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Herbsttage
Von Andreas Hagedorn
Das Durcheinander in seinem Kopf hatte ihn aus dem Schlaf getrieben. Eine Weile lauschte er dem leisen Atem seiner Frau und fühlte die Wärme ihres eng an ihn geschmiegten Körpers.
An diesem Morgen konnte er Irinas Nähe nicht ertragen. Behutsam schob er ihren Arm zur Seite, schlug vorsichtig die Bettdecke zurück und stahl sich aus dem Schlafzimmer. Er zog seinen Morgenmantel über und blickte in den Spiegel. Den bohrenden Augen, die sich gegen gerichtet hatten, konnte er kaum standhalten. Seine Finger fuhren durch den Haaransatz, der bald täglich mehr von seiner Stirn preiszugeben schien. Er schmeckte den bitteren Geschmack in seinem Mund, öffnete den Wasserhahn, formte mit den Händen eine Mulde, steckte sein Gesicht in das kalte Wasser und sog mit den Lippen seine Mundhöhle voll. Gurgeln, spülen - die Bitterkeit blieb. Noch ein Mal ließ er die Mulde volllaufen, schleuderte das Wasser in sein Gesicht, rubbelte die Haut trocken und schlich ins Wohnzimmer.
Sie hatte ihn geküsst, - plötzlich - unerwartet. Mit vielem hatte er gerechnet, damit nicht. Den ganzen Abend hatten sie nebeneinander gesessen und liefen nach der Betriebsfeier gemeinsam nach Hause. Er wollte sie nur einmal in den Arm nehmen, blieb stehen, zögerte - dann plötzlich ihre Lippen auf seinem Mund. Er spürte ihr Knabbern an seiner Unterlippe, das Spiel ihrer Zunge, die erst vorsichtig tastend an seinen Zahnreihen entlang fuhr und dann leidenschaftlich seine Zungenspitze umspielte. Eine Weile standen sie fest umschlungen, dann kroch langsam die feuchte Herbstluft unter ihre Kleider und sie gingen Hand in Hand, blieben immer wieder stehen, küssten sich, schließlich erreichten sie Valeskas Wohnung. Leise hauchte er seinen Atem über ihren Handrücken, nahm ihren Kopf und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht.
„Wir können nicht, wir dürfen nicht.“
„Ich weiß“, sagte sie und öffnete die Haustür.
Er hörte das Rauschen der Toilettenspülung, Irina war aufgestanden. In Gedanken sortierte er seine zurechtgelegten Erklärungen.
„Morgen“, sie drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Du warst spät letzte Nacht.“
„Erst mal so tun, als ob nichts gewesen ist…“ Er versuchte, aus dem Klang ihrer Stimme auf ihre Gemütslage zu schließen.
„Kaffee?“ Sie nahm den Espressokocher, klopfte mit kräftigen Schlägen den Kaffeesatz in die Mülltonne und spülte das Sieb.
„Bitte“, sagte er und überlegte, wie er ein Gespräch in Gang bringen konnte. Sein Blick wanderte zum Fensterbrett. Der Bonsai, den er ihr zum fünften Hochzeitstag geschenkt hatte, verlor seine Blätter.
Lange schon träumte Irina von einem eigenen Zuhause. In der Silvesternacht hatte er versprochen, mit ihr eine Eigentumswohnung zu kaufen. Sie blätterte in den Annoncen der Samstagszeitung.
„Was hältst du davon? Sanierter Altbau in Toplage…“
Das Wort Altbau war eine klare Kampfansage, schien sie etwas zu ahnen?
„Sogar mit Kachelofen“, kein Zweifel, sie suchte Streit.
