Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Man müsste Klavier spielen können
Von Dorothea Seckler
„Man müsste Klavier spielen können / Denn wer Klavier spielt, hat Glück bei den Frau’n / / Weil die Herrn, die Musik machen können, / schnell erobern der Damen Vertrau’n //“ (Komponist Friedrich Schroeder, für den Film „Immer nur du“ (1941); das Lied machte Johannes Heesters berühmt)
Haben Sie auch einmal so einen Zeitschriften-Fragebogen ausgefüllt? So einen mit der Frage „Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen, was möchten Sie können?“ „Klavier spielen“ warf ich jedes Mal aufs Papier, ein Ausrufungszeichen hinterher, und manchmal war ein Loch im Fragebogen. „Mama, Papa, ich will aber auch Klavier spielen lernen!“ Das war ich, mit acht Jahren, mit elf, mit 14. Jedes Mal hieβ es: „Nein. Nein, du übst ja doch nicht, nein, du spielst doch schon Querflöte und Gitarre und singst im Chor, nein, ein Klavier ist viel zu teuer, 5000 mindestens, das geht nicht.“
Neidisch verfolgte ich die Fortschritte der Schulfreundin, die irgendwann auf Orgel umstieg, sehnsüchtig strich ich über die Tasten, wenn ich bei Oma und Opa zu Besuch war. „Für Elise“ und Bachs C-Dur-Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier brachte ich mir selbst bei. Dabei blieb es. Ich hörte andere spielen und es stach. Ich wurde Vierzig, Einundvierzig, hörte Alfred Brendel mit Liszts „Pilgerjahren“ und es stach. „Warum habe ich bloβ nie Klavier lernen dürfen“, klagte ich, wie so oft. „Dann mach es doch jetzt“, sagte mein Mann.
Tatsächlich. Jetzt. Ich muss nicht mehr meine Mutter fragen und ein Klavier ist schnell gekauft. Kein Schimmel, kein Steinway, kein Bösendorfer, sondern ein elektronisches No- name-Klavier, Typ Yamaha, für 490 Euro, Klavierbank inklusive. Falls mein Traum jäh zerplatzt, hat das wenigstens nicht viel gekostet. Aber – habe ich nicht am falschen Ort gespart? „Nein, für den Einstieg ist das ganz in Ordnung“, findet Michel Petit von Pianos International in Paris, „aber nach spätestens zwei Jahren sollte es schon ein richtiges Klavier sein, der Tastenanschlag ist unterschiedlich - und der Klang sowieso.“ Teuer, unerschwinglich, wie damals? „Nicht mehr. Für 3000 Euro gibt es sehr solide, neue Klaviere.“ Alternativen: Mietkaufen – für 25 bis 30 Euro pro Monat und Anrechnung auf den Kaufpreis, oder Occasionen. Petits Tipp: „Fragen Sie Ihren Klavierlehrer. Pianisten verkaufen oft ihre Zweit- oder Drittklaviere. Die sind garantiert gut eingespielt.“ Und: „Finger weg von eBay, das ist rausgeworfenes Geld.“
Gut, ein Klavier habe ich – nun sollte ich noch spielen können. Ich bin doch diszipliniert, und Noten kann ich lesen – warum also nicht allein lernen? Und überhaupt, Unterricht zwischen lauter Achtjährigen… Auβerdem werde ich wohl aus beruflichen Gründen so manche Stunde absagen müssen. Andererseits: Gerade am Anfang kann man so viel falsch machen - Finger-, Hand- und Körperhaltung, Anschlag, Fingersätze -, und diese Fehler lassen sich nie mehr korrigieren.
