FESTHALTEN
Es ist 5.30. Ungläubig starre ich auf die Digitalanzeige des Radioweckers. Der Sturm, der um unser Haus fegt, hat mich geweckt. Er rüttelt an unserem Dach wie ein trotziges Kind, wirft Blumentöpfe auf der Terrasse durcheinander und lässt die Schaukel im Garten wütend gegen das Gestänge schlagen. Der Wind lässt mich nicht wieder einschlafen. Die Gedanken kommen. Sie schleichen sich ganz leise von hinten an, schlüpfen durch eine undichte Stelle in mein Hirn und dringen in mein Bewusstsein, das ich so gerne noch eine Weile ausgeschaltet ließe. Nicht darauf reagieren, ganz entspannt weiteratmen, an nichts denken, weiterschlafen. Der Versuch rächt sich. Nun bin ich hellwach. Mist. Auf leisen Sohlen tapse ich die Wendeltreppe hinunter. Alles schläft noch, in Gedanken rieche ich schon den Kaffee, den ich mir gleich aufbrühen werde. Diese frühe Stunde, entscheide ich für mich, werde ich mir zum Geschenk machen. Ich schlüpfe in meine komfortabel ausgeleierte Jogginghose, verpacke meine Füße in selbst gestrickte Socken und ziehe mein ausgewaschenes, graues Kapuzenfleece über. Die Heizung wird erst in einer guten halben Stunde anspringen. Der Wind steht genau auf der großen Fensterfront unseres Wohnzimmers. Die Glasflächen wölben sich unter seiner Kraft nach innen. Es ist unheimlich zu sehen, wie das Glas nachgibt, sich ausdehnt und wieder zusammenzieht, als würde es atmen. Die Luft ist kühl. Ich blicke hinaus auf die Förde und sehe einen Fischer, der sich mühsam seinen Weg durch die Wellen bahnt. Er nimmt Kurs auf die offene See. Während ich dem kleinen Boot hinterherblicke, treibt mir der Gedanke an einen längst vergangenen Sturm Gänsehaut auf die Arme und ein flaues Gefühl in den Magen.
Es war im Spätsommer. Ein verregneter Sommer. Auch dieser vergangene Tag war durchwachsen. Regen wechselte mit Sonnenschein, aber das macht einer echten Bremerhavener Deern nichts aus. Wir wollten eine Yacht von Hooksiel nach Helgoland überführen. Für uns keine große Herausforderung. Mein Freund Jan und ich waren ein eingespieltes Team. Wir legten ab und verließen den kleinen idyllischen Hafen, winkten dem Mann im Schleusenhäuschen zu und setzten die Segel auf der offenen Nordsee. Wir freuten uns über einen stetigen Wind, der unsere 51-Fuß-Yacht munter vorantrieb. Mit dieser Geschwindigkeit könnten wir in nicht viel weniger als sechs Stunden am Ziel sein und unser erstes Einlaufbier trinken. Das Ankommen ist und bleibt das Schönste am Segeln.
Wir mochten schon zwei Stunden gesegelt sein, als uns eine kurze Regenbö erwischte und die Yacht heftig krängen ließ. Jan stand gerade am Ruder und rief mich an Deck. Ich kam den Niedergang hoch und erschauerte. Die Atmosphäre hatte sich vollkommen gewandelt. Wolken und See bildeten eine kaltgraue Einheit. Vor uns am Horizont sah es bedrohlich schwarz aus. In unserem Rücken bildeten sich dicke Wolken, die wie aufeinandergetürmte Eiskugeln in den Himmel emporragten. Eine seltsame Ruhe legte sich über das Meer und auch über uns. Die Ruhe vor dem Sturm – wir konnten sie fühlen und schmecken. Die Luft war geladen, voll Energie und schmeckte leicht gelb nach Schwefel und ein wenig nach kaltem Eisenrohr. Um uns herum schien für kurze Zeit alles in seiner Bewegung erstarrt. Die See wog in einer langen Dünung – wie flüssiges Blei. Kein Laut, kein Windhauch, kein Rauschen. Doch wir wussten, gleich geht es los. Wir blicken uns an, Jan reichte mir wortlos die automatische Schwimmweste mit Lifebelt, einem Gurt, mit dem ich mich an der Reling anleinen konnte.
