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Ehrenmord

Von Annegret Achner

Es war bereits völlig dunkel in der kleinen Parkbucht beim Straßenbahndepot in Gröpelingen. Der prasselnde Herbstregen wurde vom Wind gegen die Scheibe gedrückt, so dass große Placken Wasser die Sicht auf die ankommenden Bahnen verwischte. Ahmad hauchte auf seine erstarrten Hände und kroch noch tiefer in seinen Mantel hinein, um sich gegen die Kälte zu schützen. Den Motor laufen zu lassen, Heizung und Scheibenwischer anzuschalten, traute er sich nicht. Er wollte nicht unnötig auf sich aufmerksam machen. Er schaute auf das Leuchtzifferblatt seiner Armbanduhr: kurz nach sieben. Die Straßenbahn der Linie 3 aus der Bremer Innenstadt musste in ein paar Minuten ankommen. Ungeduldig fuhr er mit dem Handrücken über die beschlagene Frontscheibe. Die Lichter der vorbeifahrenden Autos blendeten ihn und er kniff die Augen zusammen. Er wartete. Angespannt.

Wie Ahmad das alles hasste. Seine Eltern, seinen Bruder, sich selbst. Schon ehe er morgens die Augen aufschlug, hasste er die vollgestellte kleine Wohnung, das Klappbett im Wohnzimmer, auf dem er nachts schlief. Er hasste die Geräusche der sich streitenden Geschwister, die klagenden Seufzer seiner in der Küche herumwuselnden Mutter, den Befehlston seines Vaters, der im Fernsehsessel sitzend seinen Tee verlangte und darauf wartete, dass seine Kinder ihm ehrfürchtig die Hände küssten.

Er hatte ja alles so satt. 22 Jahre war er alt. Er war der Abi, der Älteste, aber er wohnte immer noch zu Hause. Konnte er dafür, dass er so klein und zierlich war, dass er nicht wie sein 19-jähriger Bruder einen Türsteherjob bei der Disco bekam, der ihm erlaubt hätte, wenigstens nachts der Wohnung fernzubleiben? Aber wenn er ehrlich war, eigentlich hatte er sich vor Gewalt schon immer gefürchtet. Er hatte von klein auf versucht, den Vater zufrieden zu stellen und den Schlägen auszuweichen, vor denen die Mutter ihn auch nicht geschützt hatte, als er noch ein Kind war. Aber sie war ja selbst das hilflose Opfer einer archaischen Tradition, die zulässt, dass 16-jährige Mädchen in Anatolien verkauft und mit einem ihnen völlig unbekannten Mann verheiratet und nach Deutschland geschickt werden, um der Familie Söhne zu gebären.

Nein, von ihrer Seite war keine Hilfe zu erwarten gewesen. Und sein Vater war enttäuscht, dass sein ersehnter Erstgeborener so ein Weichling war. "Heulsuse", " Mädchen", wie oft hatte er als kleiner Junge den Spott seiner Onkel und Cousins über sich ergehen lassen müssen. Und es wurde auch nicht besser, als er in die Schule ging. Das Lernen machte ihm anfangs Spaß, er kam gut mit, sprach recht gut Deutsch. Aber als er immer mehr von der Straßenclique gehänselt und als "Streber" und "Schwuli" beschimpft wurde, da hatte er versucht, sich anzupassen, hatte nach und nach aufgegeben, seine Hausaufgaben zu machen und für die Klassenarbeiten zu lernen. Auch die Lehrer hatten ihn enttäuscht fallen lassen.

Er hatte sich bemüht, an den Raufereien teilzunehmen, ging mit auf Diebestour in der Fußgängerzone, beschimpfte deutsche Mädchen als "Huren" und schrie "Nazi" und "Faschist", wenn man ihn zur Rede stellte. Aber es hatte ihm keinen richtigen Spaß gemacht.

Von früh auf hatte er dem Vater helfen müssen im Gemüseladen und war herumkommandiert und beschimpft worden. Und dann war er von der Schule abgegangen ohne Hauptschulabschluss, ohne Aussicht auf einen qualifizierten Job, ohne die Chance, sich abzunabeln und sein eigenes Leben zu führen. Er hatte es mit 1-Euro-Jobs versucht, mit Gartenarbeit im Bürgerpark, weit genug von Gröpelingen, seiner Familie und seiner Gang entfernt. Man hatte ihn trotzdem gesehen, wie er Laub zusammenharkte. "Machst Drecksarbeit für die Deutschen?", hatten sie gehöhnt. "Für nur
einen Euro? Lohnt sich doch gar nicht!"

