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Donnerstag ist Kinotag

Von Sylva Harasim

An einem Donnerstag im November verließ ich mein Büro pünktlich um 17.30 Uhr. Der Pförtner in der Empfangshalle sagte: „Pünktlich wie immer, Herr Feddersen.“

„Stimmt genau“, sagte ich und blickte auf meine billige Armbanduhr. „Auf Wiedersehen.“

Gerade heute war es mir sehr wichtig, dass sich der Pförtner an die genaue Uhrzeit erinnerte, denn an diesem Donnerstag im November um 17.30 Uhr war meine Frau Irene bereits seit zwei Stunden tot.

Nachdem ich die üblichen drei Minuten an der Haltestelle gewartet hatte, stieg ich in den Bus der Linie 60. Dabei sprach ich ein paar Worte mit dem Busfahrer Willy Otremba. Der fuhr schon immer diesen Bus, und auch er war ein Teil meines Alibis.

„Schöner Abend heute“, sagte ich.

„Soll aber noch regnen“, gab Otremba zurück.

„Dabei hatten wir doch in letzter Zeit eine Menge Regen“, sage ich, aber in Wirklichkeit war mir das Wetter scheißegal, denn in sechs Monaten würde ich am Strand von Miami Beach liegen, mit einem Cocktail in der Hand und 250.000 Euro von der Lebensversicherung auf meinem Konto.

Freundlich nickend ging ich weiter und setzte mich auf den gleichen Platz wie jeden Abend. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte diese pedantische Pünktlichkeit, zu der mich Irene wie einen Hund abgerichtet hatte, einen Sinn. Alles musste bei ihr immer zur gleichen Uhrzeit gemacht werden: Aufstehen, Frühstücken, Arbeiten, Abendessen, Fernsehen, Schlafen. Dass ich aufs Klo gehen durfte, wann ich wollte, war ein Wunder.

Ich las meine Zeitung, bis der Bus an der Haltestelle ankam. Darin war ein Bericht über die Bahamas, ihre wunderschönen weißen Strände und die exotische Unterwasserwelt abgedruckt. Wir waren nie dort gewesen. Mit Irene konnte man lediglich ein Mal im Jahr an die Nordsee fahren. Flugangst, behauptete sie. Lange Autofahrten vertrug sie auch nicht – so blieben dreißig Jahre lang entweder die ostfriesischen oder die nordfriesischen Inseln unser Urlaubsziel.

Wütend darüber zerknüllte ich meine Zeitung und stieg aus. Aus der Kneipe „Zum Goldenen Hirschen“ in der Goethestraße drang laute Musik. Durch die geöffneten Fenster sah ich zwei unserer Nachbarn lachen und Bier trinken. Nur ein Mal war ich nach Feierabend hier eingekehrt. Irene hatte mir daraufhin eine Szene gemacht. Sich zu besaufen, das sei nicht unser Stil, hatte sie gekreischt. Dabei hatte ich lediglich zwei Bier und einen Klaren getrunken.

Von der Goethestraße bog ich links in die Nord-Allee. Was war dann unser Stil? Die vierzig Kilo Übergewicht, die sie mit sich herumtrug? Die sackförmigen Schlabberklamotten, in die sie sich wickelte, fettige Haare oder Damenbart? Nein, ich durfte nicht ungerecht sein, sie war nicht immer so gewesen. Irene hatte es nie verkraftet, keine Kinder bekommen zu können. Als ihr der Gynäkologe die bittere Wahrheit mitgeteilt hatte, zerbrach etwas in ihr.

Jetzt noch einmal nach links abbiegen in die Lindenstraße. Und da sah ich bereits den Rettungswagen vor unserem Haus stehen und auch den Wagen von Gaby, Irenes jüngerer Schwester. Sie wollte, wie an jedem Donnerstag um 17.30 Uhr, Irene abholen, Donnerstag ist Kinotag.

Nachdem der Arzt Irenes Tod durch Herzstillstand bescheinigt hatte: „Mein herzliches Beileid, aber bei dem Übergewicht kein seltenes Schicksal“, transportierte das Bestattungsunternehmen die Leiche ab. Ich fuhr die völlig aufgelöste Gaby nach Hause, machte mir etwas zu Essen, räumte auf und ging ins Wohnzimmer. Bei so einem eindeutigen Tod wird nie eine Autopsie beantragt, das hatte ich recherchiert, das gibt es nur sonntags im Tatort, nicht im alltäglichen Leben.

Im Fernseher lief um 23.00 Uhr nichts von Interesse und ich machte den Kasten wieder aus und ging ins Bett. Ab morgen würde ich den trauernden Witwer geben, alle Behördengänge brav erledigen, eine würdevolle Beerdigung organisieren und auf die Auszahlung der Lebensversicherung warten, die mir ein sorgenfreies Leben bis zur Rente garantierte.

Im Grunde genommen war alles ganz einfach – im Internet kann man heutzutage alles bestellen. Niemand würde je herausfinden, dass ich das Gift in die weißen Kapseln füllte, in denen sich sonst Irenes Vitamin C, Kalzium und Magnesium befanden.

Dachte ich, aber die Versicherung war ohne Autopsie nicht bereit, eine so hohe Summe herauszurücken. Ihrer Meinung nach bestand Verdacht auf Selbstmord, und da erlischt jeglicher Anspruch auf Auszahlung. Der Gerichtsmediziner fand das Gift im Blut und Irenes Schwester machte daraufhin Schwierigkeiten, bestritt einen Selbstmord energisch.

Da nützten meine Alibis leider auch nichts mehr – alles kam heraus. Jetzt sitze ich in einer Zelle, darf ein Mal pro Tag auf den Hof, und Donnerstag ist Kinotag.

 "Eine glatt und überzeugend erzählte, durchaus humorvolle Geschichte, deren Schluss etwas zu rasch erfolgt."

(Das Urteil der Jury)

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