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Vergiss mein nicht

Harz tropfte duftend von den frisch geschnittenen Kiefernzweigen. Hilde warf einen prüfenden Blick darauf und streifte ihre Handschuhe über. Dann nahm sie die Gartenschere und knipste kleine Ästchen von 10 cm Länge ab, die sie auf den Holztisch neben der altmodischen Registrierkasse legte. Die ihrer fächrigen Enden beraubten Zweige warf sie auf den Boden. Der Kranz aus Steckmasse lag bereit. Sie umwickelte ihn mit Efeu und befestigte es an einer kaum sichtbaren Stelle an der Unterseite des Kranzes mit Wickeldraht. Dann steckte sie die Kiefernzweiglein dachziegelartig auf dem Efeu fest. Sie hob den Kranz und betrachtete ihn von allen Seiten. Von der Steckmasse war nichts mehr zu sehen. Hilde nickte zufrieden und legte den Kranz im vorderen Teil des Ladens auf ein Regal, in dem bereits fertig gebundene Kränze jeglicher Größe lagen.

Sogleich begann sie damit, einen neuen, kleineren Kranz aus Klebsame-Zweigen zu fertigen. Klebsame war diese Saison Mode, und der Totensonntag stand vor der Tür. Das süßliche Aroma der Klebsame stieg Hilde in die Nase. Sie zog die Oberlippe zwischen die Zähne und arbeitete konzentriert. Sie griff nach einem Tontopf, um den fertigen Kranz darauf zu kleben. Der Topf entglitt ihr und zersprang auf dem Boden. Hilde fluchte. Erschrocken schlug sie sich die Hand vor den Mund. Warum war sie so nervös? Gegen ihren Willen blickte sie zur Uhr über der Ladentür. 16.35. Warum war er noch nicht da? Hilde schluckte mühsam beherrscht und bückte sich dann nach den Scherben. Ihr rechtes Knie knirschte. Sie warf die Scherben in die große Mülltonne, die im hinteren Teil des Ladens stand. Die frisch geputzte Glastür, die den Laden von Hildes Wohnung trennte, buhlte nach Salmiak duftend um Aufmerksamkeit. Hilde gab sich geschlagen und blickte mutig ihrer streifenfrei strahlenden Reflexion entgegen.

Sie seufzte unzufrieden. Das Kleid war scheußlich; altbacken und verwaschen. Sie hatte es vor fünf Jahren gekauft, zwei Nummern größer als nötig. Das war so praktisch, wenn sie, wie eben, hoch ins Regal reichen oder sich nach den Wassereimern bücken musste.

Sie hob eine Hand und fuhr sich unsicher durchs Haar. Sie war mittlerweile 55 Jahre alt, aber ihr Friseur hatte ihr letzte Woche zu diesem, wie er sagte, „mega-trendigen“ Kurzhaarschnitt geraten. Hilde drehte den Kopf hin und her und versuchte, sich von allen Seiten zu betrachten. Dann fiel ihr Blick wieder zur Uhr. 16.40. Er war sonst immer so pünktlich. Der Graf.

Ihre Wangen wurden rot, und sie ärgerte sich über ihre Albernheit. Wahrscheinlich war er überhaupt kein Graf. Hilde ging zum Holztisch zurück und räumte ihr Werkzeug in die Schublade. Er kam jeden Montag und Freitag um 16.30 und kaufte einen kleinen Strauß gelber Rosen. Hilde sammelte die Reste der Zweige von Arbeitsfläche und Fußboden. Er bezahlte einmal im Monat mit einem Scheck. Hilde errötete noch tiefer. Herbert von Imhoff, sein Name auf dem Scheckformular. Aber Hilde nannte ihn nur noch „den Grafen“.

Die Türglocke schepperte rostig-nostalgisch. Hilde zuckte zusammen. Sie stieß mit dem Fuß an einen Wasserkübel mit Tulpen, der gefährlich schwappte, aber nicht umkippte.

Der Graf lächelte und blickte entschuldigend auf seine Armbanduhr.

