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Mitfahrgelegenheit nach Leipzig

München, 5. September 1992, neun Uhr vierzig. Der Termin in Leipzig würde zur Katastrophe werden, wenn diese verfluchte Tram nicht bald Gas gab. Zum tausendsten Mal sah Florian auf seine Uhr. In sechs Minuten fuhr der Zug aus dem Bahnhof ab.

„Nächster Halt: Sendlinger Tor.“

Zwei Stationen noch; Scheiße.

Wieso gab Professor Drickbrodt ausgerechnet in Leipzig einen Workshop? In der tiefsten Ostzone? Inmitten von rußgeschwärzten Armenvierteln? Und mausgrauen Gestalten, die herumliefen wie Spießer in den Sechzigern und einen Ferrari nicht von einem Fiat unterscheiden konnten?

„Nächster Halt: Karlsplatz-Stachus.“

Florians Hoffnung auf eine Karriere als Werbegrafiker war schon fast begraben gewesen. Sein Volontariat bei ‚Munich Promotions’ ging ohne Aussicht auf eine Festanstellung zu Ende, angeblich wegen der Auftragslage. Da stand der Chef plötzlich vor ihm, schielte über seine Weitsichtbrille und sagte: „Der Drickbrodt macht einen Workshop zum Zukunftsmarkt im Osten und möchte ein Referat von uns. 30 Minuten. Wollen Sie?“

Da war er, der lang ersehnte rettende Balken im Ozean.

„Aber seien Sie ein Mal pünktlich in Ihrem Leben, sonst sind Sie bei Drickbrodt unten durch.“

Florian fixierte die Weitsichtbrille und dachte: Spießerarschloch.

Träge zogen Herbstbäume und Ladenpassagen an den Fenstern der Tram vorbei. Auf Florians Stirn glänzte Schweiß und formierte sich zu kleinen Rinnsalen.

„Nächster Halt: Hauptbahnhof.“

Endlich. Florian hechtete auf die Straße. Wütendes Gehupe, dann war er auf der anderen Fahrbahnseite. Doch der Platz dahinter dehnte sich ins Unendliche. Dann auch noch Gedränge an der Tür zur Bahnhofshalle.

„Musste nach Berlin?“

Florian sah sich flüchtig um; der Typ war etwa so alt wie er, Mitte Zwanzig, strohblonde Haare ohne Stil, Karohemd über brauner Stoffhose, schwarze Aldischuhe aus Kunstleder. Unverkennbar eine dieser DDR-Gestalten. „Für dreißig Mark nehm’ ich dich im Auto mit, Zug kost’ dich das Doppelte.“

Jetzt schnorren sie einen schon am Bahnhof an, dachte Florian und hastete durch die Halle; seine Blicke huschten fahrig über weiße Tafeln mit schwarzen Zahlen, Gleis 12, 11, hier isses, rote Schlusslichter bewegten sich fort, im Schneckentempo zwar, doch nicht mehr aufzuhalten. Das war’s. Für einen Moment spürte Florian alle Kraft schwinden. Dann fiel ihm der Schnorrer in der Halle wieder ein und neue Hektik befiel ihn. Er hastete zurück, im Zickzack durch das Passantengewusel auf die Zonentype zu.

„Liegt Leipzig auf der Strecke nach Berlin?“

Der Zoni grinste: „Als ich letzte Woche dran vorbeigefahren bin, lag’s noch da.“ Dann streckte er die rechte Hand aus und sagte: „Ich bin der Maik.“

Florian starrte irritiert auf die Hand und der Zoni spottete: „Zug davon gefahren?“

„Schaffen wir’s bis 16 Uhr?“ Florian klang wie ein Klageweib.

„Wenn nüscht Abnormales dazwischen kommt… Willste noch Proviant aus der Kaufhalle mitnehmen?“

Florian erwiderte spitz: „Nein, ich brauche nichts aus dem Supermarkt.“

Dann standen sie vor dem Auto. Klein, gelb, kastenförmig.

