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Alles bleibt anders
Von Lilli Pritzkau
Als Isabell Vincenco am Montagmorgen vom Postboten einen ziemlich dicken Brief entgegen nahm, ahnte sie nicht, dass dieser schlichte braune Umschlag ihr Leben verändern würde.
„Was die St. Severin-Klinik wohl von uns will?“, dachte sie und befühlte neugierig die längliche Ausbeulung unter dem gepolsterten Papier.
Hätte sie gewusst, was in dem Schreiben steht, das sie mit drei steril verpackten Kunststoffröhrchen aus dem Umschlag zog – sie hätte es nicht gelesen. Zumindest nicht allein; ohne Roberto, ihren Ehemann.
Doch jetzt saß sie am Küchentisch und starrte ungläubig auf die Zeilen, die sich, während sie las, wie eisige würgende Finger um ihren Hals zu legen schienen. „Es besteht der Verdacht, dass im November 2004 in unserer Klinik zwei neugeborene Mädchen vertauscht wurden. Wir bitten Sie, eine Speichel-Probe von Lynn Sophia, geboren am 12.11.04 um 06.43 Uhr in der St. Severin-Klinik Oberbaden, einzureichen.“
Plötzlich schien alles um Isabell herum zu schwanken; der Parkettboden unter ihren Füßen, die Tischplatte vor ihr, die Kaffeetasse, die Küchenuhr und die Stäbe des Laufställchens, in dem ihre Tochter Lynn selbstvergessen vor sich hin brabbelte.
„Das kann nicht sein“, stieß sie nach Luft schnappend hervor. Hatte sich da jemand einen grausamen Scherz erlaubt? „Nein, nicht wir, das ist nicht wahr!“
„Lynn?“, rief sie und schaute suchend in Richtung Laufstall, als könnte sie dort Halt finden. „Dadaaaa?“, kam es zurück und kleine Hände umgriffen die vor Isabells Augen schwankenden Stäbe. „Lynn! Da bist du ja; komm zu Mami“, presste sie hervor und hob ihre Tochter aus dem Laufstall. Lynn quiekte erstaunt über den etwas zu festen Griff und kicherte. „Meine kleine Lynn Sophia, gaaanz ruhig bleiben, Mami ist bei dir“, flüsterte Isabell, als könne sie damit ihr eigenes inneres Beben beruhigen. Aber wie ein giftiger Stachel drang der längst vergessene Zweifel in Isabells Bewusstsein, den sie am Tag nach Lynns Geburt empfunden hatte. Einen winzigen Moment lang hatte das Baby, das die Schwester ihr morgens nach dem Baden in die Arme legte, irgendwie fremd gewirkt. So dunkelhäutig und schwarzhaarig; ganz im Gegensatz zu ihrer eigenen fast weißen Haut und ihren feuerroten Locken. Isabell hatte intuitiv nach dem Armband des Babys gegriffen, auf dem winzige aneinander gereihte Buchstabenperlen den Namen LYNN SOPHIA ergaben, und verunsichert geflüstert: „Sie sieht so... fremd aus.“ Aber Roberto hatte mit vor Stolz glitzernden Augen über den tiefschwarzen Haarschopf gestrichen und begeistert gelacht: „Schau sie dir an – ein Italienermädchen! Sie sieht aus wie ich; ganz der Papa!“
„Maaaa?“, durchbrach ein fragendes Stimmchen Isabells Gedankenchaos. Lynns kleine Hand patschte ihr ins Gesicht und brachte sie wieder zurück in die Gegenwart. „Ja, mein Schatz, du kriegst jetzt Breichen“, hörte Isabell sich selbst sagen. Wenn sie damals nun doch Recht gehabt hatte? Das Gespenst des Zweifels war plötzlich wieder da, diesmal viel grausamer und realer.
Isabell beobachtete sich selbst, wie sie ihre Tochter fütterte, sie wickelte, mit ihr spielte und sie schlafen legte. Kann es sein, dass eine Mutter ihr eigenes Kind wenige Stunden, nachdem es feucht und nackt auf ihrem Bauch gelegen hatte, nicht wiedererkennt? Dass sie zehn Monate lang ein fremdes Baby umsorgt und es nicht bemerkt hatte?
