Vier Wölflinge und ein Hund
von Tiberius Hauler
„Die Straße gleitet fort und fort, weg von der Tür, wo sie begann,
doch um die Ecke kommt’s mir vor, da führt noch manch geheimes Tor
zu Pfaden, die wir nie gesehen, es kommt der Tag, da muss ich gehen
und unbekannte Wege gehen, wohl Mond vorbei und Sonnen hin.“
aus: Der Herr der Ringe von T.R.R. Tolkien
Vier neue Mitglieder im Alter von 10 -11 Jahren wurden als Wölflinge in die Meute "Shir Khan" des Pfadfinderstammes "Patrona Bavariae" in München aufgenommen: Linda, Max, Ria und Tim. Sie bildeten das neue Rudel namens "Marder". Sie erhielten die dunkelblaue Pfadfinderkluft mit dem dazugehörenden orange - blau gestreiften Halstuch, dazu als Symbol den Wolfskopf und als Abzeichen auf einem hell- und dunkelblau gevierteiltem Schild ein rotes Kreuz, in dessen Mitte sich eine weiße Madonnenlilie befand. Der Leiter des katholischen Münchner Pfadfinderstammes, Pater Laurentius, erzählte den Wölflingen, dass mehreren Kindern in Medjugorje, nicht weit von Visoko entfernt, die Jungfrau Maria erschienen ist. Die neugewählten Wölflinge wünschten sich, auch bald Grenzen zu überschreiten, neue Wege zu suchen und Neues zu entdecken. Dann, nachdem sie die 10 Pfadfindergesetze kennengelernt hatten, hoben sie die rechte Hand und leisteten alle vier im Chor ihr Versprechen ab:
" Ich.............. verspreche bei meiner Ehre, dass ich mein Bestes tun will, Gott und der Gemeinschaft zu dienen, jederzeit und allen Menschen zu helfen und dem Pfadfindergesetz zu gehorchen."
Damit durften die vier Neulinge auch ins Pfingstlager nach Visoko fahren, wohin der Pfadfinderstamm "Patrona Bavariae" aus München vom Pfadfinderstamm "Mir" aus Sarajevo, dessen Name "Frieden" bedeutet, eingeladen worden war.
Die späte Nachmittagssonne schien durch die Blätter, als der Zug im kleinen Bahnhof in Visoko einfuhr. Der Leiter der Pfadfinder aus Sarajevo, Semir Osmangic, wartete voller Ungeduld auf das Eintreffen des Zuges. Kaum hielt der Zug an, wurden die Türen aufgerissen, größere Jungs und Mädchen sprangen aus dem Zug und halfen den kleineren Wölflingen aus dem Wagon, die ihre Reisetaschen kaum heben konnten. Mit ihnen kam auch Tabby, Rias Hund. Alle hatten die Pfadfinderkluft angezogen, auf der die entsprechenden Symbole und Abzeichen aufgenäht waren. Und am Hals trugen alle das zur Kluft gehörende Halstuch. Nachdem Herr Osmangic den Pfadfinderstamm Patrona Bavariae in Visoko herzlich willkommen geheißen hatte, stellten sich die Mitglieder des Stammes in vier Reihen auf und marschierten unter Herrn Osmangics Leitung zum nahe gelegenen Lager, das sich auf einer Anhöhe in der Nähe der Visocica befand. Angekommen im Lager, wo die Zelte aufgestellt waren, warteten schon die bosnischen Pfadfinder mit einem Festessen und einem großen Lagerfeuer auf die Münchner Gäste. Um das Lagerfeuer gab es dann Musik und Tanz bis spät in die Nacht.
Ein Trompetensignal riss die Kinder aus dem Schlaf. Es war 6 Uhr, Zeit aufzustehen und für die Morgengymnastik, zwischen den Zelten sich zu versammeln, dann sich zu waschen, anzuziehen und zu frühstücken.
