Sie sind hier:Teilnehmer / Förderpreise / 2010 / 

Eine gelbe Babyrassel

Von Eva Kapusta

„Nochmal herzlichen Glückwunsch, Frau Vals. Und passen Sie gut auf sich auf.“ Der Frauenarzt reichte ihr freundlich die Hand. „Wir sehen uns dann in vier Wochen wieder. Ihren Mutterpass können Sie bei der Anmeldung vorne schon mitnehmen.“

Ihren Mutterpass! Ihren M u t t e r p a s s! Sie musste sich zusammenreißen, um Dr. Bogner nicht um den Hals zu fallen. Vermutlich hätte sie ihn erdrückt. Sie war schwanger! Sie bekam ein Baby! Sie bekam nach vierzehn Ehejahren, nach zahllosen vergeblichen Versuchen, am Ende aller Hoffnungen auf ein eigenes Kind, ein richtiges Baby! Ganz normal, ganz natürlich. Christian würde... Langsam, Hella, immer sachte. Sie zwang sich, die Treppe eine Stufe nach der anderen hinunterzugehen. Einen Sturz könnte sie in diesem Zustand nicht verantworten. Als werdende Mutter mit achtunddreißig sollte man nicht leichtsinnig sein. Sie sah Christian vor sich. Wie sie ihm dieses Wunder am Samstag als Geschenk zum Hochzeitstag eröffnen würde. Sie sah das ungläubige Staunen in seinen Augen, wie er sie vorsichtig umarmte, die Tränen nur mühsam zurückhaltend. Nein, er würde sie gar nicht zurückhalten können, sie war sich sicher. Er würde ihr sagen, wie sehr er sie liebte, er würde ihr danken, sie wieder zu seiner Göttin machen, die Unstimmigkeiten der letzten Zeit wären vergessen... Sie merkte, dass sie selbst feuchte Augen bekam beim Gedanken an diesen einzigartigen Moment. Hella, das musst du noch öfter auskosten, bevor es soweit ist.

Als sie auf die Straße trat, fühlte sie sich wie zwanzig. Sie bekam endlich, endlich ein Baby von dem Mann, der ihr alles bedeutete, dem sie nur ein Geschenk nicht hatte machen können und nun war dieses Wunder geschehen. Mehr Glück ging einfach nicht. Sie blinzelte in die Sonne, die ihrem ungeborenen Kind entgegenlachte. Sie fühlte die Wärme in ihrem Gesicht, auf ihrem Bauch. Ob das so ein kleiner Zellhaufen schon mitbekam? Dass sie glücklich war, musste das Kind jedenfalls spüren, sie wusste es. Hella schlenderte durch die Fußgängerzone und sah nur noch Frauen mit dicken Bäuchen oder welche mit Kinderwagen. Die Stadt wimmelte von Müttern. Sie wunderte sich, dass ihr das noch nie aufgefallen war.

Vor ihr stand eine junge Frau neben dem Schaufenster eines Schuhgeschäfts, Hand in Hand mit ihrem Partner, der ein Baby in einem dieser indianischen Tücher vor dem Bauch trug. Er hatte den Arm um die Frau gelegt und kraulte zärtlich ihren Haaransatz, während sie die Schuhe betrachtete und wie zufällig mit ihrem Zeigefinger seinen Daumen streichelte. Hellas Augen saugten sich an diesem Paar fest, an den Gesten, dem Kind, dem Tragetuch. Mein Gott, das könnten Christian und ich sein. Genauso würden sie beide, nein, natürlich sie   d r e i, demnächst vor diesem Schaufenster stehen. Sie, Christian und das kostbarste Baby auf der Welt. Es würde ein ganz besonderes Baby werden, ein Kind, das so viele Jahre herbeigesehnt worden war, ein Kind, dessen Eltern ihm alles bieten würden, was menschenmöglich war, dieses Baby, es konnte einfach nur bezaubernd und wunderbar werden.

Plötzlich bekam Hella Sehnsucht nach Christian, nach seiner Zärtlichkeit, seiner Wärme, dem Geruch seiner Haut, seinem Atem in ihrem Haar. In diesem Moment fühlte sie ein so tiefes Glück, ein solch überschäumendes Gefühl von freudiger Erregung, von Gnade, von Demut, von Dankbarkeit, dass sie vom Boden hätte abheben können. Christian,   w i r    b e k o m m e n   e i n   B a b y! Nur mit Mühe konnte sie sich beherrschen, es nicht laut in die Fußgängerzone hinauszuschreien.

Deutlich sah sie sein Gesicht vor sich. Die kantigen Wangenknochen, die seinem Aussehen, wie sie fand, etwas ausgesprochen Edles verliehen, die ein wenig krumm geratene Nase, die widerspenstigen Locken, die nie dort saßen, wo man es bei einer ordentlichen Frisur erwarten würde, seine großen braunen Augen mit den langen Wimpern und dem warmherzigen Blick. Solche Augen dürfte eigentlich nur ein Reh haben, sagte sie manchmal im Spaß zu ihm. Oh nein, mein Lieber. Du wirst warten müssen. Nicht vor Samstag. Dieses Hochzeitsgeschenk habe ich nur einmal für dich. Noch ist es m e i n Geheimnis, ganz allein meins. Und du hast keine Ahnung, ach, du dummer, geliebter Mann!