„Wie lange braucht man denn mit so `nem Gerät?“

„Wir fahr’n Sonnabendfrüh die A9 hoch, da isses egal, ob’de mit’m Lada im Stau stehst oder mit’m Ferrari. Also was’n nune?“

Hoffentlich hält er während der Fahrt wenigstens das Maul, dachte Florian. Mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er beim Kirschenessen auf eine Fliegenmade gebissen, öffnete er die Beifahrertür und quälte sich auf die braunroten Kunstledersitze, die nach einer Mischung aus Pisse und Teerpappe rochen.

Die Fahrt aus München war ‚Stopp and Go’ und Florian mühte sich, das Bild vom ‚Stau bis Leipzig’ auszublenden. Verstohlen wischte er sich mit einem ‚Tempo’ immer wieder den Schweiß von der Stirn. Als der Verkehr endlich flüssiger wurde, fragte der Zoni unvermittelt: „Und was machste so, wenn man fragen darf?“

Ein Gespräch ließ sich wohl nicht vermeiden. „Grafikdesigner.“

Florian stierte missmutig aus dem Beifahrerfenster und ihm war klar: jetzt wird er gleich fragen, was ein Grafikdesigner ist.

„Dann weißte aber verdammt viel über versteckte Botschaften, nonverbale Kommunikation und das alles. Da würd’ ich gern Mäuschen spielen; als Beruf wär’ mir das aber nüscht, zu viel Luftschlossbau.“

Überrascht linste Florian zur Fahrerseite hinüber und genau in diesem Moment traf ihn ein prüfender Blick von Maik. Rasch sah Florian wieder aus dem Fenster und kramte in seinem Gesprächsrepertoire nach anderen Themen; zonenkompatibel mussten sie sein, doch unter westdeutsche Lufthoheit fallen.

Maik kam ihm zuvor. „War nicht persönlich gemeint. Ich hab’s eben mehr mit dem Handwerklichen und du mehr mit dem Showbusiness.“

Auch’n guter Aufhänger für’n Smalltalk, dachte Florian, und deklamierte mit ausladender Geste in Richtung Frontscheibe: „There’s no business, like showbusiness und die Menschen sind zum Glück verschieden.“ Dann wandte er sich an den Zoni mit dem Aminamen: „Was hast’n du für’n Job?“

„Zahni.“

„Was bitte?“

„Zahnmedizin. Studiere aber noch. An der Charitè.“

„Ah!“ machte Florian. „Charitè“ hatte er schon gehört, doch in welchem Zusammenhang?

„Musste dir nicht besonders hochtrabend vorstellen. Bei uns sind die Hörsäle genauso überfüllt wie in München.“

„Ah!“ machte Florian wieder. „Und wie is’n Leipzig sonst so?“

„Was meenste mit sonst? Die Charitè steht in Berlin.“

„Ah, klar, ich meine, weil ich doch jetzt nach Leipzig soll.“

„Leipzig? Büsch’n grau, wie alles in der Zone. Wird aber. In Friedenszeiten war Leipzig so mondän wie München.“

„In Friedens… was für Zeiten??“

„Na, Friedenszeiten. Vorm Krieg. Ebert, Hindenburg, Adolf, du weest schon.“

Dann war nur noch Motorsummen zu hören. Florian überlegte, ob er von der letzten Nacht im Parkcafé erzählen sollte, oder von Hardy Krüger, den er vorgestern in der Arnulfstraße gesehen hatte.

Er fragte: „Wohin gehst’n nachts in Berlin?“

Maik lachte. „Na zu meiner Kirsche. Wir heiraten in zwei Wochen und übernehmen in zwei Jahren ´ne Praxis.“

Er schien Florians plötzliche Abscheu zu spüren, denn er legte nach:

„Nachts zum Tanz über die Käffer zieh’n und alles aufreißen, was nicht bei drei auf’m Baum ist: das hatt’n wir doch längst. In unser’m Alter muss man auf eigene Füße kommen.“

Florian spürte den forschenden Blick.

