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Der Apfel

Gerade als ich die Schale mit frischem Obst fülle, kommt meine Enkeltochter aus dem Garten gerannt, streckt mir ihre schmutzigen Hände entgegen, mit der Bitte, doch von ihrem Sandkuchen zu kosten. Dabei entdeckt sie die Früchte, verzieht sogleich das Gesicht, so dass sich kleine Falten auf der Stirn bilden, und sagt vorwurfvoll: „Oomiii, du hast mir wieder keine Schneewittchenäpfel gekauft!”
Sie lässt keine Zeit für eine Antwort, kehrt mir einfach den Rücken zu und verlässt schmollend die Küche. Zurück bleibt die bunte Form mit dem Sandkuchen, und ich mit einem schlechten Gewissen und der Suche nach einer kindgemäßen Erklärung, einer Entschuldigung, die auch eine Vierjährige versteht.

Ich gehe zu meinem Schreibtisch und entnehme ihm eine alte Fotografie. Sie ist zerknittert, ausgeblichen und die einzig greifbare Erinnerung an meine Kindheit.

Auf dem Foto bin ich nur drei Jahre älter als Katarina heute. Es entstand an meinem siebten Geburtstag, einem Tag, den ich aus vielerlei Gründen nie vergessen werde.
Schon Wochen vorher hatte ich meine Mutter mit Wünschen geradezu bombardiert, so lange, bis sie genug hatte und keine Wunschveränderung mehr zuließ.
Dann endlich war es fast soweit. Noch eine Nacht trennte mich von dem ersehnten Tag. Vor Aufregung konnte ich erst nicht einschlafen und war dann schon sehr zeitig wieder wach. Ich zog dicke Socken an und schlich auf Zehenspitzen zur guten Stube, vorbei an Mutters Schlafzimmer, drückte dort zur Sicherheit mein Ohr an die Tür, aber dahinter war es völlig still. Ich ging also leise weiter, doch der große Esstisch war leer. So bin ich zum Fenster, schauen, ob die Sonne vielleicht schon auf dem Weg zu uns war, aber die einzigen hellen Flecken am Himmel waren Sterne. Ich schlich wieder in mein Zimmer, zog die Übergardine zurück, baute mir aus Kissen eine schöne Rückenlehne und betrachtete aufmerksam den Himmel. So lange konnte es mit dem Sonnenaufgang ja nicht mehr dauern, und außerdem konnte ich so auch hören, wenn Mutter aufstand. Doch die Zeit verging nur ganz langsam, und mir wurde langweilig, so begann ich ein Gespräch mit den Sternen. Auch wenn ich keine Antwort bekam, konnte ich ihnen doch einige Geheimnisse anvertrauen, denn sie waren nicht fähig, diese weiterzuerzählen. Angefangen habe ich mit meinen Wünschen, der Schokoladentorte, der Feuerwehr mit richtiger Wasserspritze und dem neuen Kleid für meine Puppe Lucie. Meinen größten Wunsch habe ich vorsichtshalber trotzdem nur geflüstert, Mutti hatte gesagt, dass wir darüber nicht sprechen dürfen. Mit niemandem! Nicht mal mit Oma und Opa, auch nicht mit meiner Freundin Clara, dabei habe ich ihr bisher alles erzählt, aber nun stand zwischen uns ein Geheimnis. Es gehörte nur Mutti und mir, nämlich, dass Papa vielleicht auch kurz kommen würde.

Irgendwann muss ich dann doch wieder eingeschlafen sein, denn Mutti weckte mich mit einem kleinen Geburtstagsständchen. Diesmal habe ich keine Socken angezogen, bin gleich barfuß in die Küche gelaufen, aber da war kein Papa. Fragend schaute ich Mutti an:
„Er ist noch im Bad, und er bleibt nur ganz kurz. Hier bei uns ist er nicht sicher.”
Ich hatte keinen Blick für die Geschenke übrig, wenn Papa gleich wieder wegmusste und nur wegen meines Geburtstages gekommen war, wollte ich keinen Augenblick mit ihm versäumen.

Ich saß auf seinen Knien, blies gerade die Kerzen aus, als gegen die Tür  geschlagen wurde. Dann durchquerten schwere Stiefel den Flur. Mutti flüsterte: „Ganz ruhig, pack einfach die Geschenke aus, schau nicht nach hinten, sie können nicht wissen, dass Papa da ist.”
Doch ich kam nicht mehr dazu, sie stießen mich zur Seite und zerschlugen alles, was ihnen im Wege stand. Meine Mutti stellte sich schützend vor mich, sie war mein Schild, ein sehr verletzliches.
„Wo ist Ihr Mann?”
Eine Faust traf ihr Gesicht.
„Ich weiß es nicht. Er hat uns verlassen, hat eine andere, das habe ich doch schon mehrfach zu Protokoll gegeben.”
„Sie glauben doch nicht etwa, dass wir Ihnen dieses Märchen abnehmen. Wieso sind Sie denn noch nicht geschieden?
 Wir kriegen ihn, mit oder ohne Ihre Hilfe. Sie sollten mal an Ihr Kind denken.“
Mutti zuckte zusammen und drückte mich fester an sich. Die in den Uniformen hatten das nicht mehr gesehen, uns schon den Rücken zugewandt.
An der Tür drehte sich einer von ihnen noch einmal kurz um.
„Ach, übrigens”, dabei schaute er mich an, „alles Gute zum Geburtstag. Deine Mutter sollte dafür sorgen, dass du noch viele davon erleben kannst.”

Die Küche sah aus, als hätte ein Sturm gewütet. Meine Torte war über den Fußboden verteilt und die Schokoladenabdrücke der schweren Stiefel reichten bis zur Wohnungstür.
Mutti saß auf dem Stuhl und kühlte sich das Gesicht. Dabei nahm sie mich in den Arm und versuchte mich zu trösten.
„Der heutige Tag sollte für dich ein besonders schöner werden und nun ...”

Mit den Augen suchte ich die Küche ab und sah in der Obstschale einen einsamen Apfel liegen. Ich entfernte die Blüte und drückte dafür eine Kerze hinein.
„Ich brauch keine Geschenke. Zünde mir die Kerze an und mache ein Foto von mir.  Wir schicken es Papa. Er soll nicht mehr herkommen. Ich will, dass er in Sicherheit ist.”
„Das wird er Sophie, noch heute Nacht geht er über die Grenze, und später werden wir  ihm folgen. Es ist gut, dass wir den Durchbruch zur Nebenwohnung haben, bestimmt ist er schon unterwegs. Deine Idee mit dem Foto ist gut. Er soll wissen, dass sie uns nicht kleinkriegen, dass wir es uns nicht nehmen lassen, deinen Geburtstag zu feiern. Nun blas die Kerze aus und wünsche dir was besonders Schönes.”
In diesem Augenblick fühlte ich mich mit meinen sieben Jahren schon ganz schön erwachsen. Herzhaft biss ich in meinen Geburtstagsapfel, stellte mir dabei vor, einen Schokoladenkuchen zu essen, und Mama drückte auf den Auslöser.

Heute weiß ich nicht mehr, wie dieses Foto alles, was danach kam, überlebte. Vater ist nie in der Sicherheit angekommen. Wir haben ihn lange gesucht, und als wir dann Sicherheit hatten, bekamen wir nur das Foto zurück. Mein Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen, und ich habe seitdem nie wieder Äpfel essen können.

Ich lege das Bild an seinen Platz zurück. Was kann Katarina für meine Kindheit? Wenn sie etwas älter ist, werde ich ihr davon erzählen, und jetzt gehe ich ihr Schneewittchenäpfel kaufen.

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