Vom Schicksal eines Unversöhnlichen
Zögernd blieb Alexander vor der Haustür stehen und hielt inne. War er hier denn tatsächlich richtig? Der junge Mann schaute sich noch einmal zweifelnd das altertümliche Haus an, wobei sein Blick an einem kleinen Schild neben der Haustür hängenblieb: „Dr. phil. Raimund Mertens“ – ohne Zweifel die Praxis, die er suchte. Noch einmal atmete Alexander tief durch, dann drückte er die Klingel und wartete ab, bis ihm ein kauzig aussehender Mann mit Brille öffnete.
„Guten Tag!“, grüßte Alexander etwas unsicher. „Mein Name ist Hardenberger, und ich habe um 16 Uhr einen Termin bei Herrn Doktor Mertens.“
Der Herr in der Tür nickte daraufhin und ließ Alexander eintreten. Dieser musste bald feststellen, dass dies eine Privatpraxis im Wohnhaus des Doktors war. Dann war der Herr, der ihm die Tür geöffnet hatte, also Doktor Mertens persönlich. Mit einem Kribbeln im Bauch betrat er einige Sekunden später das Sprechzimmer.
„Ihr Psychologe, Herr Doktor Weiler, hat wegen Ihrer Sache bereits ein Telefonat mit mir geführt. Darin sagte er mir auch, weswegen er Sie an mich überwiesen hat. Und zwar, weil Sie aus bestimmten Gründen nicht mit Ihrem Leben klarkämen und eine herkömmliche Psychotherapie bei Ihnen nicht fruchten würde. Deshalb sollten wir es mal mit einer Reinkarnationstherapie versuchen.“
Doktor Mertens musterte Alexander mit einem forschenden Blick. Dieser ahnte bereits, was der Therapeut ihm gleich sagen würde.
„Falscher Stolz ist eine ungute Eigenschaft – dieser Meinung ist nicht nur Herr Doktor Weiler. Er macht einen so manches Mal unglücklich. Man wird unzufrieden mit sich selbst, doch man bringt es einfach nicht über sich, sich zu überwinden ... beispielsweise nach einem Streit mit geliebten Menschen, in dem man selbst im Unrecht war.“
Alexander war gar nicht wohl in seiner Haut, als der Doktor ihn fragend anblickte.
„Hatten oder haben Sie in letzter Zeit wieder Streit mit Menschen aus Ihrer Familie oder Ihrem Freundeskreis?“, wollte er ganz unvermittelt wissen. „Seien Sie bitte ehrlich.
„Nun ja, ich ... Vor einigen Tagen, da hatte ich wieder Zoff mit meinem Vater“, gab Alexander nur widerwillig zu. Er wusste ganz genau, worauf Doktor Mertens hinaus wollte: Ob er bei dieser Auseinandersetzung im Recht oder im Unrecht war ... Und ausgerechnet Letzteres traf zu, wie schon so oft. Aber wer gibt so etwas schon gern vor anderen zu? Vor allem, da Alexander es tatsächlich nie fertigbrachte, sich bei seinen Mitmenschen für sein Fehlverhalten zu entschuldigen! Selbst bei seinem Vater nicht, dem er wieder einmal bitter Unrecht getan hatte ...
„Die sagen zwar alle dasselbe, aber das kann doch einfach nicht stimmen. Es muss doch an was anderem liegen, weswegen mein Leben so scheiße ist. Unversöhnlichkeit – was ist das schon? Es renkt sich schon alles wieder von selber ein. Das hat es doch schon immer getan“, dachte der junge Mann trotzig. Im nächsten Atemzug jedoch wurde er wieder etwas nachdenklich: Und wieso plagten ihn dann jedes Mal Zweifel, wenn er etwas Fieses gesagt hatte? Wieso fühlte er sich hinterher dann immer so miserabel?
„In Ordnung, Herr Hardenberger. Dann wollen wir mal beginnen“, meinte der Doktor und wies auf eine Couch. Alexander nickte nur stumm und ließ sich darauf nieder.
„Keine Angst, Alex“, dachte er bei sich. „Es wird schon schiefgehen. Schließlich kann selbst der neue Psychobob keine Gedanken lesen.“
Doktor Mertens setzte sich neben Alexander und begann sofort mit seiner Hypnose.
„Schließe nun deine Augen. Du verlegst jetzt dein Bewusstsein in deine Augenlider ...“
Der Doktor sprach seine Patienten während einer Rückführung mit „Du“ an.
„Du spürst, wie die Spannung weicht ... deine Muskeln werden schlaff und schwer ...“
Der junge Mann spürte nach einer Weile, wie er sich immer mehr gehenließ.
