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Das Geschenk

Schlimmer noch als die Kälte war der Gestank. Aus der Decke, die mein enges Gefängnis auskleidete, drang eine beißende Wolke, die meine Nase wund und mich benommen machte. Kein Schimmer drang durch die Finsternis. Leise wimmernd lag ich da und ließ die Stunden an mir vorüberziehen. Erinnerungsfetzen waberten durch mein schwindendes Bewusstsein. Erinnerungen an etwas Warmes. An jemanden, der nach Liebe duftete. Schlagartig war diese Idylle zerstört worden. Grobe Hände hatten mich in eine schmale Kiste gesteckt, dann war ich zu furchtbarem Gepolter herumgeschleudert worden, worauf diese endlose Stille folgte.

Da lag ich nun und spürte zu allem Übel auch noch einen nagenden Schmerz in meinen Eingeweiden: Ich hatte Hunger in dieser appetitlosen Situation.

Plötzlich schreckte ich aus meinem umnebelten Dösen hoch. Die Welt wackelte, ich schien samt meiner traurigen Lagerstatt hochgehoben zu werden. Ich krallte mich an der stinkenden Decke fest. Von einer Sekunde auf die andere brach die Hölle los. Tausende Lampen blendeten mich. So sah ich die Gestalten kaum, die mich umringten, aber ihr Gebrüll war Furcht einflößend genug.

„Frohe Weihnachten!“, dröhnte die tiefe Stimme, die ich meinem Kerkermeister zuordnen konnte. Aus dem durchdringenden Gekreische, das daraufhin von zwei kleinen Menschen folgte, filterte mein empfindliches Gehör: „Papa, Papa, das ist ja ein Hund! Ein richtiger Hund!“

Kneifende Finger grapschten nach mir, zerrten an meinem Fell und drohten mich auseinanderzureißen. Dazu die endlose Kakophonie des Menschenwelpengeschreis:

„Gibihnher – Neinergehörtmir – Lasslosblödekuh!!!“

„Er stinkt“, stellte eine vierte, etwas leisere, doch nicht weniger schneidende Stimme fest. „Nach Benzin! Du hast ihn doch wohl nicht auf die alte Autodecke gesetzt?!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verkündete die weibliche Stimme: „Wir müssen ihn erst baden, Kinder!“

Die darauffolgenden Minuten ließen mich wünschen, wieder in der muffigen, kalten Kiste zu liegen. Ich wurde von unzähligen Händen in einen riesigen Bottich mit einer warmen Lauge gestoßen, die in meinen Augen brannte und scheußlich schmeckte. Je mehr ich strampelte, um nicht darin zu ertrinken, desto fester drückten sie mich unter Wasser und schrubbten unsanft an meinem Fell. Danach wickelten sie mich in ein Tuch und setzten mich unter einen eigenartigen Baum in ihrem Wohnzimmer. Er leuchtete und war mit gläsernen Bällen behängt. Doch nach den Strapazen der letzten Stunden nahm ich nicht an, dass ein lustiges Spiel dahinter stecken könnte.

„Paul, du hättest das mit mir absprechen müssen!“, zischte die Frau dem Mann ins Ohr, als die Kinder damit beschäftigt waren, an meinen Ohren zu ziehen. „Hast du wenigstens Futter für den Köter besorgt?“

Das darauf folgende Schweigen verriet, dass der Angesprochene nicht damit gerechnet hatte, meine Spezies könnte etwas zu fressen brauchen. „Reg dich nicht auf, Schatz! Von der Gans ist noch genug da! Hunde fressen doch Fleisch.“ Und zum ersten Mal an diesem Tag roch meine Nase etwas Wunderbares. Ich hatte nicht geahnt, dass etwas so köstlich sein konnte. Mein knurrender Magen befahl mir, nicht früher mit dem Fressen aufzuhören, bis auch der letzte Krümel aus der Schüssel getilgt war.

