersten Vierteljahr bis ins Bergische Land - nicht weit von Köln, wo ich eine Arbeitsstelle bei einem guten Tuchmachermeister fand, bei dem ich ein ganzes Jahr blieb, bevor ich weiterwanderte. Auf dem Weg dorthin arbeitete ich bei manchem Meister einige Wochen, um für die weitere Wanderschaft Zehrgeld zu verdienen. Eure Wegzehrung sparte ich mir für Notzeiten auf. Gelernt habe ich in den ersten Monaten auf meiner Wanderschaft nicht viel.“
„Und wie war es später?“, wollte der Vater wissen.
„Nach dem Jahr im Bergischen reizte es mich nach Flandern zu tippeln. Die Hälfte des Weges von Finsterwalde aus hatte ich ja schon hinter mir. Ich dachte daran, dass die Flandern gute Handwerker sind und die Tuchmacherei schon vor Jahrhunderten nach Finsterwalde gebracht haben. Den besten Ruf hatte Brügge und dort wollte ich hin. Ich war von der Größe der Stadt und ihrer Schönheit überwältigt. Gegen Brügge ist Finsterwalde ein armes Dorf. Besonders herrlich ist der Marktplatz mit den hohen Zunfthäusern und dem Belfried. Auch der Burgplatz mit dem gotischen Rathaus ist sehr schön – überhaupt, die ganze Stadt gefiel mir. Ich nahm nicht gleich am ersten Tag eine Arbeit an. Erst habe ich mich unter den Tuchmachergesellen umgehört, bevor ich einen Meister um Arbeit ansprach. Der erste nahm mich gleich und nach einer Probezeit blieb ich die restlichen Jahre bis zum Ende meiner Wanderschaft bei ihm. Meister Broydel war einer der ersten Zunftmeister von Brügge. Weil ich geschickt und fleißig war, stieg ich bald zu seinem ersten Gesellen auf. Der Meister war oft als Tuchhändler unterwegs – auch wochenlang im Ausland.“
„Da warst du wohl ziemlich selbständig?“
„Ja, Vater. Ich besaß sein Vertrauen. Nach einiger Zeit nahm er mich auf seine Reisen mit. Ich wusste damals noch nicht, warum. Niemand außer seinem Arzt war bekannt, dass er sehr krank war. Als er nicht mehr reisen konnte, musste ich ihn im Ausland vertreten. Ich verbrachte oft viele Monate auf See. Meister Broydel besaß einen eigenen Segler. Ich war oft in England, segelte aber auch um Dänemark herum nach Russland bis nach St. Petersburg. Von dort aus fuhr ich auf dem Landwege nach Nowgorod. Vor einem halben Jahr starb der Meister und ich machte mich auf den Heimweg.“
„Was hast du hier vor?“, drang der Vater in Abraham. „Ich kann einen guten Gesellen gebrauchen. Aber, du weißt, dass dein Bruder die Werkstatt leitet.“
„Das stört mich nicht. Ich möchte bald mein eigener Meister werden. Das Geld für ein Haus habe ich beisammen. Ich habe im letzten Jahr mit Erlaubnis des Meisters im Ausland auch auf eigene Rechnung gehandelt. Bis dahin arbeite ich gern in deiner Werkstatt.“
Der Vater entschied: „Gut. Es ist Zeit, schlafen zu gehen. Mutter wird dir schon ein Lager bereitet haben.“
Er sah seine Frau an. Sie nickte.
„Morgen wirst du dir bestimmt erst einmal unser Städtchen ansehen wollen und deine Freunde besuchen.“
„Ein paar hübsche Mädchen haben auch schon nach dir gefragt“, warf die Mutter ein.
Abraham lachte. Kurze Zeit später lag das Haus im Dunkeln.

