Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
NATURKOST
Heute früh haben sie mir wie immer die Zeitung gebracht.
Auf Seite drei war ein Foto von uns, auf dem wir so richtig übel
aussahen. Wir wurden als „das Killerpaar” bezeichnet, und der
Artikel behauptete, wir hätten alles von Anfang an geplant,
schon bevor ich Erwin geheiratet habe.
Dabei hatten wir uns seit Jahren nicht mehr gesehen, Matze und
ich. Er war ja in München, wo er diese Sache mit der Diskothek
geplant hatte, die der Szenetreff in Schwabing werden sollte,
aber dann hat sich sein Kumpel mit der ganzen Kohle aus dem
Staub gemacht und Matze mit einem Haufen Schulden sitzenlassen.
Matze ist dann zurück nach Schmalau und hat sich mit
Kellnern im Schwarzen Ross über Wasser gehalten, und dort
haben wir uns wieder getroffen, im letzten Sommer, als ich zu
Besuch bei meinen Eltern war.
Es war verrückt, weil ich doch inzwischen eine Ehefrau war,
aber wie er dort hinter dem Tresen stand mit seinen schwarzen
Haaren und Augen wie Rittersporn, das hat mich glatt umgehauen.
Plötzlich war ich wieder sechzehn, hatte Gelee in den
Knien und brachte kein Wort mehr ´raus.
Bei ihm war das anders. Matze ist ja immer total cool, egal, was
passiert. Er hat in Ruhe sein Bier fertig gezapft und nur so über
die Schulter bemerkt: „Na, wen haben wir denn da? Bist ja
mächtig aufgestiegen, wie man hört.”
Weil er so locker drauf war, kriegte ich schließlich doch noch
den Mund auf, wir kamen ins Reden, und als er um eins den
Laden zusperrte, sind wir zu ihm. Es war so toll wie damals,
und alles, was ich denken konnte, war: „Was für ein
Unterschied zu Erwin!”
Am nächsten Tag, bevor ich zurückfuhr, spazierten wir noch
mal zu „unserer” Lichtung im Wald, und da deutete er auf einen
Pilz, der unter der alten Buche aus dem Gras spitzte und fragte:
„Weißt du noch, wie deine Eltern dich immer zum
Pilze sammeln geschickt haben, wenn das Geld alle war?”
Und ob ich mich erinnerte, die Haushaltskasse war bei uns nämlich
meistens leer, also haben wir den halben Sommer lang von
Pilzen gelebt, darum kann ich die Dinger auch nicht mehr ausstehen.
„Erwin liebt das Zeug, er bringt es pfundweise heim, und Frau
Harlander, die Haushälterin, muss es dann zubereiten, obwohl
sie auch keine Pilze mag. Nicht mal die Sauce schmeckt sie ab,
sagt sie, so graust ihr davor.“
„Der da ist ein Egerling, oder? Kann man den essen?”, wollte
Matze wissen und stieß ein bisschen mit dem Fuß gegen den
Pilz.
Ich musste lachen, denn was er da entdeckt hatte, das war ein
Grüner Knollenblätterpilz.
„Tja, essen kannst du alles, manches eben nur einmal.”
Dann hab’ ich ihm erklärt, wie man den Knollenblätterpilz vom
Egerling unterscheidet und wie gefährlich er ist.
„Das Gift wirkt erst, wenn es ins Blut übergeht. Ohne, dass du
es merkst, zersetzt es Leber und Nieren - und dann, aus und vorbei,
mein Lieber!”
Matze war eine Weile ganz still, dann hat er den Arm um mich
gelegt und gemeint, er hat da eine Idee, es geht darum, wie ich
beides haben könnte, ihn und Erwins Geld.
Zuerst hab’ ich gedacht, er redet nur so daher, aber ich hab’
schnell gemerkt, er meint es ernst. Mir ist ganz heiß geworden,
weil, sagen kann man viel, aber es wirklich tun, das ist doch was
anderes. Außerdem bin ich eine schlechte Lügnerin, und angenommen,
die Polizei verhört mich - die würden mir an der
Nasenspitze ansehen, dass ich was zu verbergen habe. Aber
Matze hat nur die Schultern gezuckt, auf seine überlegene Art.
„Was sollen die groß fragen? Jedes Jahr sterben Leute an
Pilzvergiftung, erst letzten Sommer hat’s hier in Schmalau eine
Familie erwischt. Du kommst da doch gar nicht ins Spiel!”