„Du bist jetzt ganz entspannt ... dein Körper ist jetzt schwer – so schwer, dass du glaubst, er wolle im Polster versinken ... ich zähle jetzt rückwärts von Zehn bis Null. Und mit jedem Zählschritt sinkst du tiefer in die Entspannung. Wenn ich ´Null´ sage, fühlst du dich so wohl, wie man sich nur fühlen kann ... zehn – du sinkst tiefer ...“
In der Tat steigerte sich das Schweregefühl in Alexanders Körper mit jedem Zählschritt. Langsam glitt er hinüber in einen Dämmerzustand, doch er konnte die einschläfernde Stimme trotzdem noch deutlich vernehmen.
„Sieben – es geht weiter in die Tiefe, bis ...“
Mittlerweile begannen Nebel vor Alexanders innerem Auge zu tanzen, die von vagen Schatten durchzogen wurden.
„Drei – du sinkst immer tiefer ... immer tiefer ...“
Irgendwann begannen die Schatten, immer schärfere Konturen anzunehmen.
„Null – du bist jetzt so entspannt, wie man überhaupt nur sein kann ... Trotzdem kannst du sprechen und gleichzeitig alle auftauchenden Gefühle, Gedanken und Geschehnisse miterleben ... Aber jetzt lass einfach nur geschehen, was auf dich zukommen mag.“
Mit einem Mal konnte Alexander deutlich eine Szene vor sich erkennen! Es schien, als hätte jemand einen Filmprojektor vor seinem inneren Auge angeworfen – mit einem Film, den er selbst besser kannte als alle anderen Menschen ...
„Dein Unbewusstes sucht sich dein früheres Leben nun selbst aus“, waren die letzten Worte des Therapeuten, bevor Alexander mitten ins Geschehen hineingezogen wurde: Er sah zuerst einen Seemann vor sich, der der aufgehenden Sonne entgegenblickte.
„Das ... das bin ja ich!“, schoss es ihm durch den Kopf. „In einem vergangenen Leben!“
Fasziniert beobachtete er, was an Deck des alten Schiffes vor sich ging, wobei er sich plötzlich im Körper seines früheren Ichs befand und alles aus dessen Augen miterlebte. Gleichzeitig nahm er alle Gedanken und Emotionen des Seemanns wahr und erkannte leider auch seinen damaligen Charakter wieder ...
Da wechselte im nächsten Moment die Szene, ohne dass Alexander das auch nur im geringsten beeinflussen konnte: Er sah nun die Frau vor sich, die er einst geliebt hatte. Sein Blick fiel voller Stolz auf ihren gewölbten Bauch. In wenigen Monaten würde ihr gemeinsames Kind geboren werden, auf das er sich so sehr freute. – Und trotzdem lag ein Schatten auf der Szenerie, denn er hatte vor Tagen eine Auseinandersetzung mit seiner Frau gehabt, und seitdem hatten sie kein Wort mehr miteinander gewechselt. Das hatte Alexander, der sich erinnerte, im damaligen Leben Francis geheißen zu haben, nicht für nötig gehalten. Seiner Gemahlin blieb schließlich nichts anderes übrig, als England zu verlassen, und sei es auch noch so sehr gegen ihren Willen. Schließlich war sie auf ihn, ihren Gatten, angewiesen. Wieso also sollte Francis das erste Wort nach dem Streit an sie richten? Doch das erledigte sich in diesem Augenblick von selbst – Mary Anne kam mit mühevoll zurückgehaltenen Tränen auf ihn zu und erklärte ihm, dass sie ihn in die Neue Welt begleiten würde ...
Wieder wurde es dunkel um Alexander, und dann befand er sich als Francis plötzlich auf der großen Überfahrt in die Neue Welt, auf der er mit Mary Anne die Heimat endgültig verlassen würde. Erneut war er mit ihr in Streit geraten, und obwohl er seine Frau abgöttisch liebte, schrie er sie aus Leibeskräften an und verpasste ihr eine schallende Ohrfeige. Mary Anne sank auf dem Bett in ihrer Kajüte zusammen und presste beide Hände an den Bauch. Wimmernd krümmte sie sich in den Kissen, was Francis´ Herzen einen plötzlichen Stich versetzte und in ihm den Wunsch weckte, zu ihr zu eilen und sie an sich zu drücken. – Aber sie hatte ihm doch gerade gesagt, dass sie ihn sofort verlassen würde, wenn sie nur könnte, weil sie seinen – angeblichen – Jähzorn nicht mehr ertragen würde! Musste er sich das denn sagen lassen?! Nein, er würde sich nicht bloßstellen, indem er sie um Verzeihung bat. Das würde sich ohnehin bald wieder einrenken ... Ohne ein weiteres Wort stürmte Francis aus der Kajüte und ließ Mary Anne allein zurück ...