„Kevin, Nele, Schlafenszeit!“ Die zweite Wohltat dieses furchtbaren Tages: Die Kinder wurden in einen anderen Raum gebracht und mir legte man eine Decke unter den großen, bunten Baum. Über dem Streiten der Eltern schlummerte ich schließlich ein...

... Um kurz darauf von einem stechenden Schmerz in meinem Bauch geweckt zu werden. Krämpfe zerrissen meine Eingeweide, als ich würgend den Weihnachtsbraten wieder von mir gab. Gleichzeitig meldete mein Darm das gleiche Verlangen an. Die Übelkeit alleine hätte meiner jungen Hundeseele schon genug zugesetzt, doch gleich darauf erzitterten die Wände unter einem Schrei der Frau, der mich ahnen ließ, woher ihre Kinder das Talent zum Lärmen hatten.
„PAUL!!! Er hat den Perserteppich ruiniert, den uns meine Eltern zur Hochzeit geschenkt haben!“ Eine Hand packte mich am Nackenfell, hob mich daran hoch und setzte mich in eisiger Kälte vor dem Haus ab.

Nach einer Zeit, die mir vorkam wie Stunden, und die mich zu einem zitternden, willenlosen Fellknäuel verwandelt hatten, wurde ich wieder gepackt und in einen Raum gebracht, der nach den Fellen der Menschen roch, nur um ein Vielfaches intensiver. Meine Decke lag auf dem kalten Fußboden. Dann wurde es dunkel und ich war alleine.

Die folgenden Tage waren die Hölle. Die Zweibeiner bezeichneten sie als Weihnachtsfeiertage. Frühmorgens kamen die Kinder angetrampelt, zerrten an mir herum, zogen mir lustige Kleidchen an und banden mir Schleifen an die Ohren. In der Zwischenzeit hatten sie mir den denkbar unpassendsten Namen gegeben: Felix. Denn glücklich war ich keineswegs, wenn sie mich an einem Strick, der mir die Luft abschnürte, durch die Wohnung zogen. Meine Vorderpfoten schmerzten, weil Kevin mir gewaltsam etwas beibringen wollte, das „Männchen machen“ hieß. Begleitet wurde das alles durch die anhaltende Übelkeit. Das Menschenfutter schmeckte zwar lecker, doch schien es meinen Magen zu verätzen. Aber die Familienmitglieder versicherten mir, es sei meine Schuld, dass ich ihre Speisen nicht verdauen konnte, indem sie mich nach jedem Malheur, das mir passierte, mit der Nase in meine Exkremente drückten und mich daraufhin in den eisigen Garten verbannten.

Ich hatte aufgehört, die Tage meiner Tortur zu zählen. Meine Nase fühlte sich heiß und trocken an, mein matter Körper schrie nach Schlaf und ich dankte dem Großen Wolf im Himmel, als die Kinder eines Morgens an einen Ort geschickt wurden, den sie Oma nannten. Ich sank gerade in einen wundervollen Traum, in dem ich mich mit meinen Geschwistern an das warme Fell meiner Mutter schmiegte und ihre köstliche Milch trank. Mein Vater baute sich dabei beschützend im Flur vor unserem Zimmer auf. Ich sah deutlich vor mir, wie der quirlige, hellbraune Labrador jeden Besucher anknurrte, der uns zu nahe kam. Sein Knurren wurde lauter und schwoll an zu einem ohrenbetäubenden Gebrumm. Unsanft wurde ich in die Realität zurückgerissen. Ein Furcht erregendes Geschöpf raste röhrend auf mich zu, um mich zu verschlingen. Panisch rannte ich, so schnell mich meine schwachen Beine trugen, in die andere Richtung, verfing mich in den seltsamen Schnüren des Baums, mobilisierte jedoch im Kampf um mein Leben die letzten Kräfte. Etwas gab nach, ich verspürte einen Luftzug. Darauf folgte ein Knall. Die Glasbälle splitterten, als der Baum auf den Boden aufschlug und mich um Haaresbreite verfehlte.