„Guten Abend, Frau Beck, ich bin ja tatsächlich etwas spät dran heute, nicht wahr...“,

Hilde schluckte. „Guten Abend, Herr G...Imhoff. Wie immer?“

Er nickte zustimmend und begann, im Laden auf und ab zu gehen. Hilde nahm zehn gelbe Rosen aus einem der Kübel und entfernte die Blätter. Sie schnitt die Rosen etwas kürzer und schrägte die Schnittstellen an. Dann nahm sie drei der Rosen Kopf an Kopf und steckte ein kleines Drahthörnchen unter den Kelchen fest. Nach und nach legte sie auch die restlichen Rosen dort an. Sie hatte diesen Strauß so oft gebunden, dass sie gar nicht mehr hinschauen musste. Sie beobachtete den Grafen aus den Augenwinkeln. Er hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt und blickte in das Regal mit den Kränzen. Er wirkte erschöpft. Hilde bemerkte die tiefen Furchen zwischen Nase und Mund. Sie steckte Akaziengrün um die gelben Blüten. Das weiße Haar des Grafen war heute elegant gescheitelt, sonst trug er es glatt nach hinten gekämmt. Hilde nahm zwei Philodendronblüten und steckte sie vorsichtig von oben zwischen die Rosen. Sie betrachtete ihr Werk und zurrte den Strauß fest. Dann riss sie ein großes Stück grünes Papier von der Rolle um die Rosen darin einzuwickeln.

Als der Graf das Papier rascheln hörte, drehte er sich lächelnd um. Sein Gesicht war wieder glatt. Er nahm dankend den Strauß entgegen und sagte gut gelaunt: „Bis Montag“. Beschwingt verließ er den Laden. Hilde blickte ihm lange nach. Dann beschloss sie, eine Tasse Kaffee zu trinken, doch plötzlich gaben sich die Kunden die Tür in die Hand. Zwei Kundinnen verlangten kurz hintereinander nach Klebsame-Kränzen. Stolz zauberte Hilde die duftenden Gestecke aus dem Regal und freute sich über die anerkennenden Blicke der Damen.

Um halb sieben drehte sie das Schild in der Tür um und schloss zwei Mal ab. Sie ließ die Kasse aufspringen und nahm die Schublade mit den Tageseinnahmen heraus. Mit dem Ellbogen drückte sie die Glastür auf und betrat ihre Wohnung. Sie stellte die Schublade auf den Wohnzimmertisch, nahm das Geld heraus, packte es in einen Umschlag und legte das Päckchen in den Tresor hinter dem Bild mit den Sonnenblumen. Erst dann ging sie in den Flur zurück, zog die Schuhe aus und schlüpfte in verfilzte Wollsocken. Im Bad wusch sie sich sorgfältig die Hände und bearbeitete sie unter dem heißen Wasserstrahl mit einer Bürste. Die Ballen und Fingerspitzen waren rissig und verhornt; Erde war über Jahrzehnte in die winzigen Falten und Linien gekrochen. Sie trocknete ihre Hände und griff nach der teuren französischen Handcreme auf der Konsole.

Sie betrat ihre kleine Küche und kochte sich Kaffee. Mit der dampfenden Tasse in der Hand begab sie sich, an der geschlossenen Tür von Pauls Zimmer vorbei, ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein und setzte sich in den großen Sessel. Augenblicklich machte sich frech die Müdigkeit in Hildes Körper breit. Die Stimme des Nachrichtensprechers lullte Hilde sanft ein. Aber sie wollte nicht einschlafen, sie wollte nachdenken. Ihren Gedanken eine Richtung geben, wieder Herrin ihrer Gefühle sein. Sie setzte sich gerade hin und nahm einen Schluck Kaffee. Die Müdigkeit verzog sich beleidigt. Konzentriert blickte Hilde auf den Fernseher. Nahost. Aufmerksam verfolgte sie den Bericht bis zum Ende. Dann nahm sie die Fernbedienung und stellte den Ton ab. Der Graf. Die Rosen zwei Mal die Woche. Wer war die Frau, die vom Grafen solche Blumen bekam? Eine Affäre. Ganz klar. Oder ein junge Ehefrau, nachdem seine erste, viel ältere Ehefrau, die Gräfin, gestorben war. Hildes Wangen begannen zu glühen. Versonnen blickte sie auf die stumm flimmernden Fernsehbilder. Das „Savoy“ war nur eine Straße weiter. Vermutlich traf er sich dort mit dieser Frau. Einer schönen Frau, sicher. Von so einem Herrn Blumen zu bekommen, die große Liebe, vermutlich. Hilde lächelte. Oder eine tragische Liebe... sie konnten zusammen nicht kommen...