Die Szene wechselte ein weiteres Mal, und Alexander alias Francis rannte wie von Teufeln gehetzt an Deck umher. Es war der Abend desselben Tages, und ein schwerer Sturm hatte das Schiff in seinen Fängen. Der Seemann sprang durch Wellenbrecher hindurch, die das Deck überspülten. Doch wo, um Himmels willen, war nur Mary Anne?! Er konnte sie einfach nicht finden! Da wurde er auch schon von einer Welle erfasst und mit über Bord gerissen. Er kämpfte sich fast blind durch die eisigen Fluten des Atlantiks, bis er irgendwann von ein paar kräftigen Händen gepackt und in ein Rettungsboot gezogen wurde ...
Wieder eine andere Szene tauchte vor Alexander auf, in der sein vergangenes Ich einen Strand entlang lief und vor etwas Angespültem Halt machte. Sein Blick streifte den regungslosen Körper seiner Frau und blieb anschließend an deren Bauch hängen. Er schrie mehrere Male ihren Namen, bis er mit Tränen im Gesicht verstummte und ihm bewusst wurde, dass er sie und auch sein ungeborenes Kind nun endgültig verloren hatte. Der einzige Gedanke, der ihm noch in den Sinn kam, als er sich neben der Leiche seiner Frau in den Sand fallen ließ, war: „Warum habe ich sie nur so schlecht behandelt?!“
Es war jetzt für immer zu spät, dass er sich für all seine Widerwärtigkeiten entschuldigen konnte, so sehr er sich das plötzlich auch wünschte. Seine über alles geliebte Mary Anne war nicht in Frieden von ihm gegangen ...
Diese Erinnerungen quälten Francis noch bis an sein Lebensende, bei dem auch er im Meer ertrank. Und noch während das Salzwasser seine Lungen ausfüllte, dachte er: „Was war ich doch für ein furchtbarer Mensch! Ich habe es nicht besser verdient ...“
Da wurde es auf einmal erneut schwarz um Alexander herum, und er spürte, wie sein Geist sich langsam von diesem früheren Leben loslöste. Ohne es richtig mitbekommen zu haben, hatte er die ganze Zeit über mit Doktor Mertens gesprochen, der ihn jetzt sanft in die Gegenwart zurückholte.
„Was immer auch in jenem Leben geschehen ist, du hast es lange hinter dir ... Aus den Erfahrungen in deinem früheren Dasein kannst du nun vielleicht ein besseres und glücklicheres Leben im Heute führen lernen ... Du bist jetzt wieder hier, in der Gegenwart. Langsam ... ganz langsam öffne jetzt die Augen.“
Alexander tat wie ihm geheißen und merkte, dass seine Augen auf einmal feucht waren. Er hatte wohl, ohne es zu wollen, geweint. Er musste feststellen, dass es ein unerträgliches Gefühl war, wenn ein geliebter Mensch von einem ging und man diesen nie mehr um Verzeihung bitten konnte. Doktor Mertens hatte mit allem Recht, und Doktor Weiler ebenfalls! Alexander wandte seinen Blick nun dem Therapeuten zu, welcher geduldig neben ihm verweilte.
„Erkennen Sie irgendwelche Zusammenhänge mit Ihrem jetzigen Leben, Herr Hardenberger? Vielleicht eine Lehre, die Sie daraus ziehen könnten?“, fragte dieser, woraufhin Alexander nickte.
„Vielen Dank, dass Sie mir endlich die Augen geöffnet haben, Herr Doktor!“
Doktor Mertens nickte mit einem unergründlichen Lächeln, stand auf und begleitete Alexander anschließend noch bis zur Haustür.
„Wenn Sie Fragen haben oder mich noch einmal aufsuchen möchten, rufen Sie einfach an!“, verabschiedete sich Doktor Mertens und ließ Alexander vor dem Haus allein.
Nachdenklich schaute der junge Mann zum Himmel und dachte: „Ich muss unbedingt zu meinem Vater, jetzt gleich! Ich muss mich bei ihm entschuldigen, bevor es auch in diesem Leben zu spät dazu ist! Es tut mir alles so furchtbar leid ...“
Mit einem seltsamen Gefühl von Befreiung machte sich Alexander schließlich auf, um so schnell wie möglich seinen Vater zu erreichen, den er doch im tiefsten Innern seines Herzens über alles liebte ...




