Trautes Heim...?
Es war im November. Draußen lag der erste Schnee, doch drinnen war es warm und gemütlich. Ich hatte den Tag genutzt, um im Haus gründlich sauber zu machen und aufzuräumen. Jetzt strahlte und blitzte alles vor Sauberkeit.
Unsere Tochter Svenja, mit dreizehn Jahren das jüngste unserer vier Kinder, besuchte am Nachmittag den Konfirmandenunterricht. Danach wollten wir ins wenige Minuten entfernte Einkaufs-Zentrum fahren und Lebensmittel besorgen. Svenja ging gern mit, fiel doch manchmal die eine oder andere Zeitschrift dabei für sie ab. So gegen 17.00 Uhr hörte ich sie nach Hause kommen und wie immer ihr Fahrrad in die Garage stellen. Währenddessen ging ich noch mal durchs Haus, um zu sehen, ob alle Türen und Fenster fest verschlossen waren. Alles war in Ordnung und ich holte, während Svenja die Haustür abschloss, den Wagen aus der Garage.
Nachdem wir leere Kisten und Einkaufskörbe in unser Auto gepackt hatten, fuhren wir los. Wir freuten uns auf einen gemütlichen Abend. Mein Mann hatte Spätdienst und wurde erst gegen 23.00 Uhr erwartet. Unsere zwei erwachsenen Töchter studierten außerhalb und unser Sohn war bei Freunden und kam auch erst später heim.
Svenja liebte diese Abende, wenn sie mit mir alleine vorm Fernseher saß, etwas Leckeres zum knabbern und einen schönen Film zum anschauen. Wir nannten das unseren "Weiberabend". Nachdem wir unsere Einkäufe erledigt hatten, fuhren wir tanken und waren um ca. 18.30 Uhr wieder zu Hause.
Svenja öffnete das Garagentor und ich fuhr das Auto hinein, um nicht später am Abend noch mal raus zu müssen. Unser Nachbarssohn schaute über die Hecke und grüßte mit einem freundlichen "Moin". Wir wechselten ein paar Worte und dabei schloss ich unsere Haustür auf. Während Svenja schon mit einigen Einkäufen ins Haus lief, suchte ich erst mal die Toilette auf, die sich im Windfang befand. Ich hörte, wie sie auf einmal rief: "Mama, warum hast du denn alle Türen aufgelassen?" Da ich genau wusste, dass ich vor unserem Einkauf alles zugemacht hatte, kam mir ihre Frage etwas seltsam vor.
Ich ging daraufhin in unsere Diele und wunderte mich, dass im Schreibsekretär, der dort stand, alles durcheinander geworfen war. Im ersten Moment dachte ich, "Wer hat hier denn etwas gesucht?" Aber dann fiel mir ein, dass ja keiner da war. Oder doch? Svenja kam angelaufen und rief "Hier war jemand!" Ich ging weiter Richtung Wohnzimmer, blieb aber auf der Schwelle stehen. Links im Zimmer, unter dem Fenster zum Garten hinaus, lag etwas dunkles.
Da wir zu dem Zeitpunkt noch keine Deckenleuchte hatten, konnte ich nur schemenhaft erkennen, dass es sich um die Dinge handeln musste, die sonst auf der Fensterbank standen. Um Licht zu machen, hätte ich das ganze Wohnzimmer durchqueren müssen, unterließ es aber, als ich die geöffnete Terrassentür sah. So langsam bekam ich Angst, ich musste mich beherrschen, um nicht schreiend das Weite zu suchen. Svenja stand dicht hinter mir. "Bloß nicht panisch werden", dachte ich, da hörten wir ein Geräusch. "Mama, hier ist noch jemand im Haus", rief Svenja. Wir drehten uns um, schnappten auf dem Weg das Telefon und rannten nach draußen. Es waren seit unserer Heimkehr erst wenige Minuten vergangen. Wir wählten 110 und der diensthabende Beamte meldete sich. "Bei uns wurde eingebrochen", stammelte ich, "und ich glaube, die Einbrecher sind noch im Haus." "Gehen Sie sofort aus dem Haus und warten, bis meine Kollegen da sind." "Wir sind schon draußen", sagte ich. "Gut, bleiben sie dort, ich schicke sofort jemanden."
Svenja, die inzwischen begriffen hatte, was passiert war, begann zu weinen und am ganzen Körper zu zittern. Ich nahm sie in den Arm und versuchte sie zu beruhigen. Nach ca. fünf Minuten kam die Polizei. Zwei Beamte stiegen aus und öffneten vorsichtig unsere Haustür. "Kommen Sie erst rein, wenn wir alles abgesucht haben", sagte einer der Beamten. Langsam, bewaffnet mit einer Taschenlampe, begannen die Polizisten unser Haus von oben bis unten zu inspizieren. "Sie können jetzt reinkommen", sagten sie ein wenig später, "es ist niemand mehr hier." Mit einem fremden, bangen Gefühl im Herzen betrat ich unser Haus, das vor wenigen Stunden noch ein Ort der Geborgenheit und Sicherheit gewesen war. So langsam wurde ich wütend. Nachdem mir jetzt das ganze Ausmaß der Verwüstung, die aufgerissenen Schränke, die durchwühlten Schubladen, die von den Einbrechern verschmutzten Böden, bewusst wurde, machte mich das furchtbar zornig. "Was fällt denen ein, in mein Haus einzudringen, meine Sachen zu durchwühlen?" Ich hätte heulen können. Zimmer für Zimmer wurde kontrolliert und wir mussten sagen, was und ob etwas fehlte.
Sogar vor unserem Schlafzimmer hatten sie nicht haltgemacht. Die persönlichsten Dinge hatten sie angefasst und durcheinander gebracht. Ich fühlte mich so beschmutzt, so hilflos. Inzwischen kam der von den Polizisten herbeigerufene Beamte von der Spurenaufnahme. "Wahrscheinlich werde ich nicht viel finden", sagte er, "da waren Profis am Werk. Eine Bande ist unterwegs, die nur nach Bargeld suchen. Wertsachen und Sparbücher lassen sie liegen." Und tatsächlich, das Resultat der polizeilichen Bestandsaufnahme: vierzig DM aus den Spardosen, zwei aufgebrochene Aktenkoffer, verschiedene Vasen und Nippes, die zerbrochen waren, und noch ein paar verschiedene andere Kleinigkeiten. Alles Dinge, die ersetzt werden konnten
Aber wer gab uns die häusliche Sicherheit zurück? Das Gefühl der Geborgenheit in den eigenen vier Wänden. Wie konnte ich von Svenja erwarten in Zukunft allein im Haus zu bleiben? Hätte es die Einbrecher abgehalten, wenn sie zu Hause gewesen wäre? Die Polizei geht davon aus, dass wir beobachtet wurden und unsere kurze Abwesenheit den Einbrechern genügte, unser Haus zu durchsuchen.
Seitdem ist ein Jahr vergangen. Aber noch immer hat unsere Tochter Angst und bleibt nicht gern allein. Sobald es dämmert, werden alle Rollos runtergelassen, alle Türen abgeschlossen. Wenn etwas anders aussieht, ungewohnte Geräusche im Haus sind, rennt sie sofort los und forscht nach der Ursache. Inzwischen haben wir eine Alarmanlage, Außenrollladen. Wir mussten Svenjas Zimmer renovieren, sie mochte sich nicht mehr darin aufhalten. Das alles sind nur Äußerlichkeiten, aber tief drinnen ist die Angst geblieben, dass es wieder passieren kann.




