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Wir geben Ihnen doch Asyl

Vor acht Jahren lernte ich Agron kennen. Er war damals ein neunjähriger Junge, der wegen seiner mangelnden Sprachkenntnisse zusammen mit seiner Schwester in die erste Klasse eingeschult wurde. Ein halbes Jahr vorher war die ganze Familie, Eltern und vier Kinder, aus dem Kosovo geflohen und hatten bei uns Asyl erhalten. Damals sah ich ihn nur manchmal in Vertretungsstunden oder in der Pause, aber er fiel mir sofort auf.

Er war ein hübscher, drahtiger Junge mit einem schmalen, dunkelhäutigen Gesicht. Wenn er einen Lehrer sah, grinste er spitzbübisch, aber freundlich. Dabei blitzten seine weißen, ebenmäßigen Zähne aus dem schön geschwungenen Mund. Er strahlte ungewöhnlich viel Charme aus und konnte sich oft eine kesse Lippe erlauben, auch wenn er anfangs noch radebrechte, denn man konnte ihm einfach nicht böse sein. Auffallend war damals, dass er sehr verantwortungsvoll über seine kleine Schwester wachte und dabei immer souverän wirkte.

In der ganzen Grundschulzeit setzte er sich für Kleinere ein und er entwickelte sich bald zum Chef auf dem Pausenhof. Er schlichtete Streit und man konnte ihn bitten, darauf zu achten, dass bestimmte Verbote eingehalten würden. Er konnte dabei sehr früh seine körperliche Überlegenheit einsetzen, denn er war schon in der vierten Klasse der Älteste und auch der Stärkste in der Schule, obwohl es auch eine fünfte und eine sechste Klasse gab. Dennoch nützte er diese Überlegenheit nie, um Jüngeren dadurch zu schaden. Ganz im Gegenteil, er brachte Unruhestifter oft mit gutem Zureden zur Vernunft und wenn es nicht anders ging auch mit Muskelkraft.

Mit 14 Jahren kam er zu mir in die fünfte Klasse. Auch ich erlag rasch seinem Charme, so wie vorher meine Kollegin. Doch er nützte dies nie aus. Er zeigte sich immer freundlich und vor allem sehr hilfsbereit.

Am Ende des Schuljahres war er mein Retter bei einem etwas verunglückten Schulausflug in das zwei Kilometer entfernte Freibad mit dem Fahrrad.

Wir fuhren alle in einer langen Schlange auf einem Radweg dorthin. Wie in jeder Klasse gab es auch hier ein paar besonders ungeschickte Kinder, mit denen ich nicht gerechnet hatte. So stießen auf dem Hinweg zwei Schüler am Ende des Radwegs zusammen und die Räder waren verbogen und beide Ketten waren herausgesprungen. Agron grinste mich überlegen an, als er meine Verzweiflung sah.

"Keine Angst, Frau Braun, das bringe ich schon wieder in Ordnung", beruhigte er mich. Und tatsächlich hatte er innerhalb von zehn Minuten beide Räder wieder fahrbereit. Wir konnten unseren Weg fortsetzen.

Auf dem Rückweg scherte eine Schülerin, die hinter mir gefahren war, plötzlich aus und fuhr frontal mit einem entgegenkommenden Radfahrer zusammen. Glücklicherweise war wenigstens dem Herrn nichts passiert, aber meine Evelyn saß bleich wie die Wand am Wegrand, hatte schlimme Aufschürfungen an der Hand und ein völlig verbogenes Rad. Agron war auch hier sofort zur Stelle. Er ließ Evelyn bei sich aufsitzen und schob beide Räder zu ihrer Wohnung. Dort übergab ich sie dann ihrer Mutter. Als ich mich bei Agron bedanken wollte für seine tatkräftige Hilfe, winkte er nur ab und sagte: "Das macht mir doch nichts aus."

Leider ließen seine Leistungen immer mehr zu wünschen übrig. Darauf angesprochen, sah er zwar meine Vorhaltung über nicht gemachte Hausaufgaben ein, hatte aber keine Lust, wirklich angestrengt zu arbeiten.

