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Telefongespräch
Von Elisabeth von Ascheraden
Wo gibt es bei uns noch Telefonzellen? Nirgends. Außer der roten am Rathaus, einem Geschenk unserer englischen Partnerstadt. Aber die steht da eigentlich nur so. Kein Mensch telefoniert mehr von dort. Hat ja jeder sein Handy. Deswegen war ich erstaunt, neulich jemanden in der roten Telefonzelle telefonieren zu sehen.
Also ging ich näher ran, um zu sehen, was für ein Fossil dort telefoniert. Und was soll ich sagen, er war viel jünger als ich. Ein bisschen verwahrlost, das schon, aber es wirkte eher beabsichtigt, nicht einfach nur so runtergekommen. Als ich ganz dicht dran war, hörte ich seine Stimme. Eine angenehme Stimme, wenn auch leicht erregt, genervt.
Hatte er die Tür nicht richtig geschlossen oder war die Zelle so durchlässig, jedenfalls konnte ich bequem einiges mitkriegen. Nicht alles natürlich, aber das, was ich hörte, war seltsam genug:
„ ... ja, jeden Tag über 30 Grad ... strahlend blau von morgens bis abends ... jede Menge Palmen, sogar hier vor der Zelle, Dattelpalmen nehm ich an...“
Was redete er denn da? Der Himmel war trüb, mittelgrau, Straßenschilder und Laternen gab es, aber von Palmen keine Spur!
Diese jungen Leute heutzutage. Warum log der? Was war mit dem?
Seit Tagen wurde im Fernsehen und Radio über diesen Amokläufer berichtet. Und dass man sie nicht erkennen kann. Dass sie ganz unauffällig sind. Aber irgendwie natürlich doch gestört. Unauffällig gestört. Gibt’s das? Kann es sein, dass ein Mensch neben einem lebt, der völlig neben der Spur ist – und man merkt es gar nicht?
Damals, als meine Frau die Tabletten nahm, kam das für mich auch aus heiterem Himmel. Wie sie vor mir lag, ganz weiß und still. Tabletten und Alkohol. Und ich hatte nichts gemerkt. Der Arzt wollte mir nicht glauben. Sah mich so vorwurfsvoll an. Ich hatte wirklich nichts gemerkt. Gut, sie trank ganz gern ein Gläschen oder auch zwei. Manchmal verschwand die Flasche. Aber ich habe die Flaschen ja nicht entsorgt. Das Geschepper von dem Glascontainer geht mir auf die Nerven. Da schmeiß ich nie was rein.
War sie unglücklich, unzufrieden mit ihrem Leben?, fragten sie mich. Woher sollte ich das wissen? Mir hat sie nichts gesagt. Wir haben über so was nicht gesprochen.
„Aber die Sache mit Ala und dem Hai, das war unglaublich... Hab ich dir doch...“
Das wurde ja immer besser. Palmen, Hai, Ala. Wer wohl diese Ala war? Eine Freundin? Mit wem telefonierte er überhaupt? Vielleicht mit seiner Mutter. Die machte sich bestimmt Sorgen.
Ich habe mir keine Sorgen gemacht, weil ich ja nichts gemerkt habe. Luise war wie immer an dem Morgen. Sie stand vor mir auf, machte das Frühstück und holte drei Schrippen und die Zeitung. Leere Flaschen standen nie rum. Die hat sie immer gleich weg. Deswegen ist mir ja auch nichts weiter aufgefallen. Ich stellte dann das Radio an. Man will ja wissen, was in der Welt passiert, und es ist auch leichter mit Radio, wenn man nicht so viel zu sagen hat. Luise hat schon geredet. Ziemlich viel sogar. Ich gebe zu, ich habe nicht immer hingehört. Hat mich nicht interessiert. Sie hat geredet, geredet. Das war alles so eingespielt.
„... Braun werden, wer will denn heute noch braun werden?...“
Da hatte er Recht. Selbst Luise wollte in den letzten Jahren nicht mehr braun werden. Hautkrebs! Oder mindestens Falten! Die Haut vergisst nichts!, hieß es plötzlich. Früher konnte sie gar nicht genug kriegen. Mallorca, all inclusive. Auch die Drinks. Ich habe mich gelangweilt. Aber sie wollte unbedingt was erleben. Man lebt doch nur ein Mal, hat sie immer gesagt. Ein Mal! Und da bringt sie sich um! Das soll einer verstehen. Und ich steh da und fühl mich so, so, als ob ich Schuld hätt. Und dabei hab ich doch gar nichts gemerkt.
„... Ach so... traumhafte Bootsfahrt...“
Ob die Mutter was merkte? Mütter merken auch nicht alles. Die von dem Amokläufer, die hat ja auch nichts gemerkt.
Luise war an dem Tag besonders gut drauf. Sie hatte ihr schönstes Kleid angezogen und die Absatzschuhe, mit denen sie größer ist als ich.
„Was ist los?“, habe ich gefragt, „willst du ausgehen? Um diese Zeit?“
Sie hat mich nur angesehen und gesagt: „Ach, du, du verstehst ja gar nichts!“
Das war aber nichts Ungewöhnliches. Das hat sie öfter gesagt.
„... Es ist wirklich alles in Ordnung. Ganz prima hier. Wir verstehen uns super... Ja, ja, ich denke, es wird wieder...“
Sie ist gegangen. Ich dachte, sie trifft sich mit einer Freundin oder so. War auch ganz froh, die Wohnung für mich allein zu haben, mich frei bewegen zu können. Wollte gerne Fußball gucken. Hatte mir schon zwei Bier kalt gestellt. Und dann kam der Anruf. Kurz nach der Halbzeit. Habe den Fernseher lauter gestellt danach.
„... Es ist echt super hier. Nur noch vier Tage...“
Was war mit dem nur los?
„Ich muss Schluss machen, es steht jemand vor der Zelle... Tschüß... Ich dich auch! Tschüß, bis bald!“
Er hängte den Hörer ein und zog die Tür von innen auf. Wir blickten uns direkt an. Ich weiß nicht, warum, aber ich war wie gelähmt, rührte mich nicht von der Stelle. Er sah mich an. Erst erstaunt, dann misstrauisch: „Was ist, Alter?“, fragte er „Gelauscht?“ Seine Stimme klang belustigt.
„Ich, ich wollte nicht... aber man hört ja jedes Wort, auch wenn man gar nicht will...“. Ich stotterte mir was zusammen. Der Junge hätte mein Enkel sein könne. Er musste mich für einen Idioten halten.
„Na, klapp den Mund wieder zu“, kam dann auch prompt „und kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten! Und jetzt mach Platz!“
Er schob mich einfach zur Seite und ging davon.
An diesem Abend habe ich mich zum ersten Mal einsam gefühlt – einsam wie ein alter Hund.
Das Urteil der Jury:
"Der assoziativ aufgebaute Text spielt geschickt auf mehreren Erzählebenen und treibt in Kürze und starker Verdichtung eine Erzählhandlung voran. Erzählabsicht und –form sind insgesamt gut. Der sprachlichen Gestaltung würde eine weitere Differenzierung in einigen Aspekten gut tun."



