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Windbruch

Es hatte geregnet und der Wald hat die Feuchtigkeit gierig aufgesaugt.
Jetzt ist er satt und dampft.
In die Mitte der Zweige laufen glänzende Wasserperlen, vereinigen sich und platschen auf die bemooste Walderde. Junge Sonnenstrahlen zerschneiden das Dickicht.
Auch die Vögel trauen sich wieder. Nach dem handfesten Krachen rufen sie vereinzelt aus sicheren Verstecken.

Vor dem Gewitter hatten wir Unterschlupf in einer alten Mühle gefunden. Jetzt machen wir uns weiter auf den Weg. Sie stellt ihren Stuhl an den Tisch, ich halte ihr die Jacke hin. Früher wäre mir das nicht eingefallen. Sie mag es, obwohl ihr Blick sagt: „ Tu doch nicht so!“
An der Tür strecken wir die Nasen in den Himmel wie junge Füchse, bevor sie das erste Mal den Bau verlassen.
Wir gehen in Richtung Stausee.
Es riecht nach den Säften des Waldes, erdig, harzig.

Nach dem endlosen Krieg, den beabsichtigten Missverständnissen und all den anderen Dingen, die am Ende einer Ehe das Leben zur Hölle machen, hatte ich ein Treffen vorgeschlagen. Es musste doch möglich sein, Kleinigkeiten zu regeln, ohne sich gleich anzubrüllen. Vielleicht bei einem Spaziergang, draußen, in der Natur.

Am Telefon wollte sie, dass Christian mitkommt. „Hast du Angst, dass ich dir was tue, oder was soll das?“ war ich herausgeplatzt und hatte danach keine Hoffnung, dass es noch stattfinden könnte.
Doch jetzt ist sie da. Lisa ist wirklich gekommen. Und allein.

Die Sonne räumt mit den Wolken auf. Ausgesprochen warm für Anfang Juni. Rechts im steil ansteigenden Unterholz lugen junge, noch grüne Heidelbeeren aus ihren Blätternestern, wilde Erdbeeren wiegen ihre blutroten Köpfe.
Ich kicke einen der Schottersteine vor mir her. Sie läuft ein ganzes Stück weiter. Ihr üppiges, hellbraunes Haar duftet mich an. Das kräftige Hinterteil schaukelt selbstbewusst.

„ Jonathan soll er heißen? - So heißt ein debiles glasiges Würstchen, dass bei jedem Wetter zu Hause bleiben muss, weil es sonst krank wird“, hatte sie gesagt, als ich ihr meinen Namenswunsch für unseren Sohn mitteilte. Das war unser erster Streit. Ich legte sie dann zum Spaß über’s Knie und malträtierte ihren Hintern so lange, bis wir vor Lachen nicht mehr konnten.
Wir nannten ihn dann wirklich Jonathan. Lisa ruft ihn aber immer nur Johnny. Bei den Mädchen hat sie die Namen ausgesucht. Für die mittlere Tochter Annabelle und für die kleine Arabella. Lisa mochte die Oper von Richard Strauss.

„Hörst du manchmal noch ’Arabella’?“, frage ich und habe ein Stück weit aufgeholt. Ohne Hass wäre heute der Gewinn. Ich müsste durchhalten, dürfte sie auf keinen Fall reizen.
Daraus soll Frieden werden, wegen der Kinder, auch wegen des Gefühls, nicht ganz gescheitert zu sein. Ich glaube, es geht ihr auch so.

Der langgezogene Spiegelstausee kommt in Sicht. Links ab vom Weg gluckert ein kleines Rinnsal, vorbei am dicken Violett des Fingerhutes hinunter zum Ufer. Dort wird es abrupt flach, und ein Heer von Schachtelhalmen versinkt langsam in den eiernden Wellen.