Sie tauchte aus ihren Gedanken auf und stoppte gerade noch vor einem Körbchen mit Schnullern, in das sie beinahe hineingelaufen wäre. Es gehörte - zu einem Kindergeschäft. Sie merkte, wie ihr Herz anfing, schneller zu schlagen und war schon mitten im Laden. Ein Schlaraffenland! Ihre Augen wanderten über eine ganze Kollektion von Mützchen und niedlichen Hütchen an der Wand. An einem Ständer präsentierten sich Strampler und winzig kleine Anzüge in Rosa, Hellblau, Lila, Gelb und Weiß. Gelb würde auf jeden Fall passen, da war es egal, ob es ein Junge oder ein Mädchen werden würde. Und diese putzigen Schühchen neben der Kasse! Wie allerliebst mussten die Füßchen sein, die in solche Schühchen passen würden! Hella, nein, jetzt noch nicht! Erst, wenn er’s weiß! Er will doch mit dabei sein, die Vorfreude mit auskosten. Sei stark Hella, beherrsch dich!

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte eine Verkäuferin freundlich.

„Nein danke, ich schau mich nur um. Es hat noch Zeit.“ Hella konnte einfach nicht mehr an sich halten: „Ich hab’s heut erst erfahren, wissen Sie!“ Ihr Gesicht war ein einziges Leuchten.

„Oh, herzlichen Glückwunsch! Ich hab selber so einen Racker von eineinhalb Jahren. Es ist wundervoll, lassen Sie sich nichts anderes einreden. Auch wenn die Nächte manchmal gar nicht mehr aufhören wollen. Ich freue mich jeden Tag, wenn ich ihn wieder sehe, meinen süßen Schatz.“

Hella fand die Verkäuferin so sympathisch, dass sie ernsthaft erwog, ihr die Taufpatenschaft anzubieten, aber nein, dafür kam natürlich nur Heike, Christians Schwester, in Frage. Hella, halt dich zurück, du bist heute in einem Ausnahmezustand.

„Ja, wir freuen uns sehr, aber mein Mann weiß es noch nicht. Es soll eine Überraschung werden zum Hochzeitstag diesen Samstag“, flüsterte sie hinter vorgehaltener Hand.

„Na, der wird Augen machen!“, meinte die Verkäuferin lachend.

Hella war sich sicher, noch nie im Leben einer derart liebenswerten Person begegnet zu sein. Heute war ihr Glückstag, sie hätte platzen können vor Freude.

Ihr Blick fiel auf eine ganz kleine, gelbe Rassel in Form eines Schmetterlings. „Ich nehme die“, sagte sie spontan zu ihrer neuen Freundin. „Die kann ich heimlich in der Tasche tragen, ohne dass mein Mann Verdacht schöpft, und ich habe schon ein bisschen was zum Anfassen, so ein kleines Stück Baby.“

Die Verkäuferin verstand sofort, zwinkerte ihr zu und reichte ihr die Rassel, die Hella andächtig aus der Verpackung schälte und in ihre Jackentasche steckte. Sie zahlte.

„Wiedersehen. Sobald mein Mann eingeweiht ist, kommen wir zu zweit, dann kaufen wir Ihren Laden hier leer, darauf  können Sie Gift nehmen.“ Hella konnte ihren Übermut nicht mehr bremsen.

„Ich nehm’ Sie beim Wort!“, antwortete die Verkäuferin gut gelaunt. „Bis bald und eine schöne Zeit!“ Wieder zwinkerte sie ihr zu, so dass Hella ihr am liebsten einen Schmatz auf die Wange gedrückt hätte und sie winkten beide beim Hinausgehen, als Hella sich noch einmal umdrehte.

Zu Hause trieb sie nur eine Frage um: Wie bringe ich’s ihm am genussvollsten bei? Ich kann es natürlich nicht einfach s a g e n. Nicht nach so vielen Jahren vergeblichen Wartens. Nein, das wäre zu billig. Er soll es sich verdienen, häppchenweise verdienen. Hier eine kleine Andeutung, da eine zufällige Bemerkung.  Er soll sich ordentlich den Kopf zerbrechen. Er soll an seinem Verstand zweifeln, ja, das soll er. Ich lasse ihn zappeln, bis er es nicht mehr aushält. Hella jubelte und tanzte durch die Wohnung.

Jetzt einen schönen, starken Kaffee! Ganz in Gedanken füllte sie die Kaffeemaschine mit Wasser, wollte gerade das Pulver in den Filter schütten. Hella, du bekommst ein B  a b y! Willst du es schon von Anfang an mit Koffein vergiften? Sie erschrak so, dass sie beinahe den Filter samt Pulver hätte fallen lassen. So ein Leichtsinn aber auch. Man würde sich umstellen müssen. Man würde gesund leben. Man würde alles tun für dieses Kind. Lieber Gott! Kaffee! Kopfschüttelnd machte sie sich einen Kräutertee.

