Sie sind hier:Teilnehmer / Förderpreise / 2007 / 

Das letzte Kapitel

Nebel tanzte in Zeitlupe auf dem Wasser, als die ersten Sonnenstrahlen dieses kühlen Märzmorgens den Tau zum Glitzern brachten. Doch sie warfen auch Licht auf eine äußerst menschliche Angelegenheit: Mord.

Die beiden Kriminalbeamten Henk und Schneider wurden von einem Uniformierten zum Ufer des kleinen Sees geführt. Der Gerichtsmediziner Ludwig Behrendt begutachtete bereits eingehend einen großen schwarzen Sack, der am Ast einer mächtigen Eiche baumelte. Das Ding entpuppte sich als menschlicher Körper, der in einen Umhang gewickelt und mit den Füßen am Baum aufgeknüpft worden war. Doch Kommissar Karsten Schneider sah, warum das Wort „kopfüber“ in seinem Einsatzbericht keine Verwendung finden würde: Der Kopf fehlte.

Die Szenerie wirkte trotz der Grausamkeit seltsam vertraut auf ihn: Eine kunstvoll verzierte Axt lehnte am Baumstamm. Neben dem blutgetränkten Gras direkt unter dem Toten lag ein gläserner Dolch. Daneben eine dicke goldene Halskette mit einem großen, wappenartigen Anhänger. Dasselbe Zeichen zierte auch den Umhang des Opfers: Sonnenstrahlen auf nebelgrauem Untergrund. „Die dunklen Druiden“, stammelte Karsten Schneider heiser.

Der beinahe dreißig Jahre ältere Hauptkommissar Alfred Henk warf einen abschätzigen Blick auf seinen blassen Kollegen, woraufhin dieser schluckte und auf die Artefakte deutete: „Hier, Prinz Darions Wappen! Alles ist wie in den Büchern!“

Henk blaffte: „Sind Sie jetzt vollkommen durchgedreht? Das hier ist keine Märchenstunde, sondern ein Tatort!“

Karsten Schneider bewunderte und fürchtete den „Henker“, wie sein Vorgesetzter insgeheim von vielen Kollegen genannt wurde, gleichermaßen. Hinter der stets kühlen, distanzierten Fassade des Hauptkommissars verbarg sich ein messerscharfer Verstand sowie eine herausragende Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis. Nun brachte der schroffe Ton etwas Farbe in Schneiders Gesicht zurück. „Haben Sie noch nie etwas von der Licht-und-Schatten-Trilogie gehört? Die Bestseller von Milan Donogor? Er ist praktisch der deutsche Tolkien!“

„Und Sie glauben, dieser Toll-Kiehn ist ein Tatverdächtiger?“

Schneider seufzte. „Sie haben mit Literatur wirklich nichts am Hut, nicht wahr?“

„Mir reichen schon Ihre poetischen Berichte!“, wehrte der Hauptkommissar ab. „Und wenn das hier“, Kopfnicken Richtung Leiche, „etwas mit Literatur zu tun hat, möchte ich auch in Zukunft nichts damit zu tun haben!“

Was Schneider nicht davon abhielt zu erklären: „In den Romanen nehmen die Dunklen Druiden den Kopf ihrer Opfer als Trophäe. Die Insignien der Lichtkrieger werfen sie in den Schmutz. Diese Fan-Artikel kann man überall kaufen.“

Der Pathologe unterbrach die beiden mit seinen vorläufigen Erkenntnissen: „Männlich, zirka 35 Jahre. Starb vor acht bis zehn Stunden, also ungefähr um Mitternacht. Er war schon zwei bis drei Stunden tot, als man ihn geköpft und hier aufgehängt hat. Höchstwahrscheinlich wurde er erstickt. Keinerlei erkennbare Abwehrverletzungen, also möglicherweise betäubt. Aus ersichtlichen Gründen kann ich nicht feststellen, ob ihm eine Kopfverletzung beigebracht wurde. Aber der Mörder – oder die Mörderin“, fügte er nach kurzem Nachdenken hinzu, „hat den Kopf ziemlich stümperhaft mit mehreren Schlägen abgehackt, obwohl die Axt vorher gründlich geschärft wurde. Alles weitere nach der Obduktion!“

Der Chef der Spurensicherung kam dazu und berichtete, dass Taucher im See nach dem Kopf suchten. Außerdem hatte er ein Blatt Papier sichergestellt, das unter dem Glasdolch im Gras gelegen hatte. Jemand hatte Lettern aus Zeitschriften ausgeschnitten, die verkündeten: DONOGOR IST DER NÄCHSTE!

Kommissar Schneider nutzte die Gelegenheit, dort fortzufahren, wo ihn Behrendt unterbrochen hatte: „Das ist der Schriftsteller. Er ließ im dritten Band die beliebte Hauptfigur Prinz Darion sterben. Das löste einigen Aufruhr unter den Lesern aus. Angeblich hat Donogor schon etliche Drohbriefe erhalten.“ Obwohl auch Schneider über den Tod der Romanfigur entrüstet gewesen war, machte er sich nun Sorgen um seinen Lieblingsautor.

Inzwischen war der Tote vom Baum geschnitten und seine Identität festgestellt worden: Es handelte sich um Ralf Katzinger, den Sekretär von Milan Donogor, alias Martin Donauer.

