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Der schwarze Kater
von Achim Leidig
Meine Jugendjahre verbrachte ich in einem kleinen, verträumten Dorf auf dem Land. Das Haus meiner Eltern stand einen kräftigen Steinwurf vom Waldrand entfernt, umgeben von gerade wachsenden Haselnusssträuchern und Wiesen voller Klee und Löwenzahn. Mit uns lebte dort auch eine Schar Tiere, immer gab es etwas Zwitscherndes, Gackerndes oder Bellendes, das es zu versorgen galt. Natürlich gaben wir Kinder jedem Geschöpf auch einen Namen. Der Bemerkenswerteste unserer vierbeinigen Besucher blieb jedoch namenlos.
Auf dem schmalen, von einer niedrigen Backsteinmauer umgebenen Treppenabsatz vor unserer Haustür standen einige abgenutzte Plastikschalen. Hier füllten wir täglich frisches Wasser und Trockenfutter für unsere Hauskatzen nach. An einem sonnigen, aber windigen Tag im August schickte ich mich an, dieser Pflicht nachzukommen. Da sah ich ihn zum ersten Mal.
Es war ein großer schwarzer Kater. In angespannter Haltung, halb geduckt und völlig reglos, kauerte er vor den fast leeren Schüsseln und starrte mich an. Seine weit geöffneten Augen schimmerten wie altes Messing. Er war beängstigend hager, sein struppiges Fell war an vielen Stellen buckelig und glänzte in der Morgensonne wie frisch gebrochene Kohle. Der Schwanz wies in der Mitte einen seltsamen Knick auf. Von einem Ohr fehlt ein großes Stück, von dem anderen sah man nur noch dünne Fetzen. Mir stockte der Atem. Das war keine von den üblichen Streichelkatzen – vor mir hockte ein Tier aus der Wildnis. Ich überlegte noch, wie ich sein Zutrauen gewinnen könnte, da huschte er ohne einen Laut die Treppe hinunter und verschwand in den Büschen. Doch in den nächsten Tagen kam er immer wieder.
„Fasst den nicht an, der hat bestimmt Zecken“, hatte unsere Mutter gewarnt. Trotzdem hielt ich täglich nach ihm Ausschau. Mit viel „Tststs“ und „Miezmiezmiez“ und jedem Köder, der mir einfiel, versuchte ich, ihn zu locken. Als er mir dann tatsächlich eines Tages ins Haus folgte, klopfte mir das Herz in der Brust vor Stolz.
Der Kater war misstrauisch. Nach jedem Schritt verharrte er und musterte die beengenden Räume mit argwöhnischem Blick. Er mied die freie Mitte des Zimmers und schlich an der Wand entlang, als sei er auf der Jagd, stets in die Nische unter der Heizung, in den Winkel bei der Eckbank oder eine andere Deckung gedrückt. Schließlich ließ er sich unter dem Küchentisch im schützenden Dickicht der Stuhlbeine nieder.
Ich ging sachte neben ihm in die Knie. Er stank nicht, stattdessen brachte er eine eigentümliche Mischung aus verschiedenen Gerüchen ins Haus. Da war ein Aroma, wie ich es aus dem alten Holzlagerschuppen hinter dem Haus kannte, dazu trockenes Heu und frisch geschnittenes Gras und die kühle Frische, die man im Ostwind ausmachen konnte, wenn man am Morgen sehr früh ins Freie trat.
Nicht ohne ein mulmiges Gefühl im Magen streckte ich ihm den Handrücken hin. Er schnupperte prüfend und drehte dann den Kopf weg. Ich betrachtete diese Geste als Zustimmung und wagte, ihn vorsichtig zu streicheln. Sein Fell fühlte sich ganz anders an als das unserer Hauskatzen, beinahe hart, als habe man einen dünnen Pelz über einen langen, schmalen Stein voller Ecken und Kanten gelegt. Die zottigen Höcker stammten nicht von Parasiten - es waren dutzende unregelmäßig verheilte Narben, raue Abzeichen zahlreicher territorialer Kämpfe.
Es sollte der Tag sein, an dem ich ihn zum letzten Mal sah. Nur für einen kurzen Moment verließ ich den Raum und holte aus dem Lagerschrank im Flur einen Leckerbissen für unseren Gast. Als ich zurückkehrte, schien es, als habe er sich nicht von der Stelle gerührt. Doch neben ihm lag nun eine winzige, leuchtend gelbe Feder.
Ich wusste sofort, was das bedeutete, konnte es aber nicht glauben. Eine immer offen stehende Schiebetür führte von der Küche ins Esszimmer. Dort hing an der Wand ein Käfig, in dem wir zwei Kanarienvögel hielten. Einer der beiden kränkelte erbärmlich, und obwohl wir für ihn taten, was wir konnten, gaben wir ihm nicht mehr lange zu leben. Und jetzt war er verschwunden. Das gesunde Tier drückte sich in eine Ecke und sah mich aus schwarzen Knopfaugen ängstlich an, seine Brust flatterte hektisch. Die Käfigtür war nicht ganz geschlossen.
Ich konnte mir nie erklären, wie das in den wenigen, unbeobachteten Augenblicken möglich gewesen war. Es heißt, Katzen könnten den Tod voraussehen, doch der ungezähmte schwarze Kater brachte ihn gleich mit. Als ich zurückkehrte, war unser Besucher aus der Wildnis nicht mehr da.
Das Urteil der Jury:
Dem Autor gelingt mit der Einbettung in eine ungewöhnliche Situation das Beschreiben einer sinnlich wahrnehmbaren, nicht-sprachlichen Wirklichkeit. Der Kater wird in sehr differenzierter Sprache und einer Vielzahl von eigenwilligen Vergleichen und Attributen wie „mit Wörtern gemalt“. So entsteht sein Bild nicht nur vor dem inneren Auge des Lesers, sondern mit großer Empathie wird aus der Perspektive des Kindes die komplexe kommunikative Funktion des Tieres deutlich. Bedeutsam wird die innere Oberfläche, die üblicherweise unserem Blick entzogen ist.



