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Der Krieg ist lange noch nicht vorbei

„Sarah, beeil dich, Papa kommt!“

Christine sah ihren Mann in den Hof einbiegen und öffnete ihm freundlich die Tür, doch Claus steuerte grußlos in Richtung Bad. „Ich brauch‘ dringend einen Kaffee! Aber vorher dusche ich.“ Er rüttelte an der Klinke. „Sarah, du schon wieder?“

„Ja, Papa, ich dusche.“

„Mach, dass du raus kommst! Ich möchte bloß wissen, warum du ausgerechnet jetzt duschen musst?“

„Um dich zu ärgern, natürlich. Warum denn sonst!“ Sekunden später trat Sarah, in ein Badetuch gewickelt, aus der Tür und strich ihrem Vater mit der nassen Hand über die Wange. „Immer schön locker bleiben.“ Fort war sie.

Zehn Minuten später traf sich die Familie am Esstisch wieder. „Und, was macht das Studium?“ Claus’ Standardfrage fehlte auch heute nicht. „Hast du endlich einen Praktikumsplatz gefunden?“

„Ja, hab‘ ich.“ Sarah fixierte erwartungsvoll ihre Eltern. „Mein Prof hat mir ein tolles Forschungsprojekt angeboten. In der Negev-Wüste in Israel.“

„Klar. Und die Erde ist eine Scheibe! Israel ist auch der einzige Ort auf der Welt, an dem man forschen kann. - Sag mal, liest du keine Zeitungen? Weißt du nicht, was da unten los ist?“ Claus knallte seine Kaffeetasse so schwungvoll auf den Tisch, dass sie überschwappte.

„Ich bin volljährig, Papa, falls dir das entfallen sein sollte. Außerdem muss ich hier dringend mal raus.“

Vater und Tochter lieferten sich wie gewöhnlich ein hitziges Rededuell über Uni, Studentenleben, Politik und Weltgeschehen.

Christine, weiß wie Mozarella, stand auf und fing zerstreut und planlos an, Äpfel für einen Obstsalat klein zu schnippeln. Sie war zu erregt, um still zu sitzen. Ihre Gedanken schlugen Purzelbäume.

Ausgerechnet Israel! Ironie des Schicksals oder Wink des Himmels? Dieses Thema hatte sie erfolgreich verdrängt, fünfundzwanzig Jahre lang.

Glasklar zog Christines Leben an ihrem geistigen Auge vorbei. Was hätte sie auch sonst tun sollen? Davids Familie vollends vernichten? Oder aber einer weiteren unschuldigen Generation Altlasten aufbürden? Nein! Sie hatte richtig gehandelt. Dass sie dabei auf der Strecke geblieben war, eine angepasste, langweilige, vertrocknete Mittvierzigerin ohne Illusionen, ständig in der Defensive, was spielte das jetzt noch für eine Rolle? Dafür hatte Sarah eine unbeschwerte, fröhliche Kindheit erlebt. Nur das zählte.

Manchmal beneidete sie ihre Tochter, wie locker, frech und schwungvoll sie mit Claus umging. Sie selbst hatte immer nur die Opferrolle gespielt. Dabei war Claus das Opfer.

„Zum Glück kommst du nicht mit einem jüdischen Balg nach Hause“, hatte ihr Onkel sie damals scherzhaft begrüßt, als sie aus Israel zurückgekehrt war, „sonst müsste man dich gleich in die Gaskammer schicken.“ Das wirkte wie ein Eimer voll kalten Wassers mitten ins erhitzte Gesicht.

Willkommen auf dem Boden der Tatsachen! Schlagartig hatte sie erkannt, dass ihre Verwandtschaft eine nicht unbedeutende Nazi-Vergangenheit gehabt haben musste. Es war nur nie darüber gesprochen worden. Wie hatte sie damals die Generation ihrer Eltern verachtet, die ein Nazi-Regime zugelassen hatte und nichts gemerkt haben wollte. Als ihr dann so langsam dämmerte, dass sie wirklich schwanger war, geriet sie in Panik und konnte nur noch eines denken: „Wie mache ich aus einem „jüdischen Balg“ einen unverdächtigen deutschen Bürger?“ Sie war bei der ersten Bewährungsprobe durchgefallen!

Da kam Claus gerade recht. Sollte er doch haben, was er so brennend wollte. Schamlos und berechnend ließ sie sich „von ihm ’rumkriegen“. Als sie ihm später die Schwangerschaft mitteilte, machte er ihr sofort einen Heiratsantrag. Sie brauchte ihm das Baby nicht mal unterzuschieben. Es war von Anfang an seins.

Claus liebte seine Tochter. Die beiden waren ein anstrengendes, aber eingespieltes Team. Dafür wuchs sein Misstrauen Christine gegenüber. Sie spielte die hingebungsvolle Ehefrau, sie liebte Claus aber nicht und er ahnte etwas, wenn auch auf der falschen Spur. So kuschte sie immer mehr, um jedem Verdacht zuvorzukommen.

