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Mundtot

„Sarah“, hatte die Mutter damals gesagt und, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, sich vor ihr auf den Fußboden gekniet. Ihre Augen waren auf gleicher Höhe und Sarah hatte keine Möglichkeit mehr, dem Blick der Mutter auszuweichen. „Sarah, dein Vater liebt dich. Er würde dir niemals wehtun. Mit deinen Geschichten machst du unsere Familie kaputt. Wir können dir nicht mehr vertrauen. Und wenn du erst einmal anfängst, Lügen zu verbreiten, kannst du bald nicht mehr zurück und musst weiterlügen, immer weiter, bis du selbst nicht mehr unterscheiden kannst, wo die Wahrheit aufhört und der Schwindel anfängt. Die Lüge ist wie ein Spinnennetz. Bist du erst einmal gefangen, kommst du nicht mehr heraus, klebst fest, windest dich, um dich zu befreien und machst alles noch schlimmer. “

Das feuchte Holz der Parkbank ließ die Haut an ihrem Oberschenkel jucken. Fröstelnd zog Sarah die dünne Regenweste enger um ihren Leib. Er erschien ihr fremd und unnatürlich prall und ließ sie vor Scham erröten, sooft sie an sich heruntersah. Von der nur wenige Meter entfernt neben der öffentlichen WC-Anlage stehenden Telefonzelle waren im dichten Nebel kaum die Umrisse zu erkennen. Als wollte das Kind sie zur Eile antreiben, trat es ein paar Mal fest gegen ihre Bauchdecke. Schwerfällig stand Sarah auf und zwang sich, die paar Schritte bis zur Telefonzelle zu gehen, die Tür zu öffnen und einzutreten. Sie warf Geld ein und wählte langsam ihre eigene Nummer. Das Freizeichen ertönte. Fast schon wollte sie erleichtert wieder auflegen, als Mama sich doch noch meldete.

„Hallo? Hallo? Sarah, bist du´s?”

Sie atmete tief ein und zwickte sich mit den Fingernägeln in die Wange. Der Schmerz erstickte das Schluchzen, das ihr die Kehle zuschnürte. „ Ja, Mama, ich bin angekommen. Es ist wunderschön hier. Sonnig, warm, genau so, wie ich es mir vorgestellt habe.“

Sie konnte spüren, wie ihre Mutter lächelte.

„Ich freu mich für dich. Mach dir ein paar schöne Wochen und erhol dich gut. Ich vermisse dich jetzt schon.“

„Es sind viele junge Leute hier. Der Kursleiter scheint nett zu sein. Es wird mir ganz sicher gefallen. Ich werde lange Spaziergänge am Strand machen und viel schwimmen. Vielleicht bekomme ich auch mein Gewicht wieder unter Kontrolle.“ Sie hörte, wie Mama am anderen Ende der Leitung aufseufzte.

„Dass wir Frauen immer dieses leidige Problem mit den Kilos haben. Aber wichtig ist doch nur, dass du dich wohlfühlst und mit dir selbst im Reinen bist. Papa hat übrigens gesagt, ihm gefällst du noch besser, seit du nicht mehr ganz so dünn bist. Übrigens, er lässt dich schön grüßen. Ach Sarah, wenn du wüsstest, wie sehr ich dich liebe.“

„Weiß ich doch, Mama. Ich melde mich wieder.“

Sie weinte. In der Glastür spiegelte sich ihr Gesicht und sie sah, wie Blut über ihre Wange rann und fröhliche rote Flecken auf den beigen Rollkragen ihres Pullovers malte. Sie würde sagen, dass sie ausgerutscht und hingefallen sei, auf einen spitzen Stein.

Als das Schluchzen endlich nachließ, nahm Sarah den immer stärker werdenden Regen wahr, der ihr die Kleider an den Körper klebte und aus ihren Haaren tropfte. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es höchste Zeit war. Man würde nicht lange warten. Auf eine, die keinen Namen hatte, die sich, durchnässt und unterkühlt im Stadtpark herumtrieb. Auf eine, die alles mit sich machen ließ.

Rasch verließ sie den Park, überquerte die Straße und sah sich nach allen Seiten um, bevor sie durch die Tür des unscheinbaren Hauses mit der schmutzig-gelben Fassade schlüpfte. Wärme empfing Sarah. Eine weiß gekleidete Frau nahm sie an der Hand und führte sie eine Treppe hinauf. Es war anders als in ihren Träumen. Es roch sauber, und Wände und Möbel waren in hellen, freundlichen Tönen gestrichen. Man hatte orangefarbene, durchscheinende Vorhänge vor die Fenster gezogen.

Die Frau war freundlich. Sie zeigte Sarah den Waschraum, das Klo und bat sie dann, einen weißen Kittel anzuziehen und in einem der Untersuchungszimmer zu warten. Etwas später kam die Ärztin. Sie nahm Blut ab, legte eine feine Kanüle in eine blau schimmernde Vene an Sarahs Handgelenk und hängte einen Tropf daran. Es würde bald losgehen, sagte sie. In dieser Nacht gebar Sarah das Kind ihres Vaters. Es wurde in eine Decke gewickelt und aus dem Zimmer gebracht. Die Ärztin gab ihr noch eine Spritze. Ich sehe später wieder nach Ihnen. Schlafen Sie sich jetzt aus, sagte sie, schaltete das Licht aus und schloss die Tür hinter sich. Kühler Wind blies durch das leicht geöffnete Fenster und blähte den Vorhang. Das fahle Licht einer Straßenlaterne warf die zitternden Schatten einer Pappel an die Decke. Sarah fröstelte, als sie aus dem Bett stieg und ihre Kleider aus der Tasche holte. Ihr ganzer Körper war Schmerz. Sie spürte Blut die Innenseite ihrer Schenkel entlanglaufen. Es spielte keine Rolle. Nichts spielte eine Rolle.

Es war totes Fleisch, das sich mühsam, Schritt für Schritt die Treppe hinunterquälte. Das in die Nacht hinaustrat, einem Taxi zuwinkte.

Der Nachtportier des kleinen Hotels in der Bahnhofsstraße saß zusammengesunken auf seinem Stuhl und schlief. Der Kopf baumelte über dem Bauch, dessen rosa Fleisch durch die geöffnete Gürtelschnalle quoll. Bei jedem Atemzug grunzte und gurgelte es tief in der Kehle, zuckte es in den Fingern, die zwischen den Beinen lagen. Speichel tropfte aus dem Mundwinkel und hinterließ kleine Schaumbläschen auf den Bartstoppeln.

Sarah biss sich fest auf die Lippe. Das half gegen den Schwindel. Das Grunzen begleitete sie die schmale Treppe hinauf. Endlich konnte sie die Tür hinter sich schließen. Konnte man eigentlich noch sterben, wenn man schon tot war?

Morgen würde sie Mama anrufen und ihr von den Delphinen erzählen.

 

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