Hilde beobachtete zwei Mainzelmännchen, die sich wild gestikulierend eine Treppe hinunterschubsten. Ihre Stimmung kippte. Sie schaltete den Fernseher ab und zwang ihre

Gedanken zurück in die Realität. Sie wollte sich auf die Spur kommen, denn sie war kein Teenager mehr. Eine alberne Schwärmerei; dafür war sie doch zu alt. Hilde lachte bitter. Das

Geräusch wurde hohl von den Wänden ihrer kleinen Wohnung zurückgeworfen. Vor einem Jahr war Paul gestorben. Paul.

Paul war ihr Liebhaber gewesen. Partner, Lebensgefährte. Sie hatten sich erst spät getroffen; Hilde hatte gerade das „Vergiss mein nicht“ gepachtet, und Paul bestellte bei ihr den Blumenschmuck für seinen fünfzigsten Geburtstag. Es funkte sofort zwischen den beiden, und für Hilde begannen wunderbare Monate. Doch Paul wollte sich nicht festlegen. Wollte nicht mit Hilde zusammenziehen und auch nicht auf die Abende mit seinen Freunden verzichten. Nach einem halben Jahr machte er Schluss und Hilde fiel in ein schwarzes Loch. Sie hatte nie mit einem Mann gelebt und war trotz Pauls Flatterhaftigkeit glücklich gewesen. Sie stürzte sich in die Arbeit und ihr Laden florierte. Ein Jahr später erfuhr sie von einer Kundin, dass Paul in der Sauna des Golfclubs gestürzt sei und schwer verletzt im Krankenhaus liege. Da Paul keine Verwandten hatte, und von seinen Freunden niemand aufgetaucht war, sahen die Ärzte keine Veranlassung, Hilde die Diagnose vorzuenthalten. Querschnittlähmung; Paul würde sich nie wieder selbstständig bewegen können.

Hilde verließ die Klinik wie in Trance. Als sie mitten auf der Kreuzung stehen blieb, und fast von einem grell hupenden Auto erfasst wurde, wachte sie auf. Sie drehte auf dem Absatz um, holte den Chefarzt aus der Visite und teilte ihm mit, dass sie von nun an für Pauls Pflege zuständig sein würde.

Und dann war Paul bei ihr. Ein Mal am Tag kam eine Schwester vorbei und verabreichte Paul seine Medikamente. Alles andere übernahm Hilde. Waschen, umbetten, füttern, Gymnastik. Stand sie im „Vergiss mein nicht“, vergaß sie Paul manchmal. Trat sie durch die Glastür, war er da. Immer da. Hilde machte sich über die Beweggründe ihrer Entscheidung keine Gedanken. Es war kein Altruismus. Sie weidete sich auch nicht rachedurstig an seinem Zustand. Sie hatte einfach nur das Gefühl, das Richtige getan zu haben. Hilde pflegte Paul zwei Jahre. Dann starb er, leise und unspektakulär; von einer Lungenentzündung hatte er sich

nie richtig erholt, und eines Nachts blieb sein Herz einfach stehen. Hilde beerdigte ihn und

räumte sein Zimmer auf. Dann schloss sie die Tür und öffnete sie nicht mehr.

Hilde stellte die leere Kaffeetasse ab, erhob sich mühsam aus dem Sessel und ging den Flur entlang zur Küche. Vor Pauls Tür blieb sie stehen. Zögerte einen Moment. Dann betrat sie

den Raum, blickte sich unsicher um, als stünde sie plötzlich in einem vollen Wartezimmer und setzte sich langsam aufs unbezogene Bett. Kerzengerade, die Hände im Schoß, blieb sie lange so sitzen. Dann strich mit einer Hand vorsichtig über die fleckige Matratze.

