Die Farbe der Stille
„Ja, ich freu mich auch. Komm, mach Platz, Toxi. Lass mich rein.“ Ich schob meinen Hund mit dem Fuß zurück und zwängte mich an ihm vorbei in den Flur. Schulrucksack in die Ecke, Jacke an den Haken, Schuhe aufs Gitter, dann warf ich meine Arme um Toxis Hals; er jaulte, fuhr die Zunge aus und traf mit gewohnter Zielsicherheit meinen Mund.
„Na, dann komm.“ Ich öffnete die Terrassentür, der Foxterrier drückte sich zwischen meinen Beinen hindurch und jagte los. An der Blautanne hob er sofort das Bein, warf mir dabei einen Blick zu, in dem ein Grinsen zu liegen schien. Toxi schnupperte am Haselnussstrauch, hob wieder das Bein, dann jagte er den Gartenweg rauf, runter und wieder rauf; ich starrte hinüber zu den Boisenbergs. Auf ihrer Veranda drängten sich Blumenkübel, Holzkisten, ein mit Zeitungen und Gläsern vollgepackter Tisch, der Wäscheständer, zwei Liegestühle. Mama sagte immer „Gesocks“ und schüttelte den Kopf, wenn sie in die Richtung schaute. Aber ich liebte diese Veranda, die sich über unsere nackte, blank gewischte Terrasse erhob wie eine Tulpe über tote Blätter, und ich vermisste den beruhigenden Anblick der Boisenbergs: Zwei gebeugte Alte, die in ihren abgetragenen Hausschuhen Arm in Arm über ihre Veranda schlurften und sich dabei gegenseitig Halt gaben.
„Es reicht. Komm zurück, Toxi. Mir wird kalt.“ Nachdem ich noch dreimal gerufen hatte, trabte er munter an und stolzierte mit seinen Matschpfoten über die Marmorfliesen. Die Abdrücke wurden mit jedem Schritt schwächer, dann verloren sie sich auf dem Perserteppich und Mamas Mahnung fiel mir ein:
„Lass Toxi ja nicht wieder mit dreckigen Füßen rein.“
Ich zuckte die Schultern und schloss die Tür. Wenn sie saubere Fliesen wollte, sollte sie hier sein und nicht durch die Gegend fahren und Häuser verkaufen. Mit gewohnter Sorgfalt schob ich Toxis Schälchen in die Mikrowelle. Kaum erstarb das Surren, winselte er. Ich rührte mit dem Finger um und er begann zu fressen, noch bevor ich die Schale auf dem Boden abgestellt hatte. Dann holte ich meinen Rucksack, breitete das Mathebuch auf dem Esstisch aus und setzte mich auf die Couch vor den Fernseher.
„Aber morgen machst du zuerst deine Hausaufgaben, verstanden?“, läutete es in meinem Kopf, ich drückte „Power on“. Wie ein Blitz schoss Toxi auf meinen Schoß und rieb sein braun-schwarz-weißes Fell an meinem Gesicht. Ich schaltete von Sender zu Sender, drückte „Power off“ und warf die Fernbedienung entnervt zur Seite – Stille, laut wie ein Panzer und von demselben matschigen Grau wie das Innere eines zertretenen Käfers. Nur die Uhr tickte, sie tickte nur, wenn ich allein war. Klack, Klack, Klack …, wie das Herz eines Riesen. Natürlich wusste ich, dass der Riese in der Wand wohnte. Würde er erwachen, bevor Mama heimkam?
Ich lief in die Küche zurück. Toxi blickte enttäuscht auf sein blank gelecktes Schälchen.
„Hier!“ Aus der Luft fing er sein Leckerli. Ich schmierte mir ein Nutellabrot und setzte mich damit an den Tisch zu meinen Hausaufgaben. War das Brot verdorben? Es schmeckte bitter wie Galle. Eine Mutter mit Kind an der Hand lief auf der anderen Straßenseite vorüber. Der Kleine deutete mit dem ausgestreckten Arm nach vorn und rief etwas, das ich nicht verstehen konnte. Autos fuhren vorbei, ein Lastwagen, zwei Jugendliche auf Motorrollern. Doch das Fenster dämpfte jedes Geräusch, grenzte das Leben dort draußen aus.
Nur ein Säuseln vom Motorheulen drang in mein Gefängnis durch – es war, als säße ich im Bauch eines Walfisches fest.
Mit einem Glas Saft kehrte ich zu meinem Mathebuch zurück, da brummte der Kühlschrank. Wenn Mama da war, summte er wie eine Biene, jetzt brüllte er wie ein ausgehungerter Bär. Kam das Geräusch wirklich vom Kühlschrank? Sicherheitshalber legte ich eine CD ein und holte Heft und Stift hervor.
„Du willst schon wieder raus?“ Toxi bellte und kratzte wie wild an der Terrassentür. „Eine Katze, verstehe.“ Ich öffnete ihm und er warf sich ins Freie. Mein Blick fiel auf die Veranda der Boisenbergs, auf die beiden Liegen umgeben von atmenden Erinnerungen ihres bewegten Lebens, „Gerümpel“, wie Mama es nannte. Die beiden Liegestühle standen dicht nebeneinander, so dicht, dass sich die Armlehnen berührten. Im Sommer hatten die Boisenbergs den ganzen Tag dort gelegen und im Schatten vor sich hin geträumt. Wie ich diesen vertrauten Anblick vermisste.
„Wird Zeit, dass der Schweinestall fortkommt – alles Sperrmüll.“ Mama legte die Hand auf meine Schulter. „Hast du es schon gehört? Man hat sie gefunden, die Boisenbergs, in ihrem Bett. Keinem ist ihr Fehlen aufgefallen.“ Mama zuckte geringschätzig mit den Schultern. „So, ich ess jetzt einen Happen, dann muss ich zu den Degünthers. Wird spät werden heute Abend. Aber du bist ja nicht allein, du hast ja den Hund.“
Ich öffnete den Mund, wollte sie bitten zu bleiben, sie anflehen, nicht zu gehen, nur ein einziges Mal, wenigstens heute, aber ich brachte keinen Ton heraus. Da fiel ihr Blick auf mein Matheheft.
„Hast du deine Hausaufgaben wieder nicht fertig? Was machst du denn den ganzen Tag, während ich mich abrackere?“
„Wärst du hier, dann wüsstest du es. Komm, Toxi, wir gehen Gassi, bis sie fort ist.“ Ich zog die Leine hervor – Toxi bellte begeistert –, riss die Jacke vom Haken und knallte die Tür hinter mir zu.