Bald merkte ich, dass er versuchte, seine Schwester für seine Zwecke einzuspannen. Im Gegensatz zu ihm sprach diese inzwischen perfekt Deutsch, schrieb wirklich hervorragende Aufsätze und lernte verbissen, um gute Noten zu haben. Er entwickelte sich immer mehr zum Pascha. Doch da er nicht mehr im Kosovo lebte, fehlten ihm die willfährigen Frauen. Seine Schwester schrie ihn oft an, wenn er wieder versuchte, ihre Dienste in Anspruch zu nehmen: "Hau ab, ich bin nicht deine Dienerin!"

Bald wurde ein Gespräch mit seinen Eltern nötig, denn die Noten wurden immer schlechter. Auch gab es Gerüchte, dass er rauchend und mit üblen Typen gesehen worden war.

Nach längerem Betteln erschien endlich seine Mutter mit seiner Schwester als Dolmetscherin. Ich schilderte ihr die Probleme, die Agron hatte. Ich hielt ihr vor Augen, dass er keine Lehrstelle bekommen würde, wenn er nicht etwas fleißiger lernte. Ich beschwor sie, ihn vor diesen Typen zu warnen, mit denen er sich in letzter Zeit eingelassen hatte und die weder vor Alkohol noch vor Drogen und auch nicht vor Ladendiebstählen zurückschreckten.

Sie nickte zustimmend, während ihr die Tränen über die Wangen liefen. "Wenn er Ihnen schon nicht folgt, kann denn dann nicht der Vater einmal ein Machtwort sprechen?", fragte ich.

"Ach Vater, den kannst du vergessen", antwortete sie fast verächtlich. "Er sitzt nur zu Hause und raucht. Hat keine richtige Stelle, weil er eigentlich ein Bauer ist. Junge hat nur ein bisschen Respekt vor mir, aber nicht vor Vater. Zu Hause ist er brav, aber er ist immer weniger zu Hause. Wir haben nur kleine Wohnung, viel zu klein für uns alle und ohne richtiges Bad. Nur Waschbecken mit kaltem Wasser. Andere Wohnung können wir uns nicht leisten. Er kann nie nette Freunde mit nach Hause bringen. So geht er fort."

"Aber es gibt doch Unterstützungen und Wohnungsgeld, damit sie sich eine bessere Wohnung leisten können", wandte ich ein.

"Ich nix wissen, wie machen. Wenn du mir sagen, wo Wohnung finden, vielleicht ..." Ich war erschüttert. Man nahm diese Menschen also in unserem Land auf und überließ sie dann ihrer eigenen Tüchtigkeit. Warum half man ihnen nicht, eine angemessene Wohnung zu finden und einen Antrag auf Wohnzuschuss auszufüllen? Warum verhalf man diesem Mann nicht zu einer Stelle, damit er sein Selbstwertgefühl wieder finden könnte?

Ist unser Mitgefühl gleich nach der Amerkennung als Asylant erschöpft? Eigentlich sollte unsere Hilfe doch dann erst richtig losgehen. Aber offensichtlich ist dies nicht der Fall. Lieber wundern wir uns über die hohe Kriminalitätsrate bei ausländischen Jugendlichen und strafen selbstgerecht, statt den Anfängen zu wehren.

Diese Familie ist ein Paradebeispiel für verfehlte Ausländerpolitik. Einige Familienmitglieder, wie die Schwester Agrons, schaffen es, hier Fuß zu fassen, aber gerade die Männer aus diesen sehr patriarchalischen Gesellschaften haben oft keine Chance, weil sie durch die äußeren Umstände um ihr Selbstwertgefühl gebracht werden. Wie sollen die Söhne etwas vom Vater annehmen? Oft sehen sie als einzigen Ausweg nur, ein Gangster zu werden, um das zu bekommen, was ihnen die Gesellschaft hier vorenthält: Menschenwürdige Möglichkeiten, die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. Es genügt nicht, ihnen nur Asyl zu gewähren!

Inzwischen geht nun Agrons jüngerer Bruder bei mir in die Klasse und er ist bereits auf dem selben Weg ins Abseits. Es ist wirklich beängstigend!

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