Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Paulas Rose
„Albert? Bist du da?“ Paula strich ihre Schürze glatt und setzte sich auf die Bank. Sie trug den brombeerfarbenen Hut, den ich ihr vor vielen Jahren geschenkt habe. Natürlich war ich da. Ich war immer da.
„Albert?“, wiederholte sie und drehte den Kopf nach links und rechts. Mein Name flatterte wie eine Schwalbe durch den Frühlingswind und ließ sich auf einem Birkenzweig nieder.
„Mein Bertchen, ich weiß schon, dass du hier bist.“ Sie strich eine Silberlocke aus der Stirn, öffnete den Verschluss ihrer Handtasche und zog etwas heraus. „Ich habe dir etwas mitgebracht. Heute ist Sonntag, weißt du?“, flüsterte sie. Ihr Blick senkte sich hinunter zu dem, was in ihren Händen lag. „Es gibt ja keinen Blumenladen im Heim. Also habe ich heute früh eine Rose gemalt. Für dich.“ Sie hielt ein rötlich bemaltes Papierstück wie ein Windrädchen in die Höhe. Dann schlossen sich ihre Hände darum und legten es auf ihren Schoß.
Eine Weile schwieg sie. Ihr Blick tastete über das Grabkreuz, hinab zum Granitsockel, bis er einen Ort zum Ausruhen fand. So machte sie es immer, bevor sie zu erzählen begann, bevor sie ihre Bilder aus der Tiefe schöpfte, um sie im Tageslicht zu betrachten.
„Weißt du noch?“, flüsterte sie. „Weißt du noch, als wir das Haus gekauft haben? Wir konnten uns nicht einig werden, wo wir die Rosensträucher pflanzen sollen. Im vorderen oder im hinteren Garten. Tagelang haben wir gestritten.“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und blieb auf ihren Wangen liegen. „Bis ich mich durchsetzen konnte. Ich weiß, dass du mich hast siegen lassen. Das hast du immer getan. Immer. Dreiundfünfzig Jahre lang.“ Ihre Finger streichelten die Papierblüte wie ein Kissen aus Samt.
Sie sah hinüber zu den Birken am Friedhofseingang und ihr Blick versank im Irgendwo. Er verlor sich zwischen dem Tor und der Ferne, wo die Tentakel der Erinnerung nach ihr angelten. Ich konnte sehen, wie sie Paula umschlangen und festhielten. So fest, dass ich fürchtete, sie könne nicht mehr in die Gegenwart zurückkehren. Zu den Kastanienbäumen, zu meinem Grab, zu mir. Zu mir. Ich schämte mich dafür. War ich noch Gegenwart? Was durfte ich noch hoffen oder wünschen, nachdem ich sie verlassen hatte?
Nach vielen Minuten, wie von jäher Erkenntnis getroffen, tauchte Paula wieder auf. Sie sah in meine Richtung, als wüsste sie genau, dass ich sie beobachtete. Ihr Anblick umspülte mich wie eine Welle der Erinnerung an etwas, das vorbei ist. An eine Welt, die ich vergessen muss. An ein Leben, das nicht mehr meines ist.
Sie räusperte sich. „Julia hat mich gestern besucht. Sie sagte, jetzt, nach deinem Tod, müsse sie mal nach mir schauen. Jetzt! Stell dir das vor, Albert. Du liegst doch schon seit vier Monaten hier.“ Ein Zittern schwamm in ihrer Stimme. „Ihr Mann war auch dabei. Er hat die Schwestern angeschrien und herumgescheucht, als wären sie Sklaven. Kannst du dir erklären, warum sie so ein Scheusal geheiratet hat?“
Ich konnte es nicht. Ich wusste wenig über unser einziges Kind, das mir mein Leben lang so fremd geblieben war wie ein entlegenes Land.
„Sie wollen das Haus verkaufen. Sie haben darüber gesprochen, als ich schlief. Aber ich…“, sie zupfte an einem Ohrläppchen, „ …ich habe es gehört.“ Ein Seufzer entschlüpfte ihren Lippen. „Was soll ich tun?“
Suchend sah sie das Kreuz an, wie ein Wanderer, der vor einer Weggabelung steht und nicht weiß, in welche Richtung er gehen soll. Schließlich hob sie die Hände zu einer Entschuldigung. „Ich weiß, Bertchen, ich weiß. Man muss alles einmal zurücklassen, nicht wahr?“
Meine Paula. Überwältigt von Heimweh glitt ich zu ihr hinüber, zwei Meter durch die Ewigkeit, die mich unendlich viel Kraft kosteten. Millimeter für Millimeter kämpfte ich mich vorwärts, wie eine Schildkröte unter einem Panzer aus Blei. Ich schien im Nichts zu kleben, zwischen dem Leben und dem, was danach kommen mochte. Paula war Lichtjahre entfernt, doch ich kroch beharrlich weiter, wie ein Wanderer durch Berge von Schnee. Die Zeit schien erfroren. Und in mir loderte Sehnsucht, Paula in meine Arme zu schließen. Nach ewigen Augenblicken gelang es mir, doch ich schlüpfte durch sie hindurch wie durch einen Nebelschleier. Was hatte ich auch erwartet? Eine plötzliche Reinkarnation? Wundersame Fleischwerdung vor meinem Grabmal? Ich konnte nichts tun. Also hielt ich inne und wartete.
