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….und spüre den Frieden in dir

Als Clara die Augen aufschlug, fiel ihr erster Blick auf das beleuchtete Display des Funkweckers: 5 Uhr 51. Sie räkelte sich wohlig unter der Decke. Neun ungestörte Minuten, bis die täglichen Pflichten sie riefen. Im Leben der mehrfachen Mutter bedeutete diese Zeitspanne eine kleine, köstliche Ewigkeit. Ein Erholungsbad in purem Frieden. Herrlich!

Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee kitzelte plötzlich Claras Nase. Sie schnüffelte genießerisch. Vorsichtig wurde die Schlafzimmertür geöffnet und Kai, Claras Mann, streckte den Kopf herein: „Ich muss dann los. Hab´ schon mal Frühstück gemacht.“ Er schickte ihr einen Kuss und verschwand lautlos. Dieser Mann war einfach eine Wucht. Und das nun schon seit 18 Ehejahren.

Wuchtig war auch der Schreck, der Clara im Badezimmer heimsuchte und komplett ernüchterte. Unmöglich!

Ungläubig blinzelnd entzifferte Clara die Anzeige der digitalen Personenwaage. Die rot leuchtenden Ziffern schienen hämisch auf und ab zu hüpfen. 81 kg! Sie hatte ihren eigenen Gewichtsrekord gebrochen. Nur in den Schwangerschaften hatten sich noch mehr Pfunde angesammelt als jetzt. Hilfe! Aber gut, ab sofort musste sie Nägel mit Köpfen machen. Clara würde abnehmen. Fürs erste hieß das: Frühstück ade.

Und dann könnte sie sich eigentlich draußen im Garten in einem Erdloch eingraben, so wie Paula, die Schildkröte, es jeden Herbst in ihrer Sandkiste tat, und in einen langen Winterschlaf hinüberdämmern. Das wäre was. Eine

verlockende Vorstellung. Clara bräuchte sich für Wochen um nichts anderes zu kümmern als um den Abbau ihrer Fettreserven. Irgendwann, vielleicht im März, würde sie wieder aufwachen. Günstig wäre der Monatserste, denn dann könnte sie gleich losziehen und sich vom Haushaltsgeld etwas Hübsches zum Anziehen kaufen. In Konfektionsgröße 38, denn selbstverständlich würde Clara superschlank und wunderschön erwachen. Aber ob März für das Modell „superschlank“ reichen würde? 81 kg, das war eine Portion, die sicherlich ganz schön lange vorhielt. Also doch eher Verlängerung bis Mai beantragen?

Schlachtenlärm aus dem oberen Stockwerk riss Clara aus ihren Vertragsverhandlungen.

„Aha, die lieben Kinderlein sind erwacht.“, erklärte sie ihrem noch ungeschminkten Spiegelbild.

„Melanie, komm´ jetzt endlich aus dem Bad. Die ganze Schminkerei hilft doch sowieso nichts. Hässlich bleibt hässlich.“ Heftiges Klopfen gegen die Tür sollte der Aussage wohl Nachdruck verleihen.

„Selber hässlich. Ich würd´ mich aufhängen, wenn ich so ein Pickelgesicht hätte wie du.“

„Zimtzicke!“

„Fettsack!“

Resigniert polterte Frieder die Treppe herunter.

„Mama, kann ich hier ins Bad? Oben wird Wimpernklimpern trainiert.“ Mit dem objektiven Kennerblick eines Fünfzehnjährigen maß Frieder seine nackte Mutter.

„Hast du zugenommen?“ Das war eindeutig die falsche Frage gewesen. Frieder bemerkte seinen Lapsus und bemühte sich um Deeskalation:„ Oder kriegst du deine Tage und das ist alles Wasser?“ Clara warf ihm einen vernichtenden Blick zu und rauschte aus dem Badezimmer.

Sie zog sich an, musterte sich im Spiegel und fand, dass sie für eine Matrone von 81 kg doch eigentlich noch ganz adrett aussah. „Aber wartet nur ab“, warnte sie tonlos ihre komplette Familienmannschaft, „ihr werdet euch noch wundern.“

Klack- klack, klack- klack. Mit kreisenden Hüften stöckelte Melanie an ihrer Mutter vorbei. Zu hochhackigen, schwarzen Lackstiefeln trug sie eine Jeans, deren Bund so tief saß, dass der Schamhaaransatz nur knapp verdeckt war. Etwas weiter oben, auf Höhe des Beckenkammes, blitzten die knallroten Seitenteile, nichts anderes als dicke Fäden, ihres String- Tangas. Ein weißer Kapuzenpulli, kurz genug, um den Blick auf den blauen Stein im Bauchnabel nicht zu behindern, vervollständigte den gewagten Look.