Dieses kleine Land hatte sie sofort verzaubert, damals, als sie im Hafen von Haifa an Land ging. Eine lebendige, dichte Atmosphäre lag in der Luft. Modernes Leben prallte auf Jahrtausende alte Geschichte, das Land war Schmelztiegel der Religionen, Kulturen, Nationen. Juden aus allen Teilen der Welt strömten hier zu einem Volk zusammen, verwandelten das Land in eine blühende Wüste und kämpften ums Überleben.

David hockte auf einem Felsbrocken am Strand von Shavei Zion, einer kleinen landwirtschaftlichen Siedlung im Norden Israels, als sie ihm das erste Mal begegnete. Die Sonne war soeben prachtvoll über dem Mittelmeer untergegangen. Christine war auf einem ihrer geliebten

einsamen Abendrundgänge durchs Dorf, der sie vorbei an Baumwollfeldern, Orangenhainen, Avocadoplantagen, Rosenhäusern und schließlich an der Mittelmeerküste entlang zurückführte. Eine leichte Brise wehte vom Meer her; in dieser angenehmen Kühle ließ sie gern den heißen, anstrengenden Arbeitstag ausklingen.

David schaute ihr neugierig, offen und gerade heraus ins Gesicht. „Du gehörst zu den Deutschen da drüben?“ Spöttisch wies er auf das große, weithin sichtbare Gebäude am Ende des Weges. Diese ungeschliffene, etwas spröde Art der Sabras irritierte sie immer noch.

Sabra ist eine Kaktusfrucht, die überall im Lande wild wächst. Außen stachelig, innen süß, weich und erfrischend. Sabras, so nannte sich auch diese junge Generation von Israelis, die im Lande geboren worden war, im Gegensatz zu ihren immigrierten Eltern. Diese Sabras gaben sich ebenso stachlig, unzugänglich und rau. Doch bei näherem Kontakt erwiesen sie sich als aufgeschlossen und sanft. Sie waren stolz auf ihr Land, auf die Früchte ihrer Arbeit, voller Pioniergeist und Hoffnung auf Frieden und Freiheit.

„Stimmt es, dass ihr Holocaust-Überlebenden umsonst Urlaub anbietet?“ Das war mehr eine Feststellung als eine Frage. „Die Leute hier bewundern eure Arbeit.“ David zögerte kurz, während ein spöttisches Lächeln seine Mundwinkel kräuselte, bückte sich nach einem Stein und schleuderte ihn ins Wasser. „Nur mein Vater nicht. Er würde nie den Fuß über die Schwelle eines deutschen Gois* setzen.“ Sprach’s, drehte sich um und verschwand in der Dunkelheit.

Wochen später kreuzte er wieder auf. Unaufgefordert spazierte er neben ihr her und erzählte seine Familiengeschichte. Sein Vater hatte als einziger seiner Sippschaft das Warschauer Ghetto überlebt. Seine Mutter,

eine Deutsche, war 1938 rechtzeitig nach Israel emigriert. Seine Schwester, vom Vater verstoßen, weil sie einen Christen geheiratet hatte,

lebte in Amerika. Und sein Bruder war im Sechs-Tage-Krieg** gefallen. David war der Jüngste der Familie und die ganze Hoffnung seines Vaters, diese endlosen Kriege als stolzer Jude zu überleben und jüdisches Leben weiterzutragen.

Wie sollte sie darauf reagieren? Dafür gab es keine Worte, keine Entschuldigung, keine Rechtfertigung.

„Du bist hier nie neutral“, fügte er hinzu. „Entweder du bist Jude, Christ oder Moslem. Israeli oder Ausländer. Botschafter deines Landes und deiner Religion. Merk dir das. Schalom!“ So unvermittelt, wie er jedes Mal auftauchte, lief er auch wieder davon.

Christine wälzte sich in dieser Nacht schlaflos im Bett. Warum hatte David ihr das so ausführlich erzählt? Aus Wut? Aus Rache? Es war eine Sache, die deutsche Geschichte schulbuchmäßig zu kennen, aber eine ganz andere, ihr ins lebendige Gesicht zu schauen. Dem Rest eines ermordeten Volkes. In ihrem gemütlichen Deutschland war für sie das Dritte Reich nur Geschichte gewesen, vor ihrer Zeit. Vergangen. Da konnte man dem Thema aus dem Weg gehen. Hier nicht. Hier war sie plötzlich Täter. Feind. Schuldig. Der zweite Weltkrieg hatte sie eingeholt. Er war noch lange nicht vorbei. Was zählten jetzt noch die Verluste ihrer Familie? Das Gut der Eltern in Ostpreußen? Die Vergewaltigung der Mutter auf ihrer Flucht vor den Russen? Alle Brüder der Mutter in Russland gefallen? Ihr Vater, der oft nachts aus Alpträumen erwachte und dann zitternd in der Küche saß und den Morgen herbeisehnte?

