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Was bleibt

Es war ein kühler Novembermorgen. Einer dieser Tage, grau und kalt, die schon zu Beginn nach Abend aussehen. An denen fahlbuntes Laub Kreise auf den Gehwegen tanzt. An denen manchmal ein Hagelschauer oder Windstoß ganze Geschäftsstände vor Ladentüren umwirft und so den Blick freigibt auf das, was einen Sommer lang durch Ramsch und riesige Anpreisungstafeln versteckt lag.

Ein solcher Novembermorgen war es, als Leonhard Noblach vom Arzt seines Vertrauens erfuhr, daß dass er sterben würde. Bald schon. Man habe während des Eingriffs wider Erwarten eine ‚bakterielle Endokarditis‘ entdeckt, die man schon viel früher hätte medikamentös behandeln müssen… und dann konnte Leonhard nicht mehr zuhören. Die Stimme des Arztes klang genau wie sonst auch; doch heute schien sie noch gefühlloser zu sein. Sie wollte einem unschuldigen Menschen die Folgen einer Fahrlässigkeit begreiflich machen, für die er nichts konnte, während denen, welche sie zu verantworten hatten, nichts geschah. Er hatte immer gedacht, Tod¬geweihten würde ihr bisheriges Leben bewußtbewusst, sie würden Rechnung machen und erkennen, wie viel Unerledigtes noch vor ihnen lag; gerade wenn sie so jung waren wie er selbst. Aber kein derartiges Gefühl stellte sich ein. Wie würde er es Maria sagen ? Und den Kindern ?

Leonhard saß da und seine Gedanken zerflatterten. Er hatte kurz an jene Menschen gedacht, die er mit dieser Nachricht in Verzweiflung stürzen würde. Ihm selbst war es vorerst nur eine Nachricht. Glauben konnte er sie nicht. Er konnte nicht gemeint sein. Wortlos erhob er sich vom Stuhl.

„Ist alles in Ordnung?“ fragte der Arzt unsicher, musterte Herrn Noblach und schob beruhigend nach : „Wir reden besser ein andermal weiter, ja ?“

„Ja“, antwortete Leonhard. Der kurze Händedruck des Arztes sollte wohl Mitgefühl vermitteln. Leonhard verschwand lächelnd und langsam aus dem Zimmer, ganz, wie er es betreten hatte. Er wünschte den Angestellten im Vorzimmer noch einen schönen Tag. Sie nickten betont zurückhaltend. Dann trat er auf die Straße. Ein eigentlich reizvoller Montag lag vor ihm: der erste Montag seit langem ohne wichtige Verpflichtung; denn alle Verpflichtungen schrumpften mit der Kenntnis des nahen Todes fast auf ein Nichts zusammen.

Er rollte die hin¬genom¬mene Tatsache in seinen Gedanken hin und her, wie man im Mund einen Bonbon ’rundlutscht; einen Bonbon aber nimmt die Zunge für gewöhnlich gerne an. Leon fühlte sich ausgeliefert, schüttelte den Kopf : Alles könnte genausogut ein Irrtum sein, ein Versehen, eine Fehldiagnose, eine Verwechslung von Krankenakten. Erst als er in der Straßenbahn saß und sich am alltäglichen Treiben der Großstadt vorbeigleiten sah, ließen die bunten, lauten, tummligen, menschen¬gedrängten Bilder ein Schreckgefühl zurück, das sofort wieder verschwand, wenn er ihm nachspüren wollte. An der nächsten Haltestelle kannte er einen Biergarten; dort stieg er aus.

„Ein großes Helles bitte ! Aber nicht zu kalt.“ Sein Blick schweifte über die spärlich besetzten Tische, und bei keinem Gesicht eines Gastes blieb er haften. Irgendwo zwischen den fremden Köpfen und seinem Tisch starrten seine Augen auf einen nicht vorhandenen Punkt in der Luft. Kühler Wind spielte ihm im Haar. Erst die leise Bemerkung des Kellners weckte ihn :

„Kummer, wa ?“

„Wie kommen Sie darauf ?“

„Leute, die keinen Blick nich mehr fürs Hier und Jetzt haben, haben im Endeffekt immer Kummer mit sich selber.“

„Aber ich habe keinen Kummer“, wehrte Leonhard ab.