Auf dem Programm stand ab 8 Uhr eine Wanderung, um das Gebiet um Visoko näher kennenzulernen. Jeder Pfadfinder war verpflichtet, die volle Ausrüstung, wozu Taschenmesser, Taschenlampe mit Batterien, Notizblock, Karte, Schreibzeug, Kompass usw. gehörten, im Rucksak mitzubringen. Außerdem erhielt jeder Pfadfinder Verpflegung für einen vollen Tag. Um Punkt acht Uhr rief die Trompete das Lager zusammen. Der Pfadfinderstamm stellte sich in zwei Reihen auf und unter der Leitung von Herrn Osmangic und Pater Laurentius brachen sie auf, die Berge um Visoko kennenzulernen. Ganz vorne marschierten die Ranger, dann folgten die Pfadfinder und Jungpfadfinder und denen folgte das kleine Rudel der Wölflinge zusammen mit Tabby, die versuchte, mit den anderen mitzuhalten. Die Kolonne wurde hinten von Pater Laurentius abgeschlossen. "Pater Laurentius, ist es wirklich wahr, dass die Jungfrau Maria hier mehreren Kindern erschienen ist?" fragte Ria den Pfarrer neugierig.
"Ja Maria, das stimmt genau, aber nicht hier, sondern etwas süd-westlich von hier, gar nicht so weit entfernt."
"Und können alle Kinder die Jungfrau dort sehen, Pater ?" fragte Tim.
"Nein, Tim, es sind nur auserwählte Kinder die die selige Jungfrau Maria sehen können. Diese Kinder sind ganz rein in ihrem Herzen, deswegen dürfen sie sie sehen", antwortete der Pfarrer.
"Pater, fahren wir jetzt auch nach Medjugorje?", versuchte Linda zu erfahren. "Ich glaube nicht, dass wir jetzt dafür Zeit haben werden, aber vielleicht ein anderes Mal", vertröstete sie der Pfarrer.
Der Stamm erreichte eine Ecke, wo sich der Berg um neunzig Grad wendete. Die Berge um Visoko sind sehr steil und voller Wälder. Herr Osmangic, der den Stamm vorne anführte, winkte Pater Laurentius zu sich. Er wollte ihm etwas zeigen. "Kinder bleibt der Gruppe immer ganz nah, nicht wegbleiben, ich komme bald zurück" ,sagte der Pater.
Kaum war Pater Laurentius weg, merkte Ria, dass Tabby nicht mehr bei ihr war. "Tabby!. Tabby! Wo bist du denn ?", rief Ria verzweifelt.
"Tim, hast du etwa Tabby gesehen?", fragte Ria.
"Nein Ria! Ich habe ihn nicht gesehen, wollen wir ihn suchen?"
Auch Linda und Max wurden darauf aufmerksam und blieben stehen. Der Stamm bog um die dritte Ecke und das Rudel der Marder machte sich auf die Suche nach Tabby.
"Wisst ihr was? Ich und Max gehen weiter und suchen Tabby vorne, und ihr zwei geht zurück", schlug Linda vor. Gesagt, getan. Tim und Ria gingen zurück und suchten Tabby überall. Doch Tabby war wie vom Erdboden verschluckt.
Der Stamm ging währenddessen weiter und war inzwischen sehr weit entfernt von den vier Wölflingen.
Tim und Ria bogen um die Ecke und riefen nach Tabby. Aber von Tabby gab es kein Spur. Sie gingen weiter, bis sie zu einem dichten Gebüsch kamen.
"Tabby ! Tabby!", rief Ria fast weinend. Plötzlich hörten sie ein Gebell aus dem tiefen Inneren der Erde.
"Das ist Tabby, das ist Tabby, Tabby wo bist du denn?", fragte Ria verzweifelt.
Sie gingen noch weiter zurück, in der Hoffnung Tabby zu finden, aber das Gebell wurde immer leiser.
"Kehren wir um! Tabby ist dort irgendwo unter dem Gebüsch", schlug Tim vor.
Sie kehrten um und das Gebell wurde lauter. Sie suchten im Gebüsch, aber sie fanden Tabby nicht.