Es war früh am Morgen. Die Herbstsonne ging auf und ihre Strahlen verbreiteten Wärme. Auf dem Gut des Hüfners Brednow war schon emsiger Betrieb. Das große Hufengut lag mitten in der Stadt, dort wo sich lange und Schlossgasse am Markt trafen. Gegenüber dem Ostgiebel des Rathauses stand das zweistöckige Wohnhaus, unten massiv, oben Fachwerk. Das Haus fiel dem Passanten durch die reichgestaltete, gewölbte Einfahrt mit den seitlichen Sitznischen und den beiden großen Steinen als Radabweiser auf. Das Tor stand offen. Auf dem Hof standen beidseitig die großen Ställe und Wirtschaftsgebäude. An den Hof schloss sich ein Garten an. Die Scheune stand wegen der Feuergefährlichkeit auf dem Scheunenfleck vor dem Kuhtor – zusammen mit den Scheunen der anderen Besitzer der Hufengüter. Hüfner Brednow kam mit der vollen Mistkarre aus einem der Ställe. Der große Misthaufen lag mitten im Hof. Der warme Mist dampfte und verbreitete seinen durchdringenden Geruch bis auf den Markt. Den Bauern störte der Geruch nicht. Er war ihn gewohnt. Die Hühnerschar lief gackernd über den Hof, scharrte im frischen Mist und suchte nach Würmern. Der Hahn bewachte eifersüchtig seine Hennen. Hin und wieder setzte er sich flatternd auf eine der Hennen und frönte seinem Vergnügen. Der Hüfnersohn Martin, ein junger Mann Mitte zwanzig, führte zwei Pferde auf den Hof und schirrte sie an den Ackerwagen. Martin war groß und kräftig und als zukünftiger Erbe eine gute Hilfe für seinen Vater. Er war bei den Mädchen beliebt. Das blonde Haar trug er halblang und einen gepflegten Vollbart. Manche von seinen Verehrerinnen würden gern in das Hufengut einheiraten. Er ließ sich aber Zeit mit dem Heiraten. Während sein Vater den Stall entmistete, fuhr Martin mit dem Pferdewagen aufs Feld in der Hüfnerfeldmark ‚Hinterm Altdamm’, um Futterrüben zu ernten.

Wer durch das Kuhtor aus der Stadt trat, Scheunen und Hospital passierte, vor dem lagen die Felder mit den, an den Feldwegen stehenden, sieben Windmühlen. Nach dem Getreidedrusch herrschte in allen Mühlen Hochbetrieb. Eine der Bockwindmühlen gehörte dem Müllermeister Miertzsch. Er wohnte mit seiner Familie auf dem Mühlengrundstück in einem kleinen Häuschen. Müller Miertzsch und sein ältester Sohn arbeiteten schon seit dem Morgengrauen in der Mühle. Seine Frau weckte Georg, der als zweitältester Sohn des Müllers in der Stadt als Tuchmacher arbeitete. Es stand seit Jahren fest, dass der älteste Sohn einmal die Mühle übernehmen würde. Das war gut so. Denn Georg war nicht nur der jüngere, sondern auch von kleiner Statur und trotz seiner vierundzwanzig Jahre nicht sehr kräftig. Ihm wäre es sehr schwergefallen, die Getreide- und Mehlsäcke zu tragen. Georg war kein schöner Mann. Er besaß ein breites Gesicht und einen großen Kopf. Sein Haar war rotblond und er wurde als Kind schon immer von seinen Schulkameraden gehänselt: „Rotfuchs, die Heide brennt, siehst du, wie der Teufel rennt.“ Seine neunzehnjährige Schwester Mathilde war auch schon wach und half der Mutter bei der Hausarbeit. Als die Uhrglocke vom Rathausturm die sechste Morgenstunde schlug, machte sich Georg auf den halbstündigen Weg zur Arbeit in der Stadt.

Am Tag nach seiner Heimkehr stand Abraham spät auf. Er freute sich, wieder zu Hause zu sein. In der Werkstatt des Vaters wurde schon seit Stunden gearbeitet. Abraham wusch sich wie üblich mit nacktem Oberkörper im Sandsteintrog auf dem Hof. Er liebte das Gefühl, wenn einem nach dem kalten Wasser wohlig warm wurde. Koßwigs besaßen einen eigenen Brunnen. Den besaßen nicht viele Hausbesitzer. Die meisten mussten ihr Wasser von den stadteigenen Brunnen holen, wo sich vor allem die Frauen zum Plausch trafen. Abraham stutzte seinen üppigen Bart und kleidete sich sorgfältig für seinen Gang durch die Stadt. Das neue Wams aus Brügge stand ihm gut. Seine Mutter hatte ihm schon das Morgenmahl gerichtet. Auf dem Tisch standen selbstgebackenes Weizenbrot, Wurst und Schinken aus dem Rauchfang vom letzten Schweinschlachten und ein Krug selbstgebrautes Bier.
„Wie ich sehe, geht es euch nicht schlecht, Mutter“, stellte Abraham fest.
„Das stimmt. Wir haben keinen Grund zum Klagen“, gab die Mutter zu.
„Und der Krieg?“
„Der ist weit weg.“