„Hier is Ihr Pils. Genießen Sie’s.“

Leonhard hatte seit Jahren kein Bier mehr getrunken; seine Frau Maria mochte Bieratem nicht, so hatte er sich’s abgewöhnt. Der herbe Geschmack, gepaart mit der Kühle und dem leichten Prickeln des Untergärigen biß biss sich an der Kehle vorbei in den Magen. Scheußlich. Da war nichts zu genießen; stattdessen hätte Leonhard sein zurückliegendes Leben mehr genießen müssen !

Tja, alles war nun aus. Wie sollte er es seiner jungen Familie beibringen : Maria, den Kindern, seinen Eltern, ihren Eltern ? Was würde er ihnen sagen ? Einfach jedem unverwandt die harte Wahrheit. Wie würde man die letzte Zeit zusammen verbringen ? Wohl ziemlich verkrampft. Er hatte den Arzt nicht einmal gefragt, ob es eher ein plötzliches oder eher ein schleichendes Ende gäbe, oder wie lange er überhaupt noch ohne fremde Hilfe auskäme. Alles normal Gewohnte würde nun Unnatur und Krampf werden : betonte Freundlichkeit, Rücksichtnahme, sprachliche Tabus, Sonderbehandlung. Alles würde sich jetzt ändern – gerade davor fühlte Leon mehr Angst als vor einem unbestimmten Tod.

Ohne viel um sich herum bemerkt zu haben, saß er vor einem leeren Bierglas und bat den Kellner um ein zweites.

Der Kellner kam prompt. „Und hier das zweite Pils ! Trinken Sie auf den schönen Tag.“ Was wussßte der Kellner schon ! Leonhard nahm den schaumigen ersten Schluck. Ganz ohne Genuß Genuss nahm er auch den zweiten; so genussßlos, wie er in gedanklicher Rückschau nun auf sein Leben blickte. Aus Arbeit, aus Pflichten, aus der Familie bestand sein Alltag. Natürlich liebte er Maria und die Kinder. Warum aber fühlte er sich nun verlassen, nicht verheiratet ? Warum gingen ihm solche zersetzenden Fragen im Kopf herum, obwohl man besser irgendeinen Frieden an diesem Endpunkt mit sich gefunden haben müssßte !

Seine Gedanken liefen ins Nichts, blieben ohne jede Antwort, hinterließen jeweils nur ein mulmiges Gefühl. Und jedes mulmige Gefühl pressßte er erneut mit dem nächsten bitteren Schluck Bier herunter. Sein Leben hatte er bis heute absolviert, nicht gelebt. Diese Erkenntnis stieg ihm auf einmal ins Bewussßtsein.

Ja, leben – kam es darauf nicht an ? Schrie die Parole nicht von allen Plakatwänden, von allen Bildschirmen, von jeder Zeitungsseite ? Aber Verantwortung ! Verpflichtungen ! Nein, er hatte keine mehr. Wollte keine mehr haben.

„Kellner, zahlen !“

Nur Buchauslagen und die Zeitungswände an Kiosken hielten sein zielloses und doch rasches Geschlender bisweilen auf. „Israel bombardiert Schule im Libanon“ – „Rechtschreibrat beschließt neuerliche Änderungen“ – „Thalheimer-Aufführung gefeiert“. Auf den Titelseiten das ewig Gleiche. Ihn betraf es nicht mehr. Der Wind schleifte Laub auf den Gehwegen umher, ein Hund bellte, auf der gegenüberliegenden Straßenseite verprügelten zwei Schuljungen gerade einen Gleichaltrigen. Leon ging weiter. Er hörte von ferne bassßlastige Musik; auf dem Neumarkt gab es wohl Rummel. Warum nicht… ?