„Oder?“

Ein Karrieresklave, pah. Doch an Florians Selbstbewusstsein fraß unerwarteter Neid. Eigene Praxis, eigenes Geld, nicht vielleicht und irgendwann, sondern in zwei Jahren. Er wusste nicht, wie antworten und mit jeder Minute wurde das Schweigen peinlicher.

Da knallte es, als hätte jemand mit der flachen Hand auf einen Tisch geschlagen.

„Mist!“ rief Maik, setzte den Blinker und fuhr auf den Standstreifen. Während der Wagen ausrollte, quollen weiße Wolken unter der Kühlerhaube hervor.

„Was’n jetzt?“ fragte Florian.

„Keilriemen gerissen“, sagte Maik.

„Was heißt’n das?“ rief Florian erschrocken. Er sah sich in eine laufende Sitzung platzen, missbilligende Augenpaare zu sich herumfahren. Dann schrie er: „Hängen wir jetzt mit dieser Schrottschüssel hier fest?“

„Nu mach mal halblang,“ maulte Maik, „hilf mir lieber.“

Sie stiegen aus, Maik öffnete die Kühlerhaube und machte sich im Motorraum zu schaffen, während Florian schnurstracks zum nächsten Leitpfosten lief.

„Hier!“, rief er triumphierend, „500 Meter in dieser Richtung steht eine Notrufsäule.“

„Komm und hilf mir“, rief Maik zurück, „sonst kannste nach Leipzig loofen!“

Florian packte bohrender Zorn. Dieser Trottel vergeudete Zeit, statt den Service zu holen. Er rannte zu Maik, der soeben das Vorderende eines riesigen Rohrsteckschlüssels in den Tiefen des Motorraumes versenkte.

„Da ist `ne Notrufsäule, du Idiot,“ schrie Florian.

„Und was willste von der?“, schrie Maik zurück, „willste `ne Stunde warten, bis der ADAC hier aufkreuzt?“

Maik begann zu schrauben. „Sieh’s ein, Großer, bei dem Verkehr da draußen brauchen die ewig. Meinem Freund ham’se außerdem zweihundertsechzig Mark abgeknöpft, bloß um `nen Keilriemen aufzuziehen. Dafür kannste mit mir zehn Mal nach Leipzig fahren. Halt’ mal den Motorblock“.

Er klappte den wuchtigen Motor zur Seite und begann, den neuen Keilriemen, der ebenso wie der Rohrsteckschlüssel an irgendeiner Stelle dieses archaischen Fahrzeugs festgezurrt gewesen war, auf die Riemenscheiben zu ziehen. „Westmark wohlgemerkt, keene Aluchips aus der Zone.“

Knapp zehn Minuten später waren sie wieder auf der Autobahn. Nach einer Weile sagte Florian leise: „Tut mir Leid wegen vorhin, ich hab’ die Nerven verloren.“

„Weiß ich doch“, sagte Maik, „hätt’ ich wahrscheinlich auch, wenn ich unter Termindruck wäre.“

Dann redeten sie über Ostwohnheime, Zukunftsängste, Partys, Frauen. Bis Maik unvermittelt sagte:

„So, Großer, dort ist Leipzig. Neben der Autobahnabfahrt ist `ne Bushaltestelle, da schmeiß’ ich dich `raus.“

Minuten später saß Florian im Wartehäuschen, sah ein wenig traurig dem gelben Lada hinterher und dachte: So einen unkomplizierten Typen hab’ ich schon lang nicht mehr getroffen. Und dann dachte er: in der Zone gibt es vielleicht noch mehr von dieser Sorte. Ich sollte wohl ein paar Tage dranhängen und mir Leipzig ansehen.

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