Schon beim ersten Drogendeal war er erwischt worden. Und der Vater hatte getobt und auf ihn eingeprügelt, als die Polizei gegangen war. Es hatte Schläge gehagelt, bis seine kleine Schwester sich schreiend dazwischengeworfen hatte. Ja, die kleine Gülay, sieben Jahre jünger als er, die liebte er wirklich. Mit ihr hatte er gespielt, als sie klein war, hatte es genossen, wenn sie vertrauensvoll zu ihm gelaufen kam. Aber auch das hatte nur für Spott und Verachtung gesorgt. Sogar die Mutter war empört. Mit kleinen Kindern zu spielen, das war keine Aufgabe für einen Mann. Eine Schwester musste bewacht und kontrolliert werden, dass sie keine Schande über die Familie brachte.

Und deshalb saß er hier im Auto auf diesem dunklen Parkplatz und wartete auf Gülay. In der Moschee hatte man seinem Vater gesagt, seine Tochter treibe sich herum, seine Tochter sei eine Hure. Sie beflecke die Ehre der Familie. Wutschnaubend war der Vater nach Hause gekommen. "Wo ist Gülay?", hatte er gebrüllt und ausgerechnet ihn, Ahmad, ihren großen Bruder, beauftragt, sie zu suchen, sie zur Rede zu stellen.

Natürlich wusste er, dass sie das Kopftuch abstreifte, wenn sie das Haus verließ. Lachend schüttelte sie ihre langen schwarzen Locken, wenn sie mit ihren Schulfreundinnen zusammen war. Sie war eine gute Schülerin, beliebt bei den Klassenkameradinnen. Ihre Busenfreundin war Tanja, eine Deutsche, bei der sie oft zu Hause war. Ausrasten würden die Eltern, wenn sie das wüssten. Er hatte sie ein paar Mal gewarnt, aber sie hat nur gelacht, lebenslustig und optimistisch, wie sie war. Und es war eindeutig, dass sie es genoss, von den Jungen angehimmelt zu werden. Ob sie einen Freund hatte, wusste er nicht, wollte es auch gar nicht wissen. Sie war selbstbewusst und furchtlos, ganz im Gegensatz zu ihm. Und sie entzog sich der Familie immer mehr, das war offensichtlich. Sie brachte Schande über die Familie, denn in der moslemischen Gemeinde redete man über sie. Es wurde getuschelt und gehetzt. Über ihren losen Lebenswandel. Dass sie kein Kopftuch trug. Dass sie mit Jungen sprach. Sogar der Imam hatte sich eingemischt. Die Mutter schwieg wie immer, ordnete sich unter. Es war ein Wunder, dass der Vater erst jetzt davon erfahren hatte.

Für Ahmad war es nicht schwer gewesen, herauszubekommen, dass Gülay an diesem Nachmittag mit ihrer Clique über den Bremer Freimarkt schlendern wollte: Achterbahn fahren, gebrannte Mandeln essen, Spaß haben wie ihre deutschen Freunde.

Und nun wartete er in der Dunkelheit auf sie. Es gehe um die Ehre seiner Familie, hatte der Vater gesagt und ihm sogar das alte Auto gegeben. "Und was soll ich tun?", hatte er gestottert, aber sein Vater hatte ihn nur voller Verachtung angesehen und "deine Pflicht" gezischt. Die bräunliche

Spucke war ihm dabei aus dem Mund gelaufen. Und Ahmad war losgefahren, weil ein Sohn seinem Vater nicht widerspricht. Und weil er Angst vor ihm hatte. Er war ein Feigling. Er war unfähig, seine Schwester zu beschützen. Zu beschützen vor diesem fanatischen alten Mann, der rückwärtsgewandt nur in der Vergangenheit lebte und seine Familie tyrannisierte. Oh, wie er sie alle hasste. Wie er auch sich hasste für seine Feigheit und seine Unentschlossenheit. Seine rechte Hand drehte am Zündschlüssel. Er würde wegfahren, behaupten, er hätte Gülay nicht getroffen.

Doch da näherte sich eine Straßenbahn, schlingerte um den Wendehals und kam quietschend zum Halten. Gülay sprang als Erste aus der Bahn, lachend, gestikulierend, spannte den Schirm auf, hakte Tanja unter. Einige Jungen folgten, sprachen auf die Mädchen ein. Gülay und Tanja blieben stehen. Die Jugendlichen wechselten ein paar Worte. Ahmad konnte nicht hören, was gesprochen wurde. Er sah nur seine Schwester den Kopf schütteln und mit ihrer Freundin weitergehen, mit dem schräggestellten Schirm gegen den heftigen Wind ankämpfend. Die Jungen blieben zurück, sahen den beiden nach.

"Gülay!", schrie Ahmad aus dem geöffneten Fenster, als die beiden Mädchen an der Parkbucht vorbeigingen, und blendete die Scheinwerfer auf. Gülay blieb verdutzt stehen, erkannte ihren Bruder, kam ein paar Schritte näher.