Lynn war ihr doch so nahe; sie war völlig eins mit ihr! Und das fremde Baby? Wenn der Speicheltest nun ergab, dass... Isabell konnte nicht weiterdenken.
Es kam ihr vor, als hätte dieser Brief die Verbindung zwischen ihren Gefühlen und dem, was sie gerade tat, plötzlich mit einem Rasiermesser durchtrennt. Sie spürte nichts mehr außer dieser fremden dunklen Erstarrung und den Würgegriff um ihre Seele. Als könne Isabell die auseinander fallenden Teile ihrer Welt zusammenhalten, zog sie auf dem Kinderzimmerteppich kauernd die Knie an und umklammerte sie.
Roberto fand Isabell am Nachmittag mit stumpfem Blick vor sich hin starrend am Bettchen der schlafenden Tochter. Isabell hörte, wie er entsetzt keuchte, als er den Brief und die Röhrchen für die Speichelproben auf dem Küchentisch fand. Aber er blieb nüchtern und tat, was getan werden musste. Er schickte die Proben umgehend per Einschreiben zurück und telefonierte mit dem Chefarzt der St. Severin Klinik. Es täte ihm leid; es würden noch weitere Paare und deren Kinder untersucht; sie müssten zehn Tage auf die Ergebnisse warten, dann hätten sie Klarheit. WARTEN. Zehn hohle lange Tage, in denen sämtliche Gedanken und Fragen nach dem Wie und Warum gegen die emotionale Schranke rasten, was wäre, wenn...
„Sie sieht uns so ähnlich“, hörte Isabell ihren Mann immer wieder tröstend flüstern, wenn sie ihr Kind, dass vielleicht nicht ihres war, mechanisch fütterte und in ihre schwarz glänzenden Augen starrte wie in eine fremde und doch so vertraute Welt.
Dann kam der Brief. Dieses Mal war er klein und weiß. Isabell beobachtete, wie Roberto mit zitternden Händen die klebrige Lasche aufriss und das Papier entfaltete. Er las und schwieg. Der Würgegriff der Angst wurde so stark, das Isabell fast schrie: „Bitte sag doch was, Robby! Sag, was drin steht!“
Roberto fing an zu schluchzen, wie Isabell ihn noch nie gesehen hatte. „Robby - BITTE!“, flehte sie. Sie bekam kaum Luft.
„Isabell... es besteht keine Übereinstimmung... zwischen dem fremden Baby und uns... Lynn gehört zu dir. Und zu mir. Alles bleibt, wie es war!“
Irgendwann später, als die Flut der Gefühle verebbte und beide sich ineinander verklammert, lachend und weinend, vor dem Laufställchen wiederfanden, konnte Isabell wieder fühlen. Und atmen. „Alles ist so, wie es war, kleine Lynn“, flüsterte sie und stupste ihr sanft auf die Nase: „Und alles bleibt anders.“
Nachsatz:
2007 wurden in einer Klinik im Saarland zwei neugeborene Mädchen vertauscht und lebten ein halbes Jahr bei den falschen Eltern. Als durch einen DNA-Test bekannt wurde, dass eines der Paare nicht mit dem Kind, das sie großzogen, verwandt ist, mussten sich dreizehn Elternpaare einer DNA-Probe unterziehen. Während sich die Medienberichte auf die beiden vertauschten Kinder und deren Eltern konzentrierten, möchte ich mit dieser Kurzgeschichte zeigen, was ein solcher Test in einer Mutter auslösen kann, die letztendlich dann doch nicht betroffen ist.
"Die erzählerische Ausarbeitung eines Medienberichts aus der Perspektive der betroffenen Mutter ist der Autorin ausgezeichnet geglückt. Der Erzählaufbau folgt in einem intensiven und flexiblen Spannungsbogen dem inneren Monolog, den Erinnerungen und den scheinbar alltäglichen Selbstbeobachtungen der Protagonistin. Dies alles in sehr guter sprachlich-dialogischer Gestaltung."
(Urteil der Jury)