Nachdem sich Abraham gestärkt hatte, ging er aus dem Haus, um sich das Städtchen anzusehen. Sein erster Gang führte ihn zur Schule gegenüber der Kirche. Die Schule war eines der schönsten Gebäude in der Stadt. Der Schlossherr von Dieskau hatte sie vor über fünfzig Jahren bauen lassen. Das Obergeschoss war ein einziger großer Raum. Als die Kirche im vorigen Jahrhundert umgebaut wurde und nicht genutzt werden konnte, war in der Schule Gottesdienst. Seitdem hieß die Schule bei vielen Bürgern ‚die kleine Kirche’. Abraham dachte gern an die Schulzeit und die Freunde zurück. Abraham Koßwig war ein guter Schüler gewesen. Die Hauptfächer während seiner Schulzeit waren Schreiben, Rechnen und Katechismus. Abraham schlenderte weiter. In der Stadt hatte sich in den Jahren seiner Abwesenheit kaum etwas verändert. Die Häuser am Markt waren immer noch so klein wie früher – nur zwei Stockwerke hoch. Im Vergleich zu Brügge, wo er viele Jahre gelebt hatte, war Finsterwalde ein Dorf. Das Rathaus war von außen frisch getüncht worden und auch die Kirche hatte einen neuen Anstrich. Sonst sah alles wie vor fünf Jahren aus, als er auf Wanderschaft ging. Abraham erregte Aufmerksamkeit. Nicht nur seine Kleidung, auch sein Auftreten war großstädtisch. Mancher Passant grüßte ihn. Aber nicht alle Bekannten, denen er begegnete, erkannten ihn sofort. Aus dem Jüngling war in der Fremde ein stattlicher Mann geworden. Die See hatte sein Gesicht braun gebrannt. Sein Gang durch die Stadt hatte anfangs kein bestimmtes Ziel. Unbewusst stand er vor dem Hüfnergut Brednow. Abraham ging durch das offene Tor und fragte nach Martin – seinem Freund aus der Burschenzeit. Martin erkannte ihn natürlich sofort. Er klopfte ihm auf die Schulter.
„Abraham, bist du es wirklich? Ich dachte schon, du hast in der Fremde eine reiche Meisterstochter gefreit und kommst gar nicht mehr nach Finsterwalde zurück. Erzähle.“
„Das wollen wir uns für heute Abend aufheben, Martin. Treffen wir uns im ’Stern’?“
„Gut. Ich bin um acht da“, stimmte ihm Martin zu. „Vielleicht kommt Gregor mit. Ihr seid doch noch befreundet?“
„Ja, wir treffen uns mindestens einmal in der Woche. Wir haben oft von dir gesprochen. Außerdem bin ich mit seiner Schwester Mathilde so gut wie verlobt.“
Die Freunde verabschiedeten sich.

Abraham Koßwig hatte jetzt ein bestimmtes Ziel. Er verließ die Stadt nordwärts durch das Kuhtor und ging auf die Windmühle von Miertzsch zu. Ihre Flügel drehten sich. Das signalisierte ihm, dass der Müller bei der Arbeit war. Abraham ging gleich zur Mühle. Er kannte sich in dem Mühlengelände genau aus. Hier haben die drei Jungen oft gespielt. Der Müller erkannte den Freund seines Sohnes sofort.
„Abraham, du willst sicher zu Gregor?“ Er blieb beim vertrauten ‚du’. Er kannte Abraham seit dessen Kindheit. „Gregor arbeitet jetzt beim Tuchmachermeister Krappe in der langen Straße.“
Abraham begrüßte auch Gregors Mutter und dessen Schwester. Mathilde und Abraham kannten sich gut. Das Mädchen spielte in der Kinderzeit oft mit den drei Freunden. Als es älter wurde, schwärmte es für Martin. Jetzt war Mathilde die Verlobte von Martin. Eigentlich schade, dachte Abraham, Mathilde ist hübsch geworden. Er ging in Gedanken vertieft zur Stadt zurück. Abraham spürte auf einmal Sehnsucht nach einer Frau. Es war lange her, seitdem er sich das letzte Mal verliebte. Das war noch in Brügge. Auf der langen Rückwanderung hatte er keine Frau angesehen. Bestimmt findet er in Finsterwalde ein Mädchen, das zu ihm passt. Es muss ja nicht Mathilde sein, tröstete er sich. Die Turmglocke läutete längst zu Mittag, als Abraham sich noch auf dem Heimweg befand. Er kam aber noch zum Essen zurecht. Sein Vater und sein Bruder aßen mit den Gesellen gemeinsam. Abraham begrüßte alle am Tisch und setzte sich zu ihnen. Die meisten Gesellen kannte er von früher. Sie wussten schon, dass er in der nächsten Zeit in der Werkstatt des Vaters arbeiten wird.
Die Mutter hatte schon auf Martin gewartet: „Da bist du ja. Ich wollte grade dein Essen im Bett warm stellen.“
Sie brachte es ihm.