"Tabby, Tabby , wo steckst du denn?", rief Ria.
"Wau!.. Wau! Wau!"- antwortete Tabby aus der Tiefe der Erde..
Tim und Ria suchten alles ab, aber sie fanden überhaupt keine Höhle, keine Spalte. "Wo kann dieser Köter bloß sein?", fragte sich Ria.
Tim kroch unter das Gebüsch und nach langer Suche entdeckte er unter einem Felsen den Eingang zu einem Tunnel.
"Ria! Ria! Ich hab’s!"
"Hast du Tabby ?"
"Nein, aber es ist ein Eingang hier in einen Tunnel, und Tabby ist dort drin! "antwortete Tim.
"Komm Ria, holen wir sie heraus."
Ria kroch unter das Gebüsch und folgte Tim in den Tunnel.
Zuerst konnten sie nur auf dem Bauch hineinkriechen, dann wurde der Tunnel immer breiter und höher. Sie fanden eine Treppe, die nach unten führte. Langsam, einander an den Händen haltend, stiegen sie hinunter. Beim nächsten Schritt traten sie ins Leere und rutschten steil in die Tiefe.
"Nun, jetzt sitzen wir in der Falle, ohne Hilfe können wir hier nicht mehr raus!", sagte Ria. Das Loch, wo sie hineingekrochen sind, war ganz weit oben. Tim suchte in seinem Rucksack nach der Taschenlampe. Er schaltete die Taschenlampe an.
"Wow! Wo sind wir denn gelandet? Ist das etwa die Hölle der 40 Räuber, die Ali Baba gefunden hatte?", fragte Ria.
"Die Höhle hatte Ali Baba doch selbst schon ausgeleert, hier handelt es sich wahrscheinlich um eine andere Höhle und um andere Räuber!", antwortete Tim. Aus der Ferne hörte man Tabby wieder bellen.
" Wau! Wau!....Wau! .....Wau! Wau! Wau!"
Linda und Max entfernten sich in dieser Zeit ziemlich weit von der Stelle, an der sie sich voneinander getrennt hatten, aber sie fanden keinen Spur von Tabby.
"Wäre es nicht besser umzukehren, um Ria und Tim zu suchen?", fragte Max.
"Besser wäre es schon, bevor wir sie auch noch verlieren!", antwortete Linda.
Linda und Max gingen zurück, bis der Berg sich nach rechts wendete. Sie bogen nach rechts, dann nach links und nach etwa 500 Meter noch einmal nach links und nach weiteren 500 Metern wieder nach links. Nach kurzer Zeit fanden sie die Stelle, an der sie sich von Tim und Ria getrennt hatten.
"Ria! Tim!", rief Linda mehrmals. Aber von den beiden fehlte jede Spur, als wären sie vom Erdboden verschluckt.
"Wo können Ria und Tim sein ?", fragte sich Max.
"Wir hätten uns nicht voneinander trennen sollen!", sagte Linda.
"Sind sie vielleicht ins Lager zurückgegangen?" überlegte Max mit lauter Stimme.
"Das glaube ich nicht!", erwiderte Linda.
"Und was machen wir jetzt?", fragte Max.
"Wir müssen Pater Laurentius und Herrn Osmangic informieren!", sagte Linda.
"Leicht gesagt, und wie finden wir sie?" fragte Max.
"Wir müssen sie unbedingt finden, komm schon!", sagte Linda aufgeregt.
"Ja, klar, aber nur langsam!", antwortete Max. Max nahm aus dem Rucksack seinen Kompass, Notizbuch und Bleistift heraus.
"Linda , kannst du die Richtung mit dem Kompass prüfen ?", fragte Max.
"Ja sicher!", antwortete Linda.
"Dann zähle ich die Schritte und notiere alles genau, so können wir jederzeit zurückkommen!", sagte Max.