"Steig ein!"

Sie schüttelte den Kopf. "Nein, ich fahre mit Tanja nach Hause. Wir nehmen den Bus."

"Du steigst sofort ein!"

"Wieso denn?" So aggressiv hatte sie ihren Bruder noch nie erlebt. "Spinnst du?"

Die anderen Jugendlichen waren interessiert näher gekommen. Besonders die türkischen Jungen erwarteten grinsend einen Machtkampf. Großer Bruder gegen kleine Schwester.

"Rein. Sofort!" Sein Ton machte sie unsicher. Sie gab nach, nickte Tanja bedauernd zu und stieg ein. Ahmad vermied jeden Blickkontakt. Er startete den Motor.

"Was ist los? Hast du sie nicht mehr alle?", sie schaute ihn fragend an. Ihr Gesicht ein helles Oval in der Dunkelheit.

"Hure!", stieß er hervor, ganz gegen seinen Willen.

"Was?" Sie versuchte, die Tür aufzureißen, herauszuspringen. Er hielt sie am Arm fest. Sie wand sich wie eine Schlange, die Tür öffnete sich halb.

Die Meute grölte. Es wurde spannend. Die halbwüchsigen Jungen tanzten um das Auto, schrieen, klatschten rhythmisch, versuchen die Kontrahenten anzufeuern.

Ahmad hielt seine Schwester mit eisernem Griff fest. Sie biss ihm in die Hand. Er schlug ihr ins Gesicht, mit aller Wucht. Ihre Lippe platzte.

"Lass mich in Ruhe!" Ein Bein hatte sie schon draußen, sie versuchte, sich loszureißen, er umklammerte ihren Hals, zwang sie zurück auf den Sitz.

"Hure, Hure, Hure!" Er war außer sich vor Hilflosigkeit und Wut. Mit so viel Gegenwehr hatte er nicht gerechnet. Ihre Augen sprühten Funken. Wütend schrie sie: "Du schwule Sau. Fick dich selber!" Auch sie beherrschte den Jargon der Straße. Die Meute johlte vor Begeisterung. Der ältere Bruder wurde von seiner kleinen Schwester gedemütigt.

Er dreht durch, zieht ein Messer. Sticht zu. Ein Mal, zwei Mal. Immer wieder. Die Gesichter am Fenster erstarren zu Fratzen.

Er springt aus dem Auto. Wirft das Messer weg. Blut klebt an seiner Jacke. Er beginnt zu rennen. Rennt direkt vor die Scheinwerfer eines Streifenwagens, dessen Besatzung aufmerksam geworden ist auf den Tumult in der Parkbucht.

Die beiden Polizisten springen heraus, bringen den Fliehenden zu Fall, halten ihn fest.

"Das wollte ich nicht", stammelt er. "Das wollte ich wirklich nicht!"

Die Beamten werfen ihn brutal gegen die Kühlerhaube, filzen ihn, legen ihm Handschellen an und stoßen ihn in den Wagen. "Wieder diese Kanaken!", hört er einen von ihnen sagen und nach dem Notarzt telefonieren. "Warum gehen die nicht einfach dahin, wo sie hergekommen sind?"

"Wahrscheinlich ging es mal wieder um die Ehre", lacht der andere achselzuckend. "Aber die türkischen Puppen sind ja auch ganz schön heiß. Waffenscheinpflichtig. Auf die muss man aufpassen."

Auch mit einer Notoperation im Krankenhaus war Gülay nicht mehr zu retten. Die Halswunde war zu tief. Resigniert hob der Arzt die Hände. So ein hübsches junges Mädchen. Das ganze Leben noch vor sich. Gülay starb noch auf dem Operationstisch.

Der Staatsanwalt plädierte auf heimtückisch geplanten Mord. Lebenslänglich, urteilte der Richter. "Es tut mir leid", stammelte Ahmad. "Es tut mir so leid!"

Seine Mutter weinte, aber sein Vater war zum ersten Mal stolz auf ihn.

Das Urteil der Jury

"Das Thema greift ein derzeit brisantes gesellschaftliches Problem auf, das vielfach durch Vorurteile und Klischees geprägt ist. Der Autorin gelingt es, diese „Erzähl-Falle“ zu umgehen. Durch die flexible Kombination der erzählerischen Strukturelemente und das intensive Erzählen aus der Perspektive des Handlungsträgers wird die Geschichte glaubwürdig und nachvollziehbar. Obwohl der Leser natürlich den Ausgang der Handlung aus medialem Wissen kennt, folgt er gespannt und nachdenklich dem Erzählen und der guten, berührenden sprachlichen Gestaltung."
 

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