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Schattenseiten
Es heißt, das Leben steckt voller Überraschungen. Als Wolf seine Pistole auf mich richtet, hab’ ich zwar die Hose bis oben hin voll, aber ich denke, der wird doch nicht schießen. „He!“, sag’ ich, „wir können doch über alles reden.“ „Wir haben genug geredet“, sagt er, „oder vielmehr du!“ Dann lacht er hämisch und ich krieg’ trotz meiner Angst einen Mordszorn. Dennoch zwinge ich mich, ruhig zu bleiben. Langsam wird es bedrohlich. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Soll ich reden, soll ich ihn auslachen? Oder soll ich ihn anflehen? Vor einer Stunde hab’ ich noch geglaubt, er ist ein Freund. Ich Schaf erzähl’ ihm noch von meinem Glückstreffer! Und Kathi hab’ ich nichts gesagt, ich Idiot! Weil ich sie überraschen will zu ihrem 18. Geburtstag. Sie soll studieren können, ohne daneben arbeiten gehen zu müssen. Ich hab’ mich so gefreut, ihr endlich was bieten zu können. Immer hat sie verzichten müssen, aber sie hat sich nie beklagt. Wolf wedelt mir auch noch meinen Lottoschein unter die Nase, der unverschämte Kerl., „Jetzt stehst mir nur noch du im Weg“, sagt er und sein Blick ist wahrlich diabolisch. So unglaublich und absurd mir die ganze Situation anfangs auch erschienen war, an seinem Blick erkenne ich, dass er es ernst meint. Da ist es jedoch schon zu spät. Ich höre den Knall und, das glaubt mir niemand, ich seh’ die Kugel auf mich zukommen. Wie in Zeitlupe. Aber ich bin wie gelähmt, steh’ da und warte, bis sie mich trifft. Und dann dieser ungeheuerliche Schmerz. Ich zucke zusammen und ein scharfer Stich durchbohrt meine Lunge. Ich kriege keine Luft. Bei der Wunde tritt warmes Blut aus. Die Lache wird immer größer und mir wird es ganz kalt. Und plötzlich sehe ich mich da liegen. Aus der Vogelperspektive. Und ich muss untätig zusehen, wie Wolf alles kaputt schlägt. Er reißt die Laden auf und nimmt alles raus, was nur halbwegs einen Wert hat. Dann beugt er sich über mich und sagt: „Trottel!“ Ich denk’ mir noch, er hat ja Recht, da zieht es mich plötzlich weg, ein Sog, aber kein physischer, ich kann es nicht in Worte fassen, es zieht mich in diesen Tunnel. Es wird finster um mich herum, aber doch nicht ganz. Das Licht zieht mich an, ist aber noch weit weg, und ich weiß, dass ich jetzt sterbe. Ich sehe plötzlich mein Elternhaus wieder. Spiele mit Alex Fußball hinter dem Haus. Ich hau’ auf den Ball und das Wohnzimmerfenster zerbricht in tausend Scherben. Papa kommt schimpfend gelaufen, „Wer war es?“, und ich sag’ „Alex!“ Alex sieht mich verwundert an und ich werde rot, aber er sagt nichts, ich auch nicht. Plötzlich sind wir beide viel älter. Alex heiratet und ich bin sein Trauzeuge. Und ich kann meine Augen kaum von Elfis Brautjungfer lassen. Ein Jahr später stehen wir vier wieder vorm Traualtar, diesmal in umgekehrter Reihenfolge. Bettina und ich vorne, Alex und Elfi hinter uns. Es wird immer heller im Tunnel. Ganz warm. Ein Babyschrei durchbricht die Stille, obwohl der Schrei ängstlich klingt, führt er mich an den glücklichsten Moment meines Lebens zurück: zu Kathis Geburt. Bettina liegt erschöpft im Bett, das Baby versucht sich mit wenig Erfolg an ihrer Brust. Dann plötzlich zerreißt ein weiterer Schrei die trügerische Stille des Tunnels. Es ist ein verzweifelter Schrei. „Sag, dass das nicht wahr ist, Papa! Sag, dass das nicht wahr ist!