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Vaters Erziehung

1. Das erste Wort

Das erste Wort meiner Tochter Linda war „Nee-ee!“. Nicht etwa „Mama“, oder – besonders wünschenswert – „Papa“. Nein! Es war ein schlichtes und doch so vielseitig einsetzbares „Nee-ee!“. Beim Sprechen sehr gerne lang gezogen und in der Tonhöhe leicht trotzig abschwellend:

„Möchtest du mit dem Teddy spielen?“ – „Nee-ee!“

„Mäuschen, iss doch noch einen Löffel voll.“ – „Nee-ee!“

„Du bist ja schon müde. Komm, Schlafen gehen.“ – „Nee-ee!“

„Kannst du auch noch was anderes sagen?“ – „Nee-ee!“

Nicht gerade ideale Voraussetzungen also, für das, was Angelika und besonders ich uns damals in Bezug auf Kindererziehung vorgenommen hatten: wir glaubten doch tatsächlich, Eltern prägen ihre Kinder.

2. Wie wir erziehen werden

Hierfür hatten wir uns viel vorgenommen. Vor allem die Fehler unserer Eltern - selbstverständlich äußerst zahlreich und traumatisierend - wollten wir unbedingt vermeiden. Mich hat vor allem der Satz geprägt: „Wenn deine Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln. Wenn sie groß sind, gib ihnen Flügel.“

So gelangte beinahe alles, was es damals an deutschsprachiger Wurzel- und Flügelliteratur gab, im Zuge der ersten Schwangerschaft in unseren Einflussbereich.

Sehr gefallen hat mir, wie oft der ausgleichende und damit wichtige Erziehungsbeitrag des Vaters betont wurde. Ernsthaftigkeit und Rationalität.

Es wurde leider nicht berücksichtigt, dass durch ein Versehen in der evolutionären Entwicklung auch Eltern weiterhin bedürfnisgesteuerte Wesen bleiben. Ausgeruht am Samstag Nachmittag beispielsweise kann ein kurzes trotziges Babybrüllen sogar humorvoll aufgenommen werden. Das ist mir morgens um zwei Uhr nicht ein einziges Mal gelungen.

3. Barbie und Skeletto

Ein Eckwert meines erzieherischen Beitrages war, unsere Kinder vor Barbiepuppen und den damals ebenfalls sehr verbreiteten muskelbepackten männlichen Kampfbolden, so genannte He-mans (gesprochen Hih-Männ), zu beschützen. Ich hielt Barbies und He-mans für Übermittler falscher, zumindest klischeehafter Botschaften.

Dann kann Linda mit ihrem Opa von einem Flohmarkt wieder, in ihrem Arm eine Barbiepuppe mit langen blonden Haaren. Da stand sie nun in der Tür, ein kleines Mädchen, das abwechselnd mal mit strahlenden Augen seine nunmehr eigene Barbiepuppe herzte und dann wieder einen fragend traurigen Blick hinüber zu mir warf. Vollkommen verunsichert, ob sie sich wirklich so sehr freuen dürfte, wie sie gerne möchte.

Ich habe noch am selben Abend mit Barbie meinen Frieden gemacht und brachte beide, Tochter und Barbie, gemeinsam zu Bett, wo sie zusammen und glücklich Arm in Arm einschliefen.

Irgendwann später, beim Zubettbringen unseres Sohnes Nicolai: Angelika und mir fiel eine grässliche Figur auf, die er liebevoll in einer Art Körbchen neben seinem Bett zugedeckt hatte: Skeletto, so hieß der Furcht erregende Knochenmensch, ein He-man, den er bei einem Besuch meiner Schwägerin als Leihgabe aus dem dortigen Spielzeugfundus hatte mitnehmen dürfen.

„Was willst du denn mit diesem Ungeheuer?“, fragte meine Frau besorgt. „Kannst du mit dem neben deinem Bett überhaupt schlafen?“

„Ach, Mama“, beruhigte sie der Kleine, „der sieht vielleicht etwas scheußlich aus. Aber er hat ein gutes Herz und ist ein ganz feiner Kerl.“

Damit war auch Skeletto in die Familie aufgenommen.

4. Iss doch was

Manche Tage mit kleinen Kindern können herausfordernd sein. An solchen Tagen konnte es mir passieren, das eigene körperliche Bedürfnisse wie Schlafen, Essen und Bücher über Erziehungsberatung zu verbrennen glatt ins Hintertreffen gerieten.

Einer dieser Tage war fast vorbei, als bei schon gedecktem Abendbrottisch wieder irgend etwas Unaufschiebbares passierte. Kaum zurückgekehrt an den Tisch klingelte das Telefon. Abermalige Rückkehr, nun fehlte einem Kind ein Löffel. Erneuter Versuch, ein Glas kippte um und mit ihm auch endgültig meine Stimmung. Mit dem eilends geholten Lappen die verschüttete Milch aufwischend ließ ich meine versammelt dasitzenden Familie sehr lautstark wissen: „Immer wieder, jeden Abend dieses Theater! Ich habe es satt! Ich bin müde und habe großen Hunger! Versteht ihr? Mir knurrt der Magen!“

Linda sah mich mit großen Augen an und sagte ganz gelassen: „Na, dann iss doch was.“

Manchmal kann eine Lösung so einfach sein.