Er musterte den kleinen Pigmentfleck über ihrem linken Wangenknochen. Irina war immer noch eine schöne Frau. Sie war ihm tief vertraut und doch schien sie nicht mehr die Frau zu sein, in die er sich an jenem Samstagmorgen in seinem Lieblingscafé aus dem Augenblick heraus verliebt hatte. Unglaublich und amüsant war der Moment der ersten Begegnung, deren Bilder ihm gerade wieder klar vor Augen erschienen:
Wochenende, Schmuddelwetter: Ich eile die Engässerstraße hinunter, das Café Zimtstübchen liegt hinter einem dichten Regenschleier. Hastig öffne ich die Tür, entgehe gerade der nächsten Windböe. Mist! Mein Platz auf dem Sofa neben dem Klavier ist besetzt - eine hübsche Frau, der Sessel gegenüber ist noch frei - warum nicht?
Sie liest - ein gutes Zeichen.
„Darf ich mitlesen?“, frage ich und entziffere den Buchtitel: „Der Vorleser“. Ich grinse. Ihr Lächeln, bezaubernd und wunderbar schüchtern, ihre Augen blau, ein einziges Blau, fliegen unsicher hin und her, die Frau: einfach faszinierend.
„Ja gern“, hinreißend weich klingt ihre Stimme.
Ich setze mich, ziehe mein Buch aus der Tasche: Es ist „Der Vorleser“ - beide prusten wir los.
Daraus wurde ein Ritual: Samstags frühstückten sie im kleinen Cafe um die Ecke, hockten auf dem gemütlichen Ledersofa, lasen das gleiche Buch und forderten sich durch eigenwillige Interpretationen heraus. Zäh rang jeder um das bessere Argument.
Ihre Schüchternheit, ja ihre fast kindliche Verlegenheit war es, in die er sich damals augenblicklich verliebt hatte. Sie schien ihm wie ein verschütteter Schatz, der gehoben werden wollte und er spürte ein unbändiges Verlangen, ja eine magische Anziehungskraft, alles aus ihr heraus zu lieben, was in ihr verborgen schien.
„Helle 4-Zimmer-Maisonette in City-Nähe.“ Ihre Augen blickten über den Zeitungsrand und fixierten ihn. „Blau, ein einziges Blau.“
Anfangs war seine Rolle in ihrer Beziehung deutlich umrissen, er war Ratgeber, Beschützer, machte Mut, wenn sie zauderte, tröstete, wenn sie an Selbstzweifeln erstickte, suchte und fand Lösungen, wenn sie mal nicht weiter wusste. Aber in letzter Zeit war Irina befremdlich selbstständig geworden.
„Der Besichtigungstermin ist heute Abend, du könntest zur Abwechslung mal wieder früher nach Hause kommen.“ Aus dem Blau stach etwas Prüfendes.
„Rufst du mich an, wegen der Besichtigung, meine ich?“
„Natürlich, am Mittag sage ich dir Bescheid.“
Er drückte ihr einen schnellen Kuss auf die Wange und wollte flüchten - endlich.
Das war kein Kuss! Sie machte es ihm nicht leicht.
Mechanisch stellte er die Aktentasche auf den Boden, nahm sie in den Arm und improvisierte Leidenschaft, dann eilte er aus dem Haus.
Zügig fuhr er aus der Hofeinfahrt, nahm einem alten Golf fast die Vorfahrt, das empörte Hupen rüttelte ihn kräftig durch. Der Wind trieb das erste Laub durch die Straßen, wie immer bei schlechtem Wetter war viel Verkehr in der Stadt. Auf dem Zubringer standen die Rückleuchten dicht an dicht. Er hatte keine Eile, ins Büro zu kommen, hoffentlich hatte keiner der Kollegen etwas bemerkt.
Valeska und er arbeiteten seit sechs Monaten zusammen. Anfangs übersah er ihre Blicke, ihr Lächeln, ignorierte das Aufschütteln ihres Haares, wenn er den Raum betrat und missachtete die Bewegung ihrer Hände, die nervös mit einer Strähne spielten und immer wieder durch das lockige Haar fuhren. Später, wenn sie wieder und wieder ihren schmalen Silberring mit dem quadratischen blauen Stein vom Finger zog, fingen seine Augen ihren Blick. Er begann sie zu necken, sie scherzten, unmerklich wurden seine Arbeitstage länger.
Eigentlich war nicht viel passiert, nur einige Küsse und Umarmungen, sicher hatte Valeska auch nachgedacht.
