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Anlauf zu einem weiteren Versuch

Grau. Grau. Die Straßen. Die Häuser. Ich. In mir. Irgendwie ist es in mich hineingekommen. In meinen Kopf. Das Graue. Das Lähmende. Zusammen mit dem Pernod. Ich hätte es wis-sen müssen. Weiß es schon längst. Mein Kopf fühlt sich an, als ob ganz langsam Strom durch ihn geleitet würde. Oder Säure. Oder Gammastrahlen. Handy und Portemonnaie ge-stohlen. Wahrscheinlich. Jedenfalls ist alles weg. Wenigstens habe ich das Münzglas. Mein Retter in der Not. Nicht zum ersten Mal. Oje. Du musst dich abmelden, wenn du krank bist, Tina, abmelden. Möglichst vor acht, bevor die Schüler da sind. Damit wir eine Lösung für dich finden können. ...eine Lösung für mich finden können. Du darfst noch ganz andere Lösungen für mich finden, Erika. Zum Beispiel... ach, vergiss es. Abmelden muss ich mich. Wie spät ist es? Kein Handy, keine Uhr. Wo ist der Kirchturm? Fünf vor acht. Oo-ooh, mein Kopf. Bei der Post gibt’s eine Telefonkabine. Möglichst vor acht. Noch fünfzig Schritte bis zur Ampel, achtzig bis zur Linde, vierzig über den Platz vor der Post. Eins, zwei, drei, vier...

Die Kabine ist besetzt. Stehen bleiben. Kann ich nicht. Ich hätte etwas essen sollen. Nicht nur trinken. Jetzt ist mir auch noch übel. Ich muss mich hinsetzen. Die Bank. Gelobt sei der Ortsverein für die Bank. Schwarzes Wabern. Es geht schon. Ich schwitze. Mir ist kalt. Wie lange hat die Tusse wohl noch? Schön ist die. Schummrig durch das zerkratzte Glas, durch den Nebel in meinem Kopf. Wie im Film. Spielt mit dem Telefonkabel. Wackelt mit dem Kopf beim Sprechen.

Mit den Schultern. Mit dem Hintern. Die hat bestimmt nie einen Kater. Und schön ist sie noch dazu. Warum ist das Le-ben so ungerecht? ...ja, direkt am Meer... Natürlich, der Strand ist dazwischen... Unglaublich, wie blau der Himmel hier ist. Du hättest auch mitkommen sollen... Was labert die denn da? Meer? Strand? Bei der piept’s wohl! ...sonnenba-den, die Seele baumeln lassen und abends setz’ ich mich in eine Bar. Da ist eine, da gibt es einen soo süßen Kellner... Keine Ahnung, am liebsten würde ich gleich hier bleiben... Ich glaub’, die verarscht jemanden. Acht ist bestimmt auch schon vorbei. ...da ist jemand vor der Kabine. Ich muss Schluss machen... Sie hängt auf, lehnt sich gegen die Tür, dass sie aufgeht. Sexy. Rot geschminkte Lippen zwinkern mir zu, klappernde Absätze schlagen mir Nägel in die Schläfen. Ihr Parfum hängt zusammen mit altem Zigarettenrauch in der Zelle. Mein Magen verkrampft sich. Hörer. Münze. 052 586 27 27. Ich sinke dem schmierigen Boden entgegen. Die Hose ist eh längst für den Arsch. Das Gewicht des Hörers zieht mich auf das schmierige Linoleum. Bohrender Summton. Kühl das Linoleum an meiner Wange. Morgen Erika, ich bin's. Tina. ...ja, tut mirLleid. ...nein, heute nicht mehr. ...Telefonkabine war besetzt. ...Handy? Gestohlen. ...ja, ja, besser aufpassen... Aufstehen. Zwanziger nachwerfen. Zu-rückfallen lassen ...Nein, mir geht’s nicht gut... Ja, schon wieder. ...eine Auszeit nehmen? Aber Erika, ich... Vertre-tung? ...ihr wollt mich nicht mehr, ja? Kann ich auch verste-hen. Ich bin auch eine schlechte Lehrerin... Nein, ich verstehe dich nicht falsch... Scheiß auf den Psychiater! ...ärztliches Zeugnis? ...unbezahlter Urlaub? ...bis dann... Der Summton dröhnt aus dem Hörer. Viel zu laut. Haben die vom Telefon-dienst denn nie Kopfschmerzen? Ich sollte also zum Arzt gehen, ihm etwas vorjammern, ein Zeugnis verlangen. Und dann in aller Ruhe überlegen, wie es weiter gehen soll. Meint Erika. Martin wird das nicht gefallen. Aber mit Martin wird das eh nichts mehr. Scheiße. Wir hätten es so nett haben kön-nen. Aber er setzt mich unter Druck. Ich ertrage aber auch gar nichts. Das wird doch nicht so schwer sein, die Schule. Du dramatisierst doch. Ach, Scheiße. Meinen Hintern kann ich schon gar nicht mehr spüren. Scheißkälte. Aufstehen geht auch nicht. Mein Blutzuckerspiegel ist im Keller. Mein Ma-gen knurrt. Die gallige Luft steigt mir bis in den Hals hinauf. Eklig. Aber ein gutes Zeichen: mein Organismus wird wach. Jetzt etwas essen. Schnell. Bevor mir wieder schlecht wird. Den inneren Schweinehund überwinden und am Postschalter einen Schokoriegel kaufen. Da gibt’s jetzt auch Schokoriegel, die stehen in Bodennähe, wegen der Kinder. Aufstehen. Tür aufschieben. Nicht so sexy, wie die niemals verkaterte Schö-ne vorhin. Fünf Schritte durch das Graue, durch die Zauber-tür, in die geheizte Post hinein. Zum Glück nicht anstehen müssen. Der rettende Tresen. Guten Tag... Folie aufreißen. Aaaaah...

Ich habe noch fünf Zwanziger und drei Zehner. In der schmierigen Telefonzelle fühle ich mich geborgen. Sicher. Stark. Hallo Martin... ich bin's, Tina... nein, ich bin spontan verreist... ja, da staunst du, was? ...gestern Morgen nach Lanzarote... Es ist traumhaft... In einem Hotel direkt am

Meer... Natürlich, der Strand ist dazwischen... Unglaublich, wie blau der Himmel hier ist. Du hättest auch mitkommen sollen... Für wie lange? Keine Ahnung, am liebsten würde ich gleich hier bleiben... Was ich hier so mache? Na, sonnenbaden, die Seele baumeln lassen und abends setz’ ich mich in eine Bar. Da ist eine, da gibt es einen soo süßen Kellner... Scheiß auf den Job! Ich war eh nie eine gute Lehrerin. ...nein, ich lüge nicht... Und das sagst du mir so einfach am Telefon? ... nun denn... Mein Geld ist eh alle... Der Summton. Martin will mich nicht mehr sehen. Nicht mehr. Unglaublich. Ich schiebe die Tür auf, so sexy, wie es mein Zustand zulässt. Wie eine nasse, verschwitzte Pelerine fällt die Telefonzelle von mir ab. Tief einatmen, die kalte Luft. Alles durchspülen. Ich werde jetzt nach Hause gehen, mir einen starken Kaffee machen. Dann zum Arzt, vielleicht. Zum Reisebüro mit den Billigflügen. An einem warmen Strand überlegen, wie ich mein Leben wieder in die Bahn kriege. Vielleicht lässt sich das Steuer ja nochmals herumreißen.

 

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