Die bunten minutenlangen Ablenkungen gefielen ihm. Er fuhr Geisterbahn, schossß Luftbüchse, und als sich sein Mund von Zuckerwatte verklebt anfühlte, steuerte er ins Vergnügungsviertel. Nie war er dort gewesen. Wie auch ! Mit Maria etwa ? Das Leben, das dort hinter Türen und Schaufenstern mitten am Tage schon lauerte, machte ihm eine wohlige Gänsehaut. Vereinzelt flackerte schon Leuchtreklame. Mehr als nur neugierig bog er in eine der Seitenstraßen. Hier standen Türen offen. Manchmal gab es hinter den Fensterscheiben auch Gesichter zu sehen : schöne Gesichter, eigenartige Gesichter, aufgedunsene Gesichter, gepuderte Gesichter, geschlechtslose Gesichter, schwarze und kaffeebraune Gesichter. Und alle lockten. Manche kicherten. Alle blickten ihn an. Lebendige Punkte inmitten eines steinverbauten, zugeklotzten grauen Einerleis.

An der nächsten Tür blies eine, Ende zwanzig, gerade Tabakrauch in die Luft. „Na ?“ Sie begann zu lächeln. „Keine Lust, uns hier drin ein bissßchen Gesellschaft zu leisten ? War doch bestimmt ein anstrengender Tag.“ Sie ließ Zigarettenasche zu Boden fallen. „Hier drin ist es warm. Der erste Grog geht aufs Haus ! Hast keine fünf Minuten Zeit ? So gehetzt ? Na, nicht immer nur pflichtbewussßt hetzen ! Das Leben hat zwei Seiten. Nicht nur eine Sauresaure, auch eine Süßesüße.“ Ihr Parfüm duftete nach Kirsche. „Mensch, mein Lieber, bist du stumm ? Oder hab ich dir die Sprache verschlagen ? Keine falsche Bescheidenheit ! Ich heiß’ übrigens Svenja.“ Sie streckte Leon ihre Hand entgegen, hatte die Zigarette bereits fallenlassen. „Wir rauchen drinnen nicht. Wir sind ein feiner Laden. Du hast ja ganz kalte Hände ! Na komm, die kriegen wir schon warm.“ Sie zog die Tür auf. „Du hast mir ja noch gar nicht gesagt, wie du heißt. Brauchst nicht schüchtern sein… hier ist noch nichts los. Ist ja noch früh am Tag. Willst du dir die Jacke nicht ausziehen ?“ Leon folgte ihr, und hinter beiden fiel die gläserne Tür ins SchloßSchloss.

Wenn der Novemberwind Hagel und Unordnung über die Straßen geschüttet hat, was oft nur kurze Augenblicke dauert, dann geht das Treiben auf den Straßen seinen gewohnten Gang. Die Abende sind wieder still, die Nächte kalt. Nur manchmal sind sie noch mild, fast so, als ob die Wärme des Altweibersommers zurückkehren möchte.

Die Wettertücken im November sind wie die netten widerspenstigen Entschuldigungen von Kindern, die Abends ungern zur Zeit schlafen gehen, und der Natur geht es ähnlich : Noch ein halbes Stündchen ! Nur noch ein bissßchen das Licht anlassen ! Etwas am Bett erzählen noch, oder die Tür einen Spalt aufbehalten ! Auch die Natur sträubt sich nach der besonders lebendigen Jahreshälfte gegen die Winterruhe. Und dassß der Winter auf den kommenden Sommer vorbereiten will, ja, vorbereiten mussß, dies scheint sie immer wieder zu vergessen.

Dunkel war es längst. Müde und mit ausgeleertem Magen suchte Leon an einer Laterne Halt. Er konnte sich nur mit Mühe auf den Beinen halten – so sehr genossen hatte er den Abend, all seine ehrbaren Vorsätze aufgegeben und nur gelebt. Gelebt !

