Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Picknick am See
Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als mein Bruder zehn wurde. Es war heiß, die Sonne versprach einen schönen Tag. Markus war sehr lebhaft. Blonde Locken, wache, blaue Augen, etwas zu klein für sein Alter. Kein Ball war vor ihm sicher. Fußball, Handball, Volleyball, dribbeln, jonglieren. Er beherrschte den Ball wie kein anderer. Ich liebte Bücher, verkroch mich, wann immer ich konnte, in meinem Zimmer, las oder schrieb meine eigenen Geschichten. Wir wohnten mit meiner Mutter in Berlin in der Nähe des Wannsees, Vater in München. Im Hof gab es einen Bolzplatz, auf dem Markus in jeder freien Minute spielte. Als Vater noch bei uns wohnte, fuhren wir oft zum See. Wir hatten dort ein kleines ruhiges Plätzchen gefunden, geschützt von Büschen und Bäumen. Ein paar Schritte nur zum Wasser. Wenn das Wetter schön war, füllte Mutter unseren Picknickkorb und los ging’s.
Seit Vater uns verlassen hatte, waren wir nicht mehr dort. Mutter hatte uns verboten, allein zum See zu fahren. Wenn ich ungestört sein wollte, packte ich meine Bücher und Schreibzeug und fuhr heimlich mit dem Rad zum See. Vater hatte sich nie für mich interessiert. Mit einem Sohn wie mir konnte er nichts anfangen. Ein Junge musste Fußball spielen, raufen, auf Bäume klettern. Lesen war für ihn Zeitverschwendung, Mädchenkram.
„An dir ist ein Mädchen verlorengegangen“, hatte er oft vorwurfsvoll gesagt. Ich war in der Schule einer der Besten, aber das interessierte ihn nicht. Für ihn war ich ein Versager.
„Vater kommt als Überraschungsgeschenk für Markus“, sagte Mutter am Abend vor Markus´ Geburtstag. Er hatte seine Familie im Stich gelassen und kam nun zum zehnten Geburtstag seines Lieblingssohnes, als wenn nichts gewesen wäre. Ich hasste ihn! Er kam in der Nacht. Ich lag wach, hörte es klingeln. Mutter schlurfte über den Flur, öffnete die Tür, flüsterte etwas. Die Wohnzimmertür klappte, dann war es still. Ich schlief unruhig.
Am nächsten Morgen wurde ich durch laute Geräusche geweckt. Kreischen, lachen. Irgend etwas plumpste immer wieder auf den Parkettfußoden. Ein Ball! Zögernd stand ich auf, ging ins Wohnzimmer. Sie saßen am Frühstückstisch und warteten auf mich. „Schau“, freute sich Markus und hielt seinen neuen Ball in die Luft, „hat mir Papa zum Geburtstag geschenkt.“
„Ach ja?“, entgegnete ich müde.
„Hallo, Michael, wie geht es in der Schule und wie kommst du mit dem Schreiben voran?“, fragte er scheinbar interessiert. „Och, ganz gut.“ Vater wandte sich wieder an Markus. „Du hast Geburtstag, mein Junge, du darfst dir etwas wünschen. „Picknick an unserem See, jetzt gleich!“, bettelte Markus ungeduldig. „Muss ich mit?“ Ich biss mir auf die Zunge. Dein Bruder hat Geburtstag!, meldete sich wütend meine innere Stimme. „Okay, okay, ich geh´ ja mit!.“ Mutter füllte unseren alten Picknickkorb und los ging’s.
Es war bereits Mittag. Die Sonne brannte wie Brenneisen auf unserer Haut. Unter Bäumen und Sträuchern fanden wir Schatten. „Der Baumstamm schwimmt ja immer noch im See,“ bemerkte Vater ärgerlich, „man wollte ihn doch längst entfernen, er ist einfach zu gefährlich!“ Vater schrie fast vor Zorn. Früher benutzten wir den Baumstamm zum Balancieren, er diente uns als Sprungbrett und als Boot. Wir hielten uns an ihm fest und ließen uns treiben. Irgendwann hatte Vater uns verboten, damit zu spielen.
Übermütig lief Markus mit seinem neuen Ball ins Wasser, Vater hinterher. Sie tollten wie kleine Kinder. Ich saß im Schatten und las. Mutter sonnte sich. Außer dem Kreischen von Vater und Markus und dem Plantschen des Wasser war nichts zu hören. Ab und zu flog ein Entenpärchen schreiend über uns hinweg.
Schon nach kurzer Zeit kam Vater aus dem Wasser und ließ sich völlig erschöpft und triefend nass auf die Decke fallen. „Der Junge macht mich fertig, er ist ein richtiges Energiebündel,“ sagte er keuchend. „Ist er allein dort draußen?“, fragte Mutter besorgt. „Nein, es sind noch andere Jungs da. Ich habe ihnen verboten, den Baumstamm auch nur anzurühren!“ Mutter war beruhigt. Vater schaute den Kindern zu. Sie waren weit draußen, man konnte sie kaum erkennen. „Charlotte, Charlotte!“, Vater schrie, er war außer sich, rüttelte Mutter. „Schau, auf dem Wasser, da fuchtelt jemand wild mit den Armen. Es muss etwas passiert sein!“ Ich blickte auf.
Auf dem Baumstamm stand jemand schrie und winkte wie wild. Vater sprang auf, lief ins Wasser. „Bleib hier und behalte mich im Auge!“, schrie er. Mit rasender Geschwindigkeit schwamm er zum Baumstamm. Ich warf mein Buch weg und schwamm hinterher. Einige Jungs saßen auf dem Stamm, von Markus war nichts zu sehen. „Er ist plötzlich nicht mehr hoch gekommen“, sagte einer weinend. Vater tauchte, kam wieder hoch, tauchte, kam wieder hoch. Nichts! Angst und Panik lagen in seinen Augen. „Schwimm zurück, wir brauchen einen Rettungswagen, schnell!“ Ich gehorchte. Aufgeregt sah ich meine Mutter am Ufer hin und her laufen. „Schnell, einen Rettungswagen, ruf einen Rettungswagen, Markus ist verschwunden!“ Ich schrie panisch. Hektisch wühlte sie in ihrer Badetasche, fischte das Handy heraus und wählte mit zittrigen Fingern den Notruf. Weinend und zitternd standen wir am Ufer. Mutter betete. Von weitem hörten wir den Rettungswagen.
Noch heute spüre ich Vaters warmen Arm um meine Schulter, als ich den Ball auf das Grab meines Bruders legte.



