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Frau Einsamkeit
Als Lena die Balkontür öffnete, drang mit frischer Luft auch der Straßenlärm in ihre Zwei-Zimmer-Wohnung. Reifen quietschten, Autos hupten, jemand schrie „Arschloch!“, Kinder tollten herum und kreischten unten auf dem Spielplatz.
Wäre es ein anderer Tag gewesen, hätte sie sich möglicherweise aufgeregt und das Hochhaus sowie die Gegend verflucht, in der sie wohnte. Sie hätte „Scheiß-Kinder“ gebrüllt. Aber heute hatte Lena gute Laune, da sie sich auf den bevorstehenden Abend freute. Dass er so enden würde, konnte sie schließlich nicht ahnen.
Ein würziger Geruch von überbackenem Käse und Tomatensoße erfüllte ihre Küche und zog weiter in den Flur, wo Lena gerade die Haustür öffnete. „Hallo, Nachbar!“, sagte sie. Zwinker-Lächeln.
„Hey, Lena-Süße.“ Tobias umarmte sie und überreichte ihr eine Sonnenblume. „Alles Gute zum Geburtstag, Babe! Was machen wir zwei Hübschen heute Abend?“
„Sascha kommt bald. Wir wollen es uns hier gemütlich machen.“ Zwinker-Lächeln. „Hab was Kleines vorbereitet.“
„Ah, deswegen riecht es hier so gut. Wow, Lena hat gekocht.“ Tobias klatschte dabei in die Hände und lachte. „Sensation.“
Sie kochte vielleicht nicht oft, aber die Lasagne war ihr gut gelungen. Sie hatte sonst keine Zeit für solchen Schnickschnack. Arbeiten und noch kochen? Wofür gab es schließlich Fertiggerichte?
„Ich hoffe, es schmeckt Sascha“, sagte sie. „Der schwärmt ja immer, wie toll das Essen bei seiner Mutter ist. Wollt ihn mal überraschen.“
„Na, dann viel Spaß mit deinem Blondie.“ Tobias verdrehte dabei die Augen und gab dem Wort „Blondie“ einen abwertenden
Beigeschmack. Das tat er immer, wenn er über Sascha sprach. Er mochte ihn nicht, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. „Dieser Angeber passt überhaupt nicht zu dir“, kam oft von Tobias und Saschas Spruch: „Mit so Schwulen kann ich einfach nichts anfangen.“
„Falls der dich nervt, komm einfach hoch, Süße.“ Tobias winkte und stieg in den Aufzug. Er wohnte im siebten Stock. Lena war froh, dass sie eine Wohnung in der zweiten Etage hatte ergattern können. Sie musste ihre Höhenangst ja nicht unnötig herausfordern.
Gelb war ihre Lieblingsfarbe, deswegen liebte Lena auch Sonnenblumen. Sascha hatte keine Blumen dabei, als er ihre Wohnung betrat. Auch kein Geschenk, jedenfalls hatte er es ihr noch nicht überreicht, sondern sie nur kurz umarmt und ihr einen flüchtigen Kuss auf den Mund gegeben. Mit gesenktem Kopf saß er auf ihrer Ledercouch im Wohnzimmer und wischte sich seine feuchten Hände an der Jeanshose ab. „Lena, wir müssen mal reden.“
Lenas Blicke schweiften zu der Sektflasche in ihren Händen. Die würde sie lieber später öffnen, nach dem Gespräch. Sie stellte den Asti auf dem Glastisch ab. Warum schaute er nur so ernst? Und hatte er den Nudelauflauf nicht gerochen? Sie setzte sich neben Sascha und fühlte, wie ihr Herz gegen die Brust hämmerte. Lenas Hände wanderten zu seinen, aber sie spürten, dass sie nicht erwünscht waren und zogen sich zurück.
„Was ist denn los mit dir? Ist was passiert?“ Ihre Blicke suchten die seinen, aber Saschas dunkle Augen wichen ihnen aus.
„Ich habe keine Lust, heute Zuhause zu bleiben. Immer bleiben wir in der Wohnung, bei dir oder bei mir“, sagte er.