Als sie es nicht mehr aushielt, beschloss sie, ihrem Mann eine Mail zu schicken. Einfach so. Vielleicht eine hübsche Grußkarte, irgendwas mit Liebe und roten Herzchen. Das würde ihn an sie erinnern und vielleicht kam er nach dieser Mail sogar eher nach Hause, obwohl er in letzter Zeit kaum da war. Sie wusste, dass er einen anstrengenden Job hatte, der ihnen beiden einen mehr als angenehmen Lebensstandard ermöglichte. Sie würde seine Sehnsucht eben ein bisschen anheizen. Ihr war nach einem ausgedehnten Abendessen bei Kerzenschein. Das ließe sich noch rechtzeitig arrangieren. Sie würde ihr neues schwarzes Mieder anziehen, das ihn so heiß machte. Sex mit Papa in spe... Sie kicherte entzückt bei dem Gedanken. Ach Quatsch, Hella, er hat doch gestern von der Mail seines Schachclubs erzählt. Heute Abend war ja das Turnier. Oder war es morgen? Sie merkte, dass sie die Alltäglichkeiten nicht mehr auf die Reihe bekam und beschloss, nachzusehen, um ihn zeitlich nicht in eine Zwickmühle zu bringen. Es war nicht ihre Art, in den Mails ihres Mannes herumzuschnüffeln, aber das war ja schließlich ein Notfall.

Hella fuhr den PC hoch und gab sein Passwort bei „Freemail“ ein. (Er machte immer ein fürchterliches Geheimnis daraus, aber sie wusste längst, dass es ihr Vorname war.) Ungefähr 20 alte Mails erschienen, den Schachclub konnte sie nicht entdecken. Vier Mal tauchte der Absender „MaRa@web.de“ auf.  Ob das auch einer vom Schachclub war?  Na, geht mich nichts an, dachte sie. Auch die letzte Mail zeigte diese Adresse. Das hatte wohl doch etwas mit dem Schachclub zu tun. Ein aufwändiges Abendessen umsonst herrichten – nein, so geht man als „Fast-schon-Mutter“ mit seiner Zeit nicht um, Hella. Deswegen darfst du ausnahmsweise die letzte Mail deines Mannes ansehen. Sie öffnete die Nachricht und las: „Liebster Schatz, so kann es nicht weitergehen. Ich halte diese Heimlichkeiten nicht mehr aus. Du hast mir versprochen, mit Deinem ‚Klotz am Beim’ – dein O-Ton, weißt du noch? – endlich zu reden, und zwar vor deinem nächsten Hochzeitstag. Meine Wohnung ist so riesig und leer ohne Dich. Da gehörst du hin! Und zwar ganz offiziell! Ich denke Tag und Nacht an Dich. Bitte, Christian, sag Deiner Frau endlich Bescheid über uns. Sie hat Deine Ehrlichkeit verdient, meinst Du nicht auch? Ruf mich an! Ich hab eine Überraschung für Dich. Etwas, das Dir Deine Frau niemals geben kann... Deine sehnsüchtig wartende Maus“

Hella verschwamm der Text vor Augen. Ihre Hände zitterten. Sie stand auf, lief hin und her. Es war nicht wahr, was da stand. Ein Irrtum, natürlich. Falsche Adresse... Die Dienstagabende. Christians Schachclubabende seit zwei Jahren, seit er diesem Verein beigetreten war. Die Turniere am Wochenende. Sie ging in die Küche, dann zurück ins Arbeitszimmer. Sie fing mechanisch an, die Blumen zu gießen. Das Wasser platschte auf den Boden, ihr entglitt die Gießkanne. Sie merkte nicht, dass ihre Füße nass wurden. Plötzlich erschien ihr die Wohnung muffig und eng. Die Luft war unsichtbarer Tran, zu dick zum Atmen. Hella stürzte auf die Straße, rannte ziellos durch das Viertel. Ihr Hirn war leer, keine Gedanken, keine Tränen, nichts, nur ein Fuß vor den anderen. Ein übermächtiger Bewegungsdrang ergriff Besitz von ihr,  trieb sie an wie Peitschenhiebe. Sie würde bis an ihr Lebensende so weiter rennen. Einfach nur rennen. Atemlos hielt sie an einer roten Ampel. Sie merkte, wie immer mehr schwarze Punkte vor ihren Augen tanzten. „Ist Ihnen nicht gut?“, fragte ein Mann hinter ihr und fasste sie am Arm. In ihren Ohren sirrte es laut und schrill und sie spürte, wie eine schwarze Wand auf sie zuraste, sie von der Außenwelt abschnitt. Im Fallen griff sie nach der Rassel in ihrer Tasche. Sie war zerbrochen.

Das Urteil der Jury:

"Eine Geschichte mit guten Details, die etwas unter ihrer Vorhersehbarkeit leidet und gelegentlich auch zu dick aufträgt."

Entdecken Sie jetzt
Ihr Schreibtalent
 
  Schreiben lernen mit dem Leitfaden von der Schule des Schreibens Herr Frau
Persönliche Beratung Online anmelden Gratis-Newsletter