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Für Ulrike
Von Christine Iff
Als Gott am Anfang der Zeit die Leben an die Menschen verteilte, waren am Ende nur noch wenige übrig. Das waren keine einfachen Leben, und er war sich sicher, dass er niemanden finden würde, der sie haben wollte. Fast alle Seelen waren schon da gewesen und hatten sich ein Leben ausgesucht. Er wollte gerade Feierabend machen, als es plötzlich an die Tür seines Büros klopfte und eine junge, starke Seele hereinkam.
“Hast du nicht noch ein Leben für mich?“ fragte sie. “Ich weiß, ich bin spät dran, aber ich möchte wirklich gerne mal ein Mensch sein...”
“Naja,” sagte Gott, “ich hätte da schon noch was, aber das willst du sicher nicht haben... Verbrecher, Mörder, Gewaltherrscher... und da ist noch was... schwere Behinderung, steht da... ich weiß ja nicht...?”
“Wenn, dann das!”, sagte die Seele. “Mit Gewalt hab ich nix am Hut. Aber ein bisschen mehr muss ich schon wissen. Die Katze kauft man nicht im Sack!”
Gott kramte nach der richtigen Karteikarte, seufzte und sprach: „Also, was haben wir denn da? Rollstuhl, Spastik, Lähmung, nur eine Hand, die du bewegen kannst, die Augen sind ganz gut, glaube ich und der Verstand, na ja der Verstand... der ist einerseits richtig auf Zack, aber, tut mir leid, da steht auch noch: geistige Behinderung, was immer das heißen mag.”
“Brrrrrrr!”, sagte die Seele, „klingt ja nicht gerade überzeugend. Du bist sicher, dass du nichts Besseres hast?”
Gott blätterte in den verbliebenen Karteikarten: „Nichts. Hab ich ja schon gesagt”, sagte er. „Tut mir leid. Mehr ist nicht mehr da.”
Die Seele überlegte. Sie war wirklich ziemlich scharf darauf, auf die Erde zu kommen. Da entdeckte sie das große Fernrohr, mit dem Gott das Leben der Menschen beobachten konnte.
“Darf ich vielleicht mal kurz gucken?”, fragte sie und versuchte ein gewinnendes Lächeln.
“Ist eigentlich nicht üblich”, sagte Gott, „aber ich versteh’ schon ... wirklich keine leichte Entscheidung...”, grummelte er und dann ließ er die Seele auf die Erde in ihr zukünftiges Leben schauen.
Zuerst konnte sie nicht viel erkennen. Dann sah sie eine Frau, die in einem Rollstuhl saß. Sie saß krumm und hing nach einer Seite, die Beine waren seltsam verkreuzt und schienen nicht wirklich zu ihr zu gehören. Mit der rechten Hand fuhrwerkte sie irgendwie herum und es schien sie sehr anzustrengen.
“Ach nee, du...”, sagte die Seele, “nee, dann wohl eher doch nicht...”
Gott spähte ihr über die Schulter. “Du kannst es gerne ein wenig schärfer einstellen”, meinte er. Sie stellte das Fernrohr genauer und da sah sie, dass die Frau lachte - ja, sie schien sich richtig über etwas zu beömmeln. Sie sah blitzende Augen, die vor Schalk und Energie nur so sprühten. Die Frau im Rollstuhl, das war eindeutig, hatte eine Menge Spa?. Da waren Menschen um sie herum, das war ein Gekicher und Gequatsche - aber bevor sie noch etwas fragen konnte, sagte Gott: “Genauer geht´s nicht. Sorry. Aber warte mal, ich sehe gerade... da gibt´s ein paar Zugaben, Werbegeschenke sozusagen, die kriegst du mit, wenn du dich doch für dieses Leben entscheidest.” Er löste einen Zettel von der Karteikarte und las vor:
1. Es wird immer jemand da sein, der dir hilft.
2. Von den Qualitäten Lebensfreude, Energie und Lachen bekommst du die zehnfache Menge.
3. Keinem, der dich kennt, wird es gelingen, dich nicht zu lieben.
4. Du wirst für immer in den Herzen deiner Freunde leben und es wird sie froh machen und ihnen Kraft geben, an dich zu denken... na, wie hört sich das an?”,
Er schaute die Seele hoffnungsvoll an.
“Okay”, sagte diese, „dann mach ich´s.” Sie war nämlich auch eine sehr mutige Seele.
“Wunderbar!”, sagte Gott. „Dann gibt´s jetzt nur noch eine Kleinigkeit abzuklären. Wie alt möchtest du denn werden? Vielleicht nicht ganz so lange, falls es dir nicht gefällt?”
Die Seele überlegte: „Also steinalt muss ich nicht unbedingt werden. Andererseits... Wenn schon, denn schon... Wie wär´s mit so vierzig bis siebzig Jahren?”
“Vierzig bis siebzig.” Gott verdrehte ein bisschen die Augen. „Genauer geht´s wohl nicht?”
