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Nine Million Bicycles

Dieser Morgen war sonnig und klar. Niemand in Kopenhagen hätte das nach der langen Schlechtwetterperiode erwartet. Trotzdem war er der finsterste Tag in Mariannes Leben. Und das alles nur wegen des Papierfetzens in Livs Portemonnaie.

Marianne ging hinüber zum Krankenbett. Wenn doch ein Wun-der geschehen würde. Letzte Woche hatte sie noch in der Zei-tung gelesen, dass ein nigerianischer Prediger einen Toten zum Leben erweckt hatte. Einfach so. Er hatte die Hände auf den Mann gelegt und dann hatte er die Augen aufgeschlagen. Sie hatte über den Aberglauben den Kopf geschüttelt, aber heute würde sie ihre Seele verkaufen, wenn sie als Gegengabe Livs Leben erhielte. Viel Zeit hatten sie nicht mehr. Und da sie vorher nie einen Gedanken an Gott verschwendet hatte, konnte sie sich nicht vorstellen, dass er sie nun hören würde. Ihre Tochter Liv lag wie eine Wachspuppe in dem Kissen. Borken auf den Hautabschürfungen, genähte Verletzungen wie feinste Stickerei, und auf der Bettdecke ruhten blaugelb ihre Arme. Warum hatte sie auch nur die Kontrolle über ihre Honda verloren? Livs Hand lag warm in Mariannes. Fast viereckig glich sie eher einer Kinderhand. Vierschrötig und grob, weshalb Liv sie immer in den Ho-sentaschen vergrub und das nicht ohne Grund.

„Liv, weißt du noch? Du hast dich im Park versteckt.“ Sanft strich ihr Finger über die Haut. „Du warst vier.“ Sie stockte. „Oder fünf? Es war jedenfalls im Sommer. Du warst auf einmal weg. Ich habe dich gerufen, bis mein Hals wund war. Und dann kamst du aus dem Kirschlorbeer gekrochen, einen Marienkäfer im Haar, und hast deinen Indianertanz aufgeführt. Wie damals im Kaufhaus, als du dich zwischen den Winterjacken versteckt hast.“ Sie strich sich das Haar aus der Stirn. Ihre Hand zitterte.

„Guten Tag.“ Die Zimmertür wurde sacht geschlossen. Gummisohlen seufzten auf dem Linoleum. Marianne schaute auf. Vor ihr stand Dr. Laustrup, der Stationsarzt. Graue Strähnen und grüne Augen, aber nicht einmal das konnte die müden Züge verdecken. „Frau Sangild, Sie müssen eine Entscheidung tref-fen.“

Dr. Laustrup zog an seinen Fingern, dass es knackte. „Wir können für Liv nichts mehr tun. Nach drei Nulllinien im EEG ist nichts mehr zu machen.“

Marianne ging zum Fenster, blickte in das Sonnenlicht, schloss die Augen und fühlte das Flackern der Farben auf ihren Lidern. Warum reagierte Liv verdammt noch mal nicht? Sie war ein Kämpfer gewesen. O nein, warum redete sie schon in der Vergangenheit von ihr? Sie war ein Kämpfer.

„Bitte“, fuhr Dr. Laustrup fort. „Sie können noch etwas für einen anderen Menschen tun.“ Er stieß die Luft zischend aus. „Stim-men Sie der Organentnahme zu?“

Marianne wandte sich um. Ihr Blick fiel auf Liv. Ein Tubus ragte aus ihrer Nase und versorgte sie mit Luft. So wie der Schnorchel, mit dem sie als Kind immer in der Ostsee getaucht war. Ein langsamer Tropfen Urin rollte durch den Schlauch in den Bla-senkatheter. Sie schlang die Arme um ihren Körper, so sehr fröstelte sie.

„Denken Sie nur daran, sie auszuweiden?“

„Beruhigen Sie sich doch“, beschwichtigte er sie.

„Lassen Sie uns woanders reden.“

Sie gingen über den Flur ins Ärztezimmer. Dr. Laustrup zog die Tür hinter sich zu.

„Bitte“, murmelte Marianne und atmete flach. „Ich brauche Luft.“

Auf dem Schreibtisch lagen Unterlagen. Frische Luft strömte in den Raum, als Dr. Laustrup die Fensterflügel weit aufstieß. Staubflocken tanzten im Sonnenlicht.

„Sagen Sie niemals wieder so etwas in Livs Gegenwart. Sie kann Sie hören.“

Dr. Laustrup nickte beschämt, als sie fortfuhr: „Hören Sie, ich kann ihr nicht den Todesstoß geben.“

„Frau Sangild, Liv ist schon tot. Sie wird keine Schmerzen spüren.“

„Sind Sie sich sicher?“

Er schwieg. Eine alte Eiche stand im Innenhof, die Blätter saftig grün, wie das junge Leben, und der Stamm zerfurcht, einem Greisengesicht gleich.

„Sie wird nachher auch unversehrt aussehen.“ Dr. Laustrup schob einen Stapel Unterlagen zusammen.

„Aber der Sarg wird zu leicht sein“, entgegnete sie und dachte daran, wie alt diese Eiche war und wie jung ihre Liv. Viel zu jung.

„Sterben ist ein Prozess. Beim Hirntod verlängern wir ihn. Um Leben zu retten.“

„Verlängern oder zerstören Sie den Todesprozess?“ Mariannes Knöchel traten weiß hervor.