„Das Vieh hat den Baum umgerissen, während ich Staub saugte“. Eine gefährliche Ruhe war eingekehrt. Die beiden Menschen blickten auf mich herab, dann auf den Baum. „Sperr ihn in die Waschküche, für heute hat er genug angerichtet.“ Obwohl die Stimme der Frau leise war, sträubte sich mein Fell und ich zog unwillkürlich den Schwanz ein.

Abends waren die Kinder zurück. „Mama, Felix ist langweilig!“, krähte Nele. „Er soll was Lustiges machen!“, beschwerte sich auch Kevin. Ich fühlte mich im wahrsten Sinne des Wortes hundeelend und fragte mich, ob es wohl lustig genug wäre, wenn ich sterben würde.

„Schatz, was ist mit dir, bist du krank?“ Endlich erkannte jemand meine Qualen! Aber nein, die Frau lief an mir vorbei, auf Nele zu. Die Augen des Mädchens waren rot verquollen und ihre Nase war feucht, so wie ich es mir für meine gewünscht hätte. Dazu hechelte sie, als hätte sie eine Katze aus dem Revier vertreiben müssen.

Am nächsten Tag wendete sich mein Schicksal. Besser gesagt, es schlug eine neue grausame Richtung ein. Die Mutter verkündete mit ihrer Schicksalsstimme: „Der Hund muss weg. Nele hat eine Hundeallergie“. Mein Dasein wurde durch ein neues Wort bereichert. Nun wusste ich auch, was mich krank machte: Ich hatte eine Menschenallergie.

Wieder einmal wurde ich an meinem bereits furchtbar ausgeleierten Nackenfell gepackt, in den dunklen, stinkenden Teil ihrer fahrbaren Hütte gesperrt und unter Schaukeln, Rumpeln und Getöse weggebracht.

Ich war im nächsten Kreis der Hölle gelandet. Ich fand mich auf einem matschigen, niedergetrampelten Rasenstreifen wieder, auf dem schon viele Zweibeiner ihr Geschäft verrichtet hatten. Mit einer Schnur fest an einen Baum gebunden, saß ich da in eisiger Kälte. Jenseits des Busches vor meiner Nase donnerten unendlich viele stinkende Ungeheuer vorbei.

Die Stunden verstrichen. Oder waren es Tage? Bald spürte ich die Kälte und den Hunger kaum mehr. Eine bleierne Müdigkeit überkam mich. Ich wurde hinabgezogen in einen Nebel, der versprach mich zu wärmen...

Plötzlich drang eine Stimme in mein Bewusstsein, Hände berührten mich. War Paul, der Familienvater, zurückgekehrt? Ich hatte keine Kraft mehr, um Panik zu empfinden. Langsam lichtete sich der Nebel, ich schwebte, nein ich lag in den Armen eines Menschen. Er war warm und roch gut.

„Wer hat dir das bloß angetan, mein Kleiner? Komm, ich bring dich hier weg.“ Er setzte mich in den Innenraum eines riesigen Autos.
„Musst keine Angst haben. Du zitterst vor Kälte ja am ganzen Leib, warte.“ Der Mensch zog seine Jacke aus und bettete mich hinein. Ich wusste nicht, ob ich träumte oder ob ich schon tot war. „Ich bin übrigens Charly. Jetzt bringen wir dich erst mal zum Tierarzt, dann bekommst du was Ordentliches zu fressen – siehst aus, als könntest du’s gebrauchen -, und dann machen wir dir ein schönes warmes Bett. Meine Frau wird dich wohl ganz schön verhätscheln“, er lachte auf. „Aber du scheinst es dir redlich verdient zu haben, du Ärmster!“ Die Worte rieselten behaglich auf mich herab. Ich kannte ihre Bedeutung nicht, doch Charlys Stimme war wie warme Milch. Langsam kehrten meine Sinne zurück und mein Zittern ließ nach. Ich kuschelte mich tiefer in die Jacke. Mein letzter Gedanke, bevor ich seufzend in einen wohltuenden Schlaf fiel:

Vielleicht war ich doch nicht gegen alle Menschen allergisch.

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