Ich ging ans Ruder. Angst kroch in mir empor und ich musste mir den Drang verkneifen, die Toilette aufzusuchen. Meine Nerven waren angespannt und meine Stimme zitterte, als ich Jan anrief, was ich denn jetzt zu tun habe. Er drehte sich um, blickte mich an und sagte:„ Karen, wir machen das, was wir bei Sturm immer machen. Reiß dich zusammen, du bist doch Seglerin.”
Pah, Leider! Wer hat das eigentlich entschieden? Eigentlich bin ich nur mit. Ich glaube nicht, dass ich mir das ausgesucht habe. Mist, ich wäre viel lieber in meiner Badwanne zu Hause mit einem schönen Martini neben mir und spielte vielleicht mit Jan Kapitän und Deckshand, inklusive Entern des lauwarmen schaumig gefüllten Wannenbades. Aber nein, ich muss in diesem Plastikbötchen auf der Nordsee Matrose spielen. Toll. Ich sagte jedoch nichts und stand mit zusammengeklemmten Pobacken am Ruder.
Jan wies mich an in den Wind zu drehen, um die Genua, das Vorsegel, einzuholen und ein Reff in das Großsegel binden zu können.
Wie sich herausstellte, nicht eine Sekunde zu spät.
Die Hölle brach los. Der Wind toste und heulte durch das Rigg und die Salings. Mit einem einzigen Ruck zerfetzte er das mühsam gereffte Großsegel. Noch zuviel Fläche. Halt das Schiff im Wind, schrie Jan mir zu. Der Mensch, ein Wunder, wenn er in kritischen Momenten sein Bewusstsein ausklinken kann und, dem Autofahren ähnlich, rein automatisch handelt. Jan sicherte das Großsegel und wurde bei jedem Aufbäumen des Schiffes einen Meter in die Höhe gehoben – schwerelos – , um dann unsanft wieder auf Deck geschleudert zu werden. Wir tauchten einem U-Boot gleich frontal in die Wellenberge hinein. und wurden bis zum Großmast überflutet. Ein Donnergrollen ließ mich in den Himmel blicken. 21, 22, 23 zählte ich… . Blitze schlugen um uns ins Wasser ein, unirdisch laut singend, es zischte und brodelte. Oh Odin, steh uns bei… . Wie war das noch gleich, leitet Wasser besonders gut oder nicht, durfte man bei Gewitter schwimmen? Sind wir mit unserem 30 Meter hohen Mast nicht der höchste Punkt auf diesem unfassbaren, großen Nass? Wo bleibt das Wissen der frühen Jahre, wenn man es braucht?!
Wir ackerten stumm und verbissen. Ich hielt mich mehr am Steuerrad fest, als dass ich viel bewirken konnte. Aber immerhin, wir hielten durch, wetterten den Sturm ab. Es dauerte länger als die sechs Stunden bis zum ersehnten Einlaufbier. Die Nacht brach herein, die Finsternis nahm etwas vom kalten Schrecken, milderte den Anblick der gefährlich aussehenden Wellenberge. An das Heulen des Windes hatten wir uns gewöhnt und in der Ferne sahen wir das Leuchtfeuer von Helgoland aufblinken. Kurz, kurz, lang… . Abwarten bis zum Morgen. Bei orkanartigem Wind war es sicherer, den geschützten Hafen erst bei Morgengrauen anzusteuern. Ich kann gar nicht beschreiben, welche Erleichterung wir fühlten, als wir die Hafenmole passierten. Schlagartig waren wir geborgen. Keine hohen Wellen mehr, keine Gischt, die uns bis auf die Unterwäsche durchnässte. Alles fiel von uns ab, die Anspannung der letzten Stunden löste sich, wir fühlten uns wie Sieger.
Wenig später saßen wir in der Plicht, jeder mit einer Dose Bier in der Hand. Ich sah Jan an und er lächelte. „Gut gemacht, ich bin stolz auf dich.“
Kann man sich noch besser fühlen?
Das kleine Fischerboot ist längst aus meinem Blick verschwunden. Er wird schon wissen, was er tut, denke ich, genau wie damals Jan. Der Kaffee ist bereits durchgelaufen und ich höre den leichten Schritt von Kinderfüßen. Ich drehe mich um und sehe meine Jungs, gefolgt von Jan: „Warum bist du denn schon wach?“
„Ach, der Sturm hat mich geweckt.“ Ich umarmte ihn heftig, er blickte mich fragend und amüsiert zugleich an. Welch phänomenales Glück, dass wir uns getroffen haben.