Schließlich habe ich den Pilz mitgenommen, ihn zu Hause in
einen Gefrierbeutel getan und ganz hinten ins Eiswürfelfach
gelegt, wo Erwin und die Harlander nie ’reinschauten, weil ich
die einzige war, die Eis in ihre Getränke tat. Ein bisschen
Bammel hatte ich schon, dass sie ihn trotzdem finden, aber es
ging alles gut. Eine Woche später kam Erwin mit
Waldegerlingen an. Ich habe meinen Pilz aufgetaut und heimlich
zu den anderen in den Korb gelegt, nach unten, so dass man
ihn nicht gleich sehen konnte. Die Harlander hat alles geputzt
und zubereitet. Am Abend schwammen die Pilze in einer dicken
Rahmsauce. Wie immer bot uns Erwin davon an und ich
Sagte: „Nein, danke, du weißt, dass ich das Zeug nicht anrühre,
und die Harlander auch nicht.“
Acht Tage später, ich war gerade Klamotten kaufen, hat das
Handy geläutet, ich soll schnell in die Klinik kommen. Mir
wurde ein wenig schwindlig, deshalb musste ich langsam fahren.
Als ich im Krankenhaus ankam, war es schon zu spät.
Ehrlich gesagt, war es mir recht so, denn Erwin beim Sterben
zuzuschauen, das wäre mir dann doch zu viel geworden.
Die Harlander stand in dem blank gewienerten Flur und heulte,
während alle auf sie einredeten, dass sie nicht Schuld sei,
schließlich war es Erwin, der die Pilze gesammelt hat, und
jeder weiß, dass sie einen Pfifferling nicht von einem
Badeschwamm unterscheiden kann.
Bei der Obduktion kam „Vergiftung durch Amanitotoxin” heraus,
was bestätigt wurde durch die Untersuchung der Pilzreste,
die sich noch in unserer Mülltonne befanden.
Es war, wie Matze gesagt hatte, keiner stellte mir irgendwelche
unangenehmen Fragen. Sie wollten nur wissen, ob Erwin die
Pilze selbst gesammelt hatte. Ich begann gerade, mich zu entspannen,
weil ich dachte, langsam wächst Gras über die Sache,
da kam die Polizei noch mal ins Haus. Ein Beamter in Zivil, der
sich vorstellte als Inspektor von der Kriminalpolizei. Bei dem
Wort „Kripo” musste ich die Arme fest verschränken, damit er
nicht sah, wie meine Hände zitterten. Er wollte aber nur wissen,
wo genau Erwin die Pilze gefunden hatte.
„Na, gleich hier, im Wald hinter dem Haus”, antwortete ich.
Der Inspektor schaute aus dem Wohnzimmerfenster auf die
Fichtenschonung hinaus.
„Als ich ein Kind war, bin ich hier auch immer mit meinem
Vater in die Pilze gegangen”, erzählte er und klappte sein
Notizbuch zu. Ich wurde gleich viel ruhiger, weil das Verhör
offenbar zu Ende war.
„Ich auch”, sagte ich, „aber nicht hier, ich bin in Schmalau
geboren. Meine Eltern leben noch dort.”
„Hübsche Gegend”, erwiderte der Inspektor. „Dort gibt es noch
richtige Laubwälder, nicht diesen finsteren Nadelwald. Eine
richtige Monokultur ist das, eintönig.”
„Das hat Erwin auch immer gesagt”, erklärte ich, und es stimmte
tatsächlich, Erwin hat sogar mal eine Eingabe im Stadtrat
gemacht, dass für die gefällten Bäume Laubholz gepflanzt werden
soll, damit wieder ein „gesunder Mischwald” entsteht.
Der Inspektor ließ den Blick über Erwins - meine - antiken
Stilmöbel wandern.
„Seltsam, dass einem erfahrenen Pilzkenner wie Ihrem Mann
eine solche Verwechslung unterlaufen ist!” sagte er zum
Perserteppich.
„Ja, schon”, gab ich zu. „Aber solche Sachen passieren immer
wieder, erst letzten Sommer in Schmalau, eine ganze Familie.”
„In Schmalau, das ist wahr”, meinte der Inspektor. „Wenn ich
mich recht erinnere, haben die bedauerlichen Leute ihn mit dem
Wiesenchampignon verwechselt.”
Er wandte sich vom Fenster ab und sah mir direkt ins Gesicht.
„Wissen Sie übrigens, wie man den Waldegerling noch nennt?”,
wollte er wissen, und plötzlich war der gemütliche Plauderton
verschwunden. Ich schüttelte stumm den Kopf.
„Er heißt auch ,Fichtenegerling’, weil er unter Nadelbäumen,
besonders unter Fichten, wächst. Mit dem Grünen
Knollenblätterpilz ist er meines Wissens nach noch nie verwechselt
worden, nicht nur, weil man die beiden leicht auseinanderhalten
kann. Nein, es ist einfach so, dass der Knollenblätterpilz im
Nadelwald so gut wie nie zu finden ist.”