“, dabei trommelt mir Kathi andauernd auf meine Brust, und ich schließ’ sie nur hilflos in meine Arme. Ich will, dass sie mich tröstet, aber sie kann es natürlich genau so wenig wie ich. Was soll aus uns beiden werden, ohne Bettina? Jetzt wird das Licht wieder wärmer, ich fühle Bettina ganz in meiner Nähe. Bin ich angekommen? Da kommt plötzlich Wolf auf mich zu. Er ist noch jung und er lacht. Er bringt auch mich wieder zum Lachen. Kathi sagt „Onkel Wolf“ zu ihm, obwohl er kein richtiger Onkel ist. Er ist unser neuer Nachbar. Er organisiert Babysitter für Kathi und bringt mich wieder unter die Leute. Zum Fußball, zu Pferderennen, ins Casino. Wir trinken und lachen viel zusammen. Manchmal bringt er auch Frauen mit für uns beide, aber meine ist immer enttäuscht, weil ich sie wieder nach Hause schicke. Jetzt ist Wolf älter geworden. Er steht vor meiner Wohnungstür und ich sitze gerade vorm Fernseher und bin völlig aus dem Häuschen. Er kommt herein, „Was ist?“ „Ich habe einen Sechser im Eurolotto.“ „Das gibt’s ja nicht!“, sagt er, nimmt mir den Schein aus der Hand und kontrolliert die Zahlen. Dabei bemerkt er, dass ich keinen Namen auf dem Schein vermerkt habe. Das ist wohl mein Untergang. Er geht in seine Wohnung hinüber, Champagner organisieren. Nach einer halben Stunde kommt er wieder mit dem Champagner. „Lass noch mal den Schein sehen, Alter!“, sagt er und ich halte ihm arglos den Schein hin. „Hast du Kathi schon angerufen?“, fragt er. „Nein, soll eine Überraschung werden zu ihrem Geburtstag!“ „Und wer weiß sonst noch davon?“ „Niemand, natürlich. Außer dir wird es auch keiner erfahren, ich will nicht Tonnen von Bettelbriefen in meinem Postkasten finden!“, scherze ich. Dann zieht er die Waffe, und ich erkenne zu spät, welches Spiel er treibt. Er hat viel Geld verspielt in letzter Zeit, sagt er. „Komm“, sag ich, „wir teilen uns das Geld, wenn du es brauchst, es genügt für uns beide!“ „Das glaub ich nicht. Denk an Kathi, die will sicher mehr.“ Kathi! Beim Gedanken an sie hört der Sog auf. Es wird wieder finster und ich höre Kathi rufen. „Papa!“ Ich will zurückrufen, aber ich krieg noch immer keine Luft. „Papa! Wach auf, Papa!“ Wo bist du, mein Kind? Ich entferne mich wieder vom Licht. Bettina lässt mich los. Es wird wieder dunkel um mich, ganz finster. Ich höre lediglich ein Piep piep piep piep piep. Noch etwas. Stimmengemurmel. Piep piep piep. „Intubieren.“ Piep piep piep. „ Katheter setzen.“ „Können nichts mehr tun.“ Finsternis. „Papa!“ Es wird wieder heller, ein unangenehmes Licht breitet sich aus. Ich kann erst wenig erkennen, dann sehe ich es deutlicher: Kathi sitzt am Krankenbett und hält einem Patienten die Hand. Das muss ich sein. Man kann nicht viel von mir sehen, überall Schläuche. „Papa! Das kannst du mir nicht antun!“ Ich bewege mich nicht. Die Maschinen leben für mich. Ich konsumiere künstliches Leben. Am anderen Ende wartet das Licht. Bettina. Es wird wieder ganz schwarz. Lange. Auf einmal fühle ich unangenehme Schwingungen. Jemand betritt den Raum. Ich sehe eine Szene, wie im Film. „Onkel Wolf!“ Kathi fällt ihm um den Hals. „Hast du schon etwas herausgefunden? Oder die Polizei?“ „Von denen erfährt man fast gar nichts“, sagt Wolf, „vermutlich hat er einen Einbrecher ertappt und der hat ihn dann …“ Wolf nimmt Kathi tröstend in die Arme. Mein Kind! Siehst du denn nicht. Es ist der Wolf! „Wie lange willst du denn noch so weiter machen, Kathi? Du kannst nicht ewig an seinem Bett bleiben. Schau einmal in den Spiegel. Wie lange hast du denn schon nicht geschlafen?“, fragt er scheinheilig. „Ich habe keine Ahnung!“, sagst dusie, „ich kann nicht anders.“ „Was sagen die Ärzte?“ „Stabil. Aber keine Besserung. Sie sind sehr zurückhaltend.“ „“Weiß du auch, was es bedeutet, wenn er wieder aufwacht?“ Wolf sieht dich mit seinem scharfen Blick an. Ich weiß genau, was er denkt, aber du kannst es nicht wissen. Wie kann ich es dir sagen? Oh mein Gott, ich muss dich warnen! Wenn du draufkommst, was passiert ist, bist auch du in höchster Gefahr! „Wie meinst du das?“ „Na, dass er vermutlich sein Leben lang ein Pflegefall sein wird.“ „Ja, und?