Nach dem Mittagessen ging Abraham zu Gregor. Nicht weit vom langen Tor hatte Gottfried Krappe sein Haus mit der Tuchmacherwerkstatt. Gregor war da, konnte aber nur für kurze Zeit seine Arbeit unterbrechen. Der Meister war sehr streng. Die Freunde gingen vor die Tür.
„Ich habe es schon gestern Abend gehört, dass du wieder zurück bist. Wollen wir uns nach der Arbeit treffen? Martin kommt bestimmt auch. Ich bin schon neugierig auf deinen Bericht – vor allem auf deine Erlebnisse mit den Mädchen.“
„Hast du denn schon eine Freundin?“, wollte Abraham wissen.
„Nein.“ Um von Anfang an Verwicklungen zwischen den Freunden vorzubeugen, erkundigte sich Gregor: „Dass Martin und Mathilde zusammen sind, weißt du?“
„Ja. Martin hat es mir gesagt. Ich habe mich für heute Abend mit ihm im ‚Stern’ verabredet. Du kommst doch?“
„Ja, aber jetzt muss ich wieder rein. Der Meister guckt schon böse.“ Gregor verabschiedete sich hastig von Abraham. Er freute sich auf den Abend.

Abraham ging wieder und bummelte langsam zum Markt zurück. Er blieb vor dem großen Turm am Rathaus stehen. Es war ein imposantes Bauwerk. Aus den Öffnungen des Turmes starrten die Rohre von Feuerbüchsen, ein Zeichen, dass sich die Stadt zur Verteidigung eingerichtet hatte. Der Turm trug den Stadtseiger, die einzige Uhr für viele Stadtbewohner. Es hatten nur wenige eine eigene mechanische Uhr, manche Sanduhren. An einigen Häusern befanden sich zwar Sonnenuhren mit gemalten Zifferblättern, aber sie waren nur bei Sonnenschein zu gebrauchen. Während der Turmwächter am Tage die Glocke zu jeder Stunde läutete, rief nachts der Nachtwächter die Stunden aus. Die Uhr zeigte schon die vierte Nachmittagsstunde an und Abraham beeilte sich, nach Hause zu kommen.

Die Gaststube des Güldenen Sterns war abends um acht schon ziemlich voll. Der Wirt machte einen Tisch für den Sohn des Bürgermeisters Gallus Koßwig und seine Freunde frei. In der Nähe der Theke saßen einige fremde Fuhrleute, die sicherlich in einem der Oberstübchen in der Herberge auf dem Hof übernachteten. Ihre Pferde standen unter ihnen in abgeteilten Ställen. Die übrigen Gäste waren Eingesessene, alte und junge. Manche von ihnen traf man jeden Abend bis zur Sperrstunde hier an. Außer der Wirtsfrau waren keine Frauen anwesend. Es ziemte sich nicht für eine ehrbare Frau ins Wirtshaus zu gehen. Viele der Gäste waren schon betrunken und lärmten. In dieser Situation bediente der Wirt allein. Seine Frau blieb dann hinter der Theke und in der Küche. Unbeirrt von dem Lärm stand die graue Katze auf der Theke, machte einen krummen Buckel und streckte den Schwanz in die Höhe. Zwei Hunde mit räudigem Fell stritten sich unter den Tischen beißend um die Knochen von der Mahlzeit der fremden Gäste. Der Tisch der Freunde stand in einer Nische, die sie etwas von den übrigen Gästen abschirmte. So konnten sie sich unterhalten, ohne zu sehr gestört zu werden. Abraham erzählte seine Wandererlebnisse, wie sie seine Familie schon am Abend vorher erfahren hatte. Aber die jungen Männer waren neugierig auf seine Erlebnisse mit Frauen.
Er befriedigte ihre Neugier: „Na ja, es gab schon einige. Die erste war die junge Frau meines Meisters im Bergischen. Er war schon älter und sie unzufrieden mit ihm. Sie kam fast jede Nacht in meine Kammer. Das ging wochenlang so. Als sie mir dann auch am Tage nachstellte, kündigte ich dem Meister die Arbeit auf und zog weiter. Es wurde mir zu gefährlich und war auch dem Meister gegenüber, der mir vertraute, nicht recht.“
„Dass du in den vielen Jahren keine zum Heiraten gefunden hast?“, wunderte sich Martin.
Abraham sann vor sich hin, leerte den Becher mit einem tiefen Zug und berichtete: „Na ja, in Brügge gab es schon eine. Die hätte ich gern heimgeführt. Es war die Tochter eines Tuchmachermeisters, dessen Familie mit der meines Meisters befreundet war. Das Mädchen sah ich oft bei meiner Meisterin. Es gefiel mir und fand scheinbar auch Gefallen an mir.“
Hier brach der Erzähler in tiefen Gedanken ab.
„Und was wurde daraus?“, interessierte sich Gregor für den Ausgang.
„Ihr Vater bemerkte unsere Zuneigung und brachte seine Tochter weit weg zu einer Tante. Er wollte keinen armen Gesellen als Eidam und hatte schon einen reichen Meistersohn aus Brügge für sie ausgesucht. Ich sah sie erst wieder, als sie bereits verheiratet war.“
„Danach hast du keine andere mehr kennen gelernt?“ Martin ließ nicht locker.
„Einige schon, aber keine zum Heiraten“, entgegnete Abraham abschließend.
Er wollte nicht mehr weiter erzählen. Die Freunde prosteten sich zu.
„Nun berichtet ihr aber, wie es Euch hier in der Zwischenzeit ergangen ist“, forderte Abraham seine beiden Freunde zum Erzählen auf.
Martin und Gregor ließen sich nicht lange bitten und erzählten. Ein voller Krug Bier nach dem anderen wurde geleert.