Schlieβlich lande ich in der Musikschule bei uns in Epône, einer 6000-Seelen-Kleinstadt im Westen von Paris. Zweite Septemberwoche, ein leuchtender Herbsttag, Einschreibung für das neue Kursjahr. So viele Erwachsene, jede Menge Frauen in meinem Alter, hurra, ich bin nicht allein, jubelt es in mir – bis ich merke, dass die Damen ihre Kinder anmelden. Ich will schon wieder gehen, als mich eine Frau am Ärmel festhält: „Madame, Klavier, sagten Sie? Kommen Sie!“ Ich habe Glück. Mir gegenüber sitzt Dominique Pierrot, Leiterin der Musikschule. „Einundvierzig? Wunderbar, das ist das richtige Alter.“ Jeder vierte Klavierschüler in Epône sei über Dreiβig, der älteste Debütant derzeit Dreiundsiebzig. Wer als erwachsener Klavierschüler die ersten beiden Jahre durchhalte, der bleibe praktisch immer dabei. „Ja aber, das Vorspielen am Jahresende?“ „Freiwillig für Erwachsene. Ich will“, lächelt Madame Pierrot, „Ihnen nicht verschweigen, dass hier schon mal ein fünfzigjähriger Klavierschüler tränenüberströmt aus dem Abschlusskonzert lief…“ Und die beruflichen Restriktionen? „Kein Problem, bei uns können Sie am Samstag Ihren Unterricht nehmen.“
Der folgende Samstag. „Und-eins-und-do-und-do-und-fa-mi-, nein! mi!“, höre ich eine energische Frauenstimme, dazwischen Kinderprotest. Dann wieder do-und-do-und-fa-und-mi und schlieβlich ein „Gut, bis nächste Woche!“ Tamar Zapetyan, geschätzte hundertfünfzig Zentimeter Energie mit breitem Lächeln und Zornesfalten, je nachdem. „Ich habe schon mit Fünf meinen Puppen Unterricht gegeben“, erzählt die 30-jährige Armenierin, die in Istanbul und Paris Klavier studiert hat, und wirft ihren Zopf über die Schulter, „ich wollte immer Klavier spielen.“ „Ja, ich auch“, sage ich, „aber ich kann es nicht.“ Das werde schon, sagt Tamar, kleine Bachkantaten nach einem Jahr, Chopin im zweiten, Beethoven im dritten Jahr, das sei durchaus machbar. „Ja, aber…“ „Nichts aber! Erwachsene denken immer zu viel. Fangen wir einfach an. Sie haben Kraft in den Fingern und die Hände sind groβ genug für eine Oktave, das haben Sie den Kindern voraus. Und Ihre Disziplin, Ihre Motivation und Ihre Musikerfahrung. Also, es geht los.“
Wir fangen an, es ist nicht leicht, die halbe Stunde Unterricht ist anstrengend. Romanisches „Do-ré-mi-fa-sol“ statt germanischem „C-D-E-F-G“, und dann noch der Bass-Schlüssel für die linke Hand. „Zwei tiefer“ - murmelndes Umrechnen beim Notenlesen. Der Kopf weiβ, wie es klingen sollte. Aber die linke Hand greift eine übermäβige Quart, wo eine Terz steht, die rechte Hand klebt am Akkord vom vorletzten Takt und kann einfach nicht weiter. Mehr als einmal dresche ich wütend in die Tasten. „Warum ist es einfacher, mit einem Finger seine Nase zu treffen als das mittlere C“, lese ich auf einem Klavier-Blog, und ich kann „Mozart333“ nur Recht geben.
Es braucht lange, bis ich begreife, dass Fingersätze Vorgaben sind, keine Vorschläge: Diese Note ist mit dem vierten Finger zu spielen, nicht mit dem dritten oder zweiten, sonst klappt der Akkord direkt danach nicht. „Sie müssen ökonomisch spielen“, sagt Tamar. Und es braucht noch viel länger, bis die beiden Hände erstmals zusammenspielen, die Finger der linken Hand nicht automatisch mit rennen, wenn die Rechte einen Lauf hat, bis links piano und rechts mezzoforte möglich wird. „Normal“, sagt Tamar, „üben Sie, jeden Tag eine halbe Stunde, das kommt.“ „Das klingt doch schon nach Musik“, ermuntert mich mein Mann, „das war gerade ‚Jesu, meine Zuversicht‘, oder?“
Nein, es klingt noch nicht nach Musik. Es ist noch viel zu hart, zu stolpernd, da sind noch viel zu viele einzelne Noten. Aber ich spiele Klavier. Endlich.
Das Urteil der Jury:
"Mit der Reportage fokussiert die Autorin ein gut gewähltes Thema. Ihr gelingt auf der Basis einer genauen Recherche die Informationsfülle und –dichte eines komplexen Themas zu reduzieren. Gliederung und Anordnung der Informationen werden an einem „roten Faden“ für den Leser nachvollziehbar und lebendig. Durch die narrativen Elemente als auch Beispiele und Vergleiche der sprachlichen Textgestaltung wird das Anliegen eines populärwissenschaftlichen Textes besonders deutlich: Adressatenorientierung und Verständlichkeit!"



