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Das Telefonat
Ein verzinkter Pfahl mit den Überresten einer Fahrplantafel markierte die Bushaltestelle. Während ich wartete, drängte sich die nasskalte Februarluft unter meinen Anorak. Über mir streckte eine mächtige Kastanie ihre knöchernen Äste bis zu dem pinkfarbenen Telefonhäuschen, dem einzigen im Ort.
In der Kabine stand jemand in einem abgewetzten Parka, das lange dunkle Haar sammelte sich in der gefütterten Kapuze. Zuerst hielt ich sie für ein junges Mädchen, doch als sie sich drehte, sah ich eine kleine schmale Frau eifrig in die Sprechmuschel reden.
Zum zweiten Mal an diesem Vormittag fiel kalter Regen aus dem undurchdringlichen Grau, das sich über dem Dorf zusammengezogen hatte. Während ich meinen Schirm mit dem hoffnungsvollen Sonnenmotiv aufspannte, sprang die Tür der gläsernen Zelle einen Spalt auf und statt des dumpfen Raunens drangen einzelne Worte zu mir herüber. Eigentlich wollte ich gar nicht lauschen, doch die Neugier auf Leute, die im Handyzeitalter noch eine Telefonzelle benutzten, siegte.
„... jeden Tag über dreißig Grad...“, jubelt die Zierliche in den Hörer. „... strahlend blau, von morgens bis abends...“
Oh, wie schön, dachte ich, da scheint jemand diesem Mistwetter entkommen zu sein.
„... jede Menge Palmen, sogar hier vor der Zelle, Dattelpalmen nehme ich an...“
Ich war verwirrt. Dann ebbte die Stimme wieder ab. „Nein, Braun bin ich noch nicht. Du weißt doch, ich hab diese Sonnenallergie... nein, Jens bleibt mir zuliebe auch im Schatten. An der Hotelbar ist es sowieso angenehmer. Wir trinken Cocktails und... nein, haben wir noch nicht.“
Aufgestautes Wasser floss vom Zellendach und in kleinen Bächen über die gläserne Wand, während sich die Frau in dem winzigen Raum immer wieder durchs Haar fuhr.
„Ach ja, ihr wart ja auch im Urlaub. Wie war es denn?“
Für eine Weile wurde es still in dem Häuschen. Ein Windstoß zerrte an meinem Schirm und trieb mir das ganze Sauwetter ins Gesicht.
„Ihr habt Fotos mitgebracht! - Wie schön.“ Abwesend wickelte die Dunkelhaarige ihren Zeigefinger in die mit Metall ummantelte Telefonschnur. Sie öffnete kurz den Mund, zog dann aber nur feste an der Schnur, als wollte sie ihren Finger erwürgen.
„... was mitbringen!“, keuchte es aus der Kabine. „Das wird schwierig. Ich meine, es gibt hier doch bloß diese Kitschbuden... hör mal, ich muss jetzt Schluss machen, es steht jemand vor der Telefonzelle. ... Nein, mein Handy ist kaputt, der Akku... ja, mach´s gut.“
Langsam hängte sie den Hörer ein und zog die Telefonkarte aus dem Schlitz.
Ich hatte nicht bemerkt, wie nahe ich heran getreten war. Mit einem leisen „pock“ stieß mein Schirm an die Glaswand. Die kleine Fremde zuckte zusammen. Gerötete Augen blickten durch die Ponyfransen zu mir auf. Wimperntusche lief über das nicht mehr ganz junge Gesicht. - Ich wollte irgendwo verschwinden, nur dieser Frau in ihrem Elend nicht in die Augen sehen müssen.
Plötzlich stand er da; wie der Ritter aus dem Märchen, der Trainingsanzug völlig durchnässt. Er riss die Zellentür auf. Von der Dachkante tröpfelte es auf seinen breiten Rücken, das Haar klebte ihm am Kopf. Mich nahm er gar nicht wahr.
„Anni, was machst du hier?“
„Ich... ich habe... angerufen. Und Linda hat... sie hat... ich glaube, sie weiß, dass... . Sie... sie hält mich jetzt bestimmt für eine... eine...“
„Sch..., ganz ruhig.“ Mit einem Schritt stand er ganz in der Telefonzelle, die Kindfrau verschwand in seinen Armen.
Endlich fiel mir ein, mich zurück zu ziehen. Verschämt stellte ich mich wieder neben den grauen Pfahl mitten im Bürgersteig. Doch ganz abwenden konnte ich mich von dem Paar nicht.
Als sie aus dem Telefonhäuschen traten, hörte es endlich aus zu regnen.
„Sie wird nie wieder etwas mit mir zu tun haben wollen. Sicher... sicher lacht sie über mich.“
„Nein, das tut sie nicht! Wenn sie lacht, dann über uns beide und das kann sie meinetwegen so lange tun, wie sie will.“ Er strich ihr über das strähnige Haar. „Hey, vergiss Linda.“
„Aber... sie hat alles, was sie will. Schon in der Schule...“
„Und du hast mich.“
Ich stand immer noch unter meinem Schirm und sah zu, wie er ihr Gesicht in beide Hände nahm. „Hartz IV macht uns nicht klein und wir tun es auch nicht.“
Mit einem Mal beneidete ich diese Frau.
Ein mächtiger Diesel dröhnte heran und die Reifen ließen das Schmutzwasser aus den Pfützen spritzen. Ich musste einsteigen. Als der Bus ruckelnd anfuhr, sah ich durch die Seitenscheiben, wie die beiden davongingen.