„Liv ist schon tot.“

„Warm und tot“, entgegnete Marianne. „Der Tod kommt hier mit warmen Händen.“

„Es ist schwer, ich weiß“, gab er zu und knackte mit seinen Fingern. „Aber Sie können die Entscheidung nicht mehr herauszögern. Schenken Sie jemandem anderen ein neues Leben. Das würde Liv wollen.“

Marianne zeigte auf die Fotografie auf dem Schreibtisch. „Ist das Ihre Tochter?“

„Ja.“

„Dann sollten Sie wissen, worüber Sie reden.“

Als er sie ansah, glitt ein Schatten über sein Gesicht, wie vorüberziehende Wolken. „Ich weiß es.“

„Aus der Distanz und aus Ihren Büchern?“

„Meine Tochter starb letztes Jahr an Leukämie. Sie wurde zwölf.“ Das Grün im Hof wippte unter einem Windhauch. Auch sie so jung.

„Hätte ihr eine Rückenmarkstransplantation geholfen?“ Marianne strich sich die feuchten Haare aus der Stirn.

„Vielleicht.“

„Es tut mir leid.“

„Wir hatten auf einen Spender gehofft.“

Er wandte sich zur Tür, legte die Hand auf die Klinke und sagte:

„Ich bin im Stationszimmer, wenn Sie mich brauchen.“

Zurück im Krankenzimmer, legte Marianne ihren Kopf auf Livs Brust. Da war er, der Herzrhythmus. Wabung-wabung-wabung. Stetig und ruhig. Das Laken klebte nass an ihrer Wange. Die Geräusche des Tages verstummten. Die gegenüberliegenden Gebäude verblassten in der Dämmerung. Sie nahm Livs MP3-Gerät aus der Schublade, setzte ihr die Kopfhörer auf die Ohren und legte ihren Kopf neben Liv auf das Kissen, ihr so nah wie möglich.

„Komm, wir hören deine Lieblingsmusik.“ Aus dem Kopfhörer tönte Katie Meluas tiefe Stimme: „There are nine million bicycles in Beijing. That’s a fact, it’s a thing we can’t deny, like the fact that I will love you ‘til you die.“

„Beweg dich“, raunte sie. „Nur ein klitzekleines bisschen.“ Mari-anne pustete ihr leicht ins Gesicht. So wie sie es immer bei dem Baby Liv gemacht hatte. Damals hatte sie vor Lachen geprustet und sich auf dem Wickeltisch zusammengerollt. Aber jetzt lagen Livs Wimpern ruhig, lang und geschwungen. Das Gesicht unbe-weglich. Keine Reaktion.

„Geh nicht von mir.“

Marianne summte die Lieder, die Liv geliebt hatte, streichelte über ihre Wangen, malte mit dem Finger die Konturen ihres Pro-fils nach. Ihr Hals war wund und geschwollen von unterdrückten Tränen. Die Stunden zogen sich dahin. Sterne glitzerten am Himmel. Mattes Mondlicht erhellte das Zimmer. Später schaute die Nachtschwester herein und ging, nachdem sie Livs Stellung verändert hatte.

„Du hast doch noch so viel vor“, flehte Marianne, als sie wieder allein waren. „Du wolltest zur chinesischen Mauer.“

Liv lag reglos, erhellt vom schwachen Licht der Nachtlampe. „Lass uns im Frühjahr gemeinsam nach China fliegen.“

Warum musste dies denn nur geschehen? Als sie Livs Hand streichelte, zuckten ihre Wimpern für den Bruchteil einer Sekunde. Oder hatte sie es sich nur eingebildet? Mit zitternden Händen rief sie die Nachtschwester herbei, ewige Minuten verstrichen, bis sie ins Zimmer kam. Ihr Herz raste.

„Ihre Wimpern haben gezittert.“

Die Schwester untersuchte Liv, leuchtete ihr ins Auge, fühlte den Puls, schlug ihr mit dem Handrücken auf die Wangen, notierte alles im Vigilanzbogen. Dann überprüfte sie die Elektroden auf ihrem Körper, die die Vitalzeichen und Blutgase überwachten.

„Sie haben sich getäuscht.“

„Ich möchte, dass ein Arzt nach ihr schaut.“

„Schlafen Sie. Sie sind übernächtigt.“ Ihre Stimme war mütterlich bestimmt. „Wenn man müde ist, sieht man Dinge, die es nicht gibt.“

Am nächsten Morgen, nachdem sie Liv gewaschen hatten, trat Dr. Laustrup ins Zimmer. Er schaute Marianne fragend an.

Liv hätte es gewollt. Sie hatten oft darüber gesprochen, aber Marianne hatte sich nie vorgestellt, wie schwer dieser Entschluss ihr fallen würde.

„So kann jemand anderes leben…“, versuchte Dr. Laustrup wie-der.

In Mariannes Kopf summte Katie Melua: „Piece by piece, is how I’ll let go of you. Kiss by kiss, will leave my mind one at a time.“

„Ich weiß, dass sie es wollte…“, schluchzte sie und putzte sich die Nase. „Aber hat Liv sich jemals darüber Gedanken gemacht, wie es mir damit geht? Wenn sie aus dem Zimmer geschoben wird, warm, mit rosigen Wangen, als wenn sie schlafen würde? Und dann kommt sie nicht mehr zurück?“

Dr. Laustrup schwieg, an die Wand gelehnt. Marianne stand schwerfällig auf, strich mit der Hand über das Bettzeug, streckte sich und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

„Sie können sie holen“, flüsterte sie, während sie Liv berührte. Warm und weich war ihre Haut. Wie früher. Kinderpopoweich und duftig. Sie drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, füllte ihre Lungen mit ihrem Duft. Als sie das Bett aus dem Zimmer rollten, hörte sie das Zischen des Respirators.

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