Max zählte 850 Schritte in westlicher Richtung, dann wendete sich der Berg in nördlicher Richtung und Max zählte wieder 1148 Schritte. Dort wendete sich der Berg nach Osten und die beiden zählten wieder 1162 Schritte.
"Das ist ja komisch !", sagte Max.
"Was ist denn so komisch ?", fragte Linda traurig.
"Wir laufen ja um den Berg herum!", erwiderte Max.
"An diese Stelle müssen wir nach Westen gehen.!", sagte Linda. Sie zählten wieder 825 Schritte und dann wandte sich der Berg nach links in östlicher Richtung. Nach weiteren 2680 Schritte wendete sich der Berg nach Süd-Osten. Von dort führte der Weg steil nach oben. Ganz oben angekommen, nach etwa 3500 Schritten, fanden sie einen einsamen Baum.
"Den Baum notiere ich mir!", sagte Max.
Von dem Baum konnte man weit in die Ferne schauen. Max nahm das Fernglas aus dem Rucksack und schaute umher. Bald entdeckte er den Pfadfinderstamm nicht weit vom Horizont entfernt im östlicher Richtung. Er zeichnete die Stelle in seinem Notizblock auf. Linda nahm ihr buntes Halstuch und fing an, ihnen zuzuwinken.
"Hör auf Linda, die sind viel zu weit entfernt, sie merken das gar nicht!", sagte Max .
Inzwischen machte der Pfadfinderstamm eine Pause und merkte, dass sie die vier Wölflinge verloren hatten. Nach kurzer Beratung machten sie sich auf den Rückweg, um sie zu suchen.
Max und Linda ruhten sich ein wenig aus und gingen dann weiter wie bisher, und näherten sich dem Stamm.
Währenddessen befanden sich Ria und Tim tief unter der Erde, von wo aus der Eingang nur ganz klein zu sein schien. Sie schrieen um Hilfe, nach Max und Linda , aber vergeblich. Ihre Stimmen hallten im Tunnel wider und Tabby war auch nicht zu finden.
"Was machen wir denn jetzt?", fragte Ria weinend.
Tabbys Gebell hallte plötzlich im Tunnel wider:“ Wau! Wau!...Wau! Wau!.“
"Aus welcher Richtung kommt es?", fragte Ria schluchzend. " Der Tunnel verläuft ja in beiden Richtungen."
"Ich glaube, es kommt von links!", meinte Tim.
"Bist du dir da sicher?", hakte Ria nach.
"Sicher bin ich mir überhaupt nicht, es könnte genauso gut auch von rechts kommen!", erwiderte Tim.
"Und jetzt, in welcher Richtung sollen wir ihn suchen?"
"Ich weiß es auch nicht. Versuchen wir nach links ?", sagte Tim.
"Gut, versuchen wir dann nach links!", sagte Ria.
"Aber warte doch mal einen Moment, wir brauchen den Kompass und einen Notizblock, sonst verirren wir uns noch!", versuchte Tim zu erklären
"Hast du alles dabei?", fragte ihn Ria.
"Ja, ich schon und du ?", stellte ihr Tim die Gegenfrage.
"Doch, doch, ich habe auch alles dabei!", rechtfertigte sich Ria.
Tim nahm den Kompass und Ria den Notizblock und einen Kugelschreiber aus dem Rucksack.
"Kannst du die Taschenlampe und den Kompass halten ?", fragte Ria.
"Ja, ich halte die Taschenlampe, messe die Richtung mit dem Kompass und zähle die Schritte. Kannst du dann alles genau aufzeichnen ?", erkundigte sich Tim.
"Ja, ich werde alles genau aufzeichnen!", sagte Ria lächelnd.
"Blöd ist es nur, dass wir miteinander nicht mehr reden dürfen!", sagte Tim.
"Aber, warum denn nicht ?" fragte ihn Ria verwirrt.
"Weil ich mit dem Zählen so durcheinander komme !", antwortete Tim.
"Du hast ja recht! Gehen wir dann?", schlug Ria vor.