Als die drei Freunde um Mitternacht den Gasthof verließen, waren sie nicht mehr nüchtern und zu Späßen aufgelegt. Laut singend zogen sie über den Marktplatz und bogen in die menschenleere große Ringgasse ein. Sie trommelten an die Fensterläden einiger Häuser und riefen: „Feurio!“ Als die erschrockenen Gesichter der aufgeweckten Schläfer hinter den geöffneten Läden erschienen, waren die Drei schon weggelaufen. Martin und Abraham brachten Gregor noch bis zum Kuhtor. Da der Wächter ihn kannte, ließ er ihn auch nachts passieren. Die anderen beiden trennten sich am Markt und jeder ging schwankend nach Hause. Für einen der nächsten Tage hatten sich die Freunde zu einem Besuch in der Baderei verabredet.

Abraham hatte mit seinem Vater vereinbart, dass er erst eine Woche nach seiner Rückkehr mit der Arbeit in der Werkstatt beginnt. Die letzten freien Tage verbrachte er mit Müßiggang. Er ging oft durch die Gassen und betrachtete die Häuser von denen er wusste, dass sie zum Verkauf standen. Es war zwar mindestens noch ein Jahr Zeit, bis Abraham eine eigene Werkstatt brauchte, aber er wollte die Zeit nicht ungenutzt verstreichen lassen. Bald begann seine Arbeit in der Werkstatt des Vaters. Er kam wider Erwarten mit seinem ältesten Bruder, der die Werkstatt später erben sollte, gut aus. Dieser teilte ihn vor allem zu Besorgungen außerhalb der Werkstatt ein. Am ersten Arbeitstag fuhr Abraham mit dem großen Handwagen, den Ziehhund vorgespannt, einige Tuche zur Heydemühle, der Walke des Tuchmachergewerks. Der Weg führte ihn durch die Pforte an der Pfarrgasse, durch Naundorf und über das Dämmchen zur Mühle. Sie stand am Mühlgraben, der von den Sieben Börnen kam und nach Drößigk ging. Die Fahrt war auch für einen kräftigen Mann anstrengend. Das Dämmchen war sandig und ausgefahren. Der Hund schaffte es nicht allein. Abraham musste sich in den Gurt legen und mitziehen. Hinter den ersten Bäumen der Bürgerheide bog der Weg nach rechts auf das Mühlengrundstück ab.
Der Mühlenpächter begrüßte ihn: „Ah, der Koßwig Abraham. Ich habe gehört, du arbeitest wieder bei deinem Vater. Dann auf gute Zusammenarbeit.“
Er grüßte alle Tuchmacherkollegen mit dem vertraulichen „du“. Gemeinsam entluden sie den Wagen. Die Tuche kamen gleich in das saure Bad, bevor sie später mit Hilfe der Nocken an der Mühlradwelle von den Walkhölzern gestaucht wurden.
„Ich geb´ euch Bescheid, wenn ihr die Tuche abholen könnt.“
„Es ist gut, Meister.“
Abraham setzte sich in den leeren Wagen und der Hund zog ihn mit Karacho zur Stadt zurück.