David begleitete sie immer häufiger auf ihrer Abendrunde. Seine Vorsicht-Feind-Haltung wich einer ansteckenden Natürlichkeit. Er erklärte ihr Ha-arez, wie er sein Land liebevoll nannte, die Politik, Geschichte, das Judentum. Aus einer ihr ganz neuen Perspektive.

Gleichzeitig musste sie zwangsläufig das Christentum studieren. Sie las die Bibel im Land der Bibel, das Geschichtsbuch der Israelis.

Nur so konnte sie auch die Gegenwart einordnen und verstehen. Nie wieder in ihrem Leben kapierte sie so viele Zusammenhänge in so kurzer Zeit wie damals. Und sie bedauerte sehr, nicht zu diesem Volk zu gehören. Welchen Schatz, welche Tiefe des Lebens, des Existenziellen hatte sie damals gespürt. Als wäre sie aus einem Dornröschenschlaf erwacht.

„Das Schlimmste, was meinem Vater passieren könnte“, sagte David einmal beiläufig, „wäre, wenn ich mit einer Nichtjüdin ankäme. Schlimmer als mein Tod. Tod wäre gottgegebenes Schicksal. Das andere Verrat.“

Sie hatte immer gewusst, dass für sie beide ein gemeinsames Leben unmöglich war, dennoch gab es ihr einen tiefen Stich. Hatte sie sich verraten? Hatte er bemerkt, dass sie ihn liebte? „Das würdest du auch niemals tun, wie ich dich kenne.“ Sie versuchte, gelassen und locker zu wirken.

Dann brach der Jom-Kippur-Krieg*** aus, im Herbst 1973. Nach Sonnenuntergang herrschte Ausgehverbot, Israel meldete die ersten Verluste, viele Stunden am Tage mussten im Bunker verbracht werden. Ihre Eltern riefen verzweifelt an, sie möge mit dem nächsten Flieger heimkommen. Vier Wochen hatte sie nichts mehr von David gehört. Am Abend vor ihrer Abreise hielt sie es nicht mehr aus. Es war stürmisch, die Wellen brachen sich donnernd an der Felsküste. Sie schlich heimlich an den Strand und hoffte, David noch einmal zu begegnen. Er saß auf

seinem Felsen, im Kampfanzug, die Maschinenpistole lag griffbereit neben ihm.

„Was machst du mitten in der Nacht im Kriegsgebiet?“, fuhr er sie an. Er starrte verbissen auf die schäumende Gischt. David wirkte so stachlig und unnahbar wie vor einem Jahr. Christine blieb jedes Wort im Halse stecken.

„Uri ist tot.“, sagte er nach einer Weile. Uri war sein bester Freund. Wie sollte sie David trösten? Leben und Tod lagen in diesem Land so dicht beieinander. Jeder Tag konnte der letzte sein.

„Und du wirst das sinkende Schiff auch verlassen, stimmt’s?“ Mit einem Ruck drehte sich David um und küsste sie plötzlich ohne Vorwarnung. Er drückte sie in den nassen Sand und fiel wie ein Rasender über sie her. Nach dem ersten Schrecken entspannte sie sich, ging auf ihn ein, im Grunde hatte sie genau das gewollt. Sie liebten sich und hielten sich fest umschlungen wie zwei Ertrinkende kurz vor dem Untergang. Es gab kein Morgen.

Sie beide hatten Religionen und Kriege getrennt.

Christine warf den Kopf zurück und beförderte energisch und geräuschvoll die Obstschalen in die Biotonne. Schluss jetzt mit diesen sentimentalen Anwandlungen! Sie hatte alles im Griff. Bloß keine schlafenden Hunde wecken. Es lief doch alles super. Vor allem für Sarah. Dafür hatte sich jedes Opfer gelohnt.

„He, Mama, bist du taub?“ Sarah rüttelte ihre Mutter an der Schulter. Christine fuhr erschrocken herum. Vater und Tochter standen wie zwei Kampfhähne vor ihr.

„Diese Göre ist nicht zur Vernunft zu bringen. Vielleicht hört sie ja auf dich. Sie will partout in dieses verdammte Land fahren!“

„Lass sie gehen.“ Christine schloss kurz die Augen, schwankte, zögerte. „Und ich gehe mit.“

 

Erklärungen

* jüdische Bezeichnung für einen Nichtjuden (leicht abwertend)

** Juni 1967 arabisch-israelischer Blitzkrieg

*** Oktober 1973 Angriff von Ägypten und Syrien auf Israel am Jom Kippur (höchster jüdischer Feiertag)

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