Tim zählte 100 Schritte und las auf dem Kompass die Richtung Nord null Grad. Dort blieben die beiden stehen, weil es eine Wegkreuzung gab, die in die Richtungen Ost und West führte.
In dem Tunnel war es ganz still. Boden, Decke, Wände , alles war aus großen Steinblöcken gebaut. Die Wände waren aber nicht glatt, sondern mit Reliefs und unbekannten Schriftzeichen verziert und die Luft roch abgestanden und schal.
" Wir müssen weitergehen!", sagte Ria.
"Gut, und in welche Richtung sollen wir gehen?", fragte Tim.
"Versuchen wir es mal nach Osten! "schlug Ria vor.
"Gut, aber bleib dicht bei mir!", sagte Tim.
Irgendwo, ganz weit entfernt hörten sie Tabby leise bellen:
„Wau! Wau! ....Wau!“
Nach weiteren 100 Schritten fanden die beiden wieder eine Wegkreuzung. Der Tunnel führte in Richtung Norden und Süden. Ria und Tim entschieden sich für die nördliche Richtung. Nachdem sie sieben solcher Kreuzungen überquert hatten, fanden sie eine Treppe, die nach oben führte und an dessen oberem Ende ein helles Licht erstrahlte.
"Da scheint die Sonne!", rief Ria voller Freude aus.
"Das kann aber nicht sein!", erwiderte Tim.
"Warum denn nicht?", fragte Ria ganz enttäuscht.
"Wenn ich mich nicht täusche, ist es bereits Nacht und die Sonne kann gar nicht mehr scheinen!", erwiderte Tim.
"Dann ist es der Mond!", sagte Ria. "Komm, gehen wir hoch und schauen nach!", sagte Tim. "Aber zuerst sollst du die Stelle markieren. Zeichne mal eine Treppe hin." Sie stiegen die Treppe nach oben, zählten die Stufen und betrachteten die reichlich verzierten Wände. "Schau mal diese interessanten Reliefs an!", sagte Ria. "Aber was sind das wohl für Wesen, weder Menschen noch Tiere?", fragte Tim. "Schau mal diese Maschinen an! Und was sind das hier, Flugzeuge oder fliegende Untertassen?", fragte Ria erstaunt. "Sind das aber interessante Schriften!", staunte Tim. "Und schau mal dort, ein Affe mit Astronautenhelm!", lächelte Ria vergnügt. Die Treppe wendete sich sechs Mal um neunzig Grad nach links. Nach 1073 Stufen standen sie plötzlich vor einem hell beleuchteten Raum. Der Raum war groß und überall lagen Tongefäße mit Papierrollen, Geschirr und Schmuck aus Gold und Edelsteinen. Die Wände des Raumes waren mit fremden, unbekannten Schriften und Reliefs verziert und in der Mitte des Raumes auf einer Steinkonsole befand sich ein leuchtender Kelch. Um die Konsole herum lagen viele menschliche Skelette, von denen eines sogar eine schwarze Ritterrüstung anhatte. Auf den Skeletten lag auch ein vor kurzer Zeit verstorbener Mann mit ausgestreckten Armen. "Iiih! Grässlich!", rief Ria " Lass uns von hier fortgehen!" "Nein", sagte Tim, "das ist doch interessant!" "Woran sind diese Menschen verstorben ?" fragte Ria. "Vielleicht wollten sie den leuchtenden Kelch stehlen, schau wie gierig der Mann die Arme nach dem Kelch ausstreckt!", antwortete ihr Tim. "Aber Ritter stehlen doch nicht!", entgegnete Ria. " Ritter stehlen eigentlich nicht, aber das hier scheint der Schwarze Ritter aus der Arthus Sage gewesen zu sein und der war kein Ehrenritter!", entgegnete Tim. "Und dieser arme tote Mann?", fragte Ria voller Mitleid. "Das ist wahrscheinlich ein habgieriger Räuber!", antwortete Tim. "Igitt! Hör auf! Hauen wir schnell ab!, sagte Ria erschrocken. Tim und Ria verließen schnell den Raum und stiegen die Treppe hinunter. "Wo kann Tabby bloß sein ?", fragte Ria traurig. "Komm, gehen wir weiter, irgendwo werden wir ihn schon finden.", vertröstete sie Tim. "Meine Beine tun schon weh, und ich bin so müde!", sagte Ria. "Meine Beine tun auch schon weh, aber wir können uns hier nicht ausruhen! Komm, gehen wir weiter!", schlug Tim vor.