„Ja,“ sagt sie,“ ich geh’ jetzt wieder öfter mal ins Theater. Bringt mir viel“.
Ich denke an die Kinder. Mindestens ein halbes Jahr habe ich sie nicht gesehen. Jonathan hatte ich zum Sechzehnten ein paar Zeilen geschickt und nicht gewusst, was ich schreiben sollte. Die Pickel sind wahrscheinlich weniger geworden, und seine Stimme klingt männlicher.
Zwischen uns war schon länger Funkstille. Zu meinem Vater hatte ich eigentlich ein Leben lang Funkstille, deshalb finde ich das augenblicklich ganz normal.
Aber wir sollten es ändern.
Annabelle ist immer noch quirlig und unausstehlich. Jetzt ist sie zwölf und hat ihren ersten Liebeskummer hinter sich.
Arabella das ganze Gegenteil: etwas scheu und leise. Vielleicht zu leise? Hinter dem See verschwimmen die Fichtenwälle mit ihren noch hellen frischen Maitrieben und den schwarzgrünen Schwingen im Dunst. Es ist gegen fünf.

Weiß Lisa eigentlich, dass ich die Natur so liebe? Dass ich, wenn ich total frustriert war, schon als junger Kerl in den Wald gegangen bin oder an einen See, mich irgendwo hingehockt - möglichst da, wo sonst kein Mensch war - und alles hin und hergedreht hab’, bis es gepasst hat?
Ich glaube, dass Natur tröstet.
„Sag bloß, wir müssen jetzt hier hoch?“ Lisa stützt die Hände in die Hüften und bleibt vor dem nächsten Anstieg stehen.
„Ja, ja, die Städter! Halten nichts aus ! Verseucht, kümmerlich, entartet!“ frotzele ich.
„Tu doch nicht so! Sitzt die ganze Woche im Büro und redet wie ein Trapper“, sie schüttelt den Kopf, „Du fährst doch nur in den Wald, wenn du deinen Romantikkoller kriegst.“
Sie hat recht. Ich habe sie in diesen Zauberwald gelockt, weil ich sie sehen will, wie ich sie gesehen habe, bevor alles kurz und klein ging. Ich will sie noch einmal für mich haben, wie früher, obwohl mir klar ist, dass das nicht geht. Es gibt jetzt
höchstens was Neues, Anderes, aber dazu ist es noch zu früh.
„Fragen die Kinder nach mir?“ höre ich mich etwas ängstlich fragen und habe sie fast eingeholt.
„Natürlich fragen die Kinder nach dir, obwohl Christian sehr gut mit ihnen auskommt“.
Das musste ja kommen. Christian, der zart liebende Frauenversteher mit der Figur eines Zehnkämpfers und dem absoluten Draht zu Kindern in jedem Alter....

Es wird anstrengend. Wir laufen nebeneinander. Ich höre sie atmen. Atmen, wie ich sie Jahre atmen hörte, wenn wir miteinander schliefen. Wir waren einmal eins, jetzt sind wir zwei. Zwei Leute, die ohne Gericht, ohne Krieg die Besuchszeiten für ihre Kinder regeln müssen.
Wir kommen ins Schwitzen, japsen jämmerlich, freuen uns auf den Blick von der Anhöhe.

Oben angekommen plötzlich ein anderes Bild.
Abgeknickte Bäume, mitten durchgebrochen oder gesplittert. Gekippte Wurzeln greifen ins Leere. Verwüstung, Zerstörung auf was weiß ich wie viel Hektar.
Auch Lisa steht mit offenem Mund davor. Eingeschüchtert trotten wir zu dem Stapel Holz am Rand der Katastrophe und setzen uns.

Wir haben beide denselben Gedanken.

In dem Moment schießt ein Monstrum auf uns zu. Mannshohe Räder spritzen den Matsch an die umstehenden Fichten. Ich ziehe Lisa zu mir hin, werfe meine Jacke um ihre Schultern, habe sie im Arm.
Zwei mächtige Stämme hat der eiserne Riese im Schlepptau. Der Fahrer grinst, freut sich wohl, dass er uns erschreckt hat.
„Wir arbeiten hier schon über ein Vierteljahr, um den Wald nach dem Wirbelsturm im Januar wieder aufzuräumen,“ sagt er, nachdem er den dröhnenden Motor abgestellt hat und aus dem Führerhaus gesprungen ist. Er zeigt auf kleine Buchen und Fichten, die sich aus dem aufgerissenen Boden ans Licht drängen. Dann sieht er in unsere fragenden Gesichter: „Der Wald wird wieder, aber man muss ihm dabei helfen!“ sagt er.

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