Die meisten Zuber waren schon besetzt, als die Freunde in der Badestube eintrafen. Sie wurden von den Anwesenden mit „Hallo“ begrüßt. Die städtische Badestube in der Badergasse war beliebter Treffpunkt der jungen Männer aus den wohlhabenden Familien. Hier verbrachten sie an den Wochenenden gesellige Stunden. Der Bader und die beiden Bademägde füllten den Zuber der neuen Badegäste. Das Wasser war wohlig warm. Die Freunde trieben Schabernack und bespritzten sich gegenseitig. Scherzworte flogen von Zuber zu Zuber. Die beiden Mägde erhöhten die ausgelassene Stimmung mit derben Späßen. Manch einer fasste die Mädchen unter den Rock. Sie kicherten. Nach einiger Zeit legte der Bader ein breites Brett über den Zuber und die Mägde brachten Brot und Schinken. Dazu konnte man sich Bier oder Wein bringen lassen. Die Badenden prosteten sich von einem zum anderen Zuber zu. Ein fahrender Musikant fiedelte auf seiner Geige und sang dazu obszöne Liebesliedchen. Eine der jungen Mägde hatte ein Auge auf Abraham geworfen. Ihr gefiel der Tuchmachergeselle, der das erste Mal hier war.
Sie lachte ihn an: „Ich bin Christiane.“
Abraham lächelte zurück: „Meinen Namen hast du ja schon gehört.“
Das Mädchen mit dem verführerisch offenen Mieder und dem kurzen Röckchen gefiel ihm.
Sie beugte sich zu ihm und flüsterte in sein Ohr: „Ich habe oben eine Kammer. Willst du zu mir kommen? Ich warte auf dich.“
Nach kurzem Überlegen schüttelte Abraham lächelnd den Kopf. Er war nicht abgeneigt, sich mit dem Mädchen zu vergnügen. Aber er fürchtete sich vor der spanischen Krankheit, die solche Mädchen mit ihrem lockeren Lebenswandel oft verbreiteten. Nach seiner Ablehnung wandte sich das Mädchen den anderen zu und verschwand auch bald für einige Zeit. Einer der Männer wird ihr gefolgt sein. Der Bader war eingeweiht. Er bekam die Hälfte des Liebeslohnes. Zum Zeitvertreib spielten die Freunde Karten. Als die Mittagsglocke läutete, beendeten sie ihr Bad und trennten sich.

Im Saal auf dem Rathausboden war jede Woche Tanz. Meist spielte die Stadtkapelle auf, manchmal auch fahrende Musikanten. Abraham und seine Freunde ließen kaum einen Tanzabend aus. Oft endete er in einer Prügelei, deren Verursacher meist die drei Freunde waren. Abraham war ein friedfertiger Mensch, aber streitsüchtig, wenn er getrunken hatte. Die Gründe für die Auseinandersetzungen waren meist nichtig. Häufigste Ursache war der Streit um ein Mädchen. Einmal wurde Abraham sogar vom Rat mit einer Strafe von fünf Groschen belegt, weil er Heinrich Kalenz grundlos eine Maulschelle gab. Das war dem auf sein und seines Sohnes Ansehen bedachten Vaters zu viel.
Meister Gallus Koßwig stellte seinen Sohn zur Rede: „Du machst deiner ganzen Familie Schande.“
Abraham gelobte Besserung und hielt sich einige Zeit bei Händeln zurück. Er vergaß aber bald wieder seine guten Vorsätze und es wurde schlimmer als vorher.
Oft zogen die drei Freunde durch die Gassen und schikanierten die Bewohner. Sie mussten aufpassen, dass sie dabei nicht der Nachtwächter erwischte. So auch an dem bewussten Abend. Der Nachtwächter machte seine Runde wie immer. Da bewegten sich plötzlich vor ihm im Dunkeln mehrere Gestalten. Sie klopften laut an die geschlossenen Fensterläden, riefen: „Feurio“, und rannten weg. Der Nachtwächter folgte ihnen und holte sie ein.
Er versuchte sie zu stellen und senkte den Spieß: „Halt, ihr Spitzbuben!“
Keiner blieb stehen. Einen der Männer erwischte er am Ärmel. Dieser riss sich los. Alle drei flüchteten. Der Nachtwächter hatte keinen der Ruhestörer erkannt. Fenster wurden geöffnet. Verschlafene Bürger im Nachthemd und mit Zipfelmütze schauten ängstlich auf die Gasse.
Als sie den Nachtwächter erkannten, fragten sie ihn ängstlich: „Was ist denn los? Brennt´s?“
„Nein. Geht wieder schlafen. Böse Buben haben nur Unfug getrieben.“
Der Nachtwächter überlegte. Streng genommen war es Amtsanmaßung, was die drei taten. Darüber müsste er eigentlich am nächsten Morgen dem Bürgermeister Bericht erstatten. Sonst fällt der falsche Alarm noch auf ihn zurück. Denn er war verpflichtet, die Bürger bei Feuer durch lautes Klopfen an die Fenster zu wecken. Er hatte eine Vermutung, wer die drei jungen Männer waren. Das behielt er aber lieber für sich. Wenn er seine Vermutung beim Bürgermeister äußern würde, hätte er nur Scherereien. Denn es waren Söhne von angesehenen Bürgern, die er beschuldigen müsste.
Abraham, Gregor und Martin blieben stehen und rangen nach Atem. Sie waren zwei Gassen weiter gelaufen.
„Das war wieder ein Spaß. Habt Ihr die Schlafmützen gesehen? Die hatten eine Angst.“ Abraham lachte.
„Aber heute war´s knapp. Der Nachtwächter hatte mich schon am Ärmel“, berichtete Gregor.
Martin befürchtete nicht nur Ärger mit dem Rat, sondern auch mit seinem Vater und schlug vor: „Für heute ist es besser, wir gehen nach Hause. Der Nachtwächter ist gewarnt und wird uns auflauern.“
Die beiden anderen stimmten ihm zu und so stellten sie für diese Nacht ihren Unfug ein.