Leon hatte fast schon vergessen, wie sich alles anfühlt : volle Brüste, weiche Haare, tiefe Küsse. Maria war meistens viel zu müde und zu einfallslos.

Ach ja, Maria. Die würde zu Hause liegen und von all dem nichts ahnen. Dürfte sie auch nicht. Sie würde alles, was heute geschehen war, überbewerten.

Leon wäre beim Überqueren der Straße fast von einem Auto erfassßt worden – doch es konnte ausweichen, quietschte mit den Reifen und machte seiner Wut noch etliche Meter durch die Hupe Luft. Leon hatte die andere Straßenseite erreicht, strauchelte aber und stürzte zu Boden.

„K-kannst du – nicht – auf-a-au-aufpassen, Mann !“ lallte der Heimkehrer und strich sich beim mühsamen Aufrichten die Jacke glatt.

Plötzlich, ganz unverwandt, sah Leon sein ausdruckslos starrendes Gesicht in einer Regenpfütze : alle Umrisse waren klar erkennbar, doch seine Haut wirkte in der dunklen Pfütze noch fahler als erwartet, seine Augen glasiger, seine Wangen stoppliger, die zudem mit irgendeinem bissßchen Lippenstift beschmiert waren.

Er hielt inne, besah sich. Leonhard Noblach. Sein Blick war der gleiche. Sein Gesicht war fremdartig. Ihm war, als schaue er sich durch eine Larve selber selbst in die Augen. Noch bevor er zu einem Gedanken kommen konnte, mussßte er sich erneut übergeben.

„Vermaledeites Bier…“ fluchte er.

Und wieder.

Ganz leise betrat Leon die Wohnung. Er wollte die Kinder nicht wecken. Auch Maria nicht. In der Luft lag der Geruch von abgestandenem Essen. Es war eigentlich wie sonst auch, wenn er, was hin und wieder vorkam, zu spät aus dem Büro heimkehrte. Heute aber trug er noch ein seltsames Gefühl mit nach Hause. Es hing ihm in der Magengrube. Es hing den ganzen Tag schon dort und hatte seinen Tag verbittert.

Er erinnerte sich an den Morgen, der gut begonnen hatte, und dann an den Arztbesuch, der nichts als Verstörung hinterlassen hatte. Was blieb ihm nun zu tun, zu denken ? Der Rahmen war angebrochen, in dem sich sein Leben bewegte. Der Tag hatte diesen Bruch nicht kitten können. Maria schlief längst, wie sonst auch. Auch die Kinder schliefen. Kein Laut kam aus ihren Zimmern. Leise zog sich Leon die Jacke aus. Dann lehnte er sich gegen die Wand, sackte bald darauf zusammen und gaffte in die Dunkelheit.

Nachdem er lange Zeit wortlos auf dem Boden gesessen hatte und sein Kopf langsam wieder klar wurde, fiel ihm eine Träne aus den Wimpern. Er hatte jahrelang nicht mehr geweint, und nun wurden ihm mit einem mal Mal die Augen feucht. Seine Nase lief. Er zog hoch. Er mussßte luftholenLuft holen. Seine Kehle ächzte trocken. All diese Geräusche des Alleinseins lärmten durch den Korridor. Wenn nur Maria und die Kinder nichts hörten ! Er kniff seine Augen zu, die unter den Lidern immer noch zitterten. Er behielt Fassung. Vor seinem inneren Auge lag ein riesiger Schatten. Er sah nur Leere, fühlte sie fast körperhaft. Doch dann stammelte er leise einen Namen, der sich in die Stille des Korridors schmiegte, wie das Wort eines Sterbenden – aus dem großen belang¬losen Wörtermeer gefischt, wo das Leben umhertreibt und einen Sinn sucht : „Meine… meine Maria !“ Und es schien ihm in dieser Leere das erste Mal, das allererste Mal, daß dass er für seine Frau echte Liebe empfand. Eine späte Erkenntnis. Was ebenso schmerzte wie der Schlussßakkord heute im Zimmer des Arztes.

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