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So wie früher?

Alles begann, als Papa arbeitslos wurde. Wir hatten gerade ein neues Auto gekauft, so ein gemütliches rotes mit ganz viel Platz drin. Damit haben wir viele Ausflüge gemacht: zum Wildpark, zum Weiher oder ins Schwimmbad. Unser Auto war so groβ, dass meine Freundin Lotte und ihr Bruder Tim auch mitfahren konnten. Dann gab’s jedes Mal ein prima Picknick im Grünen.

Lotte und Tim wohnten in der Doppelhaushälfte nebenan. Űber einen Geheimgang im Garten konnten wir uns jederzeit besuchen und immer zusammen spielen. Manchmal durfte Lotte bei uns übernachten und Mama hat zum Frühstück für alle einen Hefezopf gebacken. Das war schön… Bis Papa einmal ganz früh von der Arbeit nach Hause kam. Lena und ich, wir haben uns riesig gefreut und wollten ihn gleich zum Picknick überreden, weil nämlich das Wetter warm und sonnig war. Aber Papa wollte nicht, er war anders als sonst, irgendwie still und traurig. Kaum gesprochen hat er, nur zu Mama, da hat er gesagt: „Die Firma wurde heute an den Konkursverwalter übergeben.“ Mehr hat er nicht gesagt, den ganzen Tag nicht.

Bald ist Papa nicht mehr zur Arbeit gegangen. Lena und ich fanden das toll, weil ein Papa zu Hause viel schöner ist als ein Papa im Büro. Aber Papa fand das nicht toll und nach einiger Zeit hatte er auch keine Lust mehr zum Spielen. Dafür hatte er mehr Lust auf Streiten, das fand Mama nicht toll. Gäste kamen keine mehr, nur manchmal besuchte uns Oma.

Dafür erhielten wir viel Post: Groβe Briefe, kleine Briefe… „Aus ganz Deutschland“, hat Mama gesagt. „Immer nur Absagen“, hat Papa gesagt. Sonst hat er wenig gesagt.

Lena durfte irgendwann nicht mehr zum Ballett und ich wurde vom Musikunterricht abgemeldet. Und das gemütliche rote Auto hat Mama eingetauscht – gegen ein altes beiges, das manchmal komisch schepperte.

„Wo ist denn euer schönes Auto geblieben?“, wollte meine Freundin Lotte wissen. Ich hatte keine Ahnung. Ich mochte das beige Auto nicht, denn Ausflüge gab es nur noch ganz selten. Papa hat viel ferngesehen und Mama telefonierte ständig mit ihren Freundinnen, dabei hat sie manchmal geweint.

Eines Tages behauptete Lotte: „Ich hab ein Foto von eurem Haus gesehen. Ganz sicher. Im Schaufenster von der Bank.“

„Nee“, hab ich gesagt. „Was will denn die Bank mit einem Foto von unserem Haus?“ Das konnte ich nicht glauben. Lena auch nicht. Aber Mama meinte, dass es stimmt und dass die Bank einen Käufer sucht für unser Haus. Das hat gedauert bis kurz vor Weihnachten, dann hatte die Bank den Käufer gefunden und vor der Tür stand ein groβer Lkw. Zwei Männer haben alle Möbel rausgetragen und zur neuen Wohnung gefahren - in einen anderen Stadtteil, an einer groβen Straβe, im dritten Stock.

Wir haben dort keinen Garten, auch keine Garage für unser beiges Auto. Aber auf der Ecke gibt es einen kleinen Spielplatz. Da hab ich mit Lotte gespielt, als sie mich mal besuchte. Seither habe ich Lotte nicht mehr gesehen. Jetzt spiele ich immer bloβ mit Lena.

Einmal ist Papa für ein paar Tage verreist, nach Finnland. Als er zurückkam, hatte er für Lena und mich Stoffrentiere dabei und war richtig gut gelaunt. Da hat er uns in den Arm genommen, ganz fest gedrückt und versprochen, dass bald alles wieder so wird wie früher.

Aber das war gelogen! Papa hatte in Finnland eine neue Stelle gefunden und die ganze Familie sollte mitkommen. Schon wieder umziehen!

„In Finnland sind die Schulen viel besser als hier“, hat er gesagt und wollte, dass wir genauso schlau werden wie die finnischen Kinder. Aber Mama wollte das nicht. Sie wollte hier bleiben – wegen Oma, Opa, Tante Elli und unseren Freunden. Dabei haben wir die schon lange nicht mehr gesehen.

Jetzt wohnt Papa alleine in der Nähe von Helsinki. In den Herbstferien haben wir ihn dort besucht. Seine Wohnung ist ganz klein, viel kleiner als die von Mama, Lena und mir. Und kalt war es in Finnland, aber auch schön – mit Papa. Uns besucht er nur alle paar Wochen, weil Finnland so weit weg ist. Auch zur Einschulung von Lena und mir konnte er nicht kommen. Das war schon traurig.

Aber als Mama vor zwei Wochen fragte: „Na, was wünscht ihr zwei euch denn zum Geburtstag?“, da wusste ich sofort, was ich wollte.

„Einen Familienausflug so wie früher, mit Papa und Picknickkorb“, hab ich gesagt. Und Lena hat sofort zugestimmt: „Au ja, das will ich auch!“, hat sie gerufen. Noch am selben Abend hat Mama mit Papa telefoniert.

Und dann war der Ausflug genau so, wie Lena und ich uns das vorgestellt hatten. Mit den Rädern sind wir morgens los zum Wildpark, Rehe füttern. Und Papa hat gesagt, dass ihm die Rehe bei uns doch besser gefallen als die Rentiere in Finnland. Und später sind wir beim groβen Kletterspielplatz hoch oben in die Bäume geklettert. Auch Mama und Papa sind mitgeklettert und beide haben ganz viel gelacht. Schlieβlich haben wir uns beim Weiher auf die Wiese gesetzt und Picknick gemacht, mit Mamas original Hefezopf und einer echten Geburtstagstorte mit Kerzen oben-drauf. Das war klasse! Das war so, als sei Papa nie weggewesen. Vielleicht wird ja doch alles wieder so wie früher?

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