Während Ria und Tim unten im Tunnel nach Tabby suchten, trafen Linda und Max den Pfadfinderstamm und erzählten ihnen, dass Ria, Tim und Tabby wie vom Erdboden verschluckt, spurlos verschwunden seien.
"Wo habt ihr sie zum letzten mal gesehen?" fragte Sem Osmangic, Linda und Max. "Hier an dieser Stelle haben wir uns getrennt!", zeigte Max Herrn Osmangic seine Skizze. "Bravo, das habt ihr sehr gut gemacht!", lobte sie Sem." Folgen wir dann einfach eurer Karte!" Am späten Nachmittag erreichten sie die Stelle, wo die vier Wölflinge sich getrennt hatten, aber sie fanden keine Spur, keinen Hinweis und es fing auch an zu dämmern. "Kehren wir zurück ins Lager. In der Nacht finden wir sie sowieso nicht !", sagte Sem Osmangic. "Wir müssen bis morgen warten!"
"Und was machen Ria und Tim hier draußen in der Dunkelheit alleine?", fragte ihn Linda enttäuscht. "Vielleicht sind sie schon längst im Lager!", antwortete ihr Sem Osmangic. "Und wenn nicht?", hakte Max nach. "Dann brauchen wir Verstärkung, alarmieren wir die Bergwacht, Polizei und Feuerwehr und suchen sie morgen im Tageslicht!", sagte Sem Osmangic überzeugend. Als der Stamm das Lager erreicht hatte, erfuhren sie, dass Ria und Timm nicht da waren. Sem Osmangic alarmierte die Polizei, Feuerwehr und Bergwacht, die aber alle nur am nächsten Tag in der Früh mit der Suche beginnen wollten. Vor lauter Aufregung konnten Linda und Max die ganze Nacht nicht schlafen.
Um sechs Uhr in der Früh, als die Trompete zum Aufstehen geblasen wurde, standen Polizei mit Suchhunden, Feuerwehr und Bergwacht versammelt im Lager in Alarmbereitschaft. Die Kinder bereiteten sich schnell vor, frühstückten und dann begann die große Suchaktion.
Während die anderen schliefen, gingen Ria und Tim weiter in den Tunnel und suchten nach Tabby. Ab und zu hörten sie ein schwaches "Wau! Wau!", aber alles klang sehr weit entfernt. Tim maß jede Wegänderung und zählte jeden Schritt und Ria notierte fleißig alles. Nach langer Zeit und viele Wegkreuzungen standen sie wieder vor einer Treppe, die nach oben führte. Plötzlich hörten sie von oben einen höllischen Lärm sich nähern. "Komm Ria, verstecken wir uns schnell!", sagte Tim. Er machte schnell die Taschenlampe aus und die beiden versteckten sich auf der anderen Seite des Tunnels. Laufende und schreiende Männerstimmen, hohl klingende Metallgefäße begleitet von Tabbys wilden Gebell, sausten an ihnen vorbei. In der Dunkelheit konnten sie zwei rennende Gestalten erkennen, die schwere Säcke mit sich trugen, in denen Metalltöpfe und Geschirr sich zusammenschlugen. Ihnen folgte mit einem wilden Gebell Tabby nach. " Wau! Wau! Wau! Wau! Wau!