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Der letzte Zug
Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.
Wie Irrlichter tanzten sie noch ein paar Sekunden lang vor seinen Augen, dann verschwanden sie endgültig in der Nacht. Der Mann blieb regungslos stehen. Er fühlte die Beschleunigung des Zuges, spürte, wie die Lok sich neigte, um den Bogen zum Hafen einzuschlagen und hörte das Rattern der Räder auf der Elbbrücke. Dreiundfünfzig Minuten bis zum ersten Halt, sechs Stunden siebenundzwanzig bis zum Endbahnhof. Er musste nicht im Zug sitzen, um das zu wissen. Jeden einzelnen Zentimeter der Strecke hätte er beschreiben können, jede Kurve, jede Brücke, jeden Bahnhof.
Ab und zu zog er an seiner Zigarette, die Schultern hatte er hoch gezogen und die freie Hand tief in der Jackentasche vergraben. Die Kälte der Novembernacht ließ sich so etwas ausschließen, die brutale Gewissheit, die sich langsam ihren Weg bahnte, nicht. Wütend schmiss er die Kippe auf den Boden und trat sie heftig aus. Es war vorbei. Sechzehn Jahre - einfach so vorbei. Sechzehn Jahre lang war er diese Strecke gefahren, Nacht für Nacht hatte er sie alle sicher an ihr Ziel gebracht. Sechzehn Jahre lang, vier Mal die Woche. Und nun nie mehr.
Er kramte ein zerknittertes Zigarettenpäckchen aus seiner Tasche. Eine letzte steckte noch drin. Lange drehte er sie hin und her und betrachtete sie zweifelnd. Diese kleinen Stängel sollten Schuld sein. Die klugen Herren in den weißen Kitteln hatten ihm lange die Röntgenbilder erklärt und mit besorgter Mine gesagt, er müsse sofort damit aufhören, er solle vernünftig sein, an sich und seine Frau denken. Drei, vier Monate... mehr konnten sie ihm nicht versprechen. Was waren schon drei Monate! Trotzig zündete er die Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Ein heftiger Hustenanfall packte ihn. Messer stachen in seiner Lunge, versammelten sich zu einem Großangriff und verteilten sich wieder. Verzweifelt rang er nach Atem.
„Is hier verboten, das Rauchen! Sollten Se auch nich‘ machen, das hört sich ja nich‘ gesund an.“ Ein rundlicher Mann schob mit einer Kehrmaschine an ihm vorbei. Plötzlich stoppte er und drehte sich um: „Mensch, Heinz, du bist das! Hätt‘ dich ja fast nich‘ erkannt. Was stehst‘n hier ’rum? Haste deinen eigenen Zug verpasst?“ Walter grölte vor Lachen. „Na, ich muss weiter. Solltest zum Arzt gehen. Mach‘s mal gut!“
„Du auch, Walter.“ Heinz verzog das Gesicht zu einem gequälten Lächeln. Belanglose Worte, wie so häufig in den letzten sechzehn Jahren. Was sollte er auch sonst sagen? Die Wahrheit etwa? Heinz runzelte die Stirn. Warum eigentlich nicht? Wenigstens einer sollte doch verstehen können.
Sein Ruf klang schrill in der Stille des Bahnhofs: „Walter!“
„Was is‘?“ Walter stoppte seine Maschine und schaute Heinz erwartungsvoll an. „Nun sach schon! Was is‘ denn nun?“
Heinz verließ der Mut. „Nee, ist schon gut. War nicht wichtig.“ Er zog wieder die Schultern hoch und verschränkte die Arme. „Aber sag mal, hast du noch eine Zigarette für mich?“
„Klar!“ Walter fummelte ein zerknautschtes Päckchen aus einer Tasche seines Overalls. „Ich würd‘ ja glatt mitrauchen, aber ich muss noch den 1:53 aus Köln abwarten. Und du weißt ja: auf Arbeit...“
„Ja, der 1:53 kommt noch.“ Heinz betrachtete nachdenklich das Gleis, in dem in acht Minuten der letzte Zug einfahren würde. „Auf den warte ich auch noch.“
„Das mach mal.“ Walter schlurfte mit seiner Maschine weiter.
Auch Heinz lief los, in die entgegen gesetzte Richtung, ans Südende des Bahnsteiges. Noch sieben Minuten. Genug Zeit, um genüsslich die Zigarette zu Ende zu rauchen. Sollten die Weißkittel doch sagen, was sie wollten, er würde sich nichts mehr vorschreiben lassen. Noch fünf Minuten. Er passierte die südliche Treppe, ohne die Frau zu bemerken, die dort oben stand und jeden Schritt von ihm beobachtete. Sie öffnete den Mund, schien etwas rufen zu wollen, blieb dann aber doch still. Sie lehnte sich Halt suchend an das Geländer und wickelte ihren Mantel so eng um sich, als ob sie darin verschwinden wollte.
Noch zwei Minuten. Heinz lief in Gedanken versunken weiter. Noch eine Minute. Da hinten waren schon die Lichter des Zugs zu sehen. Er führte die Zigarette zum Mund und nahm einen letzten Zug. Dann drehte er sich um.
Die Bremsen kreischten. Walter blickte irritiert auf, es klang ungewöhnlich laut, so als ob der Zugführer alle Signale verschlafen hätte und jetzt die Notbremse... Walter drehte sich panisch um. ‚Auf den warte ich auch noch.‘ hatte Heinz gesagt. Er würde doch nicht...? Die Kehrmaschine wippte vergessen vor sich hin, als Walter seinen fülligen Körper zu einem Sprint quälte, den er sich selbst in besten Jugendtagen nicht zugetraut hätte. Keuchend rannte er den Bahnsteig entlang und suchte Angst erfüllt nach dem Beweis für seine Befürchtung. Aber er fand nichts. Am Ende des Bahnsteiges angekommen, drehte er sich ratlos um. Wo war Heinz geblieben? Dann fiel sein Blick auf die Treppe. Erleichtert murmelte er „Mach das nicht noch mal mit mir!“
Heinz stieg langsam die Stufen hinauf. Er streckte seiner Frau die Hand entgegen: „Wenn ich dich nicht noch gesehen hätte...“