“Ach weißt du”, sagte die Seele, „das überlass’ ich vollkommen dir. Du kennst dich da am besten aus.”
“Sehr gut!”, sagte Gott, „das war nämlich eine Testfrage und die Antwort ist richtig. Tatsächlich habt ihr Seelen da höchstens ein Mitspracherecht. Die Entscheidung liegt voll und ganz bei mir, da lass ich keinen ungestraft dran drehen. Also gut, dann kann’s ja losgehen, gute Reise!”, hörte die Seele ihn gerade noch sagen - und schon war sie ein Mensch geworden und sie nahm ihr Leben in beide Hände und lebte es mit Leidenschaft und hundertprozentig. Und eh´ sie sich´s versah, war sie schon wieder im Büro Gottes.
“Isch es scho rum?”, fragte sie. „Ih hätt scho no ä bissle bleibe wölle...”
“Ist das so?”, fragte Gott, „ich hatte gehört, du hättest genug. Sprichst du jetzt schwäbisch?”
“Ha no!” antwortete die Seele. „Isch des `etz schlimm?”
“Schlimm nicht,” sagte Gott, „aber das wirst du nie wieder los... Aber erst mal willkommen Zuhause und wenn wir gerade dabei sind: w a r es denn sehr schlimm?”
“Schlimm?” fragte die Seele. “Des war furchtbar! Eine Kataschtrofe! Die Schmerze ond die Krämf in die Füß... Und wie mir koddrig war und ich hab spucke müsse - pfui Teibel! Und dass ich halt am Schluss nix meh´ rühre konnt - gut, dass i des vorher net gwisst hen, sonst hätt ich’s gwieß net gmacht. Weil, weischt... es war wunderbar! Viel schöner und gewaltiger, als ich mir je hätt träume lasse.
Die Sonneuntergäng... ond es Kerzelicht! Maultasche mit Kartoffelsalat und Seitewürschtle o h n e Lense... mei Schreibmaschien on mim E-Stuhl durchs Dorf fahre! Aber vor allem: die Mensche! Meine Familie ond meine Freind - s´Lache, s´Feiere ond s´Arbeite. Die Jahreszeite, am Feuer sitze und schwätze ond ä Viertele Rotwein. Streite ond Heule - ond sich gern habe... ! Kei Sekund tät i her gebbe wolle... Und vergelt´s Gott noh mal, dass du vorher nix verrate hescht.”
Gott schaute die Seele prüfend an. “Du hast dich verändert“, sagte er. „Ich glaube, du
bist größer geworden, und - ja, wie soll ich sagen - schöner?“, er wirkte sehr zufrieden. „Na, dann herzlich Willkommen in der ewigen Seligkeit!” sagte er. “Willst du gleich rüber gehen in den Himmel? Die Oma hat ´eh schon die ganze Zeit nach dir gefragt und sich beschwert, was ich “dem Mädle alles aantu, ob des denn wirklich sei müsst´?“ ... oder willst du lieber ins Nirwana? Gleich noch eine Runde auf der Erde? Du hast die freie Auswahl!”
“Am liebschte”, sagte die Seele, “am liebschte tät i no oimal durch dei Fernrohr schaue. Woisch, am Schluss isch doch alles so schnell gange...”
“Eigentlich nicht üblich”, sagte Gott, „du weißt es ja. Aber was soll`s, du warst wirklich tapfer, da will ich mal nicht so sein…”, und er ließ die Seele noch ein Mal in das Leben schauen, aus dem sie gerade verschwunden war und das sie so geliebt hatte.
Und sie schaute mit sichtbarem Vergnügen, aber plötzlich wurde sie blass, sie schraubte unruhig am Fernrohr herum und dann stammelte sie:
“He, was ich ´etzt des? Da säh ih alle schtande, meine Freunde, die Sonja, die Kerstin, ond die andere alle - die send aber gar net fröhlich! Lieber Gott, allesch war so, wie du gesagt hasch! So furchtbar, wie du gesagt hasch und so wunderschön, wie du gesagt hasch. Aber du hasch au verschproche, dass sie sich freue. `Wie ein Licht in ihren Herzen´ würd ih sein, hasch du gesagt, oder so ähnlich ... Bitte! Du hasch gesagt, dass sie sich freue...”
Die Seele wusste nicht mehr weiter. „Bitte!“, sagte sie noch einmal, „es dauert doch nit lang, bis mir ons wiedersäe. Du hascht es versproche...”
Da nahm Gott ihr sanft das Fernrohr aus der Hand und schloss sie in seine Arme:
“Das kommt schon noch”, sagte er leise, „du bist ja noch nicht lange zurück. Sie vermissen dich noch so sehr. Lass ihnen einfach ein wenig Zeit...”
Das Urteil der Jury:
"Eine kreative, sehr ansprechende Erzählidee, die glatt, humorvoll und voller Überraschungen erzählt wird. Charmant auch der Dialekt."