Der Schriftsteller war ein hagerer Mann von knapp fünfzig Jahren mit fahler Haut. Nervös fuhren die wasserblauen Augen zwischen den beiden Beamten hin und her, als diese ihn über Katzingers gewaltsames Ableben informierten. Donauer führte sie in ein luxuriös ausgestattetes Arbeitszimmer, wo ihm Henk ungerührt die Nachricht des Täters präsentierte. Der Autor goss sich mit zitternden Händen einen großen Whisky ein. Henk musterte die beiden Mahagonischreibtische im Zimmer. Einer war ordentlich aufgeräumt, während sich auf dem anderen unzählige Papiere, Bücher und Blöcke stapelten. Notizzettel in allen Größen und Formen quollen überall hervor, alle mit der gleichen krakeligen Handschrift bedeckt.

„Katzingers Aufgabe bestand hauptsächlich darin, meine Notizen ins Reine zu schreiben“, erklärte Donauer. Um Henk davon abzuhalten, weiter ungeniert in den Papieren zu stöbern, zeigte er ihm die Drohbriefe, die er von seinen enttäuschten Lesern bekommen hatte. „Mörder! Du hast Darion umgebracht!“, war da zu lesen. Oder: „Du hast das Licht von dieser Welt verbannt, jetzt wirst auch du in den Nebeln der Zeit versinken!“ Aber auch: „Verrecke, du arrogantes Schwein!“

„Wegen eines Buches bringt man doch niemanden um!“ Henks Meinung nach hatten die trauernden Fans in diesen Briefen genug Dampf abgelassen, um sich gleich darauf wieder anderen Bedeutungslosigkeiten zuzuwenden. Gedankenverloren nahm er Schneider eine Ausgabe von „Das verschwundene Schloss“ aus den Händen und blätterte in den Seiten, die angeblich Schuld an dem Tod des Sekretärs waren. „Diese Druiden morden in allen drei Bänden auf die gleiche Art?“ Donauer nickte stumm.

„Ich finde, mit den letzten beiden Büchern haben Sie sich selbst übertroffen!“, schleimte Schneider, was Henks Augenbraue geringschätzig nach oben schnellen und Donauer kraftlos in einen Sessel sinken ließ.

Abwesend betrachtete Henk die Signatur des Autors auf der ersten Seite und plötzlich wurde für ihn das Buchcover zur Realität: Ein Lichtstrahl drang durch den Nebel.

Als spräche er zu sich selbst, sinnierte er: „Es ist bestimmt viel einfacher, auf dem Papier zu morden, als wirklich eine Axt in Händen zu halten und damit einem Leben ein Ende zu setzen. Eine Taste am Computer ist schnell gedrückt, während es wesentlich schwerer ist, einen Halswirbel zu durchtrennen.“ Fassungslos wollte Schneider dazwischengehen: „Chef, sollten wir nicht schleunigst nach dem Verrückten fahnden und Personenschutz für Herrn Donauer anordnen?“

Doch Henk fuhr mit erhobener Stimme ungerührt fort: „Der Geruch des Blutes, die starren Augen des Opfers...!“ Sein durchdringender Blick traf Donauer, der sich an die Lehnen seines Sessels klammerte wie an die Reling eines sinkenden Schiffes. Schweiß stand auf seiner Stirn.

„Ein Mensch wird zu einem Ding, das langsam kalt und steif wird.“

„Aufhören!“, schluchzte Donauer aufgelöst. Schneider blickte ungläubig zwischen den beiden Männern hin und her.

„Katzinger hat für Sie geschrieben, nicht wahr? Er hatte die Ideen. Ihre Handschrift hat mich darauf gebracht“, konfrontierte Henk den Schriftsteller mit dessen eigener Buchsignatur. „Sie ist auf keiner einzigen Notiz zu sehen.“

Martin Donauer brach endgültig zusammen. „Der erste Roman ist von mir, danach war ich blockiert. Doch der Verlag setzte mich unter Druck. Da kam Katzinger mit seinen Einfällen. Zuerst lachte ich ihn aus, allerdings war er wirklich gut! Er schrieb immer weiter.“ Donauer schlug die Hände vors Gesicht. „Schließlich brachte ich ihn dazu, Darion sterben zu lassen. Doch plötzlich wollte er eine Fortsetzung unter seinem Namen veröffentlichen. Das hätte einen Skandal gegeben! Alle Welt hätte mich verachtet!“ Er blickte Verständnis heischend zu den Kommissaren. „Mir blieb keine andere Wahl! Er musste schweigen!“

Schneider blieb auf dem ganzen Weg bis zum Präsidium sprachlos.

„Der Schreiberling ließ sich ja relativ leicht aus der Reserve locken.“ Ein Henker-Grinsen. „Warum sollte jemand den Sekretär umbringen, wenn er es auf den vermeintlichen Autor abgesehen hat?“ Das Grinsen wurde breiter. „Aber wenn es Sie tröstet, Schneider, dürfen Sie nun mein Ghostwriter sein und den Bericht zu dem Fall verfassen!“

Entdecken Sie jetzt
Ihr Schreibtalent
 
  Schreiben lernen mit dem Leitfaden von der Schule des Schreibens Herr Frau
Persönliche Beratung Online anmelden Gratis-Newsletter