5. Worauf es wirklich ankommt

Die familiären Verpflichtungen, wie geschildert, souverän im Griff, begann ich mich - wie vermutlich die meisten Männer in ihren Dreißigern – wieder mehr beruflichen Themen und dem Ausbau der Karriere zuzuwenden. Ich trat eine Stelle in einer anderen Firma an, knapp zwei Monate nach der Geburt unseres jüngsten Sohnes Konstantin.

Leider ging es mir mit den Menschen in der neuen Firma überhaupt nicht gut. Krönender Abschluss war, dass man mir am letzten Tag der Probezeit den Laufpass gab.

Arbeitslos! Für mich brach eine Welt zusammen. Alles, was mir wichtig war, schien auf einmal in Frage gestellt. Ja, aus lauter Verzweiflung hielt ich einen beruflichen Wiedereinstieg angesichts wachsender Erwerbslosenzahlen damals für überhaupt nicht mehr möglich. Stattdessen sah ich mich in Gedanken oft an einem Baum hängen, auf einem Hochhaus stehen oder vor einen Lastwagen laufen!

Wie so oft in jenen Tagen war ich nach dem Mittagessen mit unserem Jüngsten spazieren. Doch ich konnte es einfach nicht genießen, Zeit für ihn oder die Familie zu haben. Im Gegenteil, es war ein ganz besonders depressiver Tag, denn ich hatte vormittags wieder einen entmutigenden Termin auf dem Arbeitsamt gehabt.

Unterweg fiel mein Blick immer wieder auf das kleine Wunder, das da mit zartem Lächeln auf den kleinen Lippen selig in der Kinderkarre schlummerte. Und tief in mir konnte ich hören: „Hallo Papi. Willst Du mir nicht zusehen, wie ich größer werde?“

Manchmal schickt der liebe Gott für besonders große Probleme besonders kleine Engel auf die Erde.

6. Ein Hilferuf

Beruflich ergab sich etwas Neues, sogar ganz Wunderbares. Leider hatte es den Nachteil, dass ich nun viel öfter tagelang von zuhause fort war. Ich erfuhr zu der Zeit sehr oft: „Ich könnte so nicht leben. Was hast du denn überhaupt von deiner Familie? Ihr seht euch doch fast nie.“

Wenn ich Freitags Abend heim kam, waren Linda, Nicolai und Konstantin natürlich häufig bereits im Bett.

Diesen Freitag aber hatte Linda offensichtlich nicht warten können, bis wir uns am Samstag früh sahen, denn auf meinem Schreibtisch fand ich einen handgeschriebenen Zettel von ihr:

Lieber Papi,
Mama schimpft so oft mit mir. Ich geb mir ja auch muhe atig zu sein aber sie meckert trotzdem.
Bitte helf mir!
Linda

Ich hoffe, ich habe helfen können. Mir jedenfalls tat dieser Zettel damals sehr gut und Angelika brauchte keine alleinerziehende Mutter zu sein.

7. Meine wahre Rolle

So wurde meine häusliche Abwesenheit nicht zum Widerspruch für ein inniges Verhältnis zu Frau und Kindern.

Zwar hatte sich der Schwerpunkt meines erzieherischen Einwirkens sehr nachhaltig verschoben. Ich bekam etwa nur per Zufall mit, dass unsere Kinder von Angelika bereits seit Jahren Taschengeld bekamen. Ihr ist es letztlich auch zu verdanken, dass sie Musikinstrumente spielen lernten, ihre Hausaufgaben machten, sich gesund ernährten, nicht zuviel Fernsehen guckten und umsichtig gepflegt wurden, wenn sie krank waren.

Die Samstag- und Sonntagmorgen jedoch waren geprägt von, Lesen, Toben und Herumalbern. Etwa durch den Ruf „Die Dinos kommen!“. Der erscholl, weil das Bett, in dem wir lagen, unglücklicherweise genau auf dem Weg lag, den die Dinosaurier zur Tränke gehen. Tonnenschwere Koniceratrops und Nicosaurier wälzten sich dann genau auf der Stelle der Zudecke, unter der ein armer Dino-Forscher-Vater sich mit seiner Tochter versteckt hielt. Zum Glück sind jedoch auch die gefährlichsten Dinos sehr kitzelig an den Fußsohlen.

Mir gefiel mein ausgleichender, wichtiger Erziehungsbeitrag als Vater. Für Ernsthaftigkeit und Rationalität gibt es ja Mütter. Und eines Tages, noch mit Tränen in den Augen, fragte Linda meine Frau: „Nicht wahr, Mama, du hast den Papa doch nur geheiratet, damit wir Kinder was zum Lachen haben?“

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