„Sag´ mal, spinnst du? Du gehst in die Schule und nicht auf den Str…, auf eine Party. Und diese Schuhe, die sind ja mindestens sieben oder acht Zentimeter hoch…“

„Zehn.“

„Egal, mit so was würde ich im Leben nicht ´rumlaufen.“

„Schon klar,“ erwiderte Melanie abgeklärt, „würde ich mit den Klamotten, die du anhast, auch nicht.“ Treffer.

„Hast du meine Jacke eigentlich jetzt endlich mal gewaschen?“ Dieser Tonfall, eine Mischung aus Langeweile und Herablassung, verfehlte seine Wirkung nie. Claras Pulsfrequenz beschleunigte sich. Bleib ruhig, Clara, lass dich nicht provozieren, Clara, atme tief durch und spüre den Frieden in dir…

„Selbstverständlich, liebe Melanie, sie hängt auf der Wäscheleine in der Waschküche.“

Mit wiegenden Hüften stolzierte die 17-Jährige davon.

„Maamaa…,“ ungewöhnlich waren weder Wortlaut noch Lautstärke, alarmierend war der hysterische Unterton. Eine Spinne im Treppenhaus? „Hier steht alles unter Wasser!“ Neugierig sprang Frieder hinter Clara die Treppe in den Keller hinunter. Er wollte auf keinen Fall etwas verpassen.

Gottlob hatte die erhöhte Türschwelle der Waschküche verhindert, dass sich das trüb-schaumige Malheur in den ganzen Keller ergießen konnte. Melanie trippelte ungeduldig.

„Ich brauche meine Jacke. Ich muss doch zum Bus.“ Clara schlüpfte aus Schuhen und Strümpfen, schürzte ihren Rock und klemmte ihn zwischen den Schenkeln fest. Vorsichtig, als könnten jederzeit ein Schwarm blutrünstiger Piranhas oder andere, ähnlich gefährliche Tiere aus ihrem Versteck hinter der Waschmaschine aufschrecken, watete sie durch das zentimetertiefe Wasser.

„Igitt!“ Melanie schüttelte sich, zog die Jacke an und wandte sich zum Gehen.

„Gern geschehen, das war doch selbstverständlich…“ Aus Claras Worten tropfte förmlich Ironie.

„Ja, sollte ich vielleicht mit den Schuhen da ´rein?“ Melanie zeigte vage mit dem Daumen über die Schulter, „Die wären doch komplett ruiniert.“

Und spüre den Frieden in dir…

Claras Hausfrauenmorgen wand sich um einen zentralen, alles bestimmenden Mittelpunkt: Essen! Oder vielmehr nicht essen. Ihr Magen knurrte erbärmlich. Mit fortschreitendem Vormittag drängte sich außerdem das ungelöste Mittagessen-Kochproblem immer weiter in den Vordergrund. Doch Clara wollte auf keinen Fall die Küche

betreten. Sämtlichen Küchen- und Kühlschrankversuchungen schlug sie ein Schnippchen, indem sie für ihre Lieben einfach Pizza bestellte.

Pietros Lokal lag nur ein paar Häuserblocks entfernt. Clara hatte Glück und konnte direkt vor der Pizzeria parken. Sie stieg aus, schlug die Wagentür zu und strauchelte. Ihr Rock hatte sich verklemmt. Clara zerrte und zog. Vergeblich. Weder ließ sich die Tür öffnen, noch gab diese den Stoff frei. Clara war an ihr eigenes Auto gefesselt. Wenn die Situation nicht so peinlich gewesen wäre, hätte Clara wahrscheinlich laut gelacht. Doch dann straffte sie die Schultern, öffnete den Verschluss ihres Rockes und befreite sich aus dessen unfreiwilliger Umklammerung. Mit hochrotem Kopf und in Unterhosen stapfte Clara in das Lokal. Pietro starrte sie mit ungläubig aufgerissenem Mund an.

„Clarissima, was…?“

„Pietro, gib mir eine Schere.“ So würdevoll, als dürfte sie das Absperrband einer neu erbauten Autobahn durchtrennen, um diese für den Verkehr frei zu geben, stolzierte Clara zurück zum Wagen. Sie schnitt das schlaffe Stoffbündel ab und zog es wieder an. Aus einem eher konservativen Kleidungsstück hatte sie ein zerfranstes, asymmetrisch zulaufendes, hoch geschlitztes Modell gemacht.

Wortlos bezahlte sie ihre Pizzas und verließ hoch erhobenen Hauptes das Lokal. In den Wagen gelangte sie durch die Beifahrertür und Zuhause schälte sie sich durch diese auch wieder heraus. Melanie, die schon vor der Haustür gewartet hatte, dass ihr jemand öffnete, sah ihrer Mutter staunend entgegen. „Hey Mama, cooler Rock. Den würde ich auch mal anziehen.“

Clara schnaufte. „…spüre den Frieden in dir“, raunte sie in Gedanken, „und genieße die Genugtuung.“

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