„Äh, was meinst du? Was willst du denn sonst machen?“
„Ich will mal wieder weggehen, nicht nur mit dir, sondern mit meinen Kumpels… und deine ständigen Kontrollen nerven mich, das geht so nicht weiter.“
Hitze drang in Lenas Körper und ließ ihr Herz noch wilder pochen. Das musste er ihr jetzt sagen? Heute, an ihrem Geburtstag? Sie schüttelte den Kopf und rückte ein Stück von ihm ab.
„Was geht nicht weiter? Meinst du, wir sollen nicht mehr zusammenziehen, weil sich der Herr dann noch kontrollierter fühlt?“
„Wenn du es sagst. Ist vielleicht besser so.“
„Sascha, kannst du mich mal bitte angucken, wenn du mit mir redest?“ Lenas blaue Augen begegneten für einen kurzen Moment seinen Blicken, die ihr aber gleich darauf wieder auswichen.
„Du bist ein Scheiß-Feigling!“ Wut knisterte im Raum und machte sich breit wie ein loderndes Feuer.
„Und du bist einfach nur noch langweilig! Sieh dich doch mal an“, sagte Sascha, und Lena spürte, wie eine tiefe Röte ihre Wangen erglühen ließ. Eine Mischung aus Zorn, Scham und Angst formte sich in ihrem Inneren zu kleinen Bomben, und bei jedem weiteren Wort von ihm explodierten sie in tausend Splitter. Kleine Stiche schnitten sich in Herz und Magen, ihr Körper brannte.
„Ich verstehe nicht, was das auf einmal soll, Sascha. Warum kommst du heute damit?“
„Ist doch egal, ob heute oder morgen, ich will das jetzt klären.“
Egal? Nein, heute war ihr Geburtstag, es war absolut nicht egal.
„Hab einfach kein Bock, heute mit dir zu feiern“, sagte er. „Ich wollte so tun, als wäre alles in Ordnung, aber es geht nicht mehr.“
Lenas Mund formte sich zu einer Frage, aber irgendein Brocken hatte sich in ihrem Hals festgesetzt, und es schmerzte beim Versuch, ihn hinunterzuschlucken. Ihr Mund war trocken, und ihre Augen fixierten die Sektflasche, die noch ungeöffnet auf dem Tisch stand, als Sascha weiterredete. Lenas Ohren schnappten Satzfetzen auf wie „dick geworden“, „keine Gemeinsamkeiten“, „Beziehungspause“…
„Beziehungspause??“ Ihre Blicke huschten zu seinem Gesicht, suchten den Blickkontakt, aber Sascha starrte zu Boden.
„Weißt du, Lena, jeder von uns kann dann drüber nachdenken…“
„Alles klar. Du willst doch nur `ne andere ficken.“
„Hör auf mit dem Scheiß. Das stimmt nicht.“
„Hast du eine andere? Die nicht so fett ist wie ich?“
„Ich hab’ nicht gesagt, dass du fett bist.“
„Hast du eine andere?“
„ …Nein.“
„Das kam aber sehr zögernd. Ich glaub dir kein Wort mehr.“
„Genau das meine ich! Deine Scheiß-Eifersucht nervt mich. Kein Bock mehr drauf. Verstehst du das denn nicht?“
Wie ein Echo hallten die letzten Worte in Lenas Kopf wider. Ihre Kehle war ein ausgetrockneter Bach, in dem ihre Worte auf halbem Wege in die Erde sickerten. Er hatte keinen Bock mehr?
Saschas Blicke fielen auf seine Armbanduhr und hetzten nervös hin und her. „Vielleicht reden wir ein andern Mal drüber. Denk einfach noch mal drüber nach, was ich gesagt habe.“
„Wie, willst du jetzt gehen?“
„ … Ja… Die Jungs warten schon.“ Er erhob sich.
Lena rannte in die Küche, schnappte sich den Lasagne-Auflauf und kippte ihn über Saschas Kopf. Die rote Soße klebte wie Blut an seinen blonden Strähnen und tropfte ihm auf das Gesicht.
Gut, sie tat es nicht wirklich, nur in ihrer Vorstellung, aber dieser Mistkerl hätte es verdient. Vier Jahre hatte sie geopfert und er machte jetzt so Schluss?