Den ganzen Montag herrschte in Hildes Laden Hochbetrieb. Hilde notierte die Bestellungen für den Totensonntag mit glühenden Wangen. Sie war am Samstag in aller Früh im Großhandel gewesen; die frischen Zweige lagen jetzt auf einem großen Haufen hinter ihrem Laden. Das Regal war voll mit vorbereiteten Rohlingen, sodass Hilde nur noch, je nach den individuellen Wünschen der Kunden, frische Blumen dazwischen stecken musste. Hilde hatte das ganze Wochenende nicht an den Grafen gedacht, aber als er um 16.30 den Laden betrat, wusste Hilde mit einem Mal, was sie tun würde. Sie musste diese Frau sehen. Musste mit eigenen Augen sehen, welche Dame dieses Glück verdiente. Hilde umwickelte die Rosen, der Graf sah schweigend zu.

Plötzlich hörte Hilde sich sagen: „Das muss ja eine tolle Frau sein, wenn sie zwei Mal in der Woche solche Rosen bekommt!“, und hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen. Aber der Graf lächelte nur höflich und nickte. Als Hilde ihm die Blumen reichte, wagte sie nicht, ihn anzublicken. Der Graf verließ den Laden mit dem üblichen freundlichen Gruß. Hilde sah ihm durchs Fenster nach. Dann drehte sie das Schild in der Tür um, warf sich eine Strickjacke über und trat aus dem Laden. Unsicher blickte sie sich um. Was tat sie da? Dann schloss sie mit zitternden Fingern die Tür und überquerte die Straße. Sie durfte den Grafen jetzt nicht aus den Augen verlieren. Der Graf ging schnell. Hilde keuchte. Für einen kurzen Moment sah sie ihn nicht mehr. Vor einem Geschäft hatte sich eine große Menschentraube gebildet. Ein Mann spielte auf einem Akkordeon und ließ mit einer an seinem Fuß befestigten Schnur kleine Puppen im Takt dazu tanzen. Kinder mit Rasseln und Glöckchen saßen auf winzigen Stühlen reihum und begleiteten begeistert das Gehopse der Puppen. Panisch zwängte Hilde sich durch stolze, Digitalkamera-bewehrte Eltern, mit Einkaufstüten beladene Buggys und wässrig lächelnde Senioren.

Dann sah sie ihn wieder. Er überquerte die Straße und ging auf das „Savoy“ zu. Hilde erschrak. Sie konnte ihm doch nicht einfach ins Hotel folgen. Wenn er sie sähe. Und überhaupt. In diesem blauen Schlabberkleid und den Halbschuhen. Doch der Graf betrat nicht

das „Savoy“, sondern folgte der Straße weiter. Plötzlich winkte er ein Taxi heran, stieg ein und war weg. Hilde starrte dem Auto fassungslos nach. Sie musste sich an die Wand eines Wohnhauses lehnen. Ihre Brust hob und senkte sich unkontrolliert, der Atem kam stoßweise aus dem geöffneten Mund. Sie schloss die Augen und biss sich auf die Lippen. Sie schämte sich wie nie zuvor in ihrem Leben. Gereizt wischte sie eine Träne aus ihrem Augenwinkel. Nach zwei Minuten, die ihr vorkamen wie ein ganzes Leben, löste Hilde sich von der Wand des Hauses und ging, matt einen Fuß vor den anderen setzend, zur Fußgängerzone zurück.

In einem Tchibogeschäft bestellte sie einen Kaffee. „Aus Guatemala“, sagte die nette Verkäuferin. Hilde nickte, lächelte mechanisch und trank das starke, heiße Getränk schwarz. Was sollte sie jetzt tun? Ihr Laden war für heute geschlossen. Ja. Sie würde einen Spaziergang machen. Hilde gab die Tasse zurück und verließ den Laden.