“ Du siehst ihn unschuldig an. Oh, mein Kind, wie ich dich liebe! Pause. „Und du hast noch nie in Erwägung gezogen, den Ärzten die Erlaubnis zu geben, diese Maschinen hier abzudrehen?“ Jetzt ist’s ’raus. Ich kann dich gut verstehen, Wolf, warum du mich endgültig loshaben willst. Aber ich will nicht. Ich bin noch nicht fertig mit dir. Ich muss Kathi schützen. Sie braucht mich noch. Aber ich kann mich nicht bewegen. Ich kann mir nur zusehen, wie ich regungslos daliege. Warum kann ich dich dann hören? Warum kannst du mich nicht hören? Kathi, hör’ mich an! Wolf ist ein Mörder. Bitte, bitte! Irgendjemand. Mach, dass sie mich hört! „Was redest du da für einen Unsinn, Onkel Wolf!“ „War ja nur so eine Idee. Ihr beide würdet euch viel ersparen.“ „“Ich will darüber nie wieder sprechen, hörst du!“ Du bist ganz schön zornig. So wie damals, als der Nachbarsbub, wie hieß er noch gleich, seinen Hund so quälte. Da hast du’s ihm aber ordentlich ’reingesagt mit deinen dreizehn Jahren. Wolf tätschelt dir den Oberarm. Ich will nicht, dass er dich anfasst. Lass es nicht zu! Du schüttelst seine Hand ab, als ob du mich gehört hättest. Hörst du mich, mein Kind? Gib Acht! Er ist ein Teufel! Du kannst ihm nicht vertrauen! Böse! Böse! „Du musst nach Hause, dich ausruhen. Ich bleib einstweilen hier. Du machst dich noch ganz fertig.“ „Aber, wenn er aufwacht, und ich bin nicht da? Er braucht mich!“ „Du wirst ihm nicht viel nützen, wenn du so erschöpft bist, dass du nicht einmal mehr stehen kannst.“ Du siehst ihn zweifelnd an. Dann erhebst du dich langsam. Nein! Du wirst doch nicht wirklich schon gehen? Bitte! Kathi! Siehst du denn nicht, was er vor hat? Er wird mich neuerlich umbringen! „Also gut“, sagst du und ziehst deine Jacke an. Ich werde versuchen, einige Stunden zu schlafen. Versprich mir, dass du mich anrufst, sobald sich an seinem Zustand etwas verändert.“ Ich weiß genau, was er dir sagen wird, Kathi. „Es tut mir Leid. Sein Herz. Die Verletzungen waren doch zu schwer. Er hat jetzt keine Schmerzen mehr. Es ist wohl am besten so für alle.“ Und du wirst ihm glauben. NEIN! Du bist nicht so ein Schaf wie ich. Kathi. Sieh mich an. Sie ihn an. Kannst du nicht in seinen Augen lesen? Siehst du nicht, wie er es kaum erwarten kann, dass du endlich das Zimmer verlässt? Du streichst mir noch einmal durchs Haar und küsst mich auf die Stirn. Ich kann es nicht fühlen, mein Gott! Jetzt stehst du auf und verlässt mich. Kathi! Du darfst nicht gehen! Ich höre die Tür ins Schloss fallen, und ich sehe, wie Wolf auf mich zukommt. Er studiert die Geräte. Die Knöpfe. Dann erhellt sich sein Blick. Er hat offenbar gefunden, was er sucht. Plötzlich höre ich einen tierischen Schrei. Wolf zuckt zusammen und ich spüre einen stechenden Schmerz in der Lunge. Ich kriege keine Luft! Es schnürt mir den Brustkorb zu. KATHI! Du reißt die Tür auf! Mein Kind! Hast du mich gehört? Es wird wieder schwarz um mich. Aber ich höre gut. Stimmen. Es raschelt. Ich höre, wie die Maschine Sauerstoff in mich hineinpumpt, es tut höllisch weh. Ich habe unheimliche Schmerzen. „Papa!“ Ich sehe dich wieder von unten. Ich kann dich mit meinen Augen sehen! Ich möchte dich berühren. Meine Hand ist zu schwer, aber die Finger. Ich kann sie bewegen und fühle, wie du sie liebevoll drückst. „Wie ein kleines Wunder!“, sagt die Schwester und reicht dir ein Taschentuch. „Wird er es denn schaffen?“, hör ich dich fragen. „Wenn er es von alleine zurück ins Leben geschafft hat, dann hat er genug Lebenswillen, um durchzukommen. Da bin ich ganz zuversichtlich“, sagt sie. Ich bewege meine Finger in Richtung Wolf. Er steht völlig unbeweglich da, wie zur Salzsäule erstarrt. „Was ist passiert, Onkel Wolf?“, fragst du, aber er zuckt nur mit den Achseln. Ich fange seinen Blick. Er sieht wirklich aus wie ein Tier. Dieses Mal aber wie ein gejagtes. |
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