„Komm, hau ab!“ Ihr Gesicht glühte. „Verschwinde!“
Lena stand auf und deutete ihm mit ihrem Zeigefinger, zu gehen. Sie spürte, wie ihre Hände zitterten und ihre Augen sich mit Tränen zu füllen begannen. Scheiße, vor dem Arsch auch noch heulen? Nein, das wollte sie auf keinen Fall. Vielleicht hatte es Sascha bemerkt, denn als er ging und die Tür hinter sich schloss, verschwand mit ihm ein leises „Sorry“, das den Weg zu Lenas Ohren nicht mehr schaffte.
Die Haustür war zwar geschlossen, aber Lena stemmte sich dennoch mit ihrem Körper dagegen. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal. War sie wirklich zu? Sie prüfte es nochmals mit den Händen, ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Lena hasste diesen Tick von ihr, aber sie hatte ihn schon lange, und immer, wenn sie an der Tür vorbeikam, empfand sie eine Art Zwang zu prüfen, ob diese wirklich verschlossen war. Kein Wunder, dass Sascha sie nicht mehr wollte. Er hatte oft über diese absurde Tätigkeit gescherzt, sie ausgelacht.
Lena trank die ganze Sektflasche leer, und ihre Nerven beruhigten sich ein wenig, aber ihr Kopf glühte noch mehr. Trotz der Hitze in ihrem Körper taumelte sie zur Balkontür und schloss auch diese. Das Geschrei der Nachbarskinder nervte, das konnte sie jetzt nicht ertragen. Eigentlich mochte sie ihre Wohnung, sie blieb gern Zuhause. „Wovor hast du Angst?“, hatte sie Sascha oft gefragt. „Warum bist so menschenscheu?“ Konnte man nicht einfach mal die Ruhe zu Hause genießen? Sie hasste ihren Job, der meist so stressig war, dass sie eben keinen Menschen mehr ertragen konnte, niemanden sehen wollte. Aber heute wollte sie nicht allein sein. Vielleicht sollte sie hoch zu Tobi gehen? „Quatsch, schau dich an!“, schrie sie ihrem Spiegelbild in der Glasvitrine zu. Die schwarze Schminke klebte an ihrem Gesicht wie Ruß bei einem Schornsteinfeger. Salzige Tropfen bahnten sich ihren Weg von Lenas Augen an ihren heißen Wangen herab und sammelten sich auf ihren Lippen. Ihre Brust schmerzte, und das Schlucken fiel ihr schwer.
Ihre Wohnung war für sie mit einem Male ein Vogelkäfig, viel zu eng und muffig, um darin atmen zu können. Sie hatte es eigentlich schon lange geahnt, dass es so kommen musste, aber ihre Angst verlassen zu werden, war stets stärker gewesen als ihr Blick auf die Wahrheit. Hatte sie tatsächlich geglaubt, dass der Umzug in eine gemeinsame Wohnung sie beide wieder zusammengeschweißt hätte?
Panik und Unruhe packten sie nun und ließen sie vom Boden aufspringen. „Ich muss hier raus, sofort raus.“ Aber an der Haustür angekommen, zauderte sie, und das Zögern gewann die Überhand, ließ Lena in die Knie gehen. Irgendetwas hatte sich unbemerkt in ihre Wohnung geschlichen, doch dieses Gefühl war ihr nicht unbekannt. Lena fühlte die Gänsehaut auf ihren Armen, und mit einem kühlen Lufthauch schlich Frau Einsamkeit herein, streckte ihre knochigen Finger nach ihr. Lenas Magen rumorte, das Herz pochte wild, und im nächsten Moment spürte sie eine unerträgliche Hitze in ihrem Inneren. Sie keuchte, hatte das Gefühl, dass sie keine Luft mehr bekam, und da erblickte sie die Angst, die sich zu Frau Einsamkeit gesellte.
„Nein!“ Lenas Schreien glich noch einem Krächzen, aber sie holte noch ein Mal tief Luft und brüllte, schrie so laut sie konnte.
Zorn und Wut stellten sich ihr zur Seite, polterten im Flur und jagten Frau Einsamkeit und die Angst davon - nicht auf ewig, doch zumindest für diesen Abend.
„Dieser Blondie kann mich mal!“, sagte Lena zu ihrem Spiegelbild im Badezimmer. Ihr war noch etwas schwindelig, aber ihre Gedanken waren klarer als zwei Stunden zuvor. Sie hatte geduscht und ihr verheultes Gesicht gewaschen, schnappte sich nun die Lasagne und fuhr hoch in die siebte Etage.