Sie traute ihren Beinen noch nicht recht, aber je weiter sie ging, desto beherzter schritt sie aus. Hilde ging und ging. Das Gesicht der Straßen veränderte sich. Nur noch vereinzelte Geschäfte; große Gärten hinter prächtigen Villen. Hilde wusste längst, in welche Richtung ihre Füße sie trugen. Gut, dachte sie, gut. Seit Pauls Beerdigung war sie nicht mehr an seinem Grab gewesen. Sie trat durch das große Tor. Die Geräusche der Stadt machten vor den Friedhofsmauern nicht Halt. Trotzdem war es ruhig. Gierig sog Hilde den Duft feuchter Erde ein. Nach kurzem Suchen fand sie Pauls Grab. Sie hatte damals einen befreundeten Gärtner gebeten, ab und zu nach Pauls Grab zu sehen. Das Grab sah gut aus, fand Hilde. Aber Nelken. Warum denn Nelken? Das musste sie ihm sagen. Keine Nelken. Sie nahm den ohnehin nicht mehr frischen Strauß vom Grab. Dann berührte sie ganz kurz mit den Fingerspitzen der rechten Hand die splittrigen Buchstaben auf dem schiefen Holzkreuz. Sie drehte sich um, ging in die Richtung, in der sie den Ausgang vermutete, und warf die Nelken auf den Haufen vergammelter Blumenreste neben dem Brunnen.

Und dann sah sie den Grafen.

Er stand mit gesenktem Kopf an einem Grab. Hilde duckte sich augenblicklich hinter den Ständer mit den Gießkannen. Der Graf stand lange dort. Hilde glaubte, ihn leise vor sich hin murmeln zu hören. Ob er betete. Der Graf löste seine Hände und straffte die Schultern. Dann

verließ er eiligen Schrittes das Grab und ging Richtung Ausgang. Hilde wartete, bis er zwischen den uralten Bäumen nicht mehr zu sehen war. Langsam stand sie auf und bewegte sich zögernd auf das große, aufwändig gepflegte Grab zu. Der Rosenstrauß, den Hilde vor einer Stunde gebunden hatte, lag vor einem wunderschönen Marmorstein. „Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg“, las Hilde. Und darunter „Gerlinde von Imhoff 1950- 1.12.2003 und Isabelle von Imhoff 1980- 1.12.2003 . Geliebte Frau. Geliebte Tochter.“

Hildes Kopf war leer. Sie stand vor dem Grab, las wieder und wieder die Aufschrift des Grabsteins. Ihr Hirn weigerte sich, mitzumachen. Geliebte Frau. Geliebte Tochter. Dasselbe Todesdatum. Hilde sank auf den steinernen Rand des Grabes. Von Imhoff. Jetzt erinnerte sie sich.

Ein Unfall auf dem Hansaring, nicht weit vom „Vergiss mein nicht“. Frontalzusammenstoß; ein Betrunkener, der danach noch in eine Bushaltestelle raste. Die beiden Frauen im Auto tot, mehrere Tote an der Bushaltestelle. Hilde blieb sitzen. Dachte nichts. Spürte auch nicht die klamme Feuchtigkeit, die mit der Dunkelheit zwischen den Gräbern aufgestiegen war. Der Friedhofsaufseher war unbemerkt neben sie getreten und räusperte sich diskret. Er klopfte wortlos auf seine Armbanduhr, verbeugte sich, als wollte er Hilde zum Tanz auffordern, und schlurfte Richtung Ausgang. Hilde erhob sich mit einiger Mühe, bewegte ihr steifes Genick und wandte sich zum Gehen. Plötzlich sah sie sich um, bückte sich und zog eine gelbe Rose aus dem Strauß. Ohne sich noch einmal umzudrehen verließ Hilde die Grabstätte. Es war dunkel, aber Hilde musste den Weg zu Pauls Grab nicht suchen. Dann stand sie davor, zog ihre Oberlippe zwischen die Zähne und versuchte vergeblich, sich an ein Gebet zu erinnern. Plötzlich beugte sie sich über das Kreuz, presste für einen kurzen Moment ihre Lippen auf das bleich-verwitterte Holz und ließ die gelbe Rose auf Pauls Grab fallen. Schnell wandte sie sich ab. Sie wischte sich hastig über den Mund, als hätte ihre Mutter sie verbotenerweise mit Lippenstift ertappt und spürte, wie sie errötete. Ein Lächeln kletterte in Hildes Gesicht und breitete sich dort aus wie ein Badetuch im warmen Sand. Sie ging zum Ausgang des Friedhofs und nickte dem Wärter in seinem kleinen Häuschen zu. Dann wickelte sie sich in ihre Strickjacke und trat durch das große Tor auf die Straße hinaus.

 

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