Aus dem Wagen neben ihm lächelte ihn eine junge Frau an. Instinktiv lächelte er zurück.
Es war etwas passiert! Sehr viel sogar und er spürte sein Verlangen nach mehr.
Die Hände der jungen Frau klopften rhythmisch aufs Lenkrad, wieder lächelte sie zu ihm herüber, er nestelte an seiner Krawatte.
Was machte seine Ehe eigentlich aus? Was war aus den Träumen seiner Beziehung geworden? Es ging ihnen gut, finanziell jedenfalls, aber sonst…
Da waren die vielen kleinen und großen Wunden, die sie einander zugefügt hatten, die, obwohl verkrustet, nicht richtig heilen wollten. Da war die Routine ihrer Sexualität, die keine Spontanität mehr kannte und deren Öde zu einem unausgesprochenen Tabu geworden war. Da war der hässliche Streit im Urlaub vor zwei Jahren, als sie ihm vorwarf, den gemeinsamen Kinderwunsch immer dem nächsten Karriereschritt zu opfern und er ihr entgegen schleuderte, dass sie als Nichtstudierte eben nicht seine Möglichkeiten hatte. Wortlos hatte sie sich herumgedreht und beide hatten nicht mehr darüber gesprochen. Zwei Monate später erfüllte sich Irina ihren lang gehegten Traum und begann mit ihrem Fernstudium: Journalismus. Sie, die nie Karriere machen wollte, sprach plötzlich von Redaktionsleitung und Verlagswechsel. Seitdem kämpfte ihre Gemeinsamkeit ständig gegen Prüfungstermine und Wochenendseminare: Irina war ihm fremd.
An der Kreuzung Friesenallee / Ecke Kurt-Schumacher Straße war die Ampel ausgefallen. Mit ausladenden Bewegungen ordnete ein Polizist das entstandene Chaos. Die junge Hübsche im Wagen neben ihm schenkte ihm einen letzten Blick, dann bog sie ab.
Wer war Valeska Dohmen? Was faszinierte ihn an dieser Frau? Sie war Sachbearbeiterin in der Personalabteilung und betreute seinen Fachbereich. Sie war zwölf Jahre jünger, hübsch, hatte ein bezauberndes, schüchternes Lächeln, schien ihn zu bewundern und hatte ihn in der letzten Nacht geküsst. Tagsüber war sie ständig in seinem Bewusstsein und nachts in seinen Träumen. Wenn Irina und er sich liebten, verloren sich seine Gedanken an sie und wenn er Irina küsste, sehnte sich seine Lippen nach ihr, es gab keinen Zweifel: Er, Harald Wenigmann, hatte sich verliebt.
Ein Pfiff schrie über die Kreuzung, der Polizist winkte mit heftigen Bewegungen in seine Richtung. Sein Wagen schoss über die Kreuzung.
Mit Valeska könnte alles neu beginnen. Noch einmal von vorn anfangen, aus der Wüste seines Lebens flüchten, wieder Leidenschaft spüren. Sie schien ihm wie ein ungeschliffener Kristall, den er zum Leuchten bringen würde.
Er erreichte das Firmengelände. In den Scheiben des Verwaltungsgebäudes spiegelte sich das trübe Novemberlicht. Hinter dem Fenster im dritten Stock arbeitete Valeska. In seinem Bauch kribbelte es.
Der Parkplatz war fast voll besetzt. Er kurvte einige Mal durch die Reihen, dann quetschte er seinen Wagen in die letzte verbliebene Lücke.
Beim Mittagessen teilte ihm Valeska mit, dass sie nachgedacht hatte.
Er verabredete mit Irina den Besichtigungstermin für die Wohnung um 19:00 Uhr.
Die Wohnung war, wie er es sich immer erträumt hatte. Auf dem Fenstersims verlor der Bonsai sein letztes Blatt.
Das Urteil der Jury:
"Eine ambitioniert erzählte Geschichte mit überzeugenden, ja, sehr guten Passagen. Andere Stellen sind jedoch zu plakativ und unspezifisch."