“, widerhallte es im Tunnel. "Tabby! Tabby!, ich bin doch da!", flüsterte ihr Ria leise zu. Aber Tabby konnte das nicht hören, weil er viel zu laut bellte und auch schon viel zu weit entfernt war. Als sie weg waren, schaltete Tim wieder die Taschenlampe ein, aber es passierte nichts. "So ein Mist! Die Lampe geht nicht mehr! Was machen wir jetzt in dieser Dunkelheit?", ärgerte sich Tim. "Ich glaube, ich habe auch eine Taschenlampe und auch Reservebatterien dabei!", sagte Ria. Ria suchte die Taschenlampe, nahm sie aus dem Rucksack, und schaltete sie ein. "Haben wir ja ein Glück!", sagte Tim erleichtert. "Komm, gehen wir hoch, da gibt es auch Licht. Vielleicht finden wir den Ausgang!", sagte Ria. Die Zwei stiegen die Treppe hoch und betrachteten auf den Wänden die merkwürdigen Schriften und Reliefs. "Schau mal da, ein Mann mit einem Eselskopf!", lächelte Ria. "Schau mal den starken Mann an, der auf den Schultern einen Löwen trägt und neben ihm der Affenmensch, der auf einem Stier reitet!", zeigte Tim vergnügt. Nachdem die Treppe sich neun mal nach rechts wendete und nach 1245 Stufen ganz oben angekommen, schaltete Tim die Taschenlampe aus und die beiden betraten vorsichtig den hell beleuchteten Raum.
Mitten im Raum befand sich ein vergoldeter Holzschrein und auf dessem Deckel zwei kniende goldene, einander zugewandte Kerubime. Die zwei Kerubime erzeugten ein sehr helles Licht, das den Raum beleuchtete. Um den Schrein herum lagen sehr viele alte menschliche Skelette und auch vor kurzem verstorbene Männer. Ria erschrak und lief schreiend zurück auf die Treppe. Max folgte ihr auch. " Was machen wir jetzt? , fragte Ria voller Verzweiflung. So kommen wir nie mehr aus diesem Labyrinth heraus und Tabby ist uns auch weggelaufen. In diesem Augenblick näherte sich eine helle Lichtkugel aus dem Raum. Im der Lichtkugel konnte man deutlich eine weibliche Figur erkennen, die mit langer Kleidung ganz in weiß gekleidet war.
Es war früh am Morgen. Um diese Zeit fing die Polizei an, mit Hilfe der Feuerwehr, Bergwacht und den Pfadfindern die spurlos verschwundenen Kinder zu suchen. Sie durchsuchten jeden Winkel, jeden Busch , aber vergeblich, sie fanden keine Spur.
Als die weiße Frau ganz in der Nähe von Ria und Tim war, sagte sie zu den beiden "Kinder, fürchtet euch nicht. Ich zeige euch den Weg zu Tabby und zum Ausgang, folgt mir." Sie überquerten den Raum, die Wände schoben sich zur Seite und vor ihnen eröffnete sich ein langer und breiter Flur. Am Ende des Flures gab es eine Treppe, wo der Ausgang und auch Tabby schon zu sehen waren.
" Kinder geht diese Treppe hinunter, eure Freunde suchen euch schon" sagte die weiße Frau. Aber bevor die Kinder sich bedanken konnten verschwand die rätselhafte Frau und der breite Flur auch. Die Beiden stiegen die Treppe hinab. Als sie den Ausgang erreichten fanden sie Tabby, der zwei Räuber in einer Ecke festhielt. Mit Hilfe der Taschenlampe sendete Tim Morsezeichen an Max, der im Tunneleingang erschien. Max und Linda entzifferten die Morsezeichen und holten Hilfe. Polizisten und Bergwacht seilten sich in die Tiefe hinab, nahmen die zwei Räuber fest und ließen sie gefesselt hochseilen. Ihnen folgen Ria, Tabby und Tim auch.
Während Ria und Tim sich gründlich ausruhten, studierte Semir Osmangic aufmerksam ihre Aufzeichnungen. Plötzlich merkte er, dass die Kinder in drei Pyramiden waren die mit einem komplizierten Tunnelsystem miteinander verbunden sind. Es waren die Pyramiden von Visocica.




