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Mein Sommer mit Magda

Corinna war eine Frau, die immer sehr genau wusste, was sie wollte. Nach acht Jahren Beziehung hatte sie entschieden, eine Familie mit mir zu gründen. Ich war erst 28 und wollte lieber promovieren, aber ich zögerte so lange, ihr ein klares „Nein“ entgegenzusetzen, bis mir schließlich nur die Flucht blieb. Die neue Stelle an der Kieler Uni sei eine einmalige Chance, versicherte ich ihr. Corinna schmollte und strafte mich mit Missachtung. Das war mir natürlich sehr recht.

Ich hatte eine kleine Wohnung gefunden, an der mich besonders der Garten begeisterte. Er war ein idyllisches kleines Paradies, und obwohl an meinem ersten freien Tag nicht einmal alle Kisten ausgepackt waren, nutzte ich das herrliche Pfingstwetter zum Faulenzen. Ich döste in der Hängematte vor mich hin, bis eine leise Stimme in meinen Traum drang. „Hans, mein lieber, lieber Hans, wie schön, dass du endlich wieder da bist!“ Die Stimme klang warm und zärtlich, voller Sehnsucht. Zart wie eine Feder strich eine Hand über mein Gesicht, flüchtig zunächst, wie ein Windhauch, tastend, als ob sie mich fragen wollte: „Bist du es wirklich? Bist du ein Geist oder ein Körper?“, und dann, als ob sie Gewissheit bekommen hätte, mit behutsamer Entschiedenheit.

Erst nach einer ganzen Weile öffnete ich die Augen und sah Magda zum ersten Mal. Sie wirkte zierlich, beinahe zerbrechlich. Ihre unglaublichen, honiggoldenen Augen strahlten mich voller Wiedersehensfreude an. Als ich mich aufrichtete, fasste sie mich am Arm. „Ich habe dich so sehr vermisst!“, flüsterte sie bittend. Meine Arme breiteten sich wie von alleine aus. Sie schmiegte sich hinein, ich hielt sie fest, und die Hängematte schaukelte uns sanft und wortlos hin und her.

Die Wochen mit ihr hätten nur dann schöner sein können, wenn ich wirklich ihr Hans gewesen wäre. An sonnigen Tagen streiften wir mit dem Tandem umher, oder wir werkelten im Garten und kochten gemeinsam Marmelade. An Regentagen las ich ihr vor, wir hörten Musik oder sangen Kinderlieder. „Weißt du noch, wie wir uns das erste Mal geküsst haben in der Scheune vom alten Jescheniak?“ „Schau doch, wie schön der Mohn blüht! Wie damals auf unserer Bootsfahrt!“ - Magda schloss mich ein in ihr zeitloses Glück, sie war so unbeschwert, so jung und so fröhlich, dass es unmöglich war, ihrer Lebensfreude zu widerstehen. Ich verbrachte jede freie Minute mit ihr.

An einem heißen Sonntag im August kam Corinna zu Besuch. Sie war entschlossen, mich zurückzuerobern. Spät in der Nacht wollte sie im Garten den Vollmond betrachten. Dabei blieb es natürlich nicht. Sie wusste sich zu nehmen, was sie wollte, und ich ließ es nicht nur zu, sondern überließ mich meiner ausgehungerten Lust.

„Hör auf, du elender Russ, hör sofort auf, lass sie in Ruhe! Runter da, hörst du, runter da! Hör auf! Ich schlag dich tot!“ Eine Kaskade von Knüppelhieben prasselte auf mich nieder. Corinna sprang erschrocken auf. Sie warf sich ihr Kleid über und versuchte, Magda von mir wegzuzerren, doch die war völlig außer Kontrolle. In den umliegenden Fenstern gingen die Lichter an. Ich hielt den Knüppel fest.
„Magda“, sagte ich beschwörend, „Magda, ich bin es doch, dein Hans!“
Sie hörte auf zu schreien und starrte mich mit aufgerissenen Augen an. Dann begann sie zu zittern. Ich nahm sie in die Arme und wiegte sie hin und her, ich strich ihr sanft über die weichen, weißen Haare, ich sang ihr ein Kinderlied - alles, damit sie nur endlich mit diesem ent¬setzlichen Zittern aufhörte. Es war mir egal, dass ich nackt war, es war mir egal, dass Corinna zeternd daneben stand und sich allmählich eine Gruppe von Nachbarn um uns sammelte.

