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Die Boisenbergs
Die Sonne brannte bereits am Vormittag unbarmherzig auf der Haut, so dass ich mich zwangsläufig auf die schattige Terrasse zurückzog. Ein Bier aus dem Kühlschrank sollte mir dabei angenehme Kühlung verschaffen.
Ich lehnte mich zurück. Die letzte Nacht hatte ich sehr unruhig verbracht, da ein lauter Knall und undefinierbarer Krach mich ausgerechnet zur Geisterstunde hochschrecken ließen. Wahrscheinlich wieder ein Unfall auf der nahen Bundesstraße.
Langsam glitt mein Blick über die Kletterrosen an der lindgrünen Pergola bis zur Hecke, die gleichzeitig die Abgrenzung zum Garten der Boisenbergs bildete.
Ach ja, die Boisenbergs, die im Sommer bei gutem Wetter den ganzen Tag in ihren Liegestühlen auf dem gepflegten Rasen vorm Haus verbrachten. Die Liegestühle stehen immer an derselben Stelle, einer dicht neben dem anderen, so dicht, dass sich die Armlehnen berühren.
Ich stand auf, um die Tageszeitung zu holen. Dabei ließ ich den Blick kurz über den Garten der Boisenbergs schweifen und bewegte mich gleichzeitig auf die Terrassentür zu.
Plötzlich stutzte ich, Moment…, was war das? Ich sah noch mal zurück, in der Hoffnung, wie immer, den vertrauten Anblick eines äußerst gepflegten Anwesens zu sehen. Aber nein,…das sich mir bietende Bild war grauenhaft. Der Garten der Boisenbergs, ich sträubte mich innerlich bei dem Anblick, den Begriff Garten überhaupt zu verwenden, ein Desaster!
Die Liegestühle umgeschmissen, der Rasen völlig aufgewühlt und mit tiefen Furchen durchzogen, ein zerfetzter Sonnenschirm und dann, auf dem Rasen, ungefähr dort, wo sonst die Liegen standen, ein rotbrauner Fleck.
Ich spürte meinen Herzschlag im Hals, Schweiß trat mir auf die Stirn. Hektisch sah ich mich um, aber niemand war zu sehen. Ich hetzte zur Terrassentür. Kurz bevor ich dort ankam, rutschte ich mit dem Knie gegen den Türrahmen und sah trotz heftiger Schmerzen noch einmal zum Ort des Schreckens zurück. Der rotbraune Fleck, mein Gott, das war Blut. Ein Mord! Ich muss sofort die Polizei holen, schoss es mir durch den Kopf. Mein Telefon, es musste hier irgendwo stehen. Ich stieß gegen den Tisch, diesmal mit dem anderen Knie. Ein lauter Knall ließ mich zusammenfahren, ich schrie auf und mein Herz setzte aus. Voller Furcht und mit zusammengekniffenen Augen sah ich mich um. Auf dem Terrassenboden, direkt unter mir, umfloss eine leicht weiß schäumende Flüssigkeit, durchsetzt mit braunen Glassplittern, meinen rechten Fuß. Ach ja, da war ja noch das Bier. Unwillkürlich machte ich einen Schritt zurück. Ein plötzlich einsetzender stechender Schmerz in der Ferse ließ mich das Gleichgewicht verlieren. Der Stuhl hinter mir hätte den Sturz auf den Terrassenboden verhindern können, aber er stand zehn Zentimeter zu weit links. So schlug ich, den Stuhl mitreißend, mit dem rechten Hinterteil auf dem Boden auf. Sofort griff ich mit einer Hand an die Ferse und schrie erneut auf. Eine Glasscherbe guckte ungefähr drei Zentimeter aus der Haut. Meine Hand war sofort voller Blut. Mit der anderen stützte ich mich auf und kroch, getrieben durch meine staatsbürgerliche Pflicht, durch die Terrassentür zum Telefon. Dort angekommen wischte ich mir den Schweiß von der Stirn und griff mit der unversehrten Hand zum Hörer. Nach nervenaufreibenden und mir endlos erscheinenden Minuten war es mir gelungen, die weibliche Stimme am Telefon von der schrecklichen Tat zu überzeugen. Sie versprach mir sofortige Hilfe und wies mich an, draußen vor dem Haus zu warten. Gut, Weisung war Weisung, also kroch ich wieder zurück zur Terrasse. An der Tür angekommen, spiegelte sich mein blutverschmiertes Gesicht in der Glasscheibe.
Völlig unerwartet vernahm ich plötzlich die Stimme von Herrn Boisenberg und zuckte heftig zusammen.
„Hallo Herr Jespersen, Sie ahnen ja gar nicht, was in der letzten Nacht passiert ist. Eine Wildschweinherde hat unseren Garten ruiniert und der Förster musste sogar eines der Tiere erschießen.“ Er sah mich an, nahm mein blutverschmiertes Gesicht und den verwüsteten Terrassenboden wahr. „Mein Gott, Herr Jespersen, wie sehen Sie denn aus?“ Schnell drehte er sich um und rief, meinen Versuch, ihn zu bremsen, mühelos übertönend: „Helga, ruf sofort die Polizei, Herr Jespersen ist überfallen und schwer verletzt worden, und die sollen auch gleich einen Krankenwagen mitbringen.“