Doch Paula musste etwas gespürt haben. Sie legte eine Hand an ihren Hals und schloss die Augen. Auf ihren Lippen lag ein Lächeln. „Da bist du ja“, flüsterte sie, das Gesicht zu der Seite geneigt, wo mein Luftzug sie gestreift hatte. Sie wiegte den Kopf vor und zurück, vor und zurück. Das war ihre Bestätigung, ihre Gewissheit.
„Unsere Toten können uns sehen“, hatte sie mir immerzu versichert und ich hatte sie ausgelacht für ihren Glauben an alles Unsichtbare.
Sie öffnete die Augen. „Da bist du ja“, flüsterte sie wieder. So saß sie auf ihrer Bank, in ihrer Welt. Mir so nah und doch so fern. Sie teilte ihr Schweigen mit mir, während die Sonne auf den Horizont sank. Während ein Frühlingstag ins Himmelblau flog und in den Ritzen der Erinnerung versickerte. Wir lauschten versunken, wie Meisen und Lerchen ihre Lieder mit dem Singsang der jungen Kastanienblätter verwoben. Wir lauschten lange. So lange, bis Schritte über den Kiesweg stapften, im Stakkato näher stolperten und neben der Bank stoppten.
„Frau Waldbaum. Wir suchen Sie überall. Und wo finde ich Sie? Natürlich hier. Auf dem Friedhof. Was machen Sie denn hier?“ Ein Mann in weißer Hose stand breitbeinig vor Paula, die Hände in die Hüften gestemmt, und starrte auf ihren Hut. Unter seinen Achseln leuchteten Schweißflecken, so groß wie das Mittelmeer.
Als Paula nicht antwortete, redete er weiter. „Natürlich. Wo sonst. Hier bei Ihrem – ähm – am Grab.“ Er beugte sich zu ihr hinunter. „Wissen Sie… er war sehr krank. Wenn Sie jeden Tag hierher kommen… davon wird er auch nicht mehr lebendig. Frau Waldbaum? Hallo? Ich bin es! Der neue Zivi!“
Paula legte die Stirn in Falten und musterte ihn, als wäre er ein dreiköpfiger Affe.
„Guten Tag, Herr Zivi.“
Er verdrehte die Augen. „Alex heiße ich. Alex Stegmül…“
„Ich habe meinem Albert eine Rose mitgebracht.“ Sie hob die Blüte an seine Nase. „Sehen Sie? Es ist eine Alba-Rose. Sie heißt Amelia. Wissen Sie, was eine Alba-Rose ist?“
Alex schüttelte den Kopf. Es war nicht eindeutig, über wen oder was. Ungeduldig wischte er Schweißtropfen von der Stirn, während sein Blick zwischen Paula und meinem Grab hin und her gondelte. Schließlich holte er tief Luft und stieß den Atem aus. Er klang wie eine asthmatische Dampflokomotive.
„Ja. Hübsch. Aber jetzt müssen wir gehen. Kommen Sie!“ Er streckte einen Arm aus.
„Nicht so schnell, junger Mann. Ich muss zuerst die Rose aufs Grab legen.“ Damit erhob sie sich von der Bank und schloss die Augen.
„Soll ich es für Sie tun?“ Alex wedelte mit den Fingern, blickte auf seine Uhr, starrte hinüber zum Friedhofseingang.
Paula lächelte, nickte, wartete.
Alex watschelte an mein Grab. „Die spinnt mal wieder gewaltig“, murmelte er, während das Papierstück wie eine Kreditkarte im Ginsterbusch verschwand. Am liebsten hätte ich ihn an den Haaren zu Boden gezogen und seine Nase mit Kieselsteinen massiert, besann mich aber auf gutes Benehmen. Wie in Zeitlupe wanderte ich zum Grab zurück, griff nach Paulas Rose und durch sie hindurch. Das dünne Papier flatterte in meinem Luftzug, wippte nach vorn, nach hinten, und wieder nach vorn. Dann segelte es eine Handbreit empor und schwebte hinunter auf den Kiesbelag.
Paula zupfte Alex am Ärmel. „Haben Sie das gesehen?“ Sie blinzelte auf den Boden. Ihre Augen leuchteten wie Smaragde.
„Hm. Ja. Ist windig heute.“ Alex bückte sich, um die Blume wieder ins Ginstergrün zu stopfen. Er starrte hinab, als wäre er ein Schlangenbeschwörer und das Papierstück eine Königskobra. Ich überlegte, ob ich eine neue Böe entfachen sollte, hielt mich aber zurück. Zehn beschwörende Sekunden rührte Alex keinen Muskel. Dann drehte er sich zu Paula um. „Jetzt kommen Sie. Es wird dunkel.“
Paula hängte sich bei Alex ein. Ihre Hand streichelte noch einmal über das Grabkreuz. „Bis morgen, Albert“, flüsterte sie und wandte sich zum Gehen. Sie lächelte wie damals, 1953, als wir uns zum ersten Mal trafen und für eine Sekunde schien es, als könne sie mich sehen. Dann drehte sie sich um. Ich blickte ihr noch lange nach, wie sie durchs Friedhofstor ging, die Straße hinunter und schließlich im Dämmerlicht verschwand.
Dann ließ ich mich von Dunkelheit umhüllen und wartete auf den neuen Tag. Es ist schön, für Paula da zu sein. Ich bin immer für sie da.