Irgendjemand hatte die Polizei gerufen. Der Beamte bestand darauf, Magda in die Psychiatrie zu schaffen. „Fremdgefährdung“, kommentierte er seine Entscheidung, „schauen Sie sich doch an, wie sie Sie zugerichtet hat!“
Erst jetzt wurden mir die Schmerzen und die Kälte bewusst, und ich griff nach meiner Kleidung. Der Polizist nutzte die Gelegenheit, um die wehrlose Magda wie eine Strohpuppe in den Streifenwagen zu bugsieren. Als ich endlich meine Hose über den blutigen Hintern gezerrt hatte, fuhr der Wagen los. Ich blieb hilflos und wütend zurück.

Corinna überhäufte mich mit Fragen und Vorwürfen. „Du hättest dich mal sehen sollen mit dieser verrückten Alten! Was hast du dir dabei eigentlich gedacht? Hast du nur eine Sekunde auch mal an mich gedacht? Ist dir überhaupt klar, wie ich mich gefühlt habe in der Situation? Ich steh da wie ein begossener Pudel und du lässt dich erst von dieser alten Schachtel verdreschen und singst ihr anschließend Kinderlieder vor?! Nackt! Vor all diesen Leuten! Das ist ja krank! Nun sag doch endlich was!!! Ich habe das Recht auf eine Erklärung!“
Ich schaute sie lange an und fand dann, zum ersten Mal, die richtigen Worte: „Halt den Mund und lass mich in Ruhe.“ Corinna fuhr auf der Stelle zurück nach Regensburg.

Magda erkannte mich nicht, als ich sie am nächsten Tag besuchte. Sie erkannte mich nie mehr, sie sprach nie wieder, und in ihren Augen war alles Gold verblichen. Drei Wochen später war sie tot. Als ich am Tag nach ihrer Beerdigung von der Arbeit kam, lagen ihre Habseligkeiten zerfleddert auf dem Gehweg vor dem Haus. Ihre Neffen hatten einen Entrümpelungsdienst bestellt.

Im Hausflur stolperte ich fast über einen verstaubten kleinen Handkoffer. Er enthielt allerlei Papierkram: den Ariernachweis der Familie Sodeikat aus Gumbinnen. Das Stammbuch mit Magdas Geburtsurkunde aus dem Jahre 1925. Das Tagebuch der 14jährigen Schwester, die sie irgendwo auf dem Treck verscharren mussten - anders als Magda und die Mutter hatte sie die Vergewaltigungen nicht überlebt. Eine Feldpostkarte vom Vater, der an der Ostfront gefallen war. Und einen Abschiedsbrief von Hans. Nach Kriegsende hatte er lange nach ihr gesucht. Als er sie 1949 endlich fand, mochte sie ihn kaum anschauen, erst recht nicht anfassen. 1951 hielt er ihre spröde Zurückweisung nicht länger aus und ging nach England. Im Koffer war außerdem ein Karton mit Fotos: Magda als kleines Mädchen inmitten einer Gänseschar, Magda und ihre Schwester kichernd auf einem Steg, eine strahlende, stolze, wunderschöne Magda auf dem Rücken ihres Pferdes, Magda mit ihren drei kleinen Brüdern auf dem zugefrorenen Roschsee und noch eine ganze Reihe mehr.
Das Schönste aber war das Foto von uns beiden im Heu vor Jescheniaks Scheune: lachend und verliebt, so unbeschwert und ausgelassen wie unser gemeinsamer Sommer.

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