Zum Tanz im Rathaussaal gingen die Freunde jede Woche. Manche Mädchen erwarteten sie schon sehnsüchtig. Die Tänzerinnen kamen aus unterschiedlichen Schichten. Die vornehmsten waren die Bürgertöchter, die von ihren Müttern begleitet und auch streng beaufsichtigt wurden. Die Mütter saßen nebeneinander an den Wänden beiderseits der Tanzfläche. Bei diesen Mädchen war keine Annäherung durch die jungen Männer ohne Zustimmung der Mutter möglich. Einige der Tänzerinnen waren Mädchen aus dem Armenmilieu und viele kamen aus den Nachbardörfern - aus Naundorf, Nehesdorf und Massen. Sie kamen nie allein, sondern gemeinsam mit ihren Freundinnen und gingen auch immer zusammen nach Hause. Es war fast unmöglich, mit einer einzelnen von ihnen zu verschwinden. Abraham war bereits beim ersten Mal ein gutgewachsenes Mädchen mit stolzer Haltung aufgefallen. Es war die anmutigste Erscheinung im ganzen Saal. Der stolz erhobene Kopf war von kastanienbraunen Locken eingerahmt, aus denen lustige braune Augen funkelten. Das Mädchen war einfach, aber geschmackvoll gekleidet. Es trug sogar Lederschuhe. Von seinen Freunden erfuhr Abraham, dass es Franziska, die Tochter des Tagelöhners Blüher war. Franziska hatte einen guten Leumund. Sie ging nie allein zum Tanz, sondern war immer mit ihrer Freundin da. Abraham tanzte jetzt öfter mit ihr. Die beiden jungen Leute kamen sich näher. Aber, es gelang ihm nicht, mit ihr allein zu sein. Eines Tages kam Franziska ohne ihre Freundin.
Vertraut fragte Abraham: „Wo ist denn heute deine Freundin?“
„Sie ist krank“, gab Franziska zur Antwort.
Diesen Abend verbrachten beide gemeinsam auf dem Tanzsaal.
Kurz vor Ende des Vergnügens fragte Abraham Franziska heimlich: „Darf ich dich heute nach Hause bringen?“
„Ja, aber wir müssen getrennt nach draußen gehen. Ich will kein Gerede.“
„Ich warte auf dich am Brauhaus“, schlug Abraham vor.
„Gut, ich komme bald nach“, versprach Franziska.
Bald verabschiedete er sich laut - so dass es die Umstehenden hörten – von Franziska und ging. Am Brauhaus wartete er auf sie. Sie kam bald nach und hakte sich bei ihm ein. Die Nacht war dunkel und niemand konnte die beiden sehen. Abraham brachte Franziska nach Hause. Ihre Eltern besaßen am Stadtgraben eine Hütte. Als sie an einen einsamen Hauswinkel kamen, blieben sie stehen und umarmten sich heftig. Er küsste sie. Sie legte die Arme um seinen Nacken und küsste ihn wieder. Ihr Mund war verlangend. Eng umschlungen verharrten sie lange an dieser Stelle. Sie waren beide verliebt. Die Trennung fiel ihnen an diesem Abend schwer.
Endlich löste sich Franziska von Abraham: „Ich muss nach Hause. Meine Eltern werden schon warten. Sie denken, ich bin mit meiner Freundin zum Tanz.“
„Sehen wir uns morgen?“, bat er.
„Ich gehe um neun zum Markt. Dort können wir uns ohne Verdacht zu erregen, treffen.“
Abraham ist um sie besorgt: „Ich komme noch ein Stück mit.“
Ein paar Schritte von ihrem Elternhaus entfernt, forderte ihn Franziska eindringlich auf: „Jetzt musst du aber gehen, sonst sieht man uns noch zusammen.“
Nach einem flüchtigen Kuss huschte Franziska ins Haus und drehte den Schlüssel im Schloss herum. Abraham machte sich glücklich lächelnd auf den Heimweg.

Am nächsten Tag trafen sie sich auf dem Markt. Es achtete niemand auf sie. Sie verabredeten sich zu einem Spaziergang und hatten in der nächsten Zeit öfter Treffen außerhalb der Stadtwälle. Meist trafen sich Abraham und Franziska an der Schacke und gingen auf den einsamen Feldwegen spazieren. So auch an diesem für ihre Liebe bedeutsamen Tag. Abraham war merkbar einsilbig. Der Weg war schmal. Franziska ging vor ihm. Sie glaubte seinen brennenden Blick auf ihren nackten Schenkeln zu fühlen. Er berührte sie an der Schulter. Franziska wandte sich fragend um und sah seinen verlangenden Blick. Sie umarmten sich. Seine Lippen saugten sich an ihren fest. Ihr wurde heiß. Abraham zog sie hinter die Büsche. Er nestelte nervös an ihrer Bluse. Ihre runden Brüste reizten ihn. Dann legte er sie behutsam ins Gras.

Die Liebenden trafen sich, so oft es möglich war. Der Wettergott hatte ein Einsehen mit ihnen. Es war ein trockener Sommer. Ihm folgte aber ein feuchter Herbst. Als sich Abraham und Franziska wieder einmal vor der Stadt trafen, regnete es ununterbrochen. Sie waren beide schon auf dem Weg bis zu ihrem Treffpunkt völlig durchnässt. Franziska hingen die nassen Locken ins Gesicht. Sie umarmten sich heftig. Beide hatten große Sehnsucht nach dem geliebten Partner. Auf ihrem Lieblingsplatz hinter den Hecken stand das Wasser. Was tun? Abraham entdeckte auf einem der Felder ein Schutzdach, unter dem Heu lag.
„Franziska, komm. Dort sieht uns niemand.“
Sie beeilten sich, unter das Dach zu kommen. Das Heu war trocken. Sie kletterten beide hinauf. Eine Mulde machte sie von unten unsichtbar. Es war ein ideales Liebesnest. Die nasse Oberbekleidung legten sie ab und breiteten sie aus. Sie trocknete zwar nicht, aber vielleicht zog das trockene Heu die Feuchtigkeit etwas heraus. Zärtlich umarmten sie sich. Immer wieder ...
„Abraham, ich liebe dich sehr. Was machen wir im Winter? Ich kann ohne dich nicht sein.“
„Geht es nicht bei dir zu Hause?“ Abrahams Frage war drängend.
„Nein. Meine Mutter ist fast immer da. Außerdem passen die Nachbarn auf.“
„Dann muss ich einen Ausweg finden“, nahm sich Abraham vor. Er hatte aber noch keine Idee, was sie machen sollten.

Franziskas Rendezvous mit Abraham waren ihren Nachbarn auf Dauer nicht verborgen geblieben. Sie beobachteten das Liebesverhältnis der beiden interessiert. Von ihnen erfuhren es ihre Eltern.
Ihr Vater stellte Franziska zur Rede: „Meine Tochter treibt sich mit einem Mann herum. Und das muss ich erst von den Nachbarn erfahren? Schämst du dich nicht?“
„Ich liebe ihn doch.“ Franziska seufzte tief: „... und Abraham liebt mich auch.“
“Das glaubst du? Er soll es mir selbst ins Gesicht sagen, der feine Herr Bürgermeistersohn. Ich traue ihm nicht. Er sucht nur sein Vergnügen bei dir. Bring ihn her. Ich will mit ihm reden.“
Franziska sagte es Abraham. Der wusste nicht, was er tun sollte. Dann entschloss er sich doch, ihren Vater aufzusuchen. Blüher redete allein mit ihm. Frau und Tochter hatte er in die Küche geschickt. Sie warteten ängstlich auf den Ausgang des Gesprächs.
Franziskas Vater polterte erregt: „Ich sage es Euch gleich. Entweder Ihr versprecht, meine Tochter zu heiraten oder Ihr lasst sie sofort in Ruhe. Sollte ein Balg unterwegs sein, zahlt Ihr, wenn Ihr sie nicht heiratet. Punktum.“ Dass mit dem Inruhelassen, war nicht ernst gemeint. Blüher wollte schon gern in die Familie Koßwig einheiraten.
„Franziska und ich wollen heiraten“, versprach Abraham.
„Das muss mir Euer Vater, der Herr Bürgermeister, schriftlich bestätigen“, forderte Blüher. „Punktum.“
Er ballte seine Hand zur Faust und fuchtelte damit vor Abrahams Gesicht herum. Abraham verließ eilig das Häuschen, ohne Franziska noch einmal gesehen zu haben. Er fürchtete den Zorn seines Vater.
Als Blüher allein war, rief er Frau und Tochter und unterrichtete sie von dem Ergebnis des Gesprächs: „Morgen geh ich zu seinem Vater und wehe, der drückt sich vor der Verantwortung für seinen Sohn. Dann soll er mich kennen lernen. Und du gehst mir in den nächsten Tagen nicht aus dem Haus“, setzte er zu Franziska gewandt, hinzu.
Abraham war seinem Vater seit Tagen aus dem Wege gegangen. Er sah das Unheil in Form einer Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